8. Februar 2010

Darmstadt, Staatstheater - IM WEISSEN RÖSSL

Artikel Kategorie: Darmstadt, Staatstheater, Opern

von Ralph Benatzky (1884-1957), Singspiel in drei Akten, Libretto: Hans Müller, Erik Charell nach dem Lustspiel von Oskar Blumenthal und Gustav Kadelburg, Gesangstexte von Robert Gilbert, musikalische Einlagen von Robert Stolz, Bruno Granichstaedten und Robert Gilbert, UA: 1930, Berlin, Großes Schauspielhaus
Regie: Ansgar Weigner, Bühne: Matthias Müller, Kostüme: Renate Schmitzer, Choreographie: Torsten Gaßner, Dramaturgen: Bodo Busse, Anne Sophie Meine, Licht: Klaus Krauspenhaar
Dirigent: Cornelius Heine, Orchester und Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Einstudierung: Christof Hilmer, Kinderchor des Staatstheaters Darmstadt, Einstudierung: Dagmar Howe
Solisten: Annette Luig (Josepha Vogelhuber, Rösslwirtin), Thomas de Vries (Leopold, Zahlkellner), Jürgen Rust (Wilhelm Giesecke, Fabrikant), Simone Brähler (Ottilie, seine Tochter), Jud Perry (Dr. Otto Siedler, Rechtsanwalt), Erik Biegel (Sigismund Sülzheimer), Wolfgang Vater (Prof. Dr. Hinzelmann), Marie Smolka (Klärchen, seine Tochter), Zygmunt Apostol (Kaiser Franz Joseph), Klaus Krückemeyer (Piccolo), Petra Urban (Kathi, Briefträgerin, Jodlerin, Leiterin des Jungfrauenvereins), Thomas Braun (Oberförster, Bürgermeister), Jochen Elbert (Reiseführer), Marc-Wolfgang Frey, André Korporaal, John Holyoke, Marek Markisz (Kellner), Annett Arnold, Giorge Martin (ein Hochzeitspaar), Gaby Kiessling (Zitherspielerin)
Besuchte Aufführung: 6. Februar 2010 (Premiere, Gastspiel des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden (Premiere 11. November 2006))

Kurzinhalt
darmstadt-im-weisen-roessel.jpgLeopold, der Zahlkellner des „Weißen Rössl“, in die Wirtin Josepha verliebt, ist eifersüchtig auf den Stammgast Dr. Siedler, den Josepha umschwärmt. Giesecke, ein Fabrikant aus Berlin, der gerade gegen einen Mandanten Dr. Siedlers einen Prozeß verloren hat, trifft mit seiner Tochter Ottilie ein und ist sehr verärgert, Dr. Siedler hier anzutreffen. Leopold streitet sich vor lauter Eifersucht ununterbrochen mit Josepha, die ihn kurzerhand entläßt. Als ein Besuch des Kaisers angekündigt wird, muß Josepha Leopold wieder einstellen, um ihre Gäste bedienen zu können. Am nächsten Tag kommt Josepha wieder mit Leopold zusammen. Sigismund, der Sohn des Mandanten Dr. Siedlers, der mit Giesecke verhandeln möchte, verlobt sich mit seiner Reisebekanntschaft Klärchen und Siedlers mit Ottilie.
Aufführung
Zu Beginn geht Benatzky mit einem Reisekoffer über die Bühne, er denkt dabei an das Singspiel Im weißen Rössl, das er komponiert. Auch während des Stücks taucht er immer wieder auf, macht sich Notizen, gibt Kommentare und agiert mit den Figuren. Das Hauptbühnenbild zeigt im Hintergrund die Berge, die je nach Tageszeit in verschieden farbiges Licht getaucht werden. Davor befindet sich der Landesteg, im Vordergrund steht auf der rechten Seite das Weiße Rössl, ein zweistöckiges Almhäuschen mit Bierbänken. Es gibt noch weitere Bühnenbilder, so z.B. einen Kuhstall, einen Sitzungssaal sowie ein Strandbad. Außerdem werden zwei Leinwände verwendet, die eine zeigt einen lichten Wald mit Rehen, die andere eine Alpenlandschaft mit einer Almhütte. Frauen und Kinder tragen bunte Dirndl, die Herren Anzüge, Lederhosen oder Arbeitskleidung.
Insgesamt wurde das Stück bis ins Äußerste überspitzt: aus einem Misthaufen wachsen rote Rosen, Kuhschwänze schwingen im Walzertakt im Kreis und Heidi und ihr Großvater jagen sich quer über die Bühne, zum Finale gibt es Glitzerregen.
Sänger und Orchester
Die Solisten sangen passend zum Revuetheater im Schlagerstil und waren dabei mit Mikrophonen ausgestattet.
Annette Luig als Josepha wirkte zu Beginn noch etwas steif, taute im Laufe des ersten Aktes aber merklich auf. Sie verfügt über eine klare ausdrucksstarke Stimme, die sie treffsicher einzusetzen vermag.
Thomas de Vries spielte den Zahlkellner Leopold mit dandy-hafter Leichtigkeit. Stimmlich wußte er die verschiedenen Facetten seiner Rolle sehr gut umzusetzen. Jud Perry und Simone Brähler als Dr. Siedler und Ottilie glänzten mit ihren kräftigen Stimmen besonders in ihrem Duett Die ganze Welt ist himmelblau. Unbedingt zu erwähnen ist an dieser Stelle auch Zygmunt Apostol, der den senilen Kaiser Franz Joseph gekonnt komisch darstellt. Erik Biegel und Marie Smolka versprühten als Sigismund und Klärchen erfrischende Lebendigkeit und ergänzten sich nicht nur im Spiel vortrefflich, sondern besonders auch in ihren Duetten wie Als Sigi in der Wiege lag. Die Textverständlichkeit des Chores war leider nicht immer gegeben, dafür strotzten aber dessen Tanzeinlagen vor Energie. Insgesamt wirkte das gesamte Ensemble in sich äußerst harmonisch, im Zusammenspiel als auch beim Singen. Das Orchester übertönte die Sänger nur selten und präsentierte eine sehr fein nuancierte Musik.
Fazit
Die Vorstellung war leider schlecht besucht, dafür ließen sich die wenigen Zuschauer begeistert von der parodierten Alpenidylle mitreißen, brachen oft in Gelächter aus und belohnten die Musiker und Darsteller mit Stehapplaus.
Pia-Antonia Lai

Bild: Barbara Aumüller
Das Bild zeigt: Chor und Thomas de Vries (Leopold) (im Liegestuhl rechts)

6. Februar 2010

Berlin, Staatsoper Unter den Linden - AGRIPPINA

Artikel Kategorie: Berlin, Staatsoper unter den Linden, Opern

von Georg Friedrich Händel (1685-1759), Oper in drei Akten, Libretto: Vincenzo Grimani, UA: 26. Dezember 1709, Teatro di S. Giovanni Grisostomo, Venedig
Regie: Vincent Boussard, Bühne: Vincent Lemaire, Kostüme: Christian Lacroix
Dirigent: René Jacobs, Akademie für Alte Musik Berlin
Solisten: Alexandrina Pendatchanska (Agrippina), Marcos Fink (Claudio), Jennifer Rivera (Nerone), Anna Prohaska (Poppea), Bejun Mehta (Ottone) Dominique Visse (Narciso), Daniel Schmutzhard (Lesbo)
Besuchte Aufführung: 4. Februar 2010 (Premiere)

Kurzinhalt
berlin-linden-agrippina.jpgAls die römische Kaiserin Agrippina die Nachricht vom Tod ihres Gatten Claudius erhält, wittert sie sofort die Chance, ihren Sohn aus erster Ehe, Nerone, auf den Thron zu bringen. Doch bereits während seiner Ausrufung zum Kaiser kommt die Botschaft, Claudius habe den Seesturm überlebt und seinen Lebensretter Ottone zum Nachfolger bestimmt. Agrippina macht sich die uneingeschränkte Liebe Ottones zur schönen Poppea, die auch von Claudio und Nerone begehrt wird, zu Nutze und intrigiert mit Hilfe von Claudios Liebe zu Poppea gegen Ottone. Als Poppea entdeckt, dass Agrippinas Ziel nur darin besteht, Ottone durch eine Intrige um die Thronfolge zu bringen, übt sie Rache, indem sie Claudio Nerone statt Ottone als seinen Liebeskontrahenten im Werben um sich präsentiert. Dennoch findet die Handlung dank Claudios Gutmütigkeit in der Vermählung Poppeas mit Ottone und Nerones Ernennung zum Kaiser letztlich doch ein glückliches Ende.
Aufführung
In dieser Inszenierung der Agrippina besteht die Hauptgestaltung der Bühne aus mehreren, vertikal angeordneten, von der Decke hängenden Glasperlenketten, welche den Bühnenraum wie transparente und gleichzeitig verschleiernde Vorhänge füllen. Ihre Dichte variiert mit dem Wechsel der Szenen zwischen einem völlig leeren Raum und gänzlicher Ausfüllung und wird in Abhängigkeit vom Handlungsgeschehen und der emotionalen Entwicklung der Figuren von farblich passender Lichtgestaltung unterstrichen. Ein Glassteg zwischen Orchestergraben und Zuschauerraum, auf dem sich ein nicht geringer Teil des Handlungsgeschehens vollzieht, erreicht eine Verbindung von Bühnengeschehens und Publikum, insbesondere wenn die Zuschauer direkt, wie am Beginn des ersten Aktes, als Volk ins Handlungsgeschehen einbezogen werden. Die Kostüme variieren zwischen zeitlosen, schlichten, aber leger getragenen Anzügen mit weißem Hemd und schwarzem Hut bei den Herren Ottone und Nerone, sowie dem „kleinen Schwarzen“ der Agrippina einerseits, und den altertümlichen Trachten mit Puffärmeln und Halskrause von Claudio und Lesbo andererseits, die allerdings durch Accessoires wie Schwimmreifen in Drachengestalt oder silberglitzernde Hosen durchbrochen werden, sowie einem fließend langen und golden schimmernden Kleid bei Poppea als „Mittelweg“.
Sänger und Orchester
Das Orchester unter der Leitung von René Jacobs wurde auch in dieser Produktion von der barockspezialisierten Akademie für Alte Musik Berlin gestellt. Sorgfältig und detailgetreu in Bezug auf barocktypische Akzentuierung, sowie einer angepassten dynamischen und melodischen Gestaltung, begleiteten die Musiker die sängerische Entfaltung der barocken Emotionsausdeutung. Alexandrina Pendatchanska in der Rolle der Agrippina gelang es, mit einer facettenreichen, ausdrucksstarken Gestaltung jede emotionale Befindlichkeit ihrer Figur zu übermitteln. So verlieh sie beispielsweise ihrer Verzweiflung im 2. Akt, 13. Szene Piensieri, voi mi tormentate – Gedanken, Ihr quält mich glaubhaft Ausdruck. Eine mindestens ebenso starke vokale Überzeugungskraft kann Anna Prohaska als Poppea als auch Bejun Methas als Ottone zugeschrieben werden. So gelang es Anna Prohaska, jeden Ton des Vaghe perle, eletti fiori – Liebliche Perlen, zarten Blüten im 1. Akt, 14. Szene mit Durchsichtigkeit und Zartheit zu versehen. Bejun Methas erlaubte seiner Altstimme, selbst in hochanspruchsvollen Arien wie Voi che udite il mio lamento – Ihr, die ihr meine Klage vernehmt im 2. Akt, 5. Szene, bis in die höchsten Lagen seiner Stimme und die feinsten Verästelungen der Koloraturen, nicht die kleinste Ungenauigkeit in der Intonation. Unbedingt zu nennen ist außerdem die Leistung von Jennifer Rivera in der Rolle des Nerone, die ihrer Figur jugendliche und jungenhafte Lässigkeit verlieh, daneben aber eine gesanglich hervorragende Leistung mit Ausdrucksstärke und Transparenz jeden Tones - selbst in schnellen Koloraturarien wie Come nube che fugge dal vento – Wie der Wind die Wolken verjagt lieferte, sowie Marcos Fink (Claudio), der sich stimmlich solide präsentierte.
Fazit
Eine in der Gänze gelungene Produktion, die vom Publikum mit gleichermaßen lang anhaltendem Applaus für Sänger und Orchester belohnt wurde.
Friederike Jurth

Bild: Monika Rittershaus
Das Bild zeigt: Anna Prohaska (Poppea)

4. Februar 2010

Paris, Palais Garnier - IDOMENEO

Artikel Kategorie: Opern, Paris, Palais Garnier

von Wolfgang Amadeus Mozart, Dramma per musica in drei Akten, Libretto: Giambattista Varesco nach Idoménée (Antoine Danchet)
Regie: Luc Bondy, Bühne: Erich Wonder, Kostüme: Rudy Sabounghi, Licht: Dominique Bruguière
Dirigent: Philippe Hui, Orchester und Chor der Opéra national de Paris, Chorleinstudierung: Alessandro di Stefano
Solisten: Charles Workman (Idomeneo), Vesselina Kasarova (Idamante), Isabel Bayrakdarian (Ilia), Tamar Iveri (Elettra), Lothar Odinius (Arbace) u.a.
Besuchte Aufführung: 1. Februar 2010 (Wiederaufnahme von 2006, Koproduktion mit Mailänder Scala/Teatro Real, Madrid)

Kurzinhalt
paris-ganier-idomeneo.jpgDie Tochter des Trojanischen Königs Priamos, gefangen in Kreta, liebt Idamante, den Sohn des griechischen Königs Idomeneo. Ein Seesturm verhindert die Landung des Schiffes, auf dem Idomeneo aus Troja heimkehrt. In seiner Verzweifelung verspricht Idomeneo Gott Poseidon, daß er ihm den ersten Menschen, den er an Land antrifft, opfern werde. Nach geglückter Rettung sieht er als ersten Menschen seinen Sohn Idamante. Um seinem Gelübde aus dem Weg zu gehen, will er Idamante zusammen mit Elettra nach Argos schicken, um dort die Rechte der Königstochter Elettras auf den Thron geltend zu machen. Doch es entsteht ein Gewittersturm und ein Ungeheuer steigt aus dem Meer. Die Abfahrt wird so verhindert. Idamante will den Kampf mit dem Ungeheuer aufnehmen. Doch der Oberpriester fordert von Idomeneo, daß er den Namen des Opfers preisgibt, womit Poseidon und das Ungeheuer versöhnt werden würden. Idomeneo erklärt Idamante als das Opfer. Doch bevor Idomeneo seinen Sohn enthauptet, will Ilja für Idomeneo sterben. Plötzlich ruft eine unterirdische Stimme: Idomeneo solle abdanken und Idamante solle den Thron übernehmen. Man befolgt diese Aufforderung.
Aufführung
Der ganze Hintergrund wird vom Meer und dem Himmel eingenommen. Meer und Himmel verändern sich entsprechend der Szene in Wellengang und Wolkenbildung. Das Meerufer fällt vom Meer schräg zur Rampe ab. Der Strand zeigt links vom Zuschauer Steine und Felsbrocken, rechts ist er sandig und zieht sich um den Orchestergraben bis zu den vorderen Zuschauerreihen herum. Das Bühnebild bleibt so von Anfang bis Ende, nur die Lichtregie taucht es in verschiedene grau-blaue bis schwarze Farben.
Die Kostüme entsprechen der dunklen Bühnenfarbe: die Kreter und Trojaner sind in lange Kleider, meist in Mäntel gekleidet. Elettra ist ganz in schwarze Kleidung gehüllt. Die Trojanische Prinzessin Ilja trägt ein weißes Plisset-Kleid, der Königssohn Idamante zeigt sich in einem Anzug aus dunkelblauem Stoff, darüber ein dunkelblauer Mantel. Idomeneo, der König der Kreter, kommt in langem Mantel, darunter Hose und Hemd, alles in rotbrauner Farbe daher. Am Hüftgürtel hängt ein langer, krummer Säbel. Die Kostüme blieben bis zum Ende unverändert.
Sänger und Orchester
Isabel Bayrakdarian (Ilia) setzt ihren starken Sopran gegenüber dem sie oft übertönenden Orchester mit Verve durch. Ihre Spitzentöne sind ein wenig forciert und die Intonation in den Höhenlagen ab und zu unausgeglichen. Über die Arie Zeffiretti lusinghieri – schmeichelnde Südwinde (3. Akt) notierte Mozart Grazioso. Doch Philippe Hui nimmt das Tempo allegretto, das wenig Anmut aufweist. So konnten die schnelleren Noten, die den sanften Südwind lautmalerisch darstellen, durch Frau Bayrakdarian nur wie eine Bö dargestellt werden. Im Vorfeld der Aufführung hatte Emmanuelle Haïm, ausgewiesene Barockspezialistin, ihr Dirigat nach einigen Proben niedergelegt, da sie mit der Zahl der vorgesehenen Proben nicht ihre Vorstellungen verwirklichen konnte. Das Orchester zeigte leider aus diesem Grund wohl keine ausgewogene Leistung, was häufig an den Nahtstellen von Rezitativ und Arie zum Vorschein kam. Mit unausgeglichener Dynamik enttäuscht Vesselina Kasarova (Idamante), die mit ihrer großvolumigen Mezzostimme seit vielen Jahren auf allen Bühnen der Welt bekannt ist. Ihre Intonation ist dagegen tadellos. In einem Brief (15. November 1780) an seinen Vater hob Mozart hervor, daß die Arie Fuor del mar – dem Meer entronnen des Idomeneo (2. Akt) hervor, daß sie die schönste der ganzen Oper seyn wird. Charles Workman (Idomeneo) zeigt dies, indem er diese Arie mit geschmeidiger, kraftvoller Stimme, wohldosierter Atemtechnik, intonations- und koloratursicher so singt, daß es eine Freude war. Diese Arie bildet den Höhepunkt der Aufführung und ist ein Lichtblick im tristen Bühnenbild. Die Zustimmung des Hauses erfolgt mit großem Applaus.
Fazit
Ein Einheitsbühnenbild für Idomeneo, geschrieben als große Karnevalsoper für Kurfürst Karl Theodor, ist dann doch zu schmal bemessen, um die Vorstellung Mozarts auch für den heutigen Zuschauer umzusetzen. Es ist anzunehmen, daß auch die Sänger nicht gerade davon begeistert waren. Die Aufführung ist eine Wiederaufnahme aus dem Jahre 2006 der Ära Mortiers.
Dr. Olaf Zenner

Bild: Opéra national de Paris/ Franck Ferville
Das Bild zeigt: Charles Workman (Idomeneo), Vesselina Kasarova (Idamante), Isabel Bayrakdarian (Illia) und Tamar Iveri (Elettra)

3. Februar 2010

Münster, Städtische Bühnen - LULU

Artikel Kategorie: Münster, Städtische Bühnen, Opern

von Alban Berg (1885-1935), Oper in drei Akten, Libretto: A. Berg nach Frank Wedekind, dritter Akt vervollständigt von Friedrich Cerha, UA: 2. Juni 1937 (unvollendete Fassung), Zürich, Opernhaus
Regie: Ernö Weil, Bühne und Kostüme: Daniel Dvořák, Dramaturgie: Jens Ponath und Justus Wenke
Dirigent: Fabrizio Ventura, Sinfonieorchester Münster
Solisten: Henrike Jacob (Lulu), Suzanne McLeod (Gräfin Geschwitz), Olaf Plassa (Dr. Schön/Jack the Ripper), Wolfgang Schwaninger (Alwa), Judith Gemmrich (Theatergarderobiere/Gymnasiast/Groom), Andrea Shin (Maler), Donald Rutherford (Schigolch), Johannes Schwärsky (Athlet), Fritz Steinbacher (Prinz), Peter Jahreis (Medizinalrat) u.a.
Besuchte Aufführung: 31. Januar 2010 (Premiere)

Kurzinhalt
munster-lulu.jpgLulus erste Ehe mit dem betagten Medizinalrat findet ihr Ende, als der sie beim Liebesspiel mit dem Maler überrascht und daraufhin einen Herzschlag erleidet. Die Heirat mit dem Maler beschert Lulu großen Wohlstand, da der er ihre Portraits teuer verkaufen kann. Als der Chefredakteur Dr. Schön dem Maler jedoch von seiner langjährigen Liaison mit Lulu berichtet, begeht der Betrogene voller Verzweiflung Selbstmord. Dr. Schön muß als dritter Ehemann Lulus seine Gattin mit vielen Verehrern teilen. Als er seine Frau zum Selbstmord zwingen will, bringt Lulu stattdessen ihn um. Lulus anschließender Gefängnisaufenthalt ist jedoch nicht von langer Dauer, da ihr Gräfin Geschwitz, die ihr ebenfalls verfallen ist, zur Flucht verhelfen kann. Mit Alwa und Schigolch lebt sie als Börsenspekulantin in Paris und flieht nach Verlust ihres gesamten Vermögens nach London. Als Prostituierte wird sie von einem ihrer Freier ermordet.
Aufführung
Im ersten und zweiten Akt zeigt das Bühnenbild viele alte Möbel. Großzügige Räume mit antiken Sesseln werden von warmem Licht durchflutet. Die Wohnung von Dr. Schön ist dagegen schlicht eingerichtet. Im dritten Akt wird ein grell erleuchteter, silberner Festsaal gezeigt. Die letzte Szene findet in einem leeren, dunklen Zimmer statt. Eine Glühbirne baumelt von der Decke und unentwegt tropft Wasser in zwei Eimer. Das einzige durchgehende Element der Inszenierung ist das Portrait Lulus. Es taucht in jeder Szene auf, etwa als Deckengemälde oder als zerknittertes Plakat. In weißer Unterwäsche und mit roter Schleife im Haar betritt Lulu das Atelier des Malers. Im zweiten Akt nähert sie sich optisch der männlich anmutenden Gräfin Geschwitz an, indem sie einen Herrenfrack trägt. Im dritten Akt ist Lulu zunächst mit einer ausladenden blonden Perücke, einem schrillen Hosenanzug und Plateauschuhen zu sehen. Als Prostituierte trägt sie knappe Hot Pants und pinkfarbene Lackstiefel.
Sänger und Orchester
Henrike Jacob (Lulu) gelang eine feinfühlige Koordination von impulsiven und einschmeichelnden stimmlichen Nuancen. Überdies überzeugte sie bei den zahlreichen Übergängen zwischen Gesang und Sprache. Besonders in ihrem Wenn sich die Menschen um meinetwillen umgebracht haben, so setzt das meinen Wert nicht herab beeindruckte sie durch scheinbar mühelos gesungene Koloraturen. In schauspielerischer Hinsicht stellte sie die Femme fatal glaubhaft dar, indem sie sich sowohl verführerisch auf der Bühne räkelte als auch zum anderen mimisch keinen Zweifel an der Abgebrühtheit Lulus aufkommen ließ. Die innere Zerrissenheit Dr. Schöns zwischen der hörigen Liebe zu Lulu und seinen moralischen Grundsätzen stellt Olaf Plassa glaubhaft dar. Seinen klaren Bariton bringt er mit viel Energie zur Geltung, Gleichzeitig gelingt es ihm, seine Stimme an den richtigen Stellen bewußt brüchig klingen zu lassen. Auf diese Weise trägt er zur authentischen Darstellung eines verzweifelten Mannes bei. Wolfgang Schwaninger (Alwa) überzeugte mit seiner lyrischen und zugleich kräftigen Tenorstimme. Besonders die sehr anspruchsvollen, auf Zwölftonreihen basierenden Passagen bewältigte er mit beeindruckender Selbstverständlichkeit. Den väterlichen Schigolch stellte Donald Rutherford nachvollziehbar dar, mit dunkler und dennoch durchdringender Baßstimme. Daneben beeindruckte er durch sein Spiel, indem er seiner Figur das richtige Maß an Zwielichtigkeit und Altersmüdigkeit zumaß. Vor dem Hintergrund des beinahe durchweg atonalen musikalischen Materiales zeichnete sich das gesamte Ensemble durch Souveränität und Sicherheit seiner Tongebung aus.
Das Dirigat Fabrizio Venturas ließ die Komplexität der Komposition mit enormer Leichtigkeit Klang werden. Mit Feingefühl wurden die Tempi gestaltet und tonale anmutende Passagen oder die Leitmotivik wirkungsvoll herausgearbeitet. Besonders die Bläser imponierten durch affektvolle dynamische Kontraste.
Fazit
Trotz einer Dauer von knapp vier Stunden läßt die Inszenierung dank ihrer Variationen von Kostümen und Bühnenbild keine Längen entstehen. Das Ensemble zeigte ausnahmslos gesangliche Höchstleistungen und vermittelte dem Zuschauer auf diese Weise anschaulich die atonale Musik Bergs.
Laura Hamdorf

Bild: Michael Hörnschemeyer
Das Bild zeigt: Henrike Jacob (Lulu), Wolfgang Schwaninger (Alwa)

3. Februar 2010

Freiburg, Theater - LE GRAND MACABRE

Artikel Kategorie: Freiburg, Theater, Opern

von György Ligeti (1923-2006), Oper in vier Bildern, Libretto: Michael Meschke, György Ligeti, UA: 1978 Königliche Oper Stockholm
Regie: Calixto Bieito, Bühne: Rebecca Ringst, Kostüme: Marian Coromina, Licht: Marcus Bönzli, Dramaturgie: Dominica Volkert
Dirigent: Jimmy Chiang, Orchester: Philharmonisches Orchester Freiburg, Opernchor des Theater Freiburg, Choreinstudierung: Bernhard Moncado, Solisten: Gabriel Urrutia (Nekrotzar), Patrick Jones (Piet vom Faß), Leandra Overmann (Mescalina), Jin Seok Lee (Astradamors), Jana Havranova (Clitoria), Sang Hee Kim (Spermando), Lini Gong (Gepopo/Venus), Xavier Sabata (Fürst Go-Go), Klaus Gerber (Weißer Minister), Matthias Flor (Schwarzer Minister), Sergiy Zinchenko (Ruffiak), Leon Warnock (Schobiack), Lorenz Minth (Schabernack)
Besuchte Aufführung: 31. Januar 2010 (Premiere)

Kurzinhalt
freiburg-la-grande-macabre.jpgIm abendlichen Breughelland erscheint der mysteriöse Nekrotzar und verkündet, die Welt werde um Mitternacht untergehen. Gemeinsam mit dem ehemaligen Weinabschmecker Piet vom Faß, der ihm als Pferd dient, zieht er los um die Botschaft zu verkünden. Die ihren Ehemann Astradamors penetrierende Mescalina wünscht sich von Göttin Venus eine lüsterne Nacht. Nachdem ihr dieser Wunsch von Nekrotzar erfüllt wird, stirbt sie, und Astradamors schließt sich der Gruppe an. Am Hof von Fürst Go-Go kommt es daraufhin gemeinsam mit dessen Ministern, der Chefin der Geheimpolizei, und dem Volk zu einem letzten großen Besäufnis. Um Mitternacht gibt es einen großen Knall, der große Verwirrung mit sich bringt. Auch Nekrotzar, der große Makabre, hat im Rausch die Orientierung verloren. Ist die Welt nun untergegangen oder nicht? Schließlich gelangt man zu der Überzeugung, noch am Leben zu sein, da alle noch Durst haben. Die Frage, wer Nekrotzar nun wirklich sei, bleibt offen.
Aufführung
Für Calixto Bieito, bekannt durch seine skandalträchtigen Aufführungen, bietet Ligetis Anti-Anti-Oper eine äußerst dankbare Vorlage. Keine Gelegenheit zu Travestie, Klamauk und derben Karnevalsspielen, die im Libretto überreich angelegt sind, bleibt ungenutzt. So rollt Piet vom Faß zu Beginn des ersten Aktes mit einer fahrbaren Toilettenschüssel auf die Bühne, in die er vom maskierten Nekrotzar zur Strafe hineingetaucht wird. Mescalinas Wunsch nach einer wirklich geilen Nacht kommt der große Makabre mit einem aufblasbaren, Sperma verspritzenden Riesendildo nach, der anschließend unter dem Gelächter des Publikums über selbiges hinweg wandern darf. Zuvor peitscht die wie eine Nonne Gekleidete ihren in Frauenkleidern und Stöckelschuhen steckenden Ehemann in der Gegend herum. Der schwarze Minister am Hof sieht aus wie Angela Merkel. Das Bühnenbild bleibt in allen drei Akten das gleiche, nur die Beleuchtung ändert sich von Zeit zu Zeit: Auf der Drehbühne windet sich in Rundform ein von Pfählen gestützter Holzweg empor, der in eine Plattform übergeht. In der Bühnenmitte befindet sich ein aufgeschütteter Erdhaufen. Daß die Zuschauer vor Beginn der Vorstellung im Foyer ein klingender Altar empfängt, mit dem Tod als Heiligen, rückt die Aufführung in die Nähe lateinamerikanischer Totenfeiern.
Sänger und Orchester
Ob bewegte Klangflächen, sprachähnliche, überzeichnete Gesten, musikalische Parodien aufs Barock bzw. Richard Wagner oder Geräuschhaftes: Es ist beinahe unglaublich, wie perfekt das Philharmonisches Orchester Freiburg unter Jimmy Chiang Ligetis extrem komplexe und technisch schwierige Partitur umgesetzt hat. Die Souveränität, mit der hier zu Werke gegangen wird, reicht dabei von verschachtelten Autohupen- und Türklingelrhythmen bis zum auf der Bühne plazierten Instrumentalensemble, das gegen die Klänge aus dem Orchestergraben anzuspielen hat. Angenehm überrascht ebenfalls das offensichtlich fehlerlose Zusammenwirken von Bühne und Orchester. Sämtliche Darsteller bewältigen ihre zwischen Sprechtext und halsbrecherischen Gesangspassagen schwankenden Parts beeindruckend und mit Lust am Spiel. Das gilt besonders für die vielen vertrackten Ensembleszenen. Herrlich böse und zugleich lustig bewältigt Gabriel Urrutia als Nekrotzar die Hauptrolle, begleitet von einem clownesken Patrick Jones als Piet vom Faß. Beide liefern sich im ersten Akt ein herrliches Duell, wer die bizarreren Koloraturen hinlegt. Zu den weiteren gesanglichen wie schauspielerischen Höhepunkten zählen wohl Leandra Overmann, zunächst als Nonnen-Domina, später als Zombie, und Xavier Sabata als Fürst Go-Go, das sich wie ein Kleinkind gebärdende Staatsoberhaupt. Lini Gong singt als betörende Venus nur in der allerhöchsten Lage, wohingegen sie als Chefin der Geheimpolizei, Gepopo, in abgehackten Phrasen vor sich hin stottert. Klaus Gerber und Matthias Flohr geben als weißer und schwarzer Minister ein wunderbares Paar ab..
Fazit
Ausnahmsweise gab es an diesem Freiburger Premierenabend nur Jubel, keine Buhs. Wer sich für Ligetis Bürgerschreck-Oper nicht zu schade ist, der sollte diesen Le Grande Macabre auf keinen Fall verpassen.
Aron Sayed

Bild: Maurice Korbel
Das Bild zeigt: vorne: Leandra Overmann (Mescalina), Xavier Sabata (Fürst Go-Go)

2. Februar 2010

Koblenz, Theater der Stadt - IL MATRIMONIO SEGRETO

Artikel Kategorie: Koblenz, Theater der Stadt, Opern

von Domenico Cimarosa (1749-1801), Dramma giocoso per musica in zwei Akten, Libretto: Giovanni Bertati nach der Komödie The Clandestine Marriage (1766) von George Colman d. Ä. und David Garrick, UA: Wien 1792
Regie: Matthias Schönfeldt, Bühne/Kostüme: Birgit Angele
Dirigent: Karsten Huschke, Staatsorchester Rheinische Philharmonie
Solisten: Jongmin Lim (Geronimo), Tamara Weimerich (Elisetta), Hana Lee (Carolina), Monica Mascus (Fidalma), Falko Hönisch (Graf Robinson), Martin Shalita (Paolino)
Besuchte Aufführung: 30. Januar 2010 (Premiere)

Kurzinhalt
koblenz-il-matrimonio.jpgCarolina, die jüngere Tochter Geronimos, ist heimlich mit dem Haushaltsgehilfen Paolino verheiratet, ihr Vater hätte der Hochzeit niemals zugestimmt. Graf Robinson soll die ältere Tochter Elisetta heiraten. Doch er verliebt sich in Carolina und geht mit dem Vater einen Handel ein: Für die Halbierung der Mitgift wird der Ehevertrag auf Carolina umgeschrieben. Robinson versucht, Elisetta durch eine Aufzählung angeblicher Laster von sich abzubringen. Schließlich wird die heimliche Ehe Carolinas und Paolinos entdeckt, und sie bitten den Vater um Vergebung. Auf die Fürsprache Robinsons hin nimmt der Vater sie an; Robinson heiratet nun doch Elisetta.
Aufführung
Die Handlung spielt sich in der Garage und dem Hinterhof des Hauses ab, geheiratet wird zwischen Mülltonnen und Werkbank. Hauptkulisse ist der BMW der Familie, auch von Autolicht und Hupe wird Gebrauch gemacht. Ein zentrales Mittel der Inszenierung sind die ausführlichen Nebentitel, die auf einer beweglichen Tafel in jugendlichem Slang die Sicht der schwangeren Carolina wiedergeben. In etlichen Umbauphasen wird darauf, zum Klang unterschiedlicher Cembalosonaten von Scarlatti, über die Handlung informiert. Gleichzeitig werden immer kleinere und zahlreichere fahrende Autos an die Wand projiziert. Die Inszenierung ist vor allem auf Carolinas Verheimlichung ihrer Schwangerschaft ausgelegt; Birgit Angele schneidert ihr zu diesem Zwecke ein Schneemannkostüm, einen Weihnachtsmann-Umhang und ein festliches Fastnachtskostüm. Neben den bereits erwähnten Einfügungen gibt es Jazzinterpretationen u.a. von Mendelssohns Hochzeitsmarsch, Mancinis Pink Panther-Musik, Bizets Habanera. Jüngere Zuschauer dürften über die Hinweise auf die Internetplattform Youtube und den als Geschenk verpackten MacBook-Computer geschmunzelt haben.
Sänger und Orchester
Musikalisch ist der Abend eine reife Leistung. Jongmin Lim (Geronimo) glänzt mit dem weichen Klang und der warmen Tiefe seiner ausdrucksstarken Baßstimme; im 7. Bild in der Arie Udite, tutti udite – Hört alle, hört demonstriert er sein beeindruckendes Volumen und die Beweglichkeit seiner Stimme. Falko Hönisch (Graf Robinson) steht dem mit weichem Timbre, exakter Intonation und Kraft in Höhen und Tiefen in nichts nach. Auch Hana Lee (Carolina) überrascht mit ihrer hellen, kraftvollen Sopranstimme. Vor allem bei länger ausgehaltenen Tönen entfaltet sie ihr sehr kontrolliertes Vibrato. Monica Mascus (Fidalma) ist mit ihrer agilen Stimme sowie ihrer schauspielerischen Leistung bei der Streitschlichtung zwischen den Schwestern ein weiterer Glanzpunkt des Abends. Martin Shalita (Paolino) singt mit weichem, warmen Klang, aber in den Höhen fehlt es seinem Tenor vor allem im ersten Akt an Substanz. Tamara Weimerich (Elisetta) hat eine ähnlich klare, agile Sopranstimme wie Hana Lee. Allerdings sticht sie vor allem im Tutti durch eine oft zu hohe Intonation unangenehm aus dem Gesamtklang hervor.
Das Orchester unter der Leitung von Karsten Huschke trägt mit der nötigen Leichtigkeit und einer angenehm gestalteten Dynamik seinen Teil zum Gelingen des Abends bei. Sowohl die Streicher als auch die Bläser sind äußerst agil. Auch die Hammerklavier-Passagen (Olga Bojkova-Bicanic) fügen sich gut in den Klang ein.
Fazit
Matthias Schönfeldt bringt eine lustige und originelle Inszenierung auf die Bühne, deren Ausgestaltung bis hin zu Nebentiteln und Programmheft aus einem Guß ist. Die Verlegung der Oper in die heutige Zeit mit Anspielungen auf Yogaübungen und Youtube, schnelle Autos und mitleidlose Banken gefällt dem Publikum. Ein Abend, der auch durch die schauspielerischen Fähigkeiten der Sänger zum Vergnügen wird. Die Schwerelosigkeit, die der Musik innewohnt, setzt Karsten Huschke mit seinem Orchester gut um.
Julia Korst

Bild: Matthias Baus
Das Bild zeigt: Das heimliche Ehepaar: Wie lange können Martin Shalita (Paolino) und Hana Lee (Carolina) Heirat und Babybauch noch vertuschen?

2. Februar 2010

Karlsruhe, Badisches Staatstheater - I MASNADIERI (DIE RÄUBER)

Artikel Kategorie: Karlsruhe, Badisches Staatstheater, Opern

von Giuseppe Verdi (1813-1901), Melodramma tragico in vier Akten, Libretto: Andrea Maffei nach Schillers Drama Die Räuber
Regie: Alexander Schulin, Bühne: Christoph Sehl, Kostüme: Ursina Zürcher, Licht: Stefan Woinke
Dramaturgie: Margrit Poremba
Dirigent: Jochem Hochstenbach, Badische Staatskapelle und Badischer Staatsopernchor
Choreinstudierung: Ulrich Wagner
Solisten: Barbara Dobrzanska (Amalia), Konstantin Gorny (Massimiliano/Moser), Keith Ikaia-Purdy (Carlo/Rolla), Stefan Stoll (Francesco), Klaus Schneider (Arminio)
Besuchte Aufführung: 30. Januar 2010 (Premiere)

Kurzinhalt
karlsruhe-rauber.jpgCarlo Moor, der älteste Sohn des Grafen Massimiliano, ist nach einem Streit mit seinem Vater im wahrsten Wortsinne unter die Räuber gefallen. Noch hofft er auf eine Versöhnung mit ihm, doch sein Bruder Francesco läßt ihm eine gefälschte Nachricht im Namen des Vaters zukommen, und Carlo wird in seiner Enttäuschung zum Räuberhauptmann. Francesco muß nun nur noch den Vater aus dem Weg räumen, dann ist er endlich an der Macht. Er spielt Amalia, der Geliebten Carlos, und dem Vater die Nachricht über den vermeintlichen Tod Carlos zu und will Amalia zu seiner Maitresse machen.
Sie flieht und gerät in die Fänge der Räuber, so daß die Intrige Francescos durchschaut wird und Carlo auf Rache sinnt. Da Carlo durch seinen Schwur auf ewig an die Räuber gebunden ist, er Amalia aber ein Leben unter den Gesetzlosen nicht zumuten will, tötet er sie und stellt sich der Justiz.
Aufführung
Sobald sich der mit einem Waldmotiv bedruckte Vorhang hebt, gibt er den Blick auf ein Haus mit drei Räumen frei: Ein hohes blaues Zimmer für den Vater, eines mit vielen Pflanzen versehenes grünes Zimmer für Carlo und ein rosa erscheinendes Kinderzimmer für Francesco. Im Zentrum steht die räumliche und auch psychische Distanz der drei männlichen Protagonisten. Die Sänger des Carlo und des Massimiliano treten noch in je einer anderen Rolle auf, was einen bestimmten Aspekt in ihren Hauptpartien unterstreichen soll: Carlo ist zugleich auch Rolla und wird so zum Kämpfer, der nach Harmonie strebt; Massimiliano, als Vater scheiternd, wird als Pater Moser zum liebenden Übervater.
Sänger und Orchester
Barbara Dobrzanska war der unbestrittene Star des Abends. In der Rolle der Amalia wurde ihrer Stimme viel abverlangt, zumal der Part sich fast ausschließlich im oberen Register bewegt. In der Intonation sicher meisterte sie alle Sprünge brillant und glänzte mit ihrem perlenden Sopran, was sie nicht nur in Carlo vive? – Carlo lebt? bewies. Eine Überraschung war Konstantin Gorny in der Doppelrolle Massimiliano/Pater Moser. Das samtig-weiche Timbre seines dunklen Basses korrespondierte harmonisch mit den übrigen Akteuren, verlieh seiner väterlichen Gestalt aber leider nicht immer den nötigen Nachdruck. Schauspielerisch glänzte vor allem Stefan Stoll (Francesco), der auch stimmlich eine überzeugende Leistung bot: Daß er intriganter Sohn und reuiger Sünder in einem ist, spiegelte sich in seinem sonoren Bariton wider, mit dem er seine Rolle angemessen interpretierte. Ein wenig rätseln läßt hingegen Keith Ikaia-Purdy (Carlo/Rolla), dessen prächtiger Tenor im Ensemble voluminös und durchdringend, im Solo, besonders bei O mio castel paterno – Oh Schloß meines Vaters, hingegen angestrengt-gepreßt erklang.
Lobenswert war die Leistung des Chores, der rhythmisch immer sicher agierte. Ein zuverlässiges Fundament für die Solisten bildete das Orchester unter der Leitung von Jochem Hochstenbach. Klar artikulierend und klangfarbig differenziert präsentierte es sich von seiner besten Seite, wenn auch zu Beginn etwas schwerfällig.
Fazit
I Masnadieri ist bestimmt nicht eine der stärksten Opern aus der Feder Verdis. Musikalisch war der Abend ein großer Erfolg, auch wenn der dramatische Spannungsbogen manchmal zu brechen drohte. Dies lag nicht zuletzt an der Inszenierung, die die Problematik der Partitur mehr zum eigenen Vorteil hätte nutzen können. Dementsprechend geriet die Oper szenisch zeitweise langatmig und handlungsarm. Bedauernswerterweise wußte die Regie gerade mit dem Chor der Räuber nicht besonders viel anzufangen, so daß dieser neben den in den Vordergrund gerückten Konflikten der drei Adligen oft deplaziert erschien.
Isabell Seider

Bild: Jaqueline Krause-Burberg
Das Bild zeigt v. l.: Barbara Dobrzanska (Amalia), Konstantin Gorny (Massimiliano/Moser), Stefan Stoll (Francesco), Klaus Schneider (Arminio)

2. Februar 2010

Darmstadt, Staatstheater

Artikel Kategorie: Darmstadt, Staatstheater, Opern

Gisei – Das Opfer
von Carl Orff (1895-1982), Musikdrama vom Komponisten, frei nach dem japanischen Drama Terakoya von Takeda Izumo (Regie, Dirigent, Chor und Orchester, UA s. unten.)
Solisten: Aki Hashimoto (Kwan Shusai und Kotaro), Andreas Daum (Matsuo), Oleksandr Prytolyuk (Genzo), Susanne Serfling (Tonami), Anja Vincken (Chiyo), Sven Ehrke (Gemba)

De temporum fine comoedia – Das Spiel vom Ende der Zeiten

Musik und Text von Carl Orff, UA: 20. August 1973, Salzburger Festspiele
Regie: John Dew, Bühne: Heinz Balthes, Kostüme: José-Manuel Vázquez
Choreographische Mitarbeit: Mei Hong Lin
Dirigent: Constantin Trinks, Staatsorchester Darmstadt, Chor, Kinderchor und Extrachor, Chor des Musikvereins Darmstadt, Choreinstudierung: André Weiss
Solisten: Susanne Serfling, Katrin Gerstenberger, Anja Vincken, Aki Hashimoto, Niina Keitel, Gundula Schulte, Margaret Rose Koenn, Yun Jeong Cho, Elisabeth Hornung (Die Sybillen), Lucian Krasznec, Sven Ehrke, Jeffrey Treganza, Oleksandr Prytolyuk, David Pichlmaier, Malte Godglück, Andreas Daum, John In Eichen, Thomas Mehnert (Die Anachoreten), Thomas Mehnert (Der Chorführer), Andreas Daum (Lucifer), Elisabeth Hornung (Alt-Solo), Lucian Krasznec (Tenor-Solo)
Besuchte Aufführung: 30. Januar 2010 (De temporum fine comoedia (Premiere), Gisei (Uraufführung)

Gisei
Kurzinhalt
darmstadt-gisei.jpgMatsuo und Chiyo beklagen das Schicksal ihres Kindes. Chiyo bringt ihren Sohn Kotaro zu Lehrer Genzo in die Dorfschule. Dieser bemerkt sofort die erstaunliche Ähnlichkeit Kotaros mit seinem eigenen Sohn Kwan Shusai, der allerdings nicht sein leibliches Kind ist, sondern der Sohn des ermordeten Kanzlers. Die Gefolgsleute des neuen Kanzlers, Gemba und Matsuo, wissen über Kwan Shusai Bescheid und verlangen seinen Kopf. Um seinen Ziehsohn zu schützen, übergibt Genzo den Gesandten den Kopf Kotaros. Als Chiyo ihren Sohn abholen will, will Genzo sie erschlagen, doch es stellt sich heraus, daß sie den Tod ihres Sohnes vorausgesehen hat. Sie brachte ihn zu Genzo, um ihn zu opfern. Sie und ihr Mann nehmen Abschied von ihrem Kind, Chiyo stirbt.

De temporum fine comoedia
Kurzinhalt
Die Sybillen verkünden das Ende der Welt. Ihren negativen Verkündigungen setzen die Anachoreten, Einsiedler der Wüste, ihre Ansicht entgegen: Niemand wird für seine Taten bestraft, niemand für ewig verdammt. Der Himmel ist eingestürzt, die Sonne verschwunden und die letzten Menschen bitten Gott um das Ende. Das Weltgericht bleibt aus.
Aufführung
Gisei wird traditionell inszeniert: Eine Wand aus Reispapier, ein Kirschbaum darauf gemalt, ein rotes Geländer. Die Uraufführung von Carl Orffs Jugendwerk wird vom Darmstädter Intendanten John Dew bewußt schlicht gehalten. Die Sänger treten auf in weiten Gewändern, mit weiß geschminkten Gesichtern, ruhigen und bedachten Bewegungen, was alles stark an die traditionelle japanische Schauspielkunst erinnert.
De temporum fine comoedia (Zweites Stück des Abends)
Die Bühne ist leer. Eine blaue, durchsichtige Leinwand läßt den Blick auf die Sängerinnen frei, welche dann beim zweiten Werkabschnitt, dem der Anachoreten, gelüftet wird. Nun stehen Masken und Totempfähle auf der Bühne. Zum finalen Teil sieht man die Bühne ohne jegliche Kulisse. Die letzten Menschen erscheinen in Alltagskleidung. Lucifer versinkt am Ende in der rotglühenden Hölle unterhalb der Bühne.
Sänger und Orchester
Oleksandr Prytolyuk (Genzo) war die Verzweiflung über das drohende Schicksal seines Sohnes anzusehen. Er bot eine vollkommen glaubwürdige schauspielerische Leistung. Gesanglich ragte er aus dem Ensemble heraus, wie auch Andreas Daum (Matsuo), der seine Baßpartie hervorragend sang. Eine der emotionalsten Partien des Abends bot Anja Vincken (Chiyo). Ihr Schmerz über den Verlust des einzigen Kindes war in jedem Ton zu spüren, wobei sie ihre Stimme immer klar und weich einsetzte und nie aus der erforderten, typisch japanischen Zurückhaltung ausbrach. Die Masse des erweiterten Chores und das mit Schlagwerk aufgestockte Orchester klangen im Zuschauerraum gewaltig. Der Abend begann mit einem dunklen, tiefen Grollen, das das Darmstädter Staatsorchester unter Constantin Trinks schaurig aus dem leisesten Pianissimo auftauchen ließ. Derlei akustische Feinheiten, mit dem Augenmerk auf Akzentuation und den für den Komponisten charakteristischen perkussiven Elementen, zogen sich durch die gesamte Aufführung. Die Musiker setzten die rhythmischen Vorstellungen Orffs gekonnt um. Den Abschluß von De temporum fine comoedia bildete die Einspielung des Violinkanons aus der 1973er Uraufführung unter Leitung von Herbert von Karajan.
Fazit
Die Uraufführung des Werks eines verstorbenen Komponisten ist eine große Herausforderung an das gesamte Ensemble und die Spielleitung. John Dew und Constantin Trinks zeigten mit ihrer Umsetzung ein gutes Gespür für die Ideen Orffs, dessen Werke seit einiger Zeit in Darmstadt als Reihe aufgeführt werden. Zum Ende hielt es das Publikum im fast ausverkauften Haus nicht mehr auf den Sitzen: Starker Applaus und laute Bravorufe.

Sophia Krüger

Bild: Barbara Aumüller
Das Bild zeigt Andreas Daum (Matsuo) und Anja Vincken (Chiyo)

2. Februar 2010

Chemnitz, Oper - DER SCHMIED VON GENT

Artikel Kategorie: Chemnitz, Städtisches Theater, Opern

von Franz Schreker (1878-1934), Große Zauberoper in 3 Akten, Nach de Costers Smetse Smee aus den vlämischen Mären, UA: 29. Oktober 1932, Berlin
Regie: Ansgar Weigner, Bühne: Siegfried E. Mayer, Kostüme: Claudia Möbius
Dirigent: Frank Beermann, Robert-Schumann-Philharmonie, Chor und Kinderchor der Oper Chemnitz
Solisten: Oliver Zwarg (Smee), Undine Dreißig (Smees Frau), Edward Randall (Slimbroek), André Riemer (Flipke), Martin Gäbler (Herzog Alba), Judith Kuhn (Astarte), Viktor Sawaley (Henker Jakob Hessels, Zweiter Adliger), Martin Gäbler (Erster Adliger), Thomas Mäthger (Dritter Adliger), Matthias Winter (Josef), Anna Erxleben (Maria), Kouta Räsänen (Petrus) u. a.
Besuchte Aufführung: 30. Januar 2010 (Premiere)

Kurzinhalt
chemnitz-schmid-von-gent.jpgSmee betreibt eine Schmiede in Gent zur Zeit des 80jährigen Krieges. Die Geschäfte laufen ausgezeichnet, da er auch für die spanischen Besatzer arbeitet, insgeheim jedoch Spottlieder auf diese singt. Sein Widersacher Slimbroek jedoch sabotiert und denunziert Smee, so daß jener gezwungen ist, seine Schmiede zu schließen. Als Smee daraufhin seinem Leben ein Ende bereiten will, schlagen ihm drei Stimmen im Auftrag des Teufels einen Pakt vor, der ihm sieben Jahre Wohlstand verheißt. Der Schmied unterschreibt das Teufelbündnis, und er wird reicher als je zuvor. Zum Dank der Aufnahme der heiligen Familie werden Smee drei Wünsche gewährt. Mit ihnen überlistet der Schmied die drei Teufelsabgesandten. Es gelingt ihm zwar, den Höllenpakt zu zerreißen, der Teufel läßt jedoch seine Schmiede zur Hölle fahren. Der Schmied stirbt darauf und gelangt zum Höllentor. Dort wird er verjagt und über eine Leiter erreicht er die Pforte des Paradieses. Nach Abwägung seiner Taten erhält er schließlich Einlaß.
Vorbemerkung
Mit Schrekers letzter vollendeter Oper wurde seit 1921 erstmalig wieder in Chemnitz ein Bühnenwerk des Komponisten gezeigt. Damit ist die Chemnitzer Inszenierung, nach den Aufführungen der Berliner Staatsoper und den Bielefelder Bühnen, die dritte Produktion der Komposition seit der NS-Zeit. Dem Umstand der Rarität geschuldet wurde die Aufführung Live übertragen und für CD (Label cpo) mitgeschnitten.
Aufführung
In der Inszenierung deuten in den einzelnen Szenen ein überdimensionaler Tastenbelag auf dem Boden und riesige, teils bewegliche Elemente, Teile eines Flügels an, der im ersten Akt mit Feuerstellen als Schmiede, im zweiten Akt als umzäunte Rasenfläche und im letzten Akt als Wolkenhimmel zum Einsatz kommt. Mit diesen Versatzstücken, wie auch mit einer Einblendung eines Familienbildes Schrekers, soll eine Verschränkung der Handlung mit der kompositorischen Tätigkeit des Komponisten erzielt werden. Dazu verläßt der Schmied auch immer wieder die Handlungsebene und tritt auf die Vorbühne, um als Komponist an der Partitur zu arbeiten oder dirigierende Anweisungen zu geben.
Sänger und Orchester
Baßbariton Oliver Zwarg (Smee) versteht es, die Aufmerksamkeit mit großer Bühnenpräsenz auf sich zu ziehen. Sein Nun bin ich gerächt im 1. Akt läßt sein sattes Stimmvolumen erdiger Tonlagen erahnen, das sich im Schöne Bäum‘ draußen am Kai und in der der Pflaumenarie des zweiten Aktes mit lyrisch-dramatischer Stimmdynamik paart. Mit Tenor Edward Randall als Slimbroek steht ihm ein stimmlich veritabler Gegenspieler zur Seite, der mit klarer Diktion und gekonnt überzeichneten Phrasierungen aufwartet. Mit dem geschmeidigem Timbre ihrer dunklen Stimmfärbung besticht Mezzosopranistin Undine Dreißig (Smees Frau), insbesondere im Will gern für ihn bitten des dritten Aktes. Judith Kuhn gibt mit dem Ich bin die Stimme im dritten Akt zudem eine stimmverführerische Astarte ersten Ranges mit der glitzernd tranquilierenden Strahlkraft ihres Soprans. Hervorzuheben seien auch die Leistungen der übrigen Sänger, die den Grundton der soliden Besetzung des Stückes unterstreichen. Der glänzend eingestimmte Chor läßt zudem die Luft, wie beim Dirredomdeine des ersten Aktes mit impulsiver Stimmdynamik förmlich knistern. Die im Blech aufblitzend musizierende Robert-Schumann-Philharmonie unter Frank Beermann schafft dazu einen Klangboden, auf dem sich die Sänger voll entfalten können.
Fazit
Die Verschränkung der Opernhandlung mit angedeuteten Phasen aus Schrekers Leben und Schaffensprozeß gelingt auf Grund der teilweise zu stark vordergründig geratenen Versuche nicht. Im Gegenteil: Das Hervortreten und Herumfuchteln des Schmieds als Komponist stört die geschlossene Handlung. Dies wird insbesondere am Schluß deutlich, wenn Smee die Himmelsstiege nach dem Aufstieg wieder verläßt und als unerlöster Komponist in der Ecke kauert. Zudem zünden von Schreker bewußt revueartig eingeflochtene Szenen auf Grund zu starker Überzeichnung nur gelinde und kippen ins Gegenteil, wie etwa in der Begegnung mit der heiligen Familie. Trotz der zu verzeichnenden musikalischen Kürzungen bleibt so vor allem das hohe Niveau der Sänger und des Orchesters hervorzuheben.
Dr. Andreas Gerth

Bild: Dieter Wuschanski
Das Bild zeigt: Oliver Zwarg (Smee) und Undine Dreißig (Smees Frau)

2. Februar 2010

Hannover, Staatsoper - MACBETH

Artikel Kategorie: Hannover, Staatsoper, Opern

von Giuseppe Verdi (1813-1901), Oper in vier Akten, Libretto: G. Verdi, Francesco Maria Piave und Andrea Maffei nach The Tragedy of Macbeth (1606) von William Shakespeare, UA: 21. April 1865, Paris, Théâtre-Lyrique, (Zweitfassung)
Regie: Frank Hilbrich, Bühne: Volker Thiele, Kostüm: Olaf Habelmann, Licht: Elana Siberski, Dramaturgie: Sylvia Roth
Dirigent: Lutz de Veer, Niedersächsisches Staatsorchester, Staatsoperchor Hannover, Einstudierung: Dan Ratiu
Brian Davis (Macbeth), Brigitte Hahn (Lady Macbeth), Shavleg Armasi (Banco), Latchezar Pravtchev (Macduff), Ivan Turšić (Malcolm), Anke Briegel (Kammerfrau), Young Myoung Kwon (Kammerherr), Peter Weidemann (König Duncan)
Besuchte Aufführung: 30. Januar 2010 (Premiere)

Kurzinhalt
hannover-macbeth.jpgHexen prophezeien Macbeth, daß er Than von Cawdor sowie König von Schottland werden wird, Banco aber wird der Vater von Königen sein. Macbeth erreicht nach einer Schlacht die Nachricht, daß er tatsächlich zum neuen Than von Cawdor ernannt worden sei. Mit diesem schnellen Aufstieg ist der Ehrgeiz des Ehepaares Macbeth bis zum äußersten aufgestachelt, auch nach der Königswürde zu greifen. Macbeth ersticht König Duncan im Schlaf, um danach selbst gekrönt zu werden, und Macbeth läßt Banco ermorden. Dessen Sohn entkommt. Lady Macbeth wird wahnsinnig und stirbt, Macbeth wird bei einer Revolte umgebracht.
Aufführung
Der Vorhang ist geöffnet, die Bühne ist weiß. Ein Schattenspiel wird an die Wand geworfen. Macbeth umarmt seine schwangere Frau. Dieses Bild wird von den von hinten herannahenden Hexen, viele wild und bunt bekleidet, manche fast nackt, zerrissen. Beim Abendessen am weiß gedeckten Tisch fällt die Entscheidung, König Duncan zu ermorden. Nach der Bluttat entschwebt das weiße Bühnenbild nach oben und gibt den Blick frei auf schwarze Vorhänge. Ein Horrorkabinett öffnet sich im hinteren Teil der Bühne, Teile von Menschen hängen an Stahlgerüsten herab und Leichensäcke liegen auf der Bühne. Als die Lobeshymne für den rechtmäßigen König angestimmt wird, geht die Leichenfledderei, die schon zuvor zu sehen war, weiter und Tumult bricht aus.
Sänger und Orchester
Die beiden Hauptrollen werden von Brian Davis (Macbeth) und Brigitte Hahn (Lady Macbeth) gesungen. Davis singt mit kräftiger, eindringlicher Stimme und füllt seine Rolle vor allem darstellerisch aus. Manchmal gerät er allerdings so in Ekstase, daß vor lauter Schauspielerei sein Gesang fast zur Nebensache wird. Der fortschreitende Wahnsinn wird mindestens ebenso gut von Brigitte Hahn darstellerisch und auch gesanglich umgesetzt. Mit eindringlichem Sprechgesang beginnt sie die Briefszene, in der sie die Koloraturen und Spitzentöne einwandfrei zu singen vermag, und auch hohe Einsätze in ihrer Partie bereiten ihr keine Probleme.
Beide Hauptdarsteller werden allerdings noch überragt von Shavleg Armasi (Banco). Sein Baß erfüllt die Szene voll und ganz, zeichnet sich durch ein angenehmes Timbre und durch ein tiefes, vollklingendes Vibrato aus. Die Rolle als liebevoller Vater spielt er hinreißend, z.B. wenn er mit seinem kleinen Sohn und Macbeth „Mensch ärgere dich nicht“ spielt. Latchezar Pravtchev (Macduff) singt ebenfalls wohlklingend und kann auch darstellerisch überzeugen.
Das Orchester unter der Leitung von Lutz de Veer gab Verdis Musik die nötige fahle, düstere Farbe und bereitete den Sängern und Sängerinnen einen gut durchdachten und dynamisch fein abgestimmten Klangteppich. Besondere Erwähnung muß der Staatsopernchor finden. Der extreme Körpereinsatz, wenn auch bisweilen schon fast übertrieben, aber sicher vom Regisseur genau so gewollt, hindert die Sängerinnen und Sänger nicht daran, eine klangliche Einheit zu finden.
Fazit
Auch wenn manches ein wenig überzogen daherkommt – immer wieder werden z.B. Plakate und Bilder des Königs zerrissen und große und kleine Puppen in ihre Einzelteile zerlegt – , so ist die Grundeinstellung der Inszenierung doch immer zu erkennen: Es geht um die zunehmende seelische Erstarrung der Hauptcharaktere und den völligen Verfall aller menschlichen Werte. Regisseur Frank Hilbrich bedient sich hierfür einfacher, aber zugleich klarer Mittel, nämlich der Farbsymbolik von Weiß und Schwarz. Warum die Hexen teilweise ihre Brüste und Hintern entblößen müssen, ob sich dahinter irgendein tieferer Sinn verbirgt, bleibt der Rezensentin jedoch ein Rätsel. Fast wird man von dem vielen Tumult und Chaos auf der Bühne vom Wesentlichen abgelenkt: der Musik. Aber nur fast, da die sängerischen Leistungen und auch das Orchester an diesem Abend glanzvoll sind und somit die Produktion zuallererst zu einem musikalischen Genuß machen, die jedem wärmstens zu empfehlen ist.

Katharina Rupprich

Bild: Jörg Landsberg
Das Bild zeigt: Brian Davis (Macbeth) und Brigitte Hahn (Lady Macbeth)