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Opern und Konzert Rezensionen

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RUSALKA – Nürnberg, Staatstheater

Eingestellt von Zenner Am 13 - Mai - 2013

von Antonín Dvorák (1841-1904), Lyrisches Märchen in drei Akten, Libretto von Jaroslav Kvapil, in tschechischer Sprache mit deutschen Übertiteln, UA: 31. März 1901, Prag, Nationaltheater

Regie: Dieter Kaegi, Ausstattung: Francis O‘Connor

Dirigent: Marcus Bosch, Staatsphilharmonie Nürnberg und Chor des Staatstheaters Nürnberg, Choreinstudierung: Tarmo Vaask

Solisten: Ekaterina Godovanets (Rusalka), Michael Putsch (Der Prinz), Nicolai Karnolsky (Der Wassermann), Roswitha Christina Müller (Die fremde Fürstin), Jordanka Milkova (Ježibaba), Javid Samadov (Der Förster), Judita Nagyová (Der Küchenjunge), Michaela Maria Mayer (Erste Waldnymphe), Christiane Marie Riedl (Zweite Waldnymphe), Joanna Limanska-Pajak (Dritte Waldnymphe), Philip Carmichael (Ein Jäger)

Besuchte Aufführung: 12. Mai 2013 (Premiere,  in tschechischer Sprache mit deutschen Übertiteln)

Kurzinhalt

Die Nixe Rusalka erlangt mit Hilfe der Hexe Ježibaba eine menschliche Gestalt, da sie sich in einen Prinzen verliebt hat. Der Preis dafür ist jedoch ihre Stimme, darüber hinaus kann sie nie wieder in das Unterwasserreich zurückkehren, wenn sie des Prinzen Liebe nicht erringt. Der Prinz verliebt sich in sie, doch, da sie in der Schloßgemeinschaft wie ein Fremdkörper wirkt und mit der fremden Fürstin eine Nebenbuhlerin auf den Plan tritt, verstößt sie den Prinzen. Doch der Prinz bereut und sucht im Wald verzweifelt die Geliebte. Rusalka erlöst den Liebenden auf seine Bitte hin mit einem Todeskuß.

Aufführung

Im Vordergrund der Bühne befindet sich ein rundes Wasserbecken mit einem rundum verlaufenden Holzsteg, das sich knietief mit Wasser fluten läßt, um dem Wassermann einen stimmigen wasserspritzenden Auftritt zu ermöglichen. Dahinter befindet sich ein rechteckiger Raum mit geschlossenen Wänden, dessen Zugang sich öffnen und schließen läßt. An der Seitenbühne sieht man Buschgruppen, in denen Elfen und Nymphen lauern. Beleuchtungseffekte ermöglichen immer wieder neue Betonungen und stimmungsvolle und stimmige Stimmungsbilder. Genauso wie die phantasievollen Kostüme für den blauen Wassermann, die alle Rollen-Klischees erfüllende Hexe, eine hipp-bunt-barocke Hofgesellschaft und Ausgehuniform und Jagdanzug für den Prinzen, an ein Kaiser-Franz-Josef-Abziehbild erinnernd. Rusalka schwebt zunächst im überlangen blaufließenden Kleid in einem Ringreifen herein, bevor sie sich nach ihrer Menschwerdung auf ihre tapsigen Beine stellt. Die Wassernixen werden als lebensgroßes Puppenspiel dargestellt.

Sänger und Orchester

Als großen Erfolg darf man den Auftritt von Ekaterina Godovanets als Rusalka werten. Ihre Gestaltung des Lieds an den Mond hält den Vergleich mit dem Internet-Video von Anna Netrebko stand – auch wenn ihre Koloraturen in den Höhen deren Brillanz nicht erreichen. Ihre Stimme gebietet über eine beeindruckend große Facette an Farben. Michael Putsch ist ein Tenor mit sicherlich schönem Stimmpotential, jedoch kann er dieses nicht abrufen, die Stimme klingt kehlig eng geführt und neigt im Forte zum Tremolieren. Nicolai Karnolsky verfügt über die richtige, in der Tiefe sicher aufgestellte markige Baß-Stimme, um dem Wassermann einen abgründigen Charakter zu verleihen. Roswitha Christina Müller gestaltet mit ihrem weichen Mezzo die fremde Fürstin mehr als charmante Märchenfigur anstelle einer verruchten Verführerin. Jordanka Milkova – auch ein Mezzo – hat hingegen eine anrüchige Verruchtheit, die die abgrundlose Boshaftigkeit der Knusperhexe Ježibaba braucht. Javid Samadov verfügt über eine wunderschön samtig klingende baritonale Mittellage, die aber auch für die tenoralen Ausflüge in die höheren Bereiche der Rolle des Försters taugt. Judita Nagyová ist die kindlich naive Stimme für den Küchenjungen. Marcus Bosch sieht in diesem Werk weniger den Fin de siècle der Spätromantik: er führt das Orchester und die Solisten eher verhalten durch die Partitur. Die Klangwolken bleiben gedämmt, dramatische Entwicklungen können sich jedoch explosionsartig entwickeln und unterstützen die Dramatik des Werkes. Fast könnte man von einem Soundtrack für einen Märchenfilm sprechen.

Fazit

Nur scheinbar hält man die Vorstellung für eine wortgetreue und farbenprächtige Märchenoper im Stile der Märchenfilme des tschechischen Fernsehens wie Drei Nüsse für Aschenbrödel. Der Abend ist ohne Einschränkung für Kinder geeignet, es gibt mittels einer Parallelgeschichte um ein Ballett-Liebespaar ein versöhnliches Ende. Aber es fällt auf, daß diese Oper auch eine Komponente über wahre Menschlichkeit und Naturverbundenheit (Umweltverschmutzung im Teich!) hat. Das Publikum ist erfreut und mit dem Abend rundum zufrieden.

Oliver Hohlbach

Bild: Jutta Missbach

Das Bild zeigt: Auftritt Rusalkas (Ekaterina Godovanets) Lied an den Mond

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IL TRITTICO – DAS TRIPTYCHON – Köln, Oper

Eingestellt von Zenner Am 11 - Mai - 2013

Il Tabarro – Der Mantel, Suor (Schwester) Angelica, Gianni Schicchi

von Giacomo Puccini (1858-1924), drei Einakter, Libretto Der Mantel: Giuseppe Adami nach dem Schauspiel La Houppelande (1910) von Didier Gold, Libretti: Suor Angelica und Gianni Schicchi: Giovacchino Forzano, Gianni Schicchi nach Inferno (Göttlichen Komödie)  von Dante Alighieri.

Regie: Sabine Hartmannshenn (IL Tabarrao),  Eva-Maria Höckmayr (Suor Angelica), Gabriele Rech (Gianni Schicchi), Bühne: Dieter Richter, Kostüme Susana Mendoza/Julia Rösler/Sandra Meurer, Licht: Nicol Hungsberg, Dramaturgie: Michael Dißmeier

Dirigent: Will Humburg, Gürzenich-Orchester, Chor der Oper, Choreinstudierung: Andrew Ollivant

Der Mantel: Scott Hendricks (Michele), Asmik Grigorian (Giorgetta), Héctor Sandoval (Luigi),  Dalia Schaechter (Frugola) u.a.

Schwester Angelica: Jacquelyn Wagner (Schwester Angelica), Dalia Schaechter (Die Fürstin) u.a.

Gianni Schicchi: Scott Hendricks (Gianni Schicchi), Gloria Rehm (Lauretta), Dalia Schaechter (Zita), Jeongki Cho (Rinuccio) u.a.

Besuchte Aufführung: 9. Mai 2013 (Premiere)

Kurzinhalt

Il Tabarro – Der Mantel

Paris Anfang des 20. Jahrhunderts. Ein Schiff auf der Seine wird entladen. Der Kapitän beaufsichtigt die Arbeit. Er ist niedergeschlagen, da er bemerkt, daß seine Frau Giorgetta ihn nicht mehr liebt. Er wird am Abend gewahr, daß Luigi, einer seiner Matrosen, ein Verhältnis mit seiner Frau hat. In der Annahme, er schliefe, treffen sich die beiden des Nachts auf dem Schiff. Doch Michele lauert Luigi auf und ersticht ihn. Sodann zeigt er den Leichnam Giorgetta.

Suor (Schwester) Angelica

In einem Frauenkloster im 17. Jahrhundert. Angelica hatte ein uneheliches Kind bekommen und war aus Sühne und auch auf Anordnung ihrer Familie Nonne geworden. Sehnsüchtig wartet sie auf eine Nachricht von ihren Sohn. Nach sieben Jahren erscheint ihre Tante im Kloster und fordert von ihr, Schriftstücke wegen des Aufteilens des Familienbesitzes zu unterschreiben. Sie erfährt, daß ihr Sohn an einer schweren Krankheit gestorben ist. Auf den Tod traurig, trinkt sie Gift. Kurz vor ihrem Tod erkennt sie die Sünde des Selbstmords. Sie fleht die Madonna an, die das Wunder vollbringt, ihr ihren Sohn zuzuführen.

Gianni Schicchi

Florenz im Jahr 1299. Im Haus von Buoso Donati sitzen die Verwandten trauernd um den Toten. Man munkelt, daß Buoso seine reiche Erbschaft dem Kloster hinterlassen habe. Als sie das Testament finden, bestätigt sich die schlimme Ahnung. Sie sinnen auf einen Ausweg und holen Gianni Schicchi, der ihnen helfen soll. Nach einigem Nachdenken legt sich Schicchi anstelle des Toten ins Bett. Ein Notar wird herbeigerufen, dem der falsche Buoso ein Testament zugunsten Schicchis diktiert. Die Verwandten sind wütend, werden nun aber von Gianni Schicchi aus seinem neu ererbten Haus hinausgeschworfen. Sein Tochter Laurette kann nun mit der neuerworbenen Mitgift ihren Rinuccio heiraten.

Aufführung

Bei Il Tabarro ist die Bühne in zwei Ebenen unterteilt. Die obere stellt das Oberdeck des Seine-Schiffs dar, mit zwei Türen rechts und links. Vom Wasser der Seine ist nichts zu sehen. In der Mitte des Oberdecks gibt es eine Tür. Dahinter wird eine Treppe sichtbar, die in die unteren Kabinen hinabführt. Auf dieser Treppe schleppen die Matrosen schwere Säcke herauf und bringen sie ans Land. Der hintere Teil der Bühne wird von einem weiß-nebeligen Himmel abgeschlossen.

Giorgetta ist in ein blau-rot geblümtes, halblanges Kleid mit kleinen Puffärmeln gekleidet, die Füße stecken in roten Schuhen mit erhöhtem Absatz. Der Anzug von Michele ist schwarz. Luigi trägt Blue-Jeans und ein blau gekringeltes Hemd. Die Kleidung der übrigen Personen ist ärmlich und durchweg bunt. Am Anfang ist Michele in einen übergroßen schwarzen Mantel gehüllt. Am Ende wird der tote Luigi mit diesem Mantel zugedeckt.

 

Bei Suor Angelica gibt es drei Ebenen. Die untere stellt wohl die Strafkammer der Nonnen dar. Die dort sich aufhaltenden Nonnen zeigen sich in rotem Ordenskleid mit halblangem Rock und Stöckelschuhen.  Auf der obersten Ebene versammeln sich die Nonnen wohl vor dem Eingang zur Kirche, die aber nicht gezeigt wird. Auf der mittleren Ebene spielt sich die Handlung ab. Hier laufen nacheinander ein Kind, weißgekleidet mit schwarzen Stümpfen, eine Schwangere in rotem kurzem Rock etc. und auch Nonnen mit rotem Talar vorüber. Die Fürstin (Angelicas Tante) ist in ein blaues Kleid mit weißem, rundem Kragen gekleidet. Die Nonnen tragen ihr schwarzes Ordenskleid wie auch Angelica, diese trägt jedoch keinen Kopfschleier. Die Äbtissin zeigt sich mit langem, kostbarem Talar und hochaufragendem Strahlenkranz.

 

An einem langen, weißgedeckten Tisch sitzen die Personen der Handlung bei Gianni Schicchi. In der Mitte der noch nicht tote Erblasser, der aber sogleich nach Opernbeginn stirbt und ins Bett auf der linken Bühnenseite verfrachtet wird. Die Gesellschaft ist bunt und auch ärmlich gekleidet. Später erscheint Lauretta in engem dunklen Lederkleid mit ledernen Halbstiefeln. Ihr Vater Gianni Schicchi trägt einen Anzug mit großen Karos, vielleicht ein Hugo Boss? Zum Opernende liegt Gianni in weißem Hemd im Bett.

Sänger und Orchester

Will Humburg leitet umsichtig das rhythmisch und dynamisch gut aufgelegte Gürzenichorchester. Auch gelingt es dem Dirigenten, die ruhigen und heftigen Kontraste gut gegeneinander abzusetzen, ohne dabei die Sänger zu übertönen.

In Il Tabarro kann Asmik Grigorian (Giorgetta) mit ihrem lyrischen Sopran die Partie der braven Ehefrau wie der leidenschaftlichen Geliebten darstellen, was ihr besonders in den Duetten gelingt. Darin steht ihr Héctor Sandoval (Luigi) kaum nach. Scott Hendricks (Michele) Baßstimme ist sehr flexibel: Seine Trauer um die verlorene Liebe von Giorgetta und seine wilde Eifersucht meistert er mit großer Bravour.

Die beiden Hauptfiguren von Suor Angelica, als Fürstin Dalia Schaechter, als Schwester Angelica Jacquelyn Wagner, zeigen sowohl in Gesang und Darstellung eine große Leistung, die vom Publikum auch mit Recht gewürdigt wird.

Bei Gianni Schicchi sind besonders Scott Hendricks (Gianni Schicchi) und Jeongki Cho als liebender Rinuccio hervorzuheben. Gloria Rehm als Schicchis anhängliche Tochter Lauretta zeigt in ihrer Arie O mio babbino caro – o mein liebes Papachen (reinste Puccinische Lyrik) jenen reizenden Schmelz, der hierbei so nötig ist. Ihr klangschöner Sopran läßt das hohe zweigestrichene „A“ blendend erstrahlen, aber in ihrer Mittellage verschwindet die Stimme fast im Orchester. Doch die geforderte Naivität dieser Arie (Puccini schreibt Andante ingenuo – naiv) trifft Gloria Rehm jedenfalls musikalisch ungemein genau!

Fazit

Man bemerkt regiehandwerkliches Können! Doch warum wird Luigi von Giorgetta statt – wie vorgeschrieben – von Michele erstochen? Und warum bebildert Eva-Maria Höckmayr die Erinnerungen von Schwester Angelica (Kindheit, Schwangerschaft etc.) mit Zusatzpersonen, die alle mehr oder weniger wahllos über die Bühne daherkommen? Zutrauen zur Phantasie der Zuschauer scheint ihr zu fehlen. Sie stülpt dieser überaus zarten Oper (einmalig bei Puccini) damit banale Äußerlichkeiten über. Und auch durch dreidutzend Kreuzzeichen Angelicas werden diese Zumutungen keineswegs abgebüßt. Die Zuschauer vergelten es ihr mit lautesten Buhs. Zurück ins Lot bringt wieder die Handlungsdarstellung von Gianni Schicchi, wenn auch da die Unbeschwertheit einer Commedia dell’arte sich nicht einstellen will.

Dr. Olaf Zenner

 

Bilder: Bernd Uhlig

Die Bilder zeigen:

Der Mantel: tanzend: Giorgetta (Asmik Grigorian) und  Tinca (John Heuzenroeder), ganz rechts: Luigi (Héctor Sandoval), unten:  Dalia Schaechter (Frugola)

Suor Angelica: Ensemble, ganz rechts: Jacquelyn Wagner (Schwester Angelica)

Gianni Schicchi: Neben Oratio Romano (Buoso Donati, der Erblasser ) re: Dalia Schaechter (Zita) li: Simone (Ulrich Hielscher) und weiter li: Rinuccio (Jeongki Cho)

 

Popularity: 2% [?]

DER IDIOT – Mannheim, Nationaltheater

Eingestellt von Zenner Am 10 - Mai - 2013

von Mieczysław Weinberg (1919-1996), Oper in vier Akten, Libretto: Alexander Medwedjew nach dem Roman von Fjodor M. Dostojewskij, UA: 9. Mai 2013 Mannheim, Nationaltheater

Regie: Regula Gerber, Bühne: Stefan Mayer, Kostüme: Falk Bauer, Licht: Nicole Berry, Video: Thilo David Heins, Choreographische Mitarbeit: Luches Huddleston jr., Dramaturgie: Oliver Binder

Dirigent: Thomas Sanderling, Orchester des Nationaltheater, Choreinstudierung: Tilman Michael

Solisten: Dmitry Golovnin (Fürst Myschkin), Steven Scheschareg (Parfjon Rogoschin), Ludmila Slepneva (Nasstasja Filippowna), Bryan Boyce (Tozkij), Lars Møller (Lebedjew), Alexander Vassiliev (Iwan Jepantschin), Elzbieta Ardam (Jelisaweta Jepantschina), Anne-Theresa Møller (Aglaja), Cornelia Ptassek (Alexandra), u. a.

Besuchte Aufführung: 9. Mai 2013 (Premiere)

Kurzinhalt

Fürst Myschkin – der Idiot – kommt von einem längeren Krankenhausaufenthalt aus der Schweiz nach St. Petersburg zurück. Sofort gerät er, der sich den Glauben an das Gute im Menschen noch erhalten hat, in einen Strudel von Intrigen und Hinterhältigkeiten: Nastassja Filippowna verzaubert alle Männer, ist aber als Mätresse ihres Gönners Tozkij keine ehrbare Heiratspartie. Als dieser sich mit Aglaja, der Tochter der Jepantschins vermählen möchte, muß er zunächst Nastassja los werden. In dieses Geflecht aus Leidenschaften und arrangierten Ehen platzt der kindlich naive Myschkin. Er verfällt Nastassja sofort und will sie retten. Gleichzeitig fühlt er sich von Aglaja angezogen. Im Kampf zwischen beiden Frauen und deren Liebhabern wird er selbst zum Spielball im Netz der erotischen und materiellen Abhängigkeiten. Die Tragödie kommt erst durch den Tod Nastassjas zu ihrem Ende. Das letzte Bild zeigt den verstörten Myschkin in den Armen  Rogoschins, des Mörders.

Aufführung

Schlichte weiße Seitenwände mit jeweils drei Türen für Auf- und Abgänge und eine schwarze, verschiebbare Rückwand: Das ist der Rahmen in dem sich alles abspielt. Das Zentrum des Bühnenbildes ist die Drehbühne, auf der, einem Karussell gleich, verschiedene Bühnenbildelemente stehen, die zunächst ganz unterschiedliche Orte zeigen. So stehen im zweiten Bild ein kleines Zugabteil, ein Küchentisch mit der Familie Jepantschin und ein Schreibtisch mit dem Gehilfen Ganja auf der Bühne. Bespielt wird immer nur eine dieser „Miniaturbühnen“. Ein weiteres zentrales Element des Bildes sind die Videoprojektionen, die auf die schwarze Rückwand geworfen werden. Sie zeigen verschneite Landschaften oder Schneeflocken, vervielfachen aber auch – ähnlich wie bei mehreren hintereinander aufgestellten Spiegeln – das Geschehen auf der Drehbühne. Die Kostüme changieren zwischen modernen Anzügen und an die Mode des späten 19. Jahrhunderts.

Sänger und Orchester

In Weinbergs Oper mischen sich Konversationsstil mit einigen wenigen ariose Momente sowie Lieder und Unterhaltungsmusik. Musikalische Formen wechseln abrupt, Stimmungen kippen von der einen auf die andere Sekunde um. Das erfordert höchste Konzentration und technische Präzision, sowohl von den Sängern, als auch von Dirigent und Orchester. Thomas Sanderlings Dirigat ist immer transparent, selbst in den lautesten Blechbläserstellen war jedes Motiv klar und klangschön zu vernehmen. Dmitry Golovnin (Fürst Myschkin) ist darstellerisch wie sängerisch eine Idealbesetzung. Der sehr lyrische Tenor singt die Partie so vielschichtig rätselhaft, mal schüchtern leise, mal wahnsinnig dramatisch, aber immer sicher in Stimme und Ausdruck. Kongeniales Alter Ego war Steven Scheschareg als Rogoschin. Sein Baßbariton ist nicht einfach nur dunkel-schwarz, sondern zeigt alle Schattierungen des verzweifelten Charakters. Ludmila Slepneva stellt eine Nastassja dar, hin und hergerissen  zwischen Verletzlichkeit und Grausamkeit. Ihre Kontrahentin Aglaja zeigt sich bei Anne-Theresa Møller wunderbar angriffslustig und jugendlich. Beeindruckend ist Lars Møller in der Rolle des teuflischen Lebedjew, Kommentator des Geschehens. Auch die Nebenrollen – man mag sie als solche eigentlich gar nicht bezeichnen – sind hervorragend besetzt.

Fazit

Ein nicht enden wollender Applaus beendete das vierstündige Mammutwerk. Mannheim hat mit dieser rundum gelungenen Darbietung Werbung für den so selten gespielten Mieczysław Weinberg gemacht. Die sehr konzentrierte und durchdachte Inszenierung Regula Gerbers war genauso detailverliebt wie Thomas Sanderlings Dirigat und dabei immer noch wunderschön anzusehen bzw. anzuhören. Ein ausführliches Programmheft, das auch das Libretto der Oper enthält, ergänzte sinnvoll die Aufführung.

Jelena Rothermel

Bild: Hans Jörg Michel

Das Bild zeigt: Anne-Theresa Møller (Aglaja), Dmitry Golovnin (Fürst Myschkin), Diana Matthess, Cornelia Ptassek (Alexandra)

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Noch zwei Plätze frei!!!

Eingestellt von Zenner Am 7 - Mai - 2013

Fünf Tage Flugreise nach Parma (Festival Verdi)

Opernbesuch: I Masnadieri (Die Räuber) von G. Verdi :

20. – 24. Oktober 2013

 

(Besuch der Verdi Erinnerungsstätten in Sant’Agata und Busseto u.a.)

Kosten pro Person im DZ: Mitglieder: € 985, EZ-Zuschlag € 180, Hotel****, 1x H

Nichtmitglieder: € 1035, EZ-Zuschlag € 180

 

Im Pauschalpreis enthalten: Viersternehotel mit Frühstück, einmal x HP, Transfers, deutschsprachige Reiseleitung, Stadtführung, Sicherungsschein, alle Steuern,  eingehende Opern-Einführungsseminare mit Studienunterlagen, Opernkarten guter oder sehr guter Kategorie.
(Hotels wurden sorgfältig auf Lage/Komfort überprüft.) Unsere Gruppe ist kleiner als 15 Personen, dadurch können die Teilnehmer sich wohlfühlen.

Die Opern-Einführungsseminare (Dozent: Dr. O. Zenner) werden in unserem jeweiligen Hotel durchgeführt. Die Teilnehmer werden dabei in Entstehungszeit, Form und besonders Musikstruktur der Opern eingeführt. Keine Notenkenntnisse erforderlich, wohl aber ein aufgeschlossenes Interesse an der Musik.

Die Seminare betonen unsere Einstellung, daß der Besuch einer Oper sowohl zum Vergnügen, aber auch zur geistigen Bildungserweiterung beitragen soll. Hinzu kommen bei den Reisen selbstverständlich eingehende Stadt- und Kunstführungen.

Anmeldung: Verein zur Pflege klass. Musik, Schwabenstr. 3, 50996 Köln
Tel: 0221/353944, Fax 0221/396714, E-Mail: verein@operapoint.de

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von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791), Commedia per musica in zwei Akten, Libretto: Lorenzo da Ponte, UA: 26. Januar 1790 Wien, Burgtheater

Regie: Laurant Chétouane, Bühne: Matthias Nebel/Laurant Chétouane, Kostüme: Sanna Dembowski, Dramaturgie: Sylvia Roth, Licht: Stefan Riccius

Dirigent: Clemens Heil, Bremer Philharmoniker; Chor: Daniel Mayr

Solisten: Nadine Lehner (Fiordiligi), Ulrike Mayer (Dorabella), Luis Olivares Sandoval (Ferrando), Martin Kronthaler (Guglielmo), Marysol Schalit (Despina), Christoph Heinrich (Don Alfonso)

Besuchte Aufführung: 5. Mai 2013 (Premiere )

Kurzinhalt

Zwei Offiziere, Ferrando und Guglielmo, wetten mit dem Philosophen Don Alfonso um die Standhaftigkeit der Treue ihrer beiden Bräute, Fiordiligi und Dorabella. Sie geben vor, in den Krieg ziehen zu müssen. Daraufhin sind die beiden Frauen untröstlich. Die Kammerzofe Despina meint, Männer seien solcher Gefühle nicht wert und zieht mit Don Alfonso im Hintergrund die Fäden. Die beiden Offiziere stellen sich als exotische Soldaten verkleidet den beiden Frauen vor und versuchen, die Braut des jeweils anderen zu verführen. Sie setzen sich so überzeugend ein, daß beide Frauen ihren Widerstand nach und nach aufgeben und sind sogar zu einer Doppelhochzeit bereit. Als Despina als Notar verkleidet die Eheverträge bringt, kündigt Don Alfonso die Rückkehr der beiden Soldaten an. Fiordiligi und Dorabella gestehen ihre Untreue, und die Männer decken das Verkleidungsspiel auf, Don Alfonso ruft zur Versöhnung.

Aufführung

Zu Beginn der Oper bot sich dem Publikum ein ungewöhnliches Bild, da der Orchesterboden  hoch-gefahren war, die Sänger im Orchesterraum standen und die Bremer Philharmoniker ihre Plätze einnahmen. Die Sänger bewegten sich häufig in der Nähe des Orchesters und im Zuschauerraum, den sie auch durch dessen Türen betraten. Sie standen auf Teilen einer zerhackten Balustrade, die vor dem Orchester auf der Erde lagen. Fünf riesige Ventilatoren nahm die Fläche der Bühne bis auf den Schluß ein. Es gab kein Bühnenbild und nur wenige Requisiten, der Vorhang fiel beim Aufdecken der Lüge herab.

Die im Anzug auftretenden Offiziere traten danach nicht verkleidet auf. Ihre Gesichter blieben dreckverschmiert gut zu erkennen. Ihre Bräute trugen aufwendige apricotfarbene Kleider, die sie im zweiten Akt mit Alltagskleidung austauschten. Zum Schluß erschienen sie tief verschleiert in Brautkleidern. Don Alfonso blieb im Rollkragenpullover. Despina – zunächst im schwarzen Kleid – wurde mit weißer Perücke und umgelegten Tüchern zum Arzt. Veränderungen in der Kleidung wurden meist auf offener Bühne vorgenommen.

Mimik und Gestik der Mitwirkenden standen im Widerspruch zu den im Libretto beschriebenen Gefühlen. Vielfach schauten sich die Sänger regungslos an, ließen ihren Blick wie entrückt ins Publikum schweifen, die Bewegungen wirkten verlangsamt.

Sänger und Orchester

Clemens Heil führte die Bremer Philharmoniker mit rhythmischer Präzision. Er interpretierte die jeweiligen Rezitative auf dem Hammerflügel flexibel und dynamisch bis hin zu einem kaum noch wahrnehmbaren pianissimo. Den Instrumentengruppen im Orchester gelangen ein schmelzender, warmer Klang sowie eine feine dynamische Abstimmung.

Aus den vielfältig vorhandenen Ensembles beeindruckte gleich das erste Terzett La mia dorabella – meine Dorabella ist dazu nicht fähig zwischen Luis Olivares Sandoval (Ferrando) und Martin Kronthaler (Guglielmo) und dem unbeeinflußbaren Christoph Heinrich (Don Alfonso) durch den übereinstimmenden Klang. Ebenso war das Terzett Soave sia il vento – sanft wehe der Wind zwischen Don Alfonso und den beiden Sopranistinnen Ulrike Mayer (Dorabella) und Nadine Lehner (Fiordiligi) ein Hörgenuß, und vermittelte gut die Wehmut, mit der sie ihre Geliebten auf dem Schiff fahren lassen mußten.

Christoph Heinrich (Don Alfonso) sang mit klangschönem Bariton, allerdings mangelte es ihm etwas an dem zu seiner Rolle gehörenden Zynismus und hintergründiger Schadenfreude. Marysol Schalit (Despina) war stimmlich gut präsent und als einzige ein wenig witzig, aber als Mitwirkende in Alfonsos Plänen zu wenig skrupellos. Ulrike Mayer (Dorabella) gab ihr Debüt im Bremer Ensemble. Nicht nur in der ein wenig verschmitzt wirkenden Arie il coro vi dono – mein Herz schenk ich euch, in der sie als erste der beiden Schwestern dem Drängen ihres Verführers erlag, umschmeichelte sie auch das Publikum mit  ihrem wunderbaren Sopran; gleichzeitig war sie für die wieder hervorragend singende Nadine Lehner (Fiordiligi) eine musikalisch souveräne und gleichwertige Leidensgenossin.

Fazit

Die von Szenenapplaus begleitete Aufführung endete mit langanhaltendem Beifall für die gelungene musikalische Umsetzung der Oper. Der Regisseur erntete ein vielfaches Buh zu seiner aussageschwachen Inszenierung. Das von Mozart und Da Ponte entwickelte gefährliches Spiel um Vertrauen und Verrat, das komödiantisch verpackte Ernste oder das Schweben zwischen Schein und Wirklichkeit – all das ließ sich Laurant Chétouane in seiner ersten Opern-inszenierung entgehen.

Carola Jakubowski

Bild: Jörg Landsberg

Das Bild zeigt: Hinten: Nadine Lehner (Fiordiligi) – Vorne: Martin Kronthaler (Guglielmo), Ulrike Mayer (Dorabella)

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DAS RHEINGOLD – Leipzig, Oper

Eingestellt von Zenner Am 6 - Mai - 2013

von Richard Wagner (1813–1883), Libretto vom Komponisten, Vorabend zum Bühnenfestspiel Der Ring des Nibelungen, UA 1869 München, Hoftheater
Regie: Rosamund Gilmore, Bühne: Carl Friedrich Oberle, Kostüme: Nicola Reichert, Dramaturgie: Christian Geltinger
Dirigent: Ulf Schirmer, Gewandhausorchester, Tanzensemble
Solisten: Tuomas Pursio (Wotan), Michael Kraus (Donner), James Allen Smith (Froh), Thomas Mohr (Loge), Stephan Klemm (Fasolt), James Moellenhoff (Fafner), Jürgen Linn (Alberich), Dan Karlström (Mime), Karin Lovelius (Fricka), Sandra Trattnigg (Freia), Nicole Piccolomini (Erda), Eun Yee You (Woglinde), Kathrin Göring (Wellgunde), Sandra Janke (Flosshilde)
Besuchte Aufführung: 4. Mai 2013 (Premiere)

Kurzinhalt
Auf dem Grund des Rheines vergnügen sich die Hüterinnen des Rheingoldes, bis der Nibelungenzwerg Alberich auftaucht und verspottet wird. Der Abgewiesene rächt sich durch den Raub des Schatzes. In Bergeshöhen haben die Götter Wotan und Fricka sich von den Riesen Fasolt und Fafner eine Burg bauen lassen. Als Lohn ist Freia versprochen, die den Göttern ewige Jugend verleiht. Der listige Loge überzeugt die Riesen davon, daß Macht höheren Wert besitzt als Liebe. Wotan und Loge steigen nach Nibelheim hinab, um Alberich das Rheingold zu rauben. Dieser hat sich von Mime Ring und Tarnhelm zur Herrschaft über die Welt schmieden lassen. Es gelingt den Göttern, Alberich zu entmachten. Dieser verflucht den Ring, den Wotan den Riesen übergibt. Aus Gier erschlägt Fafner seinen Bruder. Über einen Regenbogen schreiten die Götter der Walhalla zu. Aus der Tiefe dringt die Klage der Rheintöchter.

Aufführung
Im Hintergrund der Einheitsbühne eine Freitreppe, in der Mitte eine Säule mit Nische für Goldschatz und Miniatur-Walhalla. Umrahmt von Mauern mit viel Patina und Rasen, auf verpackten Möbeln sitzend, blickt der Götterclan auf die neue Burg. In hohen Palastbögen beidseits der Bühne ruft Donner seine Elemente herbei, malt Froh den Regenbogen, der als Neonleuchte unter der Decke strahlt. Szenen und Übergänge gestaltet und kommentiert ein Tanzensemble. Die Kostüme entsprechen der Mode der Wagnerzeit: Wotan in Generalsmantel, Fricka im steifen Stehkragenkleid, Freia in pastellfarbenem Tüll, Donner und Froh, in grauer Arbeitsmontur die Nibelungen. Die Tänzer wandeln sich von Eis zu Feuer, von Riesenschlange zu Archaeopteryx.

Sänger und Orchester
Das Gewandhausorchester stellte unter GMD Ulf Schirmer beeindruckend unter Beweis, was aus der Partitur des Rheingoldes herauszuholen ist. Durchgehend spannungsgeladen und dynamisch ließ Schirmer das Orchester gewaltig aufbrausen, gleichzeitig wurde sehr maßvoll und in Einklang mit den Sängern gespielt. Mit hoher Präzision und in leuchtenden Klangfarben stellten Stimmgruppen und Instrumentalsolisten klar und plastisch die Motive heraus. Fließend und weich die Brechungen des Rheinstromes, häßlich verzerrt das Pakt-Motiv, im feierlichen Wohlklang der Bläser das Burgmotiv, zart-lyrisch das Freia-Motiv und energisch-rhythmisch das der Nibelungen.
Diese Glanzleistung wurde abgerundet durch ein bemerkenswertes Aufgebot an Gesangsvirtuosen. Die Rheintöchter Eun Yee You (Woglinde), Kathrin Göring (Wellgunde) und Sandra Janke (Floßhilde), allesamt Ensemblemitglieder, bildeten in der Anfangsszene ein harmonisches Trio, stimmlich verführerisch agil, darstellerisch hingegen leicht hölzern und aufgereiht. Hohen Unterhaltungswert bot die abgehalfterte Schar der Götter. Angefangen beim, der Familie distanziert gegenüber stehenden Halbgott Thomas Mohr (Loge), der den schönsten Partien mit reicher Klangfarbe große Strahlkraft verlieh. Ideal besetzt in ihrer Gegensätzlichkeit waren Karin Lovelius (Fricka) und ihre göttliche Schwester Sandra Trattnigg (Freia), die mit scheinbar müheloser Präzision und brillantem Sopran frisch und begehrlich sang. Tuomas Pursio (Wotan) stellte mit klangvollem Bariton und gekonnter Ausdrucksgestik einen reizvollen Sippenchef dar. Es fehlte jedoch zuweilen an Durchsetzungskraft gegenüber dem Orchester. Gewaltige Auftritte lieferten der strahlend blonde Heldentenor James Allen Smith (Froh) und Bariton Michael Kraus (Donner). Partien wie Schwüles Gedünst schwebt in der Luft führten sie souverän mit hoher stimmlicher Präsenz aus. Ein weiterer musikalischer und dramatischer Höhepunkt war die unterirdische Nibelheim-Szene. Zu eingespielter Maschinenmusik, die das Orchester rhythmisch aufgriff und in das Nibelungenmotiv verwandelte, tanzte das schwarz-konturierte Zwergenvolk in rot-vernebelter Unterwelt wie ein Hammer auf und ab. Baß-Bariton Jürgen Linn (Alberich) verkörperte seine Rolle beeindruckend und sang Bin ich nun frei? gekonnt zwischen tobend und tonlos, ohne in pure Deklamation zu verfallen. Ihm zur Seite stand Dan Karlström (Mime), ein virtuoser Tenor und darstellerisch überaus eloquent. Mit lyrischem Baß verkörperte Stephan Klemm (Fasolt) einen sehr menschlichen, liebenden Riesen. In der Rolle der Urmutter gemahnte Gastsängerin Nicole Piccolomini (Erda) mit warmem Mezzosopran und dunklem Timbre Weiche, Wotan, weiche!

Fazit
Das Leipziger Premierenpublikum bejubelte eine Inszenierung, die an die Wagner-Tradition des Hauses anknüpfte und sich weitgehend an die Vorlage hielt, die auch die humoristischen Züge des Stückes herausstellte, ohne ins Lächerliche abzugleiten. Dramaturgisch und musikalisch wurde viel Abwechslung geboten, nicht zuletzt durch die Hinzunahme eines Tanzensembles, das, in der Rheinszene noch etwas deplaziert, Handlung und Szenen zunehmend phantasievoll ausgestaltete.

Norma Strunden
Bild: Tom Schulze
Das Bild zeigt: Tuomas Pursio (Wotan), Stephan Klemm (Fasolt), Sandra Trattnigg (Freia), James Moellenhoff (Faffner), Thomas Mohr (Loge)

Popularity: 2% [?]

RIGOLETTO – Greifswald, Theater Vorpommern

Eingestellt von Zenner Am 5 - Mai - 2013

von Giuseppe Verdi (1813-1901), Melodramma in drei Akten, Libretto: Francesco Maria Piave nach Victor Hugos Le Roi s’amuse, UA: 11. März 1851 Venedig, Teatro La Fenice

Regie: Dirk Löschner, Bühne/Kostüme: Christopher Melching, Dramaturgie: Stephanie Langenberg, Choreographie: Sabrina Sadowska

Dirigent: Golo Berg, Philharmonisches Orchester und Opernchor des Theaters Vorpommern, Choreinstudierung: Anna Töller

Solisten: Iago Ramos (Duca), Linda van Coppenhagen (Gilda), Thomas Rettensteiner (Rigoletto), Tye Maurice Thomas (Sparafucile), Doris Hädrich-Eichhorn (Maddalena), Christina Winkel (Giovanna), Alexandru Constantinescu (Marullo), Olaf Passa (Monterone), Johannes Richter (Borsa) u. a.

Besuchte Aufführung: 4. Mai 2013 (Premiere)

Kurzinhalt

Duca, in dieser Inszenierung ein Stardesigner, lebt ein ausschweifendes Leben und verführt zahlreiche junge Frauen. Nach Auffassung des Bankers Monterone hatte dessen rücksichtsloser Lebensstil seiner Tochter das Leben gekostet. Ducas Mitarbeiter Rigoletto treibt Witze auf Kosten aller Kollegen und ist deshalb unbeliebt. Als er auch Monterone aufs Korn nimmt, verflucht dieser sowohl Duca als auch Rigoletto. Während Duca sich nicht weiter darum kümmert, ist Rigoletto beeindruckt. Aus Angst vor der Rache derer, die er vor den Kopf gestoßen hat, hält er seine Adresse geheim; er erzählt niemandem von seiner Tochter Gilda, sperrt sie ein und läßt sie von der Haushälterin bewachen. Dennoch verliebt sich Gilda in Duca und trifft sich mit ihm. Schließlich wird Rigoletto doch dabei beobachtet, wie er sich heimlich in sein eigenes Haus zu seiner Tochter schleicht. Seine Kollegen vermuten in Gilda seine Geliebte, entführen sie und bringen sie zu Duca. Rigoletto plant mit Sparafuciles Hilfe einen Mordanschlag auf Duca. Doch obwohl Gilda sieht, daß Duca sie betrügt, beschließt sie, sich zu opfern, um sein Leben zu retten. Zu spät bemerkt Rigoletto, daß er zum Mörder seiner eigenen Tochter geworden ist.

Aufführung

Dirk Löschner verlegt die Handlung aus Victor Hugos Versdrama in die schillernde Welt der Mode. Dementsprechend sind die Kostüme modern, ausgefallen, teilweise schrill. Rigoletto und Monterone tragen Schwarz, Duca Weiß. Im behüteten Heim ist Gilda unauffällig gekleidet, mit Strickjacke, Pantoffeln und hochgebundenen Haaren. In der Begegnung mit Duca wird sie stattdessen mit rot-weiß gepunktetem Minikleidchen und schicken Schuhen ausgestattet. Das Bühnenbild ist einfach gehalten – es besteht aus einigen Erhebungen mit geschwungenen, orangefarbenen Kanten. Ergänzt wird es gelegentlich durch hängende Stoffbahnen, eine Falltür im Boden oder stilisierte Schneiderpuppen. Den Hintergrund bilden, je nach Ort der Handlung, farbige Projektionen von Blasen wie in einer Lavalampe oder der Schattenriß einer Häuserfassade.

Sänger und Orchester

Die unangefochtenen Stars des Abends waren Linda van Coppenhagen (Gilda) und Thomas Rettensteiner (Rigoletto). Beide bestachen durch ihre glänzende schauspielerische Leistung und großartige Bühnenpräsenz. Linda van Coppenhagen bewältigte mit ihrem warmen, glockenklaren Sopran selbst die höchsten Höhen ohne jede Spur von Schärfe in der Stimme. Weil sie dazu mit ihrem jungen, fast kindlichen Aussehen und Auftreten so fantastisch in die Rolle paßte, verzieh man ihr gerne eine kleine Unsicherheit ausgerechnet in der Paradearie. Der lyrisch-klangvolle, facettenreiche Tenor von Iago Ramos (Duca) komplettierte das Trio der Hauptakteure auf ausgezeichnete Weise. Geradezu donnernd und zielsicher präsentiert sich Olaf Passa (Monterone) mit wuchtigem Klang. Gänsehaut erzeugten der geheimnisvolle, tiefe, dunkle Baß und der geschmeidige Auftritt von Tye Maurice Thomas (Sparafucile), souverän ergänzt durch den flexiblen Mezzo von Doris Hädrich-Eichhorn (Maddalena). Die reife, manchmal beinahe brüchige Stimme von Christina Winkel (Giovanna) bildete einen guten, der Rolle angemessenen Gegensatz zur jugendfixierten Modewelt.

Wie immer im Theater Vorpommern hat der Chor einen großen Anteil am Geschehen und füllt die kleineren Nebenrollen mit Einsatzfreude und viel schauspielerischem Geschick. Die Sänger nutzen Verdis teilweise spielerische Musik und die Choreographie von Sabrina Sadowska, um die dramatische Handlung mit lebensfroher Leichtigkeit zu kontrastieren.

Mit der Abstimmung zwischen Solisten, Chor und Orchester gab es an diesem Abend keinerlei Probleme. Zwar störten gelegentlich Intonationsprobleme in den Streichern den guten Gesamteindruck der Orchesterleistung, aber das dürfte den wenigsten Zuschauern aufgefallen sein – zu sehr zog das Geschehen auf der Bühne sie in den Bann.

Fazit

Ob man die Übertragung der Handlung in die Modeszene und die damit einhergehende Modernisierung des Stoffes braucht, sei dahingestellt; sie funktioniert jedenfalls, und sie stört nicht weiter. Letztendlich waren es aber andere Faktoren, die das Publikum im leider keineswegs vollbesetzten Greifswalder Theater zu Begeisterungsstürmen bewegten. Daß man uneingeschränkt allen Akteuren ihre Rollen glaubte, daß sie echt wirkten, und daß sie den Zuschauern die Handlung wirklich zu spüren gaben – das war wohl die größte und wichtigste Leistung des Ensembles an diesem Abend, die verdientermaßen mit Ovationen bedacht wurde.

Anna-Juliane Peetz-Ullman

Bild: Gunnar Lüsch/MuTphoto

Das Bild zeigt: Linda van Coppenhagen (Gilda), Thomas Rettensteiner (Rigoletto)

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LA GIOCONDA – Paris, Opéra Bastille

Eingestellt von Zenner Am 4 - Mai - 2013

von Amilcare Ponchielli (1834-1886), Melodramma in 4 Akten, Libretto: Tobia Gorrio (Pseudonym Arrigo Boito), nach dem Darma: Angelo, tyran de Padoue (1835) von Victor Hugo, UA: 18. April 1876, 5. Fassung (hier aufgeführt): 12. Februar 1880 Mailand, Teatro alla Scala

Regie/Bühne/Kostüme: Pier Luigi Pizzi, Assistenz: Roberto M Pizzuto, Isabelle Cardin u.a., Licht: Sergio Rossi

Dirigent : Daniel Oren, Orchestre de l’Opéra national, Maîtrise des Hauts-de-Seine/Kinderchor der Oper, Choreinstudierung: Patrick Marie Aubert, Choreographie: Gheorghe Iancu

Solisten: Violeta Urmana (La Gioconda), Luciana D’Intino (Laura Adorno), Orlin Anastassov (Alvise Badoero) María José Montiel (La Cieca) Marcelo Alvarez (Enzo Grimaldo) Claudio Sgura (Barnaba)

Besuchte Aufführung: 2. Mai 2013, Premiere  (Coproduction Gran Teatre del Liceu, Barcelone und Teatro Real de Madrid)

Vorbemerkung

La Gioconda war Ende des 19. Jahrhunderts sehr bekannt, eine Grand Opéra mit wirkungsvollen Chören sowie Tänze und Kontrasten, die Fröhlichkeit und Trauer zeigen. Es ist eine der letzten romantischen Opern, bevor der Verismus aufkam. Ein starkes religiöses Motiv und die Tochter-Mutter Beziehung sind prägende Elemente dieser Oper. Die Dramaturgie zielt auf die Allmacht der Affekte (Haß, menschliche und göttliche Liebe). Das private Geschehen wird nachvollziehbar durch die venezianische Umgebung wie dem zeitlichen Bezug. Eine Besonderheit bildet der Tanz der Stunden, die Walt Disney 1940 im Film Fantasia zeigte.

Kurzinhalt

Die Sängerin La Gioconda (Die Heitere) liebt vergeblich Enzo, der seinerseits Laura liebt. Diese ist allerdings mit dem venezianischen Staatsinquisitor Alvise Badoero verheiratet. Barnaba ist Spitzel des Zehnerrats von Venedig und Werkzeug Alvises. Er hetzt das Volk gegen La Cieca, die Mutter von La Gioconda, auf. Laura rettet die Blinde (La Cieca), die ihr daraufhin ihren Rosenkranz schenkt. Da La Gioconda Laura an dem Rosenkranz ihrer Mutter erkennt, entsagt sie ihrer Liebe zu Enzo und rettet Laura. Lauras Mann Alvise zwingt diese, einen Gifttrank zu nehmen, da er von ihrer Liebe zu Enzo erfahren hatte. Doch La Gioconda überreicht ihr heimlich einen Tiefschlaftrunk, so daß Alvise sie für tot hält. Freunde bringen die schlafende Laura zu La Gioconda. Enzo findet sie hier, und Laura und er können fliehen. Da erscheint Barnaba. Doch bevor er La Gioconda in Besitz nehmen kann, nimmt sie sich das Leben. Mit einem Wutschrei Barnabas, er habe ihre Mutter ertränkt, endet die Oper.

Aufführung

Über die ganze Breite der Bühne ziehen sich zwei parallele Kanäle, in denen, der Szene entsprechend, Barken  und Boote auftauchen. Über diese Kanäle spannen sich zwei hohe Brücken, die man auf Stufen – wie man sie aus Venedig kennt –  ersteigen kann. Der zweite Akt spielt laut Libretto „auf einer einsamen Insel“. Die Bühne zeigte, etwas desillusionierend, die beiden Kanäle. Auf dem hinteren Kanal liegt ein Schiff mit blutroten Segeln, das später in Flammen untergeht. Der Festsaal Alvises im Ca‘ d‘Oro (Venedig) zeigt ein Katafalk an der Rampe, auf der die scheintote Laura aufgebahrt liegt. Nach hinten eine riesige Treppe, auf der der Tanz der Stunden aufgeführt wird. Im letzten Akt steht vor einigen Toskana-Zypressen eine Bare, auf der Laura aus ihrem Tiefschlaf erwacht.

Die Kostüme der Venezianer changieren zwischen tiefrot, schwarz und grau (s. Abb.). Sind sie grau, tragen die Personen rote Handschuhe. Die aus der Commedia dell’Arte entstammenden Personen sieht man in ihren typisch buntgescheckten Kostümen. Das langwallende Kostüm von La Gioconda ist von blauer Farbe, das von Laura zeigt blendendes Weiß, La Cieca ist schwarz verhüllt. Alvise trägt ein leuchtend rotes Gewand, Enzo eine Lederjacke und der Bösewicht Barnaba zeigt sich in enganliegender tiefschwarzer Kleidung.

Sänger und Orchester

Zweifellos ist es keine Kleinigkeit für ein Opernhaus, sechs anspruchsvolle Sängerrollen adäquat zu besetzen. Das aber ist der Pariser Nationaloper über die Maßen gelungen. Claudio Sgura (Barnaba), gelingt  mit tiefer, leider etwas belegter Stimme, den Bösewicht (Vorläufer des Jago aus Otello) einigermaßen gut darzustellen. Sein Kontaktmann zum Rat der Zehn, Orlin Anastassov (Alvise), kann mit seiner einzigen Arie La turbini e farnetichi – dort mag die heitere Feier das Publikum begeistern. María José Montiels (La Cieca)  Figlia, che reggi il tremulo pie – Tochter, die du meine schwankende Schritte leitest zum Opernbeginn, vorgetragen mit großvolumigem Mezzo und samtener Lyrik, öffnet die Herzen der Opernbesucher. La Giocondas umfangreiche Rolle zeigt Violeta Urmanas große Gesangskunst in einmaliger Höhe, wenn auch ab und zu ihre Spitzentöne zu forciert klingen. Ihrer Gegnerin und schließlich Schützling, Luciana D’Intino als Laura Adorno, beweist, daß die italienischen Sopranistinnen immer noch zur Weltklasse des Gesangs zu zählen sind. Schließlich vermittelt Marcelo Alvarez als Enzo Grimaldo einen Sänger, der mit seiner offenen, lyrischen Tenorstimme im Cielo e mar – Himmel und Meer  unbedingt seinen Rang als einer der besten Tenöre unserer Zeit beweist. Frenetischer Beifall. Die fast in jeder Oper des 19. Jahrhunderts anzutreffenden Tänze sind hier, mit dem Tanz der Stunden, vorzüglich durch das Ballett der Pariser Oper aufgeführt. Angeführt von dem Solistenpaar, Letizia Giuliani und Angel Corella, ist es absolut eine Augenweide und wird vom Publikum überschwenglich gefeiert.

Fazit

Ein Abend sängerischer Höchstleistungen! Wenn die „Illusion der einsamen Insel“ im zweiten Akt ein wenig besser gelungen wäre, hieße das: auch eine „autorengerechte“ Inszenierung. In Paris sind offensichtlich Operndarstellungen möglich, die in Deutschland kaum zu finden sind.

Dr. Olaf Zenner

Bild: Andrea Messana

Das Bild zeigt: Orlin Anastassov (Alvise Badoero) von hinten und das „Volk“ (Ensemble)

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TRISTAN UND ISOLDE – Bonn, Oper

Eingestellt von Zenner Am 30 - April - 2013

von Richard Wagner (1813-1883) Handlung in drei Aufzügen, Libretto: R. Wagner, nach Gottfried von Straßburgs (1210), UA: 10. Juni 1865 München, Königliches Hof- und Nationaltheater
Regie: Vera Nemirova, Bühne/Kostüme: Klaus W. Noack
Dirigent:  Stefan Blunier, Beethoven Orchester, Bonn Herrenchor, Choreinstudierung: Sibylle Wagner
Robert Gambill (Tristan), Sabine Hogrefe (Gesang Isolde), Dara Hobbs (Darstellerin Isolde), Martin Tzonev (König Marke), Mark Morouse (Kurwenal), Giorgos Kanaris (Melot), Daniela Denschlag (Brangäne)
Besuchte Aufführung: 28. April 2012, Premiere (deutsche Übertitel)

Kurzinhalt
Der Ritter Tristan führt die irische Prinzessin Isolde, deren Verlobten Morold er einst im Zweikampf getötet hat, seinem Onkel König Marke als Braut zu. Auf der Überfahrt nach England verlangt Isolde Sühne für Morolds Tod: Sie fordert Tristan auf, gemeinsam mit ihr Gift zu trinken. Brangäne hat jedoch das Gift heimlich gegen einen Liebestrank ausgetauscht. So entbrennen Tristan und Isolde in heftiger Leidenschaft füreinander. Isolde heiratet zwar König Marke, trifft sich aber mit Tristan. Melot verrät die Liebenden und verwundet Tristan schwer – Kurwenal verbringt den Verletzten in seine Burg Kareol. Tristan stirbt jedoch bei Isoldes Ankunft. Als Konsequenz ihrer Liebe folgt Isolde ihm in den Tod.

Aufführung
Die Bühne ist in dunklen Blau- und Grauentöne gehalten, ein Segelkreuz deutet den Aufenthaltsort auf dem Schiff an, in der Mitte der Bühne steht ein weißes Metallbett. Oben ist ein Sternenhimmel vor einer in Stücke zerbrochenen schwarzen Decke zu sehen. Ein großer Stern, der an einen Meteorit erinnert, dominiert. In einer großen Plastiktrinkflasche steht der Liebestrank bereit. Im zweiten und dritten Aufzug steht das Bett in einem Glashaus, das an ein Treibhaus erinnert. Dort spielt sich die Liebesbegegnung von Tristan und Isolde ab. Ihr gegenseitiges Begehren wird als Schreibmanie dargestellt: Sie schreiben auf die Glasscheiben, Tristan diktiert Isolde seinen gesungenen Texte, den sie gierig aufschreibt und schließlich schreiben sie immer wieder ihre eigenen Namen auf Arme und Beine. Als das Glashaus im dritten Aufzug zum Ort des Sterbens wird, ist es mit grünen Pflanzen ausstaffiert. Die Kostüme sind unauffällig bis auf das von Isolde anfangs getragene Brautkleid. Die Herren tragen uniformähnliche, grauen Anzüge. Die Helfer Markes kommen mit Kampfwesten und Schußwaffen ausgestattet nach Kareol.

Sänger und Orchester
Obwohl die wegen Krankheit indisponierte Dara Hobbs nur auf der Bühne agieren konnte, während Sabine Hogrefe vom Bühnenrand aus ihre Partie der Isolde sang, wirkte die Partie wenig zerrissen, da Hogrefe sehr guten Blickkontakt mit dem Dirigenten hatte und sich bravourös ins Ensemble integrierte. Die erfahrene Wagner-Sängerin beeindruckte mit makelloser Gestaltung der großen dramatischen Partie. Ihr Mezzoklang ist wohltimbriert und ihre glockenreine Höhe, beeindruckte bis zum Schluß. Bei dem hervorragend deutsch artikulierenden Amerikaner Robert Gambill , der vor allem im Schluß-Aufzug mit enormer Strahlkraft bravourös glänzen konnte, hatte man jedoch den Eindruck, daß er sich vor dem Finale, sinnigerweise, etwas zurückgehalten hatte. Mark Morouse brachte für den Kurwenal mit seinem Heldenbariton die notwendige Tiefe und ausgeglichene Mitte mit. Martin Tzonev interpretierte mit profunder Tiefe und Volumen die Partie des Marke. Nicht zu vergessen das dunkle Timbre im Mezzo von Daniela Denschlag in der großen Partie der Brangäne.  Giorgos Kanaris charakterisierte mit seinem sehr differenziert geführten Bariton den Bösewicht Melot.  Das Beethoven Orchester unter Stefan Blunier gab Wagners Musik sehr akribisch wider, die leisen Anfangstöne des Vorspiels ebenso, wie das große Englischhornsolo im dritten Aufzug, nicht zu vergessen die dominierenden dramatischen und stark besetzten Klangexzesse, die sich stets differenziert durch die ganze Oper zogen.

Fazit
Musikalisch eine bis in die kleineren Rollen und den Chor genau gearbeitete Aufführung, die auf der Basis des von Stefan Blunier vorbildlich geführten Orchesters stand. Vera Nemirova (Regie) versetzte die anfangs durch Rachsucht, dann durch den Liebestrank quasi in eine andere Welt entrückte Geschichte von Tristan und Isolde in die Atmosphäre eines Treibhauses. Der Titel eines Wesendonck-Liedes Im Treibhaus, von Wagner als Vorstufe zur Oper bezeichnet, mag die Idee initiiert haben? Im Treibhaus wird der Wahnsinn der Liebe bis hin zum Tod dargestellt, wenn auch  in der auf Dauer etwas enervierenden Schreibmanie der beiden. Wenig schlüssig und provokant war der fast verschwenderische Umgang, auch großzügiges Verschütten, des in einer riesigen Flasche vorhandenen Liebestranks.

Felicitas Zink

Bild: Thilo Beu

Das Bild zeigt: Dara Hobbs (Isolde), Robert Gambill (Tristan)

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von Richard Wagner (1813-1883), Große romantische Oper in drei Aufzügen, Libretto: R. Wagner, Dresdner Fassung mit Bacchanal, UA: 1845 Dresden

Regie: Lorenzo Fioroni, Bühne und Video: Paul Zoller

Dirigent: Patrik Ringborg, Staatsorchester Kassel, Opern- und Extrachor des Staatstheaters Kassel, Chor CANTAMUS, Choreinstudierung: Marco Zeiser Celesti

Solisten: Hee Saup Yoon (Landgraf Hermann), Paul McNamara (Tannhäuser), Stefan Zenkl (Wolfram), Johannes An (Walther), Marc-Olivier Oetterli (Biterolf), Musa Nkuna (Heinrich), Krzysztof Borysiewicz (Reinmar), Kelly Cae Hogan (Elisabeth), Ulrike Schneider (Venus), LinLin Fan (Hirt), u.a.

Besuchte Aufführung: 27. April 2013 (Premiere)

Kurzinhalt
Der Minnesänger Tannhäuser hat lange Zeit im Venusberg zugebracht, dem legendären Zufluchtsort der Liebesgöttin. Tannhäuser verläßt sie, als er der erotischen Ekstase überdrüssig wird. Von seinen Freunden und künstlerischen Konkurrenten wird er überredet auf die Wartburg zu einem Sängerwettstreit zurückzukehren. Thema des Wettstreits ist das Wesen der Liebe, der Preis wird von Elisabeth, der Tochter des thüringischen Landgrafen, vergeben, die Tannhäuser in Zuneigung ergeben ist. Während seines Beitrags gesteht Tannhäuser jedoch seinen Aufenthalt im Venusberg, und, nur dank des Eintretens Elisabeths, darf er sein Leben behalten. Die daran geknüpfte Bedingung ist,  nach Rom zu pilgern und für seine Verfehlung beim Papst um Absolution zu bitten. Doch der Papst überantwortet Tannhäuser der ewigen Verdammnis, vor der ihn Elisabeths Opfer durch ihren Tod errettet.

Aufführung
Das Einheitsbühnenbild besteht aus drei Seitenwänden, die eine Halle umgeben. Auf der rechten Seite befindet sich eine Rampe, die ein Vorhang abschließt. Dahinter befindet sich ein Balkon, der zu sehen ist, wenn die Drehbühne die Rückseite nach vorne fährt. Ein weiterer Vorhang gibt den Blick frei auf einen Gang hinter der Rampe, in dem ein Kruzifix und ein Papstbild hängen. In der Halle steigt eine große Party, die Gesellschaft trägt gehobene Abendgarderobe, wie Smoking oder Pelz. Zum Sängerfest kommen die Märchenfiguren der Gebrüder Grimm zusammen, vom Froschkönig bis zu den sieben Zwergen. Während der Romerzählung erscheint die Partygesellschaft in zerrissener und verschmutzter Kleidung, Pilger sind nicht zu sehen.

Sänger und Orchester
Paul McNamara verfügt über einen lyrisch weichen Tenor, allein ihm fehlt das Standvermögen und auch manchmal die Technik, um die vertrackten Sprünge in der Gesangslinie sauber zu treffen. Er leidet zum einen unter dem verhaltenen Dirigat von Patrik Ringborg, der Wagners Frühwerk auf das Niveau des Spätwerks bringen will. Allein die Substanz wird doch einige Male brüchig, zumal man die einfachere Orchestrierung der Dresdner Fassung spielt. Da stellt sich auch die Frage, warum man das Bacchanal spielt, aber kein Ballett zu sehen ist, sondern nur eine unbewegliche Projektion. Ebenso schwierig für McNamara als Tannhäuser ist seine Gegenspielerin Kelly Cae Hogan (Elisabeth), vor allem im Dialog nach der Hallenarie Oh Fürstin.  Kelly Cae Hogan hochdramatischer, stark fokussierender Sopran überdeckt den lyrischen Tenor gnadenlos. Zurückhaltende leisere Momente finden sich auch im Gebet der Elisabeth Allmächtige Jungfrau nicht. Eine „einfachere“ Besetzung wäre hier angebracht gewesen, wie Ulrike Schneider, die mit zurückhaltendem warmen Mezzo eine teuflisch verführerische Venus gestaltet. Die verzweifelten Rufe zeigt sie auch im Forte. Stefan Zenkl gelingt ein sehr einschmeichelnder Wolfram. Er verfügt über einen durchschlagskräftig geführten, dennoch sehr beweglichen lyrischen Bariton, der die unterschiedlichen Stimmungslagen der Rolle auslotet. Hee Saup Yoon gestaltet mit seinem sicher durch alle Tiefen geführten Baß den Landgraf Hermann auch sängerisch als eine Führungsrolle. Johannes An kann den Kurzauftritt des Walther im Sängerkrieg mitreißend gestalten: Er verfügt über eine strahlende baritonale Mittellage, seine Höhen muß er sich erstemmen. Die größte Freude macht dem Publikum der Auftritt von LinLin Fan als junger Hirt. Mit ihrer glockenklaren, technisch sicheren Höhe, die sich trotzdem noch füllig anhört, bietet sie sich für höhere Weihen an. Der verstärkte Chor kann aufgrund der harmonischen Einheit begeistern, gleiches gilt auch für den Kurzauftritt des Kinderchores.

Fazit
Im Schlußbild werden die Szenenbeschreibungen Richard Wagners eingeblendet, die mit der dargestellten Handlung nichts zu tun haben. Man sieht eine verkaterte Partygesellschaft anstelle des Leichenzugs Elisabeths. Das liberale und dem Regietheater aufgeschlossene Kasseler Publikum reagiert, ob dieser ungeheuren Provokation unwillig und fertigt die Inszenierung in einer bisher ungekannten Heftigkeit ab. Die musikalische Leistung wird hingegen einhellig bejubelt.

Oliver Hohlbach

Bild: N. Klinge

Das Bild zeigt: Paul McNamara (Tannhäuser) und Ulrike Schneider (Venus)

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