CARMEN – Cottbus, Staatstheater

von Georges Bizet (1838-1875), Opéra comique in 3 Akten und 4 Tableaus, Libretto: Henri Meilhac u. Ludovic Halévy; UA: 3. März 1875, Paris. Regie/Bühne: Matthias Oldag, Kostüme: Barbara Blaschke, Dramaturgie: Bernhard Lenort,

Dirigent: Marc Niemann, Philharmonisches Orchester des Staatstheaters Cottbus, Opernchor, Extrachor u. Kinder und Jugendchor, Choreinstudierung: Christian Möbius

Solisten: Marlene Lichtenberg (Carmen), Jens Klaus Wilde (Don José), James Roser (Escamillo), Gesine Forberger (Micaëla), Debra Stanley (Frasquita), Carola Fischer (Mercédès), Niccolo Paudler (Moralès), Ingo Witzke (Zuniga), Heiko Walter (Dancairo),  Hardy Brachmann (Remendado), u. a.

Besuchte Aufführung: 11. Oktober 2013 (Premiere)

Carmen_2.jpgKurzinhalt

Der Sergeant Don José verfällt in blinder Liebe zu der in einer Zigarrenfabrik arbeitenden Zigeunerin Carmen. Darüber vergißt er seine Vorsätze, zu seiner Mutter zurückzukehren und das Bauernmädchen Micaëla zu heiraten. Für Carmen geht José sogar ins Gefängnis, damit jene einer Verhaftung entgeht und er schließt sich, wieder auf freiem Fuß, einer Schmugglerbande um Carmen an, um bei ihr sein zu können. Auch der Stierkämpfer Escamillo ist in Liebe zur verführerischen Carmen entbrannt. Vor der Stierkampfarena in Sevilla kommt es schließlich zum Showdown. Carmen gesteht José, daß sie allein Escamillo liebe und mit ihm ein neues Leben beginnen werde. In verzweifelter Wut ersticht José seine Geliebte, für die er alles aufzugeben bereit war.

Aufführung

Zu Beginn des ersten Aktes wird der Zuschauer durch auf einen, vor der Bühne befindlichen, durchsichtigen Vorhang projizierte Filmaufnahmen von Krisenherden im Nahen Osten, auf die Kulisse eingestimmt, die ebenso in einem Krisengebiet angelegt zu sein scheint. Nahaufnahmen der Darsteller verweben dabei moderne Fiktion und Opernhandlung. Die Bühnenakteure, welche sich in einem bunten Reigen von Blauhelm-Soldaten-, Naher Osten- und Spanienkostümen tummeln, agieren vor spartanisch ausgestalteten Kulissen. Dabei stellen z. B. die Frachtcontainer vor einem Maschendrahtzaun mit Flüchtlingslagertouch das Nachtlager der Zigeuner, eine moderne Bar den Ort des ersehnten Zusammentreffens von Carmen und Don José sowie ein Bett im schwarzen Raum das Liebesnest von Carmen und Escamillo dar.

Sänger und Orchester

Zur Bewertung der Sänger eine kurze Vorbemerkung: Da die Aufführung völlig unpassend in deutscher Sprache stattgefunden hat, fehlte allen Akteuren die melodische Energie der französischen Originalsprache, so daß das Temperament stets im unterkühlten, energisch vorgetragenen deutschen Text unterging. Trotz dieser Hürden schafft es Marlene Lichtenberg (Carmen) dennoch, bisweilen mit stimmlicher Strahlkraft zu überzeugen. Die Habanera wird von ihr mit geschmeidigem Timbre und gelöst wendiger Phrasierung vorgetragen. Zudem überzeugt sie mit straffer Linienführung und weiter Öffnung in den Höhen in den Duetten. Jens Klaus Wilde (Don José) zeigt seine Stärken in den lyrischen Passagen, die mit geschmeidigem Glanz verführen. In den übertrieben leidend gespielten dramatischen Abschnitten wirkt seine Stimme jedoch schnell schmal in den Höhen auslaufend und stark gepreßt. Fahl in den oberen Tonlagen und ohne Tiefenfundament gelingt es auch James Roser nicht, seinem Escamillo Ausdruck zu verleihen. Größere stimmliche Sogkraft mit teilweise jugendlichem Charme hingegen entwickeln Gesine Forberger (Micaëla), Debra Stanley (Frasquita) und Carola Fischer (Mercédès). Baß Ingo Witzke (Zuniga) überzeugt zudem mit klarem Duktus und Heiko Walter (Dancairo) sowie Hardy Brachmann (Remendado) brillieren spielerisch als moderne Westentaschengauner.

Das Philharmonische Orchester des Staatstheaters Cottbus ist der unumstrittene Star des Abends. Bereits in der Ouvertüre verbreitet der Klangkörper unter Marc Niemann ein betörend verführerisches Feuer wuchtig dramatischer Gefühlswelten, wobei es ihm gelingt, akustisch die ganze Aufführung hindurch die heiße Sonne Spaniens am Bühnenhorizont auflodern zu lassen. Ein Bravo auch dem hervorragend aufgestellten Chor.

Fazit

Diese Aufführung treibt einem bedauerlicherweise nicht gerade den Schweiß vor knisternder Gefühlsspannung auf die Stirn. Vielmehr findet sich auf jener ein starkes Runzeln auf Grund des Unverständnisses um altbekannte Versatzstücke, welche der Regisseur Matthias Oldag bedient. Filmprojektionen, Film-Nahaufnahmen von Akteuren und ein Mischmasch von Flüchtlingslager-Flair sowie aufgesetzt wirkenden Spanien-Requisiten zeugen von der Unentschlossenheit des Regisseurs sich für eine Seite zu entscheiden: zwischen progressiver Opernumsetzung und Bedienung konservativer Aspekte. So bekommt man weder Fisch noch Fleisch und man hätte mehr Mut in der Umsetzung erwartet. Schade!

Dr. Andreas Gerth

Bild: Marlies Kross

Das Bild zeigt: Marlene Lichtenberg (Carmen), Bildmitte

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