Kölner Philharmonie – Konzert Wiener Philharmoniker

Wiener Philharmoniker

Dirigent: Yannick Nézet-Séguin

Anton Webern (1883-1945): Passacaglia Op. 1, Anton Bruckner (1824-1896): Sinfonie Nr. 9 d-Moll

Konzertbesuch: 11. Juni 2016

Köln wiener-philharmonikerVorbemerkung

Es läßt sich heute schwerlich ein Orchester denken, dessen Namen einen noch legendäreren Klang hätte als die Wiener Philharmoniker. Gewiß, der Name Celibidache ist heute noch verbunden mit den Münchner Philharmonikern, der Name Karajan mit den Berliner Philharmonikern. Die Glanzzeit dieser Orchester war jedoch so eng mit dem Namen ihrer Chefdirigenten gekoppelt, daß mit deren Weggang sofort eine Neubewertung einsetzte, die das Bild dieser Orchester zu verändern begann.

Nicht so die Wiener Philharmoniker: sie haben keinen Chefdirigenten und hatten auch nie einen, sie wählen sich jedes Jahr verschiedene Gastdirigenten für ihre Konzerte und Tourneen. Von ihrer Gründung im Jahr 1842 bis 1933 waren das (abgesehen von 1903-1908) sogenannte Abonnementdirigenten, die für eine Saison alle Abonnementkonzerte zu dirigieren hatten. Das konnte auch schon mal für ein paar Jahre ein und derselbe sein, wie etwa Hans Richter (1883-1898), Gustav Mahler (1898-1901), Felix Weingartner (1908-1927), Wilhelm Furtwängler (1927-1930) und Clemens Krauss (1930-1933). Seit 1933 wechseln die Dirigenten stärker.

Die Wiener Philharmoniker sind als privater Verein organisiert, der sich seit seiner Gründung aus Mitgliedern des Orchesters der Wiener Staatsoper zusammensetzt. Jeder Musiker, der Mitglied der Philharmoniker werden möchte, muß vor Beantragung der Mitgliedschaft mindestens drei Jahre im Staatsopernorchester gespielt haben. Die langjährige Weigerung des Orchesters, auch Frauen aufzunehmen, trug mit zu ihrem legendären Ruf, ein‘ feste Burg der Tradition in einer sich immer stärker und schneller wandelnden Konzertlandschaft darzustellen.

Ein Gutes hat diese Traditionsbewußteste dieses Orchesters, die sonst (gerade in der Gender-Debatte) in der Öffentlichkeit manchmal leicht mit dem gesellschaftspolitischen Ideal der political correctness zu kollidieren droht: sie pflegen nach wie vor den sogenannten Wiener Klangstil, welcher in Bläsern und Schlagwerk viele instrumententechnische Neuerungen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die auf leichtere Spielbarkeit und größeres Klangvolumen abzielten, ignorieren zugunsten eines farbigeren Klangs. Aus diesem Grund sind auch Pauken und Trommeln mit Ziegenfellen bespannt, statt wie heute allgemein üblich mit Kunststoff.

Das Programm

Am Abend des 11. Juni 2016 wurden die Wiener Philharmoniker vom Kanadier Yannick Nézet-Séguin (*1975) dirigiert, Musikdirektor und Chefdirigent von vier weiteren Orchestern: des Philadelphia Orchestra, des Rotterdams Philharmonisch Orkest und des kanadischen Orchestre Métropolitain.

Nézet-Séguin dirigierte die beiden anspruchsvollen Werke des Abends, Weberns Orchesterpassacaglia und Bruckners 9. Sinfonie, auswendig. Es gab keine Pause, was angesichts der Kürze der Passacaglia (etwa 10 min) und der Länge der Sinfonie (ca. 60 min) auch gar nicht gegangen wäre.

Obwohl Bruckners letztes Werk den Abend deutlich dominierte, konnte sich Weberns Opus 1 durchaus behaupten. Ähnlich der Klaviersonate seines Freunds und Mitstudenten Alban Berg schrieb Webern seine Orchesterpassacaglia zum Abschluß seines Kompositionsstudiums bei Arnold Schönberg (1874-1951). Wahrscheinlich entstand das Werk im Frühjahr 1908, denn im Sommer war Webern als Dirigent des Kurorchesters von Bad Ischl beschäftigt und komponierte in seiner Freizeit an der Vertonung des Schauspiels Alladine et Palomides von Maurice Maeterlinck (1862-1949), die er allerdings nicht zum Abschluß brachte.

In der Passacaglia findet sich jene für alle Werke der Zweiten Wiener Schule typische Verbindung von hochexpressiver, weitschrittiger Melodik, komplexer, polyphoner Satztechnik und progressiver, tonalitätssprengender Harmonik. Es ist weniger die letzte dieser drei Eigenschaften als die ersten beiden, welche auch den heutigen Zuhörer noch vor Herausforderungen stellen.

Weberns erstes von ihm als vollgültig anerkanntes Werk steht noch in d-Moll, stellt diese Tonart aber immer wieder u.a. durch den Einsatz von Ganztonleitern in Frage. Was dieses Werk auch heute noch zum meistaufgeführten und erfolgreichsten des Komponisten macht, ist die Tatsache, daß seine Expressivität noch stark nach außen gerichtet ist. Spätestens ab den fünf Sätzen für Streichquartett Opus 5 richtet Webern den Fokus nach innen und strebt eine radikale Reduzierung der musikalischen Mittel an. Zwar ist auch in der Passacaglia schon die Tendenz zur kammermusikalischen Behandlung des großen Orchesterapparats zu bemerken (worin ihm u.a. Pierre Boulez später gefolgt ist), trotzdem dominiert noch spätromantischer Ausdruck mit seinen Steigerungswellen und auf Kontrasten beruhende Architektur.

Die Neunte Sinfonie von Anton Bruckner wirkte an diesem Abend wie das Komplementärstück zu diesem dicht gearbeiteten, fein gesponnenen, differenzierten Klangstück. Bruckners Sinfonien haben alle einen Zug ins Monumentale, und obwohl auch Bruckner ein Meister des Kontrapunkts und der polyphonen Satztechnik war, so setzte er doch nicht auf das Mittel der „entwickelnden Variation“ von Brahms, die bei Schönberg und seinen Schülern zum Verzicht jeder wörtlichen Wiederholung führen sollte.

Bruckner begann zwar mit seiner letzten Sinfonie bereits 1887, unmittelbar nach Beendigung der ersten Fassung seiner 8. Sinfonie, doch die Ablehnung des Dirigenten Hermann Lévi führte den Komponisten zu einer tiefgreifenden Umarbeitung dieses Werks, die sich bis 1890 hinzog. Zeitgleich unterzog er auch noch seine 1., 3. und 4. Sinfonie, sowie die f-Moll Messe weiteren Revisionen, was die Fertigstellung des ersten Satzes bis Dezember 1893 verzögerte. Dazu kamen noch Kompositionsaufträge für zwei großbesetzte Orchesterwerke mit Chor, Helgoland und der 150. Psalm im Jahr 1892 und 1893, was den Entstehungsprozeß der Neunten Sinfonie weiter verlangsamte. Das wie in der Achten Sinfonie an zweite Stelle gerückte Scherzo konnte Bruckner im Februar 1894 abschließen, das Adagio schließlich im November desselben Jahres.

Zu dieser Zeit war Bruckner bereits krank. Seit 1892 litt er an Herzschwäche, chronischem Nierenversagen, Atemnot und Wassersucht. Als er am 11. Oktober 1896 schließlich der Krankheit erliegt, ist das Finale zwar bereits weit gediehen (Exposition fertig instrumentiert, der Rest in Skizzen und Particell (Partiturskizze)), jedoch noch nicht vollendet und lückenhaft überliefert. Es gibt einige Rekonstruktionen des Finalsatzes, durchgesetzt in der Aufführungspraxis hat sich jedoch die Beschränkung auf die ersten drei Sätze.

Musikalisch knüpft Bruckner sowohl im Ausdruck als auch in der Architektur an seine vorherigen Sinfonien an, geht jedoch dann so eigenständige Wege, daß dieses Werk singulär in seinem Schaffen dasteht. Da ist einmal die schroffe, modern anmutende Harmonik, die teilweise schon über Wagner hinausgeht und in ihrer Kühnheit erst vom späten Mahler wieder erreicht wurde. Vom Klang her gibt es manchmal interessante Parallelen zu gleichzeitig entstandenen Werken von Richard Strauss, die Bruckner aber nicht mehr gekannt hatte, wie auch Strauss Bruckners letzte Sinfonie damals unbekannt gewesen sein muß (sie wurde erst am 11. Februar 1903 uraufgeführt).

Auch in der Form geht Bruckner neue Wege und führt etwa den Beginn des ersten Satzes in einem langen Entwicklungsprozeß erst hin zum Hauptthema. Die Verknüpfung von Sonatenhauptsatzform und Liedform im langsamen Satz ist ebenfalls einzigartig, wie auch das zwischen Zwielichtigkeit, zartem Tanz und brutalem Stampfen pendelnde Scherzo. Die Dimensionen sind weiter gespannt als in jeder Bruckner-Sinfonie vorher und hätten mit vollendetem Finale möglicherweise sogar die gewaltige Achte übertroffen.

Aufführung

Yannick Nézet-Séguin dirigierte diese beiden formal so gegensätzlichen, sich in ihrem expressivem Ausdruck dann doch wieder begegnenden Werke mit großer Energie und Elan, wenn auch etwas überambitionert wirkender Gestik. In der Passacaglia mit ihrer starken inneren Bewegung und kleingliedrigeren Form störte das nicht, bei Bruckners Neunten fehlte es jedoch deutlich an innerer Ruhe. Diese hätte auch der Passacaglia gut getan, wie die legendäre Karajan-Aufnahme aus dem Jahr 1974 beweist. In Nézet-Séguins raschem Tempo verwischten sich dann doch einige Harmoniewechsel.

Der Grund, warum beide Werke nicht so richtig packen und mitreißen konnten trotz vieler klanglich außergewöhnlich schön geratener Stellen, war das nicht ganz präzise Timing des Dirigenten. Bei den groß angelegten Steigerungswellen der Bruckner-Sinfonie zog er regelmäßig das Tempo an und beraubte sie dadurch ihrer zwingenden Folgerichtigkeit, die sich nur bei präzisem Timing und stabilem Tempo einstellt. Auch Bruckners Generalpausen waren ihres musikalischen Sinnes entkleidet, da der damit verbundene Bruch klanglich nicht mitvollzogen wurde.

Ein Glanzlicht des Abends war jedoch der Klang der Wiener Philharmoniker, der in dieser Satt- und Samtheit wohl von keinem anderen Orchester der Welt erreicht wird. Hier zahlt es sich aus, daß die Bläser kaum vibrieren (die Hornquint am Ende der Bruckner-Sinfonie hört man selten in dieser Klarheit und Stabilität!) und die alteingesessenen Streicher ihre jüngeren Kollegen in die Geheimnisse des Wiener Klangstils einführen. Besonders der Streicherapparat dieses Orchester besitzt die seltene Fähigkeit, durch leicht unterschiedliches Vibrato und Intonation einen individuellen, lebendigen, jedoch immer noch sauber wirkenden Klang zu erzeugen.

Besonders gut zur Geltung kam dies im langsamen Satz der Bruckner-Symphonie, wo die Geigen die Eröffnung des Hauptthemas alleine bestreiten. Dieser Beginn war eine wahre Offenbarung und eine Sternstunde dieses Abends! Sie wurde nur durch die Wiederholung des Beginns ab Takt 77 übertroffen.

Für Werke mit solchen Ausdrucksextremen wie den an diesem Abend gehörten wirkte der Klang manchmal fast eine Spur zu schön. Selbst die schroffen Sekundreibungen im Scherzo der Sinfonie oder die erschütternden, apokalyptischen Höhepunkte im Adagio waren noch in eine dämpfende Aura des Wohlklangs gehüllt. Hier, und auch bei den manchmal zu geringen dynamischen Kontrasten, drängte sich manchmal der Eindruck einer zu kurzen Probezeit auf.

Fazit

Es war ein musikalischer Hochgenuß, ein Orchester mit dieser Qualität zu hören, sowohl was Klang als auch Intonationssicherheit betraf. Der Dirigent Yannick Nézet-Séguin lieferte eine solide Leistung ab, vermochte jedoch nicht tiefer in die gehörten Werke einzudringen. Durch sein auswendiges Dirigieren zeigte er eine große Beherrschung der Materie und des Handwerks, in der Wiedergabe der Werke große Leidenschaft und Energie. Das manchmal instabile Tempo und unsichere Timing verhinderten leider eine durchdringende Wirkung dieser Qualitäten.

In seiner Gesamtheit geriet der Abend daher zu einem durchwachsenen Erlebnis, wo sich tief berührende und erhebende Momente mit solchen der Unerfülltheit und Unbefriedigtheit mischten. Ein Klang, der für sich genommen selten gehörte Qualitäten hat, jedoch nicht so ganz zu den dargebotenen Werken paßt und auch noch mit einer eher oberflächlichen Interpretation kombiniert ist, kann ein über einstündiges Konzert dann doch nicht alleine tragen.

Philipp Kronbichler

Bild: Wikipedia

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Turandot (G. Puccini)
Musikalische Leitung: Axel Kober / Wen-Pin Chien, Inszenierung: Huan-Hsiung Li, Turandot: Linda Watson, Altoum: Bruce Rankin, Timur: Sami Luttinen, Kalaf: Zoran Todorovich, Liù: Brigitta Kele, Ping: Bogdan Baciu, Pang: Florian Simson, Pong: Cornel Frey, Mandarin: Daniel Djambazian, Prinz von Persien: Hubert Walawski, Tänzerin: Yi-An Chen