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Opern und Konzert Rezensionen

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DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN – Wuppertal, Opernhaus

Eingestellt von Zenner Am 14 - Mai - 2012

von Leoš Janáček (1854-1928), Oper in drei Akten, Libretto: der Komponist, nach der Novelle von von Rudolf Těsnohlídek in der deutschen Übersetzung von Peter Brenner

UA: 6. November 1924 Brünn, Nationaltheater

Regie: Aurelia Eggers, Bühne: Stephan Mannteuffel, Kostüme: Veronika Lindner, Licht: Henning Priemer, Dramaturgie: Ulrike Olbrich

Dirigent: Hilary Griffiths, Sinfonieorchester Wuppertal, Opern- und Kinderchor der Wuppertaler Bühnen, Choreinstudierung: Jens Bingert

Solisten: Dorothea Brandt (Füchslein Schlaukopf), Joslyn Rechter (Fuchs), Derrick Ballard (Förster), Michaela Mehring (Försterin/Eule), Boris Leisenheimer (Schulmeister/Dackel), Ulrich Hielscher (Pfarrer/Dachs), Olaf Haye (Haraschta) u.a.

Besuchte Aufführung: 12. Mai 2012 (Premiere)

Kurzinhalt

Das junge Füchslein Schlaukopf wird von einem Förster gefangen genommen, schafft es jedoch, sich zu befreien und in den Wald zurückzukehren. Hier vertreibt sie den Dachs aus seinem Bau und heiratet einen Fuchs. Mit diesem gründet sie eine Familie und läßt die Kinder an ihren Erfahrungen teilhaben. Doch das Leben von Füchslein Schlaukopf findet ein jähes Ende durch die Waffe des Wilderers. Parallel zu diesem steten Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit kämpfen die Menschen gegen ihre alltäglichen Probleme: Während etwa die Försterin von den Flöhen des Füchslein geplagt ist, schwärmen der Förster, der Lehrer und der Pfarrer für die unnahbare Terynka. Diese entscheidet sich jedoch für den Wilderer. Am Ende kehrt der Förster alt geworden in den Wald zurück, erkennt den ewigen Kreislauf der Natur und schläft von dieser Erkenntnis beseelt ein.

Aufführung

Die Grundkonzeption der Bühne bleibt im Verlauf der Oper gleich: Der Mittelpunkt der Bühne wird von einem mehrstufigen Halbkreis eingenommen, in dem die Naturszenen spielen. Im Hintergrund erheben sich die Ruinen der Burg aus Janáčeks Heimatdorf Hukvaldy. Angereichert wird diese Atmosphäre etwa durch fliegende Tier-Tänzerinnen.

Im vorderen Teil befinden sich am linken und rechten Rand der Bühne zwei Ausschnitte aus altertümlichen Theaterrängen. Mit einer Wand kann dieser Bereich vom hinteren Teil abgetrennt werden, wenn das Schicksal der Menschen im Mittelpunkt der Handlung steht.

Die Kostüme der Menschen sind schlichte Anzüge oder Mäntel. So heben sie sich stark ab von den Tieren: Während etwa der Hahn und die Henne in den grell-opulenten Kostümen einer Revuetruppe die Bühne betreten, sind die Füchse in jungem Alter mit geschlechtsneutralen Ganzkörperpullovern mit Kapuze zu sehen. Im Verlauf des zweiten Aktes tritt dann eine Wandlung, entsprechend ihrer Reifung ein, z.B. bei Füchslein Schlaukopf der ein Frauenkleid anzieht.

Sänger und Orchester

Das Sinfonieorchester Wuppertal zeigt vielseitige Fähigkeiten und präsentiert so verschiedene Facetten der Partitur. Unter der Leitung von Hilary Griffiths erklingt zunächst ein Orchester, das jeden breiten, romantischen Natur-Stereotypklang vermeidet: Sehr gefallen die Wechsel zwischen Streicher- und Flötenpassagen im ersten Akt, die zwar fragil und dünn klingen, aber nie gefährdet sind. An den Szenenenden, etwa bei der Verwandlung am Ende des ersten Akts, erklingt ein runder Gesamtklang, aus dem keine Instrumentengruppe heraussticht. Lediglich im dritten Akt bleiben die Blechbläser ein wenig stehen und lassen eine größere lineare Entwicklung vermissen.

Derrick Ballard (Förster) überzeugt mit fokussiert geführter Stimme, wobei das Klangvolumen nicht darunter leidet. Auch seine deutliche Textaussprache weiß zu gefallen. Hier liegt zunächst auch die große Stärke von Dorothea Brandt (Füchslein Schlaukopf), die ihre Partie deklamatorisch gestaltet, ohne dabei die Linienführung zu vernachlässigen. Ihre Fähigkeiten in diesem Bereich kommen dann vor allem im zweiten Akt zum Vorschein, wenn sie diese etwa bei ihrer lyrischen Passage Ich seh doch ganz gut aus zeigen kann. Auch Ulrich Hielscher (Pfarrer/Dachs) gehört zu den positiven Sängererscheinungen des Abends, seine Klanggewalt verleiht der Rolle des Pfarrers sichere Autorität. Besonders gefällt dabei, daß er in der Lage ist, diese Stimmvolumen kontrolliert zu führen, so daß er in der Tiefe nicht in ein Poltern verfällt. Leider sind nicht alle Rollen so zufrieden stellend besetzt: Boris Leisenheimer (Schulmeister/Dackel) ist vor allem im zweiten Akt in der Höhe zu bemüht, im dritten Akt wird seine Mittellage ein wenig dünn, um gegen das Orchester zu bestehen. Olaf Haye (Haraschta) kann zwar mit großen Melodielinien in seiner Auftrittsromanze überzeugen, danach gerät ihm jedoch die Stimmführung zu breit und im Ansatz zu weit hinten, so daß man sich ein wenig mehr Fokussierung der Stimme gewünscht hätte.

Fazit

Eine stimmige und kurzweilige Inszenierung sowie eine insgesamt zufriedenstellende musikalische Leistung wird von dem Premierenpublikum mit Applaus honoriert.

Malte Wasem

Bild: Uwe Stratmann

Das Bild zeigt: Fuchs (Joslyn Rechter), Füchsin Schlaukopf (Dorothea Brandt) und das Ensemble

 

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GÖTTERDÄMMERUNG – Dessau, Anhaltisches Staatstheater

Eingestellt von Zenner Am 13 - Mai - 2012

von Richard Wagner (1813–1883), Dritter Tag des Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen in drei Aufzügen und einem Prolog, Text vom Komponisten

UA: 17. August 1876 Bayreuth, Festspielhaus

Regie: André Bücker, Bühne: Jan Steigert, Projektionen: Frank Vetter

Dirigent: Antony Hermus, Anhaltische Philharmonie, Opernchor und Extrachor des Anhaltischen Theaters Dessau, Choreinstudierung: Helmut Sonne

Solisten: Arnold Bezuyen (Siegfried), Ulf Paulsen (Gunther), Stephan Klemm (Hagen), Iordanka Derilova (Brünnhilde), Nico Wouterse (Alberich), Angelina Ruzzafante (Gutrune), Rita Kapfhammer (Waltraute) u.a.

Besuchte Aufführung: 12. Mai 2012 (Premiere)

Kurzinhalt

Für Siegfried besitzt der von Alberich verfluchte Ring des Nibelungen ewige Macht. Auch Hagens Halbbruder Gunther möchte den Ring besitzen. Als es Siegfried an den Rhein zu Gunther verschlägt, verliert er unter dem Einfluß eines Zaubertranks jede Erinnerung an Brünnhilde, begehrt Gutrune und verspricht Gunther Brünnhilde zur Frau. Haßerfüllt wendet sich Brünnhilde gegen Siegfried und berichtet, daß sie quasi vermählt seien. Für seinen Betrug an Gunther tötet Hagen auf der Jagd Siegfried, doch Brünnhilde stürzt sich mit dem Ring in den für den Toten brennenden Scheiterhaufen. Die Flammen erfassen Walhall, die Götterdämmerung bricht an: Der Ring versinkt im Rhein und die Welt ist erlöst vom Fluch.

Aufführung

Der Ring in der Bauhausstadt Dessau, die Götterdämmerung im Bauhaus-Stil, wie ein Architektur-Designstil Bühnenbild und Personenführung beeinflussen kann, zeigt uns André Bücker, der Intendant des Theater Dessau: Die vielfarbigen Designer-Kostüme lassen Assoziationen in alle Richtungen zu. Ebenso ist jeder Figur eine eigene Geste zugeordnet. So zeichnet sich der ganz in weiß gekleidete Siegfried mit rotem Haarschopf und Stechschritt aus. Das Bühnenbild wirkt einfach: Die Spielfläche ist in zwei Ebenen aufgeteilt, die versenkt und gehoben werden können. Die hintere Ebene kann den Brünnhildenfelsen aufnehmen, der aus verschiebbaren Quadern besteht. Die vordere Ebene kann ein Stahlgestell (Niebelheim) aufnehmen, in das eine obere Plattform und drei Aufzüge integriert sind. Um diese Spielfläche hängen zwei gekrümmte Vorhänge, die kreisförmig verfahren werden können. Über dieses Bühnenbild werden Projektionen geworfen, die mit vielen Formen und Farben spielen.

Sänger und Orchester

Dominiert wird das ausgezeichnete Sängerensemble vom Rollendebüt Arnold Bezuyens als Siegfried. Er ist von der lyrischen Rolle des Loge aus dem Rheingold nun ins Heldentenor-Fach vorgestoßen. Nach dem Abend kann man feststellen, daß das Potential für diese Weiterentwicklung zweifellos vorhanden ist. Er versucht zunächst alle Töne – besonders die Heil-Brünnhild-Rufe – mit viel Klangvolumen auszusingen. Jedoch geht ihm spätestens zu Beginn des dritten Aktes die Luft aus, hohe Töne werden nur noch angesungen und am Ende wirkt die Waldvogel-Erzählung wie eine alternative tiefere Notierung. Iordanka Derilova als Brünnhilde ist ein hochdramatischer Sopran, der mit viel Durchschlagskraft der Brünnhilde gerecht wird, wenn ihr auch die warmen einfühlsamen Töne (noch) fehlen. Ulf Paulsen kann mit seinen stimmlichen Mitteln aus dem Vollen schöpfen – bei ihm ist Gunther ein zurückhaltender Mensch. Angelina Ruzzafante wertet mit ihren glockenklaren Tonkaskaden die Gutrune von der jugendlichen Naiven zum Vollweib auf, wird damit zur Gegenspielerin der Brünnhilde. Genau das gleiche gelingt Rita Kampfhammer als Waltraute: Ein schier unerschöpfliches Stimmvolumen und Ton-Umfang ermöglicht ihr mit einem mystisch-rauchigen Ausdruck die Verzweiflung der Waltraute greifbar zu machen. Stephan Klemm verleiht dem Hagen mit seiner soliden Baß-Stimme entsprechendes Auftreten, wenn auch ein wenig Bösartigkeit fehlt. Der Chor besticht durch transparentes Klangbild und exaktes Zusammenspiel, besonders, da er mit einem Extrachor verstärkt wurde. Antony Hermus führt die Anhaltische Philharmonie ohne Probleme durch die Untiefen der Götterdämmerung. Die symphonischen Zwischenstücke wie Siegfrieds Rheinfahrt werden monumental breit mit viel Leidenschaft gespielt. Manchmal wirkt das gefühlte Tempo sehr breit, aber das Finale wird zu einem Kumulationspunkt der Hoffnung.

Fazit

Minutenlange Ovationen, ein tobendes Publikum – das ist der Lohn für eine sehr aufwendige, den Zuschauer in der Farben-Formen-Bilderflut fast ertränkende Inszenierung. Die körperstarre gestendominierte Personenführung erinnert an Regisseur Robert Wilson, wodurch im ersten Akt Längen entstehen, denn die teilweise unverständlichen Gesten verundeutlichen manches Mal die Handlung). Auch stören die permanent grellen Projektionen unkonkreter Formen quer über das gesamte Bild. Dennoch  überzeugt die Produktion durch eindrucksvolle Bühnenbilder. Musikalisch bestätigt dieser Ring das Anhaltische Theater Dessau als derzeit führendes Haus im Großraum Berlin – und als Wahrer einer Wagner-Tradition in Dessau.

Oliver Hohlbach

Bild: Claudia Heysel

Das Bild zeigt: Iordanka Derilova (Brünnhilde), Ulf Paulsen (Gunther)

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POLIUTO – Zürich, Opernhaus

Eingestellt von Zenner Am 8 - Mai - 2012

von Gaetano Donizetti (1797-1848), Tragedia lirica in drei Akten, Libretto: Salvatore Cammarano nach der Tragödie Polyeucte von Pierre Corneille, UA: 1848 Neapel, Teatro San Carlo

Regie: Damiano Michieletto, Bühne: Paolo Fantin, Kostüme: Carla Teti, Licht: Martin Gebhardt

Dirigent: Nello Santi, Orchester der Oper Zürich, Chor der Oper Zürich, Choreinstudierung: Ernst Raffelsberger

Solisten: Massimiliano Pisapia (Poliuto), Fiorenza Cedolins (Paolina), Massimo Cavalletti (Severo), Riccardo Zanellato (Callistene), Jan Rusko (Nearco), Boguslaw Bidzinski (Felice, Paolinas Vater), Aaron Agulay (ein Christ)

Besuchte Aufführung: 6. Mai 2012 (Premiere, schweizerische Erstaufführung)

Kurzinhalt

Die Handlung findet um das Jahr 250 zur Zeit der römischen Besetzung Armeniens statt. Während einer heimlichen Christenversammlung in den Katakomben möchte der adlige Armenier Poliuto sich taufen lassen. Seine Frau Paolina, die Tochter des Gouverneurs Felice, kommt ihm auf die Schliche. Sie hat Angst daher um sein Leben. Der von Paolina totgeglaubte Severo, Prokonsul und ihr früherer Geliebter, kehrt zurück und führt die römische Verfolgungsmacht gegen die Christen. Der Hohepriester Callistene richtet ein Treffen für Paolina und Severo ein. Poliuto fürchtet, daß seine Frau Paolina untreu ist. Das ist jedoch nicht der Fall, denn Paolina bleibt treu, obwohl Severo ihr gegenüber seine Gefühle offenbart hat. Der festgenommene Christ Nearco bleibt standhaft, obwohl er vor allen Beamten gefoltert wird, da er keinen Christen verrät Als Poliuto sich selbst den Gesetzeshütern stellt, versucht Paolina bei Severo für ihren Gatten Gnade zu erwirken und scheitert. Sie geht an der Seite ihres Mannes mit in den qualvollen Tod der Löwenarena.

Aufführung

Die Bühne von Paolo Fantin öffnet sich zu einem dunklen Raum, der mit acht grün bekleideten, menschengroßen und in einer gleichen Pose erstarrten Puppen dekoriert ist. Metallschränke, beleuchtete Rohre, dunkelblaue Folie, schwarze Wände sollen unterirdische Industriebauten nachahmen. Der Chor ist meist grün gekleidet. Im schwarzgrauen Anzug und weißem Hemd mit grüner Krawatte erscheint Poliuto. Paolinas trägt ein hellblau geblümtes Kleid. Zwischendurch legen die Chormitglieder ihre Kleidung ab und zeigen ihre nackte Haut. Sie waschen sich und übergießen sich mit dem Wasser aus Wasserkanistern. Das letzte Bild zeigt die an den Händen oben auf die Balken gebundenen, stehenden Gefangenen in einem unterirdischen mit Plastikfolie drapierten Gang, welcher spektakulär hinaufführt. Optisch erinnert dies an Gefängnissen Afghanistans. Ein Gefangener ist ganz entkleidet, seine Haut ist mit Blut beschmiert, es liegen blutige Körperteile von Puppen umher. Kurz vor der Hinrichtung zieht Paolina ihr hellblaues Kleid aus und übergießt sich mit Blutfarbe aus einem Wasserkanister.

Sänger und Orchester

Die Chöre klangen zart und gut koordiniert hinter der Bühne sowie stark und eindrücklich im Vordergrund. Unter der Leitung des Nello Santi spielte das Orchester der Oper Zürich die Ouvertüre besonders einfühlsam und mit leuchtenden Partien der Instrumentengruppen. Später jedoch steigerte es die Lautstärke und kam in für Donizetti ungewöhnliche Bereiche hinein. Das Sängerensemble steigerte die Lautstärke immer mehr. Man konnte über das stimmlich Machbare staunen. Vor allem setzte sich Massimiliano Pisapia (Poliuto) mit seiner mächtigen Stimme deutlich durch. Die Darbietung ist ihm in Dir la parola – Es läßt sich nicht in Worte fassen nahezu makellos gelungen. Die Stimme war geschmeidig angenehm, aber übertrieben laut, jedoch öfter im Fluß unterbrochen um Atem für die außerordentlich langen Töne zu holen, besonders im ersten Akt. Die einzige Vertreterin der Weiblichkeit war Fiorenza Cedolins alsPaolina, welche sie sehr lebendig spielte. Diesmal hatte ihre sonst klare Stimme eine leicht metallische Farbe, vermutlich wegen der Klangmasse im Orchestergraben. Massimo Cavalletti konnte als Severo mit einem differenzierten Klang die Sympathie des Publikums gewinnen. Ein hartnäckig trübes Wesen als Callistene präsentierte der stimmlich sichere Riccardo Zanellato mit seinem weich tönenden Baß.

Fazit

Die Aufführung war zeitweise ergreifend und das Publikum würdigte schon nach der Ouvertüre die Leistung des Dirigenten und des Orchesters mit einem feurigen Applaus. Es geizte nicht mit warmem Beifall für die Sänger und den Chor. Das Regie-Team bedachte das Publikum mit Buh-Rufen. Grund dafür waren möglicherweise der nackte Körper, oder die düsteren Bilder und Deutungen. Vielleicht waren dieses von anderen Werken beeinflußt wie dem  Film Brazil von Terry Gilliam, denRomane 1984 von George Orwell sowie Brave New World von Aldous Huxley.

Victoria Herrmann

Bild: Suzanne Schwiertz

Massimiliano Pisapia (Poliuto) Bildmitte, Fiorenza Cedolins (Paolina), Bildrechts

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DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR – Bonn, Opernhaus

Eingestellt von Zenner Am 7 - Mai - 2012

von Otto Nicolai (1810-1849), komisch-phantastische Oper in drei Aufzügen nach Shakespeares gleichnamigem Lustspiel. Libretto: Hermann Salomon Mosenthal.

UA: 9. März 1849, Königliches Opernhaus, Berlin

Regie: Tom Ryser, Bühne und Kostüme: Stefan Rieckhoff

Dirigent: Robin Engelen, Beethoven Orchester und Chor des Theater Bonn, Einstudierung: Ulrich Zippelius, Licht: Sirko Lamprecht

Solisten: Philipp Meierhöfer (Sir John Fastaff), Giorgos Kanaris (Herr Fluth), Ramaz Chikviladze (Herr Reich), Randall Bills (Fenton), Julia Kamenik (Frau Fluth), Anjara I. Bartz (Frau Reich), Emiliya Ivanova (Anna Reich), Piotr Micinski (Dr. Cajus), Mark Rosenthal (Junker Spärlich)

Besuchte Aufführung: 6. Mai 2012 (Premiere)

Kurzinhalt

Die verheirateten Damen Fluth und Reich bemerken, daß sie Liebesbriefe gleichen Inhalts von dem verarmten Landadeligen Sir John Fastaff erhalten haben. Sie möchten ihm eine Lektion erteilen, gleichzeitig jedoch auch dem eifersüchtigen Ehemann von Frau Fluth. Beim ersten Treffen mit Frau Fluth landet der dicke Ritter in der Themse. Die Tochter der Reichs, Anna, hat drei Verehrer, Dr. Cajus, der Favorit der Mutter, Junker Spärlich, der Favorit des Vaters und der mittellose Fenton, den Anna liebt. Endlich weihen die Frauen Fluth und Reich ihre Männer in ihren Plan ein, Falstaff eine Abreibung zu erteilen ein. Geplant ist ein Treffen im Wald, bei dem alle verkleidet sein sollen. Inmitten des Getümmels soll außerdem Anna mit dem jeweiligen Favorit ihrer Eltern verkuppelt werden und trifft am Ende doch auf den von ihr begehrten Galan.

Aufführung

Das Bühnenbild ist die Fortsetzung der bräunlichen hölzernen Wandfassade des Zuschauerraums in der Oper Bonn. Die Geschichte mit Shakespeares Figuren spielt nun nicht mehr im Windsor des 17. Jahrhunderts, sondern in den 1960er Jahren, was auch die in bräunlichen Tönen gehaltenen Kleider und Damenfrisurmode ziemlich treffend wiedergeben. Einzig Falstaff trägt einen bunten, geckenhaften Anzug. Die im Libretto aufgeführte Gaststube im “Gasthaus zum Hosenbande” ist gestrichen, Falstaff singt seine berühmtes Trinklied Als Büblein klein an der Mutterbrust – nicht wenig komisch – auf dem Dach einer englischen Telefonzelle sitzend. Als Zeremonienmeister hat die Regie drei als Elfen verkleidete, weitgehend stumme Figuren eingeführt, die mit kleinen Späßen und Aktionen die Handlung kommentieren, wie man es von Shakespeare-Inszenierungen kennt. Gelungen umgesetzt waren die Suchaktionen des Herrn Fluth, in dessen Verlauf jedes Mal die ganzen Fassadenwände in Einzelteilen abgebaut wurden. Im kahlen Gerüst kam der dort postierte Chor als geifernde Menge gut zur Geltung.

Sänger und Orchester

Besonders die Sänger trugen zum musikalischen Gelingen der Aufführung bei. Allen voran der ebenso komisch agierende, wie in den Tiefen und mittleren Lagen seines profunden Basses überzeugende Philipp Meierhöfer als Falstaff. Giorgos Kanaris verlieh Herrn Fluth mit seinem sehr edel tönenden Bariton Ausdruck und Charakter. Ramaz Chikviladze war ein stimmlich gut präparierter Herr Reich, zudem eine imposante Erscheinung. Randall Bills (Fenton) war mit seiner lyrischen Stimme eine ideale Besetzung für den jugendlichen Liebhaber, wenn die Rolle auch nur klein war. Die beiden großen Partien der Frauen Fluth und Reich füllte zum einen Julia Kamenik (Frau Fluth) mit ihrem beweglichen Sopran überzeugend aus; Anjara I. Bartz sang die Partie der Frau Reich souverän. Der lichte und soubrettenhaft geführte Sopran von Emiliya Ivanova kam in der kleinen Partie der Anna gut zur Geltung. Piotr Micinski erfreute in seinen kleinen Auftritten als Dr. Cajus mit seinem übertriebenen französischen Akzent. Das Orchester und der Chor kamen mit der romantischen Partitur gut zurecht, allerdings hätten manche Übergänge in den Szenenabläufen etwas flotter sein müssen, vor allem um in den ersten Szenen die Situationskomik besser zu vermitteln.

Fazit

Die anfängliche Überraschung über die in tristen Farben gehaltenen Kostüme und die braune Kulisse für eine komische Oper, dazu die etwas angestrengt in Fahrt kommende Handlung, löste sich jedoch im Verlauf mehr und mehr auf. Sicher hätte die eine oder andere Musiknummer, wie etwa der Schlußchor, etwas mehr Bewegungsregie vertragen können. Gesanglich und musikalisch wurde die Oper im großen und ganzen solide getragen, manches Mal fehlte jedoch das für eine komische Oper notwendige Tempo in den Anschlüssen. Als Darsteller agierten alle Sängerinnen und Sänger sehr ambitioniert. Nicht verschwiegen werden sollte, daß manches in den Dialogen wegen der schlechten Aussprache leider unterverständlich blieb.

Felicitas Zink

Bild: Thilo Beu

Das Bild zeigt: Julia Kamenik (Frau Fluth), Philipp Meierhöfer (Sir John Fastaff)

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LA TRAVIATA – Essen, Aalto-Theater

Eingestellt von Zenner Am 6 - Mai - 2012

von Giuseppe Verdi (1813-1901), Melodramma in drei Akten, Libretto: Francesco Maria Piave, UA: 6. März 1853 Venedig

Regie: Josef Ernst Köpplinger, Bühne: Johannes Leiacker, Kostüme: Alfred Mayerhofer

Dirigent: Stefan Soltesz, Essener Philharmoniker und Chor des Aalto Theaters, Einstudierung: Alexander Eberle

Solisten: Liana Aleksanyan (Violetta), Felipe Rojas Velozo (Alfredo), Aris Argiris (Giorgio Germont), Rainer Maria Röhr (Gastone) u.a.

Besuchte Aufführung: 5. Mai 2012 (Premiere)

Kurzinhalt

Frankreich, Mitte des 19. Jahrhunderts: Alfredo liebt die Edelkurtisane Violetta. Nach anfänglichem Zögern gibt sie seinem Werben nach und zieht mit ihm aufs Land. Alfredos Vater, besorgt um den Ruf der Familie, zwingt Violetta, sich von seinem Sohn zu trennen – ohne zu wissen, daß sie todkrank ist. Auf einem Ball beleidigt Alfredo, der die wahren Gründe für die Trennung nicht kennt, rasend vor Eifersucht seine ehemalige Geliebte. Erst an Violettas Sterbebett versöhnen sich die beiden, nachdem Alfredos Vater reumütig seine Rolle beim Scheitern ihrer Beziehung eingestanden hat.

Aufführung

Die Handlung ist Ende der 1920er Jahre in einem Lungen-Sanatorium angesiedelt. Ein stuckverzierter Saal mit hohen Decken, Terrassentür und (als Fresko auf die Wände aufgetragenem) Alpenpanorama assoziiert den Nobelkurort Davos. Hier warten Violetta und ihre Leidensgenossen auf den Tod. Der Besuch ihrer Freundin Annina weckt Violettas Erinnerung: Ihre Geschichte wird ohne Pause in Rückblenden erzählt. Wie im Film gehen die Szenen bruchlos ineinander über, der sterile Saal wird innerhalb von Sekunden zum Schauplatz hemmungslos-rauschhafter Feste und zum bürgerlichen Refugium. Dabei ist der Tod allgegenwärtig, als blutüberströmte Stiere Di Madride noi sian mattadori – Wir sind Stierkämpfer aus Madrid, geigenspielende Engel (Kinderstatisterie) und zombiehaft-groteske Tänzer im Karnevalschor Largo al quadrupede, Sir della festa – Platz dem Stier, Herr des Festes). Auch Giorgio Germont, hier ein brutaler Despot, der seine Tochter schikaniert und über Violettas Tod alles andere als erschüttert ist, läßt keinen Zweifel daran, wie die Geschichte ausgeht: Aus Angst vor Ansteckung wischt er sich nach unfreiwilligem Körperkontakt mit Violetta sorgfältig die Hände ab. Das dafür benutzte Taschentuch taucht am Schluß wieder auf, wenn Germont seinen Brief an Violetta beiseite schafft und sich offensichtlich erneut vor Ansteckung schützen will. Liebe und Tod liegen an diesem Abend im wahrsten Sinne des Wortes dicht beieinander.

Sänger und Orchester

Einen Triumpf feiert die armenische Sopranistin Liana Aleksanyan (Violetta). Der überschäumenden Leidenschaft, mit der sie sich in die Rolle stürzt, kann sich kaum jemand entziehen. Auch vokal bleiben keine Wünsche offen: Die Stimme vereint jugendliche Frische und Natürlichkeit mit technischer Reife. Von rührender Zartheit ist das Piano in Dite alla giovine – Sagt Eurer Tochter, dramatisch zupackend die Koloraturen in Sempre libera – Immer frei. Bis zum Schluß, dem verzweifelten Aufschrei Oh gioia – Oh Freude bleibt Aleksanyans Energie ungebrochen. Eine beispielhafte Leistung, bedenkt man, daß sie die Bühne keinen Moment verläßt. Felipe Rojas Velozo (Alfredo) spielt den Verliebten als aufmüpfigen, durchaus sympathischen Jungen und besticht dabei durch ein schönes Timbre, feurige Gefühlsausbrüche und eine perfekte italienische Phrasierung. Leichte Unsicherheiten bei der Intonation und eine nicht immer strahlende Höhe verzeiht man gern, zumal sie dem Lampenfieber geschuldet sein dürften. Daß die Inszenierung Alfredos Vater als grobschlächtigen Tyrannen zeigt, ist für Aris Argiris (Giorgio Germont) kein Grund, es an stimmlichem Facettenreichtum fehlen zu lassen: Sein für dieses Repertoire wie geschaffener Bariton bietet neben einem (auch in den Spitzentönen) mächtig auftrumpfendem Volumen Eleganz und vorbildliche Artikulation. Der sich perfekt in die Inszenierung einfügende, brillante Chor und die überwiegend ausgezeichnet besetzten Nebenrollen – stellvertretend sei der bühnenpräsente Rainer Maria Röhr (Gastone) genannt – runden das Ensemble ab.

In Verdis Melodien schwelgend präsentieren sich die Essener Philharmoniker unter Stefan Soltesz, die eine hinreißende, äußerst differenzierte Interpretation liefern – von den silbrig-zarten Klängen in den Vorspielen bis hin zur brutalen Härte der Konfrontation von Alfredo und Violetta im zweiten Akt.

Fazit

Solisten, Dirigent und Orchester werden zu Recht stürmisch gefeiert. Das Regie-Team muß sich einige Buhs gefallen lassen, wofür vermutlich die deftig inszenierten Massenszenen (splitternackter Statist inklusive) verantwortlich sein dürften. Trotzdem: Josef Ernst Köpplingers Inszenierung ist spannend, behandelt das Werk mit großem Respekt und bleibt dicht am Text. Eine musikalisch herausragende und durchaus sehenswerte Produktion!

Dr. Eva-Maria Ernst

Bild: Jörg Landsberg

Das Bild zeigt: Liana Aleksanyan (Violetta)

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DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Köln, Opernhaus

Eingestellt von Zenner Am 5 - Mai - 2012

von Richard Wagner (1813-1883), Romantische Oper  in drei Aufzügen, Libretto: Richard Wagner

UA: 2. November 1843 Dresden, Hoftheater

Regie: Dietrich W. Hilsdorf, Bühne: Dieter Richter, Kostüme: Renate Schmitzer, Licht: Nicol Hungsberg, Dramaturgie: Georg Kehren

Dirigent: Markus Poschner, Gürzenich Orchester Köln, Chor der Oper

Solisten: Lars Woldt (Daland), Erika Sunnegardh (Senta), Thomas Piffka (Erik), Jeongki Cho (Der Steuermann Dalands), Samuel Youn (der Holländer), Gabi Dauenhauer (Samiel)

Besuchte Aufführung: 3. Mai 2012 (Premiere)

Kurzinhalt

Der norwegische Seefahrer Daland kommt in Kontakt mit dem sogenannten Holländer, der dazu verdammt ist, auf ewig die Meere zu befahren, bis die Liebe einer Frau ihn von seinem Fluch befreien kann. Daland, der von den großen Schätzen an Bord des Holländer-Schiffs weiß, lädt diesen zu sich nach Hause ein, um ihn mit seiner Tochter Senta bekannt zu machen. Senta, die von dem sagenhaften Holländer schon viel gehört hat, träumt davon, ihn zu erlösen. Ihre Freundinnen und vor allem der Jäger Erik, der sie liebt, haben wenig Verständnis dafür. Zufällig hört der Holländer ein Gespräch, in dem Erik, der Senta nicht verlieren will und sie an das ihm einst gegebene Treueversprechen erinnert. Der Holländer, der sich betrogen fühlt, kehrt bitter enttäuscht zu seinem Schiff zurück und lichtet die Anker. Senta hingegen steigt auf die Klippen und stürzt sich ins Meer, wodurch der Holländer erlöst wird. Daraufhin versinkt sein Schiff.

Aufführung

In der im 19. Jahrhundert spielenden Aufführung gab es auf der überwiegend düsteren Bühne zwei Bilder, die – je nach Szene – mit Hilfe einer Drehbühne wechselten. Zum einen den großen Saal im Hause des Kapitäns Daland und dessen Tochter Senta (der im zweiten Aufzug auch als Spinnerei dient) mit hohen Fenstern auf der rechten Seite, durch die schummriges Licht fiel und man außerdem eine finstere Schiffsanlegestelle mit einem Fluchtpunkt auf der halblinken Seite sehen konnte. Während der Ouvertüre betrat Senta nachts den großen Saal des Hauses, sah das wohl gerade erst aufgehängte Bild des Holländers und begann – fasziniert von seiner Ausstrahlung – das Bild zu küssen. Beim ersten Auftritt des Holländers im ersten Aufzug wurde eine stumme Rolle hinzugefügt: Aus dem Nebel und der Finsternis schlich sich langsam eine Frau hervor, die sich wenig später entblößte. Der Holländer trug einen zerfetzten Mantel und Senta ein langes weißes Kleid. Als der Holländer am Ende des dritten Aufzugs sich von ihr verraten fühlte, stürzte sich Senta nicht (wie im Libretto angegeben) ins Meer, sondern wollte sich mit Eriks Gewehr erschießen. Dieser stürzte sich entsetzt auf sie, um sie von ihrem Vorhaben abzuhalten, löste jedoch dabei den tödlichen Schuß aus.

Sänger und Orchester

Die Aufführung fand auf einem musikalisch sehr hohen Niveau statt. Das selbstbewußt spielende Gürzenich-Orchester unter der Leitung von Markus Poschner, GMD der Bremer Oper, war von Anfang an hochkonzentriert; Orchester und Sänger traten als Einheit auf. Die einzelnen Rollen waren sehr passend besetztund zeigten auch am Ende der kräfteraubenden romantischen Oper keinerlei Ermüdungserscheinungen: Der Baß-Bariton Samuel Youn verausgabte sich in der Rolle des Holländers und bot den Zuhörern ein mächtiges Stimmvolumen, wie man es nur selten erlebt. Hervorzuheben ist ferner seine große schauspielerische Darstellung. Exzellent war auch die Leistung von Lars Woldt (Daland), der brillant und mit Durchschlagskraft die Partie mit Tiefenschärfe meisterte. Nie schrill und auch in hohen Lagen absolut sicher und klar war die glanzvolle Stimme der schwedischen Sopranistin Erika Sunnegärdh (Senta). In den Nebenrollen erstrahlte die helle und agile Stimme des Tenors Thomas Piffka (Erik). Einziger kleiner Wehmutstropfen waren ein paar etwas unsaubere Einsätze des Männerchors – stets bereichernd waren hingegen die wohlklingenden und hellen Stimmen im Frauenchor.

Fazit:

Fesselnde Spannung vom ersten bis zum letzten Ton, eine Aufführung, die alle hohen Erwartungen halten konnten.  Donnernder Applaus des Publikums, wie man ihn selten erlebt. Spontanen Applaus und laute Bravo-Rufe gab es auch für den Intendanten Uwe Eric Laufenberg, der gerade seinen Weggang von der Oper, hervorgerufen durch Querelen der Administration, zurückgezogen hat.

Roman Bonitz

Bild: Paul Leclaire

Das Bild zeigt: Samuel Youn (der Holländer), Erika Sunnegardh (Senta)

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LUCIA DI LAMMERMOOR – Cottbus, Staatstheater

Eingestellt von Zenner Am 3 - Mai - 2012

von Gaetano Donizetti (1797-1848), Dramma tragico in 3 Akten, Libretto: Salvatore Cammarano nach Walter Scotts The Bride of Lammermoor; UA: 26. September 1835, Neapel

Regie: Hauke Tesch, Bühne/Kostüme: Gundula Martin, Choreinstudierung: Christian Möbius

Dirigent: Evan Christ, Philharmonisches Orchester des Staatstheaters Cottbus, Chor des Staatstheaters Cottbus. Solisten: Jacek Strauch (Lord Ashton), Cornelia Zink (Lucia), Jens Klaus Wilde (Sir Edgardo), James Elliott (Lord Bucklaw), Ingo Witzke (Raimondo), Marlene Lichtenberg (Alisa), Hardy Brachmann (Normanno)

Besuchte Aufführung: 2. Mai 2012

Kurzinhalt

Als Lucia, um politischen Interessen zu genügen, den einflußreichen Lord Arturo Bucklaw ehelichen soll, weigert sie sich vehement. Ihre Liebe gilt Edgardo. Dieser ist jedoch der letzte Überlebende aus dem mit ihrer Familie verfeindeten Clan. Zudem macht Edgardo selber seinen Anspruch auf alte Familienrechte in Form von Landbesitz geltend, die Enrico, Lucias Bruder, beansprucht. Edgardo muß als Botschafter nach Frankreich. Er reist ab, nachdem er sich mit Lucia ewige Liebe geschworen hat. In seiner Abwesenheit ersinnt Enrico eine infame Intrige: Mit einem gefälschten Brief wird Lucia Edgardos vermeintliche Untreue aufgedeckt. Entmutigt heiratet sie schließlich Lord Bucklaw. Aber in der Hochzeitsnacht ermordet sie ihren Gatten, verfällt dem Wahnsinn und stirbt. Als dies Enrico erfährt, gibt er sich selber den Todesstoß, um mit ihr wieder vereint zu sein.

Aufführung

In der semiszenischen Aufführung wird die Bühnenausstattung auf wenige markante Elemente reduziert. Zentrales Element ist dabei in allen Bildern eine zur Bühnentiefe hin ansteigende Rampe. Hinzu treten stilisierte, schräg zueinander angeordnete Säulenfragmente, die Ruinenbauten und den Friedhof andeuten. Ein zurückgesetzter, halb schließender Vorhang wird als zusätzlicher Raumteiler eingesetzt. Zu den festen Bühnenaufbauten kommen wenige variable Ausstattungselemente, wie ein großer Tisch im Schloß von Lord Ashton sowie ein angedeutetes Lagerfeuer und Fackeln.

Sänger und Orchester

Mit unglaublich prägnanter Bühnenpräsenz schafft es Cornelia Zink (Lucia), als personifizierter Brennpunkt schicksalhafter Verdammnis, das Bühnengeschehen eindrucksvoll mit ihrem Spiel und Gesang ganz auf sich zu konzentrieren. Bereits im Regnava nel silenzio – In tiefem Schweigen lag die Nacht (1. Akt) atmet ihre Stimme strahlend reinen Glanz, welche mit den in sublim ausgesungener Reinheit genommenen Höhen die Herzen des Publikums höher schlagen lassen. Ein Bravourstück gelingt ihr jedoch mit der „Wahnsinnsarie“ im dritten Akt als zentralem Element und Schlüsselstelle der Oper. In ausgeprägter Meisterschaft gelingt ihr der gesangliche Drahtseilakt zwischen dramatisch überhöhter Ausformung und kunstvoller Verzierung. Ihre extrem wendige Stimmvariabilität zeigt sie in ihren hochdynamischen Phrasierungsbögen und stakkato- bis glissandoartigen Stimmfarbwechseln, die von eindrucksvoller, reiner Tiefenschärfe und sich weit öffnender Strahlkraft flankiert werden. Ein weiterer Höhepunkt des Abends ist Jacek Strauch. Seine Verkörperung des selbstsüchtigen und von Machtgier getriebenen Lord Ashton wird durch seine mit imponierend zupackender Energie, aus einem breiten Fundament schöpfenden Baritonstimme, grandios umgesetzt, so daß sein Cruda funesta smania – Grausame unheilvolle Erregung die Bühne regelrecht erzittern läßt. Jens Klaus Wilde (Edgardo) ist besonders in den lyrischen Abschnitten stark. Hier kann er das warm schmeichelnde Timbre seines Tenors mit belcantischen Phrasierungseffekten voll einsetzen. In den Höhen läuft seine Stimme leicht bleich angehaucht aus, wobei jedoch eine signifikante Steigerung der Sicherheit in den Hochlagen im dritten Akt zu verzeichnen ist. James Elliott (Lord Bucklaw) läßt durch seinen seidig schmeichelnden Tenor aufhorchen, während Baß Ingo Witzke (Raimondo) an diesem Abend im ersten Teil an nachhaltigem Druck vermissen läßt, sich jedoch zum Ende hin noch steigern kann.

Das Philharmonische Orchester des Staatstheaters Cottbus spielt unter Evan Christ mit fulminantem Engagement, und der Opernchor ist klanglich perfekt abgestimmt.

Fazit

Die Inszenierung bietet ein wahres Fest für Liebhaber der Belcanto-Oper. Die semiszenische Produktion verdichtet dabei das Geschehen mit düsterer Grundstimmung gekonnt auf das Schicksal der Protagonisten. Mit atemloser Faszination wird man Zeuge, wie das Ensemble fast durchweg scheinbar mühelos eine Oper stemmt, an der man sich auf Grund des gesanglichen Anspruchs nur allzu leicht verheben kann. Die Sänger führen den Zuschauer mit bravourösen Gesangsdarbietungen in tiefste Seelenabgründe und stimmlich hebt Cornelia Zink Cottbus in einen neuen Opernhimmel. Zu Recht gab es dafür stehende Ovationen.

Dr. Andreas Gerth

Bild: Michael Helbig

Das Bild zeigt: Ingo Witzke (Raimondo), Cornelia Zink (Lucia) und Marlene Lichtenberg (Alisa)

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DER WILDSCHÜTZ – Greifswald, Theater Vorpommern

Eingestellt von Zenner Am 30 - April - 2012

von Albert Lortzing (1801-1851), komische Oper in drei Akten, Libretto: Albert Lortzing nach dem Lustspiel Der Rehbock oder Die schuldlosen Schuldbewussten von August von Kotzebue, UA: 31. Dezember 1842 Leipzig, Stadttheater

Regie: Gunther Emmerlich, Bühne: Ute Krajewski, Gunther Emmerlich, Hugo Wieg, Kostüme: Ute Krajewski, Dramaturgie: Lür Jaenike

Dirigent: Egbert Funk, Philharmonisches Orchester Vorpommern, Opernchor und Kinder- und Jugendchor des Theaters Vorpommern, Choreinstudierung: Anna Töller

Solisten: Chul-Ho Jang (Graf von Eberbach), Christina Winkel (Die Gräfin, seine Gemahlin), Bragi Bergthórsson (Baron Kronthal), Susanne Niebling (Baronin Freimann), Katja Böhme (Nanette), Bernhard Leube (Baculus), Franziska Krötenheerdt (Gretchen), Gunther Emmerlich (Pankratius)

Besuchte Aufführung: 28. April 2012 (Premiere)

Kurzinhalt

Der alternde Schulmeister Baculus hat versucht, im gräflichen Park einen Rehbock zu schießen, um ihn bei seiner Hochzeit mit dem jungen Gretchen den Gästen servieren zu können. Der Graf straft Baculus mit Enthebung aus seinem Amt. Um den Grafen umzustimmen, will Gretchen an den Hof gehen – der Graf hat eine Schwäche für hübsche Mädchen. Baculus verbietet es ihr. In diesem Moment trifft Baronin Freimann, die Schwester des Grafen, im Dorf ein. Als Student verkleidet überredet sie Baculus, daß sie sich in Frauenkleidern als seine Braut ausgeben könnte. Im Schloß trifft sie auf den Grafen und den Baron Kronthal, Bruder der Gräfin, der sich als Stallmeister verkleidet hat. Sowohl der Graf als auch der Baron verlieben sich in die „Unschuld vom Lande“, was zu Verstrickungen führt. Als Baculus schließlich versucht, die Gesellschaft über die wahre Identität seiner angeblichen Braut aufzuklären, die er für einen Studenten hält, lösen sich alle Verwirrungen auf. Baculus wird mit seinem Gretchen wiedervereint und der Baron hält um die Hand der Baronin an. Es zeigt sich, daß der vermeintliche Bock, den Baculus geschossen hat, in Wahrheit sein eigener Esel war.

Aufführung

Die Aufführung ist entscheidend von der Zusammenarbeit zwischen Gunther Emmerlich, Hugo Wieg und Ute Krajewski geprägt, die als einzige Mitwirkende nicht fest am Theater Vorpommern engagiert sind. Besonders Gunther Emmerlich setzt in seiner Dreifachfunktion der Inszenierung seinen Stempel auf. Die Bühne zeigt relativ naturalistische, leicht stilisierte Bilder. Die Kostüme sind historisch im Stil des 19. Jahrhunderts gehalten. In den Text sind Anspielungen auf aktuelle und regional- und weltpolitische Geschehnisse eingearbeitet. Damit entspricht die Aufführung genau den Vorgaben Lortzings.

Sänger und Orchester

Den distanzierten Blick auf das Geschehen, der diese komische Oper von den meisten Operetten abhebt, ermöglicht in erster Linie Gunther Emmerlich (Pankratius), der sichtbar ins Geschehen eingreift. Daß der Regisseur selbst diese Rolle spielt, ist äußerst passend. Sein Auftreten ist souverän und gewitzt, die wenigen gesungenen Passagen meistert er mit volltönendem Baß. Innerhalb der Handlung dominieren die Ensembleszenen, Einzelarien kommen kaum vor. Das kommt den Akteuren sehr gelegen, sind sie doch allesamt feste Ensemblemitglieder des Theaters Vorpommern und damit ein eingespieltes Team. Bernhard Leube (Baculus) stellt den besserwisserischen alten Schulmeister glänzend dar. Gewisse Einschränkungen sind bei Chul-Ho Jang (Graf von Eberbach) nur aufgrund seines Akzents zu bemerken, das hauptsächlich deshalb so auffällt, weil bei allen anderen die Textartikulation ausgezeichnet ist. Franziska Krötenheerdt (Gretchen) und Susanne Niebling (Baronin Freimann) bieten beide einen angenehm klaren, beweglichen Sopran, wobei erstere leichter und mädchenhafter singt, letztere mit etwas mehr Tiefe und Vibrato. Die reifere Stimme von Christina Winkel (Gräfin von Eberbach) paßt zur Rolle der älteren Gräfin, doch läßt sie leider gegen Ende in Volumen und Tempo merklich nach. Eine wunderbar selbstironische Seite zeigt der lyrische Tenor Bragi Bergthórsson (Baron Kronthal), der den schmachtenden Weltschmerz seiner Figur voll auskostet.

Eine besonders wichtige Stellung hat in dieser Oper der Chor inne, der große Anteile am Geschehen hat. Wie immer bewältigt das kleine Greifswalder Ensemble diese Aufgabe blendend mit großem schauspielerischen Einsatz und hervorragender Textartikulation. Gleiches gilt für den Kinder- und Jugendchor. Das Orchester muß erst in Schwung kommen; Intonationsschwächen während der Ouvertüre lassen später nach und sind im Zusammenspiel mit den Sängern nicht mehr zu hören. Die Balance zwischen Solosängern, Chören und Orchester ist durchweg ausgezeichnet.

Fazit

Wie wirkungsvoll ein eingespieltes und schauspielerisch talentiertes Ensemble sein kann, hat sich heute gezeigt. Die durchdachte und gut ausgeführte Vorstellung rief verdientermaßen langanhaltenden Applaus beim Greifswalder Publikum hervor. Daß keiner der Solosänger mit größerem Enthusiasmus beklatscht wurde als die anderen, spiegelt die Ausgewogenheit des Ensembles wieder – und den Umstand, daß die Oper den Sängern nur selten die Gelegenheit bietet, stimmlich besonders zu glänzen. Bravorufe und Ovationen gab es allerdings für den Chor, dessen großartiger Einsatz honoriert wurde.

Anna-Juliane Peetz-Ullman

Bild: Vincent Leifer

Das Bild zeigt: Bernhard Leube (Baculus), Opernchor des Theaters Vorpommern

Popularity: 2% [?]

DIE SCHWEIGSAME FRAU – Chemnitz, Oper

Eingestellt von Zenner Am 29 - April - 2012

von Richard Strauss (1864-1949), Komische Oper in 3 Aufzügen, Libretto: Stefan Zweig frei nach Ben Jonsons Epicoene or The Silent Woman, UA: 24. Juni 1935, Dresden

Regie: Gerd Heinz, Bühne: Rudolf Fischer, Kostüme: Kersten Paulsen

Dirigent: Frank Beermann, Robert-Schumann-Philharmonie

Solisten: Franz Hawlata (Sir Morosus), Monika Straube (Haushälterin), Andreas Kindschuh (Der Barbier), Bernhard Berchtold (Henry Morosus), Julia Bauer (Aminta), Guibee Yang (Isotta), Tiina Penttinen (Carlotta), Matthias Winter (Morbio), Kouta Räsänen (Vanuzzi), Martin Gäbler (Farfallo)

Besuchte Aufführung: 27. April 2012 (Premiere)

Kurzinhalt

Kapitän Morosus lebt zusammen mit seiner Haushälterin zurückgezogen als Pensionär, seitdem bei einer Explosion sein Gehör zu Schaden gekommen ist. Als sein Neffe Henry mit einer Operntruppe zu Besuch kommt und dieser ihm auch noch die Primadonna, seine Frau Aminta, vorstellt, enterbt Morosus seinen Neffen und wirft alle hinaus. Er will schließlich nur seine geliebte Ruhe. Der Barbier indes rät Henry und der Truppe zu einem lustigen Spiel. Bei diesem wird dem Alten Aminta als für sein Gehör angenehm zurückhaltende Frau vorgeführt. Es kommt zu einer gespielten Eheschließung. Doch schon bald nach der Hochzeit treibt Aminta ihren Pseudo-Gatten mit ihrem lauten Organ fast zum Wahnsinn. Auf dem Höhepunkt seiner Qualen wird der Alte durch die Aufklärung des Spiels durch Henry und Aminta endlich erlöst. Erleichtert heißt er nun die Verbindung seines Neffen mit Aminta gut und setzt beide als Erben ein.

Aufführung

Die Inszenierung hält sich im Bühnenbildentwurf und mit den Kostümen an die zeitlichen Vorgaben des Werkes. So wird die Bühne in allen drei Aufzügen von einem zentralen Salon eingenommen, der im Hintergrund von hohen, mit roten Stoffen verhangenen Fenstern abgeschlossen wird. Seitlich führen Türen zu einsehbaren Nebenräumen und zu zwei flankierenden Wendeltreppen, die auf eine Galerie führen, wobei im oberen rechten Teil der abgetrennte Schlafbereich von Morosus liegt. Die Räume sind mit stilgetreuer Möblierung und mit durchdacht detailreicher Ausstattung eines ehemals zur See fahrenden Militärs des 18. Jh. eingerichtet. Da das Bühnenbild zunächst von schwarzen Prospekten verhangen ist, welche erst nach und nach den Blick auf die ganze Bühne zulassen, ergeben sich zudem subjektive Raumerweiterungen.

Sänger und Orchester

Der Erfolg der von Richard Strauss als Lustspiel mit nur leicht sentimentalem Hauch konzipierten Oper steht und fällt absolut mit den tragenden Säulen der Rollen des Morosus und der Aminta. Für die Chemnitzer Produktion konnte glücklicherweise Franz Hawlata gewonnen werden, der den Morosus bereits 2010 an der Bayerischen Staatsoper an der Seite von Diana Damrau gab. Schauspielerisch brennt Hawlata ein wahres Prachtfeuerwerk mimischer Ausdrucksweisen ab. Absolut überzeugend gibt er sowohl den sich in Position werfenden Hagestolz, den bärbeißigen, vergrätzten Alten, als auch den schmierig werbenden, zur Liebe Erblühenden. Zu wahrer Höchstform läuft er jedoch als von Aminta entnervt Geschundener und reuig Jammernder auf. Gesanglich begeistert Hawlata mit seinem sublimen Baß, der ausdrucksstark sowohl in abyssalen Tiefen schürft, als auch stimmgewaltig das Jammertal des leidenden Morosus mit klarem Duktus und druckvollem Leuchten auszukosten weiß. Mit Julia Bauer wird ein stimmlich und schauspielerisch glanzvoller Gegenpart geboten. Sie kann mit lupenrein und fabelhaft sauber ausgesungenen Höhen, mit technisch ansprechenden Phrasierungen und mit lieblichem Duft in den lyrischen Passagen begeistern. Andreas Kindschuh ist mit seinem prächtig satten Bariton der perfekte, heiter-schelmische Barbier, wobei Tenor Bernhard Berchtold (Henry Morosus) sowohl mit stimmlich dramatischer Tiefenschärfe, als auch mit zartem Schmelz aufhorchen läßt. Unter den weiteren Mitwirkenden sind besonders die stimmlich zarte Guibee Yang (Isotta) als auch die erdig volle Mezzosopranistin Tiina Penttinen (Carlotta) hervorzuheben.

Die Robert-Schumann-Philharmonie unter Frank Beermann läßt dazu die lichtdurchwirkte, gleißend schimmernde Partitur in ambitioniertem Spiel leuchtend atmen.

Fazit

Eine nahezu ideal besetzte Inszenierung mit absolut überzeugendem Bühnenbild, in das sich die Protagonisten nicht nur integrieren, sondern mit dem sie spielfreudig den heiteren Funken der Oper auf das Publikum zu übertragen wissen. Der wunderbare Hawlata als Morosus und Julia Bauer als Aminta krönen als helle Edelsteine das Diadem dieser absolut überzeugenden Produktion. Bravo!

Dr. Andreas Gerth

Bild: Dieter Wuschanski

Szenenbild mit dem Ensemble der Schweigsamen Frau

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SIEGFRIED – Halle, Oper

Eingestellt von Zenner Am 29 - April - 2012

von Richard Wagner (1813–1883), Musikdrama in drei Aufzügen, Erster Tag des Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen, Libretto vom Komponisten, UA: 16. August 1876 Bayreuth, Festspielhaus

Regie/Bühne/Kostüme: Hansgünther Heyme

Dirigent: Karl-Heinz Steffens, Staatskapelle Halle

Solisten: Andreas Schager (Siegfried), Ralph Ertel (Mime), Gérard Kim (Wanderer), Gerd Vogel (Alberich), Christoph Stegemann (Fafner), Deborah Humble (Erda), Lisa Livingston (Brünnhilde), Ines Lex (Stimme eines Waldvogels).

Besuchte Aufführung: 28. April 2012 (Premiere)

Kurzinhalt

Siegfried wird vom Zwerg Mime großgezogen ohne Respekt oder Furcht zu kennen. Wie es der Wanderer prophezeit gelingt es dem Furchtlosen das Schwert Nothung aus Trümmern neu zu schmieden. Mimes Ziel ist es, Siegfried gegen Fafner aufzustacheln, damit er ihn töte und ihm den Ring verschaffe. Als Siegfried den Riesenwurm getötet hat, bringt er den Ring an sich und erkennt durch das magische Drachenblut die wahren Ziele Mimes. Aus Zorn bringt er ihn um und macht sich auf zum Brünnhildenfelsen, um dort Brünnhilde zu erwecken und ihre Liebe zu erringen. Zuvor trifft er auf den Wanderer – den umherstreifenden Gott Wotan – und zerschlägt seinen Speer, der Wotan die Macht über die Welt sicherte. Wotan tritt ab und macht Siegfried so den Weg frei.

Aufführung

Große Teile des Bühnenbildes aus Rheingold und Walküre finden auch im Siegfried wieder ihren Platz. Die Schachtelwand bildet wieder den Hintergrund, in die Schachteln wird die Hinterlassenschaft der toten Helden verstaut. Ebenso findet sich ein Zwischenvorhang genannt Vorhang der Hoffnung, das Zitat Hoffnung hat den Morgen für sich, der noch wieder kommt, stammt wieder von Ernst Bloch. Weitere Zwischenvorhänge gibt es für das Waldweben (mit vielen grünen Bäumen), Fafners Höhle (mit Flammen umloderten Goldbarren) und Fafner selbst (als symbolistisches Monster). Das vom Wanderer gesteuerte Waldvögelein wird durch eine Sängerin verkörpert, die an Seilen über die Bühne flattert. Mime hat keine Höhle, er agiert vor der Schachtelwand von einem Ansitz rings um den Schmiedetisch und den Amboß. Die Kostüme sollen den Charakter der Rolle reflektieren, wie schon in den übrigen Ringteilen. Wotan wirkt mit Fell und Kopftuch wie ein Gangleader, Mime ist in Sträflingskleidung mit Tränen in den Augen, immer noch ein Gefangener seiner selbst. Siegfried wirkt wie ein weißgekleideter Naturbursche.

Sänger und Orchester

Den Auftritt von Andreas Schager kann man durchaus als sensationelle Entdeckung feiern. Bislang ein Operettentenor, schmettert er Siegfrieds Schmiedelieder wie ein Heldentenor, denn er hat viel Kraft und Durchschlagskraft hinzugewonnen. In den leisen, lyrischen Passagen des Waldwebens kann er seinen österreichischen Dialekt gewinnbringend einbringen. Seine weitere Kariere ist vorgezeichnet, eben ist er an der Deutschen Oper Berlin als Rienzi eingesprungen. Ralph Ertel (Mime) ist, wie bereits im Rheingold, ein lyrischer Tenor, der aus der baritonalen Lage heraus glanzvoll mit Ausdruck und Durchschlagskraft aussingen kann. Gelungen auch das Wiedersehen mit Gerard Kim als Wanderer. Er verfügt über eine gut fundierte Tiefe, kann aber auch die Höhen mitreißend gestalten. Seine Wortverständlichkeit ist beispielhaft, das Klangvolumen hat er noch steigern können. Weiterentwickeln konnte sich auch Gerd Vogel als Alberich, denn er hält sich an die Gesangslinie. Er erzeugt die Dämonie des Alberich durch gutturales baritonales Timbre und gestaltet keine bloße Sprechrolle. Christoph Stegemann ist ein schöner tiefer Baß, genau richtig um die Mystik des Drachen Fafner zum Leben zu erwecken. Nicht so positiv ist die Weiterentwicklung der Stimme von Lisa Livingston. Zwar ist sie als hochdramatischer Sopran eine durchwegs überzeugende Brünnhilde, jedoch geht es ohne Forcieren nicht mehr, assoziiert mit heftigem Tremolo – mit ihrem Schlußton überschreit sie Siegfried. Dafür präsentiert Ines Lex als Stimme eines Waldvogels eine klangverliebte hohe Zwitscherstimme.

Für Karl-Heinz Steffens ist der Ring mehr ist als eine Aneinanderreihung von Leitmotiven. Zwar werden die Motive klar dargelegt, aber es gelingt ihm, die Wagnerschen Klangbögen zu einem großen Ganzen zu schweißen. So entwickeln die Schmiedelieder und das Waldweben eine interessante Grenzerfahrung zwischen Wagners monumentaler Wucht und symphonischer Dichtung.

Fazit

Allein die Sängerbesetzung und das Orchester lohnt die weite Fahrt nach Halle oder Ludwigshafen. Und nach dem Siegfried kann man konstatieren, daß die Arbeit von Hansgünter Heyme überzeugt. Hier wird mit einfachen Bühnenmitteln, wenig Ausstattung, durchdachtem Handlungsablauf und bis ins kleinste Detail stimmiger Personenführung großartige Wirkung erreicht. Tosender Applaus für einen gelungenen Opernabend, der die Meßlatte für die Ringe im Jubiläumsjahr 2013 sehr hoch legt.

Oliver Hohlbach

Bild: Gert Kiermeyer

Das Bild: Andreas Schager (Siegfried) kämpft gegen den Riesenwurm.

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