CANDIDE – Hannover, Staatsoper

von Leonard Bernstein (1918-1990), Comic Operetta in zwei Akten – Scottish Opera Version (1956/1988), Libretto: Hugh Wheeler Candide oder der Optimismus, Roman von Voltaire, Libretto: Richard Wilbur/Stephen Sondheim/John Latouche/Lillian Hellmann/Dorothy Parker/Leonard Bernstein, deutsche Dialoge: Stephan Kopf/Zelma/Michael Millard, UA: 1. Dezember 1956 New York, Martin Beck Theatre

Regie: Matthias Davids, Bühne & Video: Mathias Fischer-Dieskau, Kostüme: Susanne Hubrich, Licht: Susanne Reinhard

Dirigentin: Karen Kamensek, Niedersächsisches Staatsorchester Hannover und Chor, Choreinstudierung: Dan Ratiu

Solisten: Frank Schneiders (Voltaire, Pangloss, Cacambo, Martin), Sung-Keun Park (Candide), Ania Vegry (Cunegonde), Carmen Fuggiss (Paquette), Christopher Tonkin (Maximilian), Diane Pilcher (alte Lady), Daniel Drewes (Schauspieler), Jan Viethen (Schauspieler) u.a.

Besuchte Aufführung: 24. Oktober 2015 (Premiere)

Hannover_candideKurzinhalt

Candide wächst als illegitimer Neffe des Barons von Thunder-Ten-Tronckh zusammen mit dessen Kindern Cunegonde und Maximilian in Westphalia auf, alle drei werden von Doktor Pangloss unterrichtet. Candide und Cunegonde beobachten Pangloss und das Hausmädchen Paquette beim Geschlechtsakt und werden beim naiven Nachstellen erwischt. Candide wird daraufhin verstoßen und schließt sich der bulgarischen Armee an. Diese führt Krieg in Westphalia, wo Candide Pangloss wieder trifft und mit ihm nach Lissabon aufbricht. Dort wird Pangloss als Ketzer gehenkt und Candide reist weiter nach Paris, wo er zufällig der totgeglaubten Cunegonde begegnet. Mit Hilfe einer alten Lady fliehen die beiden nach Südamerika, wo sie sich wieder aus den Augen verlieren. Mit Cacambos Hilfe wird ein Wiedersehen in Venedig arrangiert. Bei diesem stellen Candide und Cunegonde fest, daß sie sich nicht mehr lieben wie früher, beschließen aber trotzdem gemeinsam alt zu werden.

Aufführung

Das Orchester sitzt nicht im Bühnengraben, sondern auf der Bühne, die Sänger und Schauspieler agieren auf Podesten vor und hinter den Musikern. An einigen Stellen werden diese sogar in die Szene eingebunden. Gleich zu Beginn treten zwei Schauspieler im Frack auf, die Anstalten machen, das Orchester zu dirigieren, bevor die eigentliche Dirigentin ihren Platz einnimmt. In Großbuchstaben steht Candide auf einer Leinwand hinter dem Orchester. Die Schrift verschwindet nach der Ouvertüre, und auf der Leinwand erscheint von Szene zu Szene wechselnd ein neues Bühnenbild, welches durch eine variable Seilkonstruktion zur dreidimensionalen Kulisse ergänzt wird. Zunächst sieht man ein schlichtes Haus, später ein verbranntes Dorf oder das Meer. Die Seile fungieren unter anderem als Boot, Galgen oder abstrakte Formen, die sich dann auch auf der Leinwand wiederfinden. Die Chorsänger sind als Harlekine verkleidet, Voltaire führt durch die Handlung und verwandelt sich vor den Augen des Publikums nacheinander in Pangloss, Cacambo und Martin. Alle kleineren Sprechrollen werden von Daniel Drewes und Jan Viethen (Schauspieler) übernommen, die mit Sprache, Gestik und Mimik jeder Rolle ein anderes Gesicht geben.

Sänger und Orchester

Der Orchesterklang ist ausgewogen und präzise, die Sänger werden nicht übertönt. Hierfür ist Karen Kamenseks differenzierte Führung verantwortlich. Mit Bravour meistert Ania Vegry (Cunigonde) Glitter and be Gay (1. Akt) und begeistert mit der Vielseitigkeit ihrer Stimme, so daß das Publikum ihr zujubelt. Sung-Keun Park (Candide) entwickelt sich vom eher zurückhaltenden, teilweise falsettierenden zum voll aussingenden Operntenor, der mit seiner Stimme umzugehen weiß. Leider kann man ihn in den deutschen Dialogen nicht immer gut verstehen, bei den englischen Musikstücken helfen die Übertitel. Frank Schneiders (Voltaire, Pangloss, Cacambo, Martin) singt und spielt souverän und gibt jedem seiner Charaktere eine andere Stimme. Mit seinen gut geführten Bariton präsentiert er den Pangloss, zeigt aber im Schlußsextett Make our Garden Grow, daß er auch eine wohlklingende Tiefe zur Verfügung hat. Diane Pilcher (alte Lady) tritt – wie es ihre Rolle verlangt – selbstbewußt auf, und verleiht der Lady eine authentische Ausstrahlung, die sie mit ihrer reifen Stimme darzustellen weiß. Carmen Fuggiss (Paquette) hat ebenso wie Christopher Tonkin (Maximilian) kaum Solistisches darzubringen. Doch beide bereichern enorm das Ensemble. Während Fuggiss als schüchternes Hausmädchen mit Zurückhaltung kokettiert und dies mit ihrer vollen Sopranstimme persifliert, spielt Tonkin leicht überspitzt den trotteligen Sohn des Barons, der seinem Standpunkt immer wieder mit durchdringendem Tenor Nachdruck verleiht. Der Chor kann – besonders beim fulminanten Schluß – das Publikum in seinen Bann ziehen.

Fazit

Bernsteins Candide ist eine Comic Operetta, d.h. sie ist eine Mischung aus Musical und Operette. Eine sehenswerte Aufführung, was besonders dem Orchester zu verdanken ist. Das minimalistische aber einfallsreiche und abwechslungsreiche Bühnenbild, ebenso wie die leidenschaftlichen Sänger taten ihr übriges für eine gelungene Premiere. Donnernder Schlußapplaus und einige Zuschauer lassen sich sogar zum Fußtrampeln hinreißen Der Dirigentin gegenüber werden sogar mehrere Bravos laut.

Aaron Bredemeier

Bild: Thomas M. Jauk

Das Bild zeigt: Christopher Tonkin (Maximilian, l.), Sung-Keun Park (Candide), Frank Schneiders (Pangloss), Ania Vegry (Cunegonde), Carmen Fuggiss (Paquette) v.l.n.r.

 

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