DON GIOVANNI – Dresden, Semperoper

von W.A. Mozart (1756-1791), Dramma giocoso in zwei Akten, Libretto: Lorenzo da Ponte, UA: 29. Oktober 1787 Prag, Gräflich Nostitzsches National-Theater

Regie: Andreas Kriegenburg, Bühne: Harald Thor, Kostüme: Tanja Hofmann

Dirigent: Omer Meir Wellber, Staatskapelle Sächsischer Staatsopernchor, Chor:  Cornelius Volke

Solisten: Lucas Meachem (Don Giovanni), Guido Loconsolo (Leporello), Georg Zeppenfeld (Il Commendatore), Maria Bengtsson (Donna Anna), Peter Sonn (Don Ottavio), Aga Mikolaj (Donna Elvira), Christina Bock (Zerlina), Evan Hughes (Masetto) u. a.

Besuchte Aufführung: 18. Juni 2016

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Kurzinhalt

Der Komtur, Donna Annas Vater; wird im Duell von Don Giovanni getötet. Sein Diener Leporello berichtet Donna Elvira von den unzähligen Erfolgen seines Herrn bei den Frauen. Don Giovanni macht auf einer Bauernhochzeit der Braut Zerlina den Hof und lädt alle zum Fest auf sein Schloß ein. Dort versucht er Zerlina zu verführen. Doch Donna Elvira, Donna Anna und ihr Verlobter Don Ottavio erkennen in ihm den Mörder des Komturs. Er kann mit Leporello fliehen, sie finden Zuflucht auf einem Friedhof. Dort wird Don Giovanni von der Steinstatue des Komturs zur Rede gestellt. Don Giovanni lädt ihn leichtfertig zu Abendessen ein. Donna Elvira macht einen letzten, vergeblichen Versuch, ihren ehemaligen Geliebten zu retten, als der Komtur eintritt und ihn zur Hölle schickt.

Aufführung

Die Party ist in vollem Gange: In einer seelenlosen Designer-Wohnung in einem modernen Hochhaus mit Blick über die City tauchen nacheinander Donna Anna und der Komtur auf, um sich zu beschweren. Da ersticht Don Giovanni den Komtur. Später zieht die Schickeria in den Keller um, der eine Mischung aus Flecktarnung-Bunker und Kapelle mit heruntergestürztem Kreuz ist. Der zweite Akt spielt in einer ähnlichen Wohnung nach der Party, die Alkohol-Leichen liegen leicht bekleidet herum. Zum Abendessen wechselt man wieder in den Keller: Diesmal steht dort eine große Kiste, aus der der Komtur hervorspringt, um Don Giovanni ins helle Licht der Kapelle zu ziehen.

Sänger und Orchester

Die Besetzung der Hauptrolle ist meist ein Problem: für die Rolle des Don Giovanni benötigt man einen durchschlagsstarken Heldenbariton, der den Furor und die dramatischen Ausbrüche glaubhaft gestalten kann, hingegen für den weichen zarten Schmelz der süßlichen Liebesarien benötigt man einen eher lyrischen samtigen Bariton. Lucas Meachem kann nur mit dem zweiten Teil dienen. Sein Ständchen an die Kammerzofe ist lyrisch und wohlklingend. Über Härte und Dramatik verfügt er nicht. Auch Guido Loconsolo vermag nicht zu überzeugen, obwohl ein lyrischer Bariton mit überzeugender Reichweite bis in den Tenor-Bereich, kann er mit Leporellos Registerarie nicht das Publikum von den Sitzen reißen – sie versandet wirkungslos.

Welch ein Unterschied zu dem Hausbaß Georg Zeppenfeld! Es gelingt ihm, dem Komtur den richtigen dramatischen Auftritt zu verschaffen – ohne akustische Tricks, nur mit der Tiefe seiner Stimme! Aus zwei kurzen Auftritten wird eine Hauptrolle, die die meiste Aufmerksamkeit und den größten Schlußapplaus nach sich zieht! Auch Aga Mikolaj erhält viel Applaus, sie ist ein schwerer Mozartsopran mit Neigung zum Hochdramatischen, hat auch schon Wagnerrollen gesungen. Aus der zusätzlichen große Arie der Donna Elvira ruft sie große Aufmerksamkeit hervor: mit Ausdrucksstärke, aber auch mit lyrischem Glanz bis hinunter ins Pianissimo.

Maria Bengtsson als Donna Anna ist ein noch jugendlicher, leicht dramatischer Sopran und verfügt über sichere Koloraturen. Christina Bock stellt eine jugendliche naive Zerlina dar. Bei leiser Intonation kann sie ein helles Timbre hervorzaubern. Im Forte setzt sie mit Kraft strahlende Koloraturen. Passagenweise klingen diese drei Soprane etwas zu ähnlich. Peter Sonn als Don Ottavio verfügt über eine leuchtende baritonale Mittelage und klingt in den tenoralen Höhen unangestrengt. Man wünscht ihm aber etwas mehr Durchschlagskraft, Aufmerksamkeit kann er nicht auf sich ziehen – das liegt nicht nur an der fehlenden Arie. Da zeichnet Evan Hughes als Masetto mit Wut und Wucht einen Masetto, der sich deutlich gegen Don Giovanni stemmt und ihm die musikalischen Grenzen aufzeigt. Omer Meir Wellber hält diesen Don Giovanni ohne große dynamische Steigerungen in einem etwas zähen Fluß. Die Raffinessen und Feinheiten Mozarts zeichnen sich in diesem Fluß nicht wirklich ab, die Staatskapelle spielt Ihre Erfahrung voll aus.

Fazit

Was ist ein Don Juan? Ein galanter Mann, der die Frauen um den Finger wickelt, der mit Esprit und Galanterie überzeugt. Dieser Dresdner Don Giovanni ist ein Schickeria-Typ ohne jeden Glanz, der Frauen wohl nur mit Geld und Gewalt überzeugen kann. Diese Macht über andere Menschen (auch über Leporello) übt Don Giovanni brutal ohne jedes Mitleid aus. Leider führt das nicht zu einer spannenden aktuellen Gesellschaftskritik, sondern zu bodenloser Langeweile, da der dargestellte Handlungsablauf nicht zu diesem Thema paßt. Zumal die gewählte Wiener Fassung, die eine etwas wirre Szene zwischen Zerlina und Leporello bringt und bei der zwei bekannte Arien fehlen: die selten gespielte große Arie der Donna Elvira (Glanznummer für Aga Mikolaj) kann dies nicht ausgleichen. Gestrichen auch das wichtige Sextett am Schluß, in dem Andreas Kriegenburg seine Gesellschaftskritik hätte anbringen können. Grummeln des Publikums über manche Regieeinfälle, verhalten positiver Schlußapplaus. Da hätte man mehr erwarten können!

Oliver Hohlbach

Bild: David Baltzer

Das Bild zeigt: Christina Bock (Zerlina), Lucas Meachem (Don Giovanni)

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