I MEDICI – Erfurt, Theater

von Ruggero Leoncavallo (1857-1919), Oper in vier Akten, Libertto R. Leoncavallo, UA: 1893 Mailand

Regie: Roman Hovenbitzer, Bühne/Kostüme: Roy Spahn

Dirigent: Emanuel Joel-Hornak, Philharmonisches Orchester und Opernchor des Theaters Erfurt, Choreinstudierung: Andreas Ketelhut

Solisten: Juri Batukov (Lorenzo de Medici), Richard Carlucci (Giuliano de Medici), Ilia Papandreou (Simonetta Cattanei), Stéphanie Müther (Fioretta de Gori), Vazgen Ghazaryan (Giambattista da Montesecco), Sebastian Pilgrim (Francesco Pazzi), Marwan Shamiyeh (Bernardo Bandini), Mate Solyom Nagy (Erzbischof Salviati), Nils Stäfe (Poliziano)

Besuchte Aufführung: 16. März 2013 (Premiere)

Vorbemerkung

Eine der Ursachen der seltenen Aufführung dieser Oper ist sicherlich auch die Besetzung – man benötigt nicht weniger als sieben Hauptdarsteller, die sich harmonisch in ein Septett im  dritten Akt einfügen, das auch der absolute Höhepunkt der Oper ist.

Kurzinhalt

Mit dieser fast unbekannten Oper plante Leoncavallo eine Trilogie vom Aufstieg und Fall der italienischen Renaissance zu schaffen, was allerdings nicht geschehen ist. Hier erzählt er eine (historisch nicht ganz korrekte) Episode der Medici-Familiengeschichte, die im 15. Jahrhundert Florenz beherrscht. Lorenzo zeigt sich als Freund der Künste und gibt Künstlerfeste. Auf einem solchen Fest läßt sich die kränkliche Simonetta dazu verleiten, bei der Hymne auf Liebe und Schönheit mitzutanzen, bis sie zusammenbricht. Ihrer Freundin Fioretta gesteht sie ihre heimliche Liebe zu Giuliano. Als sie erkennt, daß er sich wegen ihrer Krankheit Fioretta zugewandt hat, stirbt sie in seinen Armen. Dann gibt es eine Verschwörung gegen die Medici. Bei den Verschwörern befindet sich Giuliano, der tödlich verwundet wird. Doch Lorenzo kann mit einer leidenschaftlichen Ansprache die Macht zurückgewinnen.

Aufführung

Ein Gerüst auf einer Drehbühne bildet das Skelett des Bühnenbildes. Man kann es stockwerkweise begehen, es läßt sich durch Attribute wie Säulen ergänzen, an ihnen wird ein halbdurchsichtiger Vorhang fixiert, auf den sich Landschaften projizieren lassen. Ergänzt wird das Bühnenbild durch Bilder von Sandro Botticelli, einem Hofmaler der Medici: Die historische Person Simonetta Vespucci steht im Mittelpunkt der dargestellten Bildausschnitte. Den Rahmen des Kunstfestes bildet ein Jugendstilportal mit dem Titel Le temps revient. Das Kunstfest wirkt wie eine dekadente Revue der 1920er Jahre – ergänzt durch zeitgemäßen Tabledance. Ein ähnliches Mischmasch auch die Kostüme: Von heutiger Designerkleidung (von der Renaissance inspiriert), edler Sportkleidung, schußsicherer Weste, bis hin zum Florett und Pistole ist alles aufgeboten.

Sänger und Orchester

Liebling des Abends ist der technisch brillante Sopran von Ilia Papandreou als Simonetta mit ihrer sehr sicheren Höhe. Allerdings klingt diese Höhe über weite Strecken sehr eng und kehlig. Richard Carlucci als Giuliano besitzt einen voluminösen Tenor für das italienische Fach, kommt mit den hohen technischen Anforderungen an große Tonhöhensprünge gut zurecht. Juri Batukov kann die vielschichtige Rolle des Lorenzo mit seinem Charakter-Bariton mitreißend gestalten. Seine einschmeichelnde Stimme ist in der Höhe sicher, tremoliert manchmal in der Tiefe gurgelnd. Marwan Shamiyeh ist ein erfreulich klangschöner Tenor, der die Rolle des Bernardo Bandini mit viel Durchschlagskraft singen kann, aber auch die italienischen Momente gestalten kann. Mate Solyom-Nagy ist als dämonischer Erzbischof Salviati überzeugend mit seinen Wutausbrüchen. Ihm gelingen hier deutliche Abstufungen in der Lautstärke – untermalt mit entsprechender Spielfreude. Stephanie Müther ist mit ihrem vollmundigen und ausdrucksstarken tiefen Mezzo (sie liegt zwischen Mezzo und Alt) als Fioretta eindeutig unter Wert besetzt. Vazgen Ghazaryan ist ein volumenstarker Baß, leider bleibt er zu blaß um dem Attentäter Giambattista da Montesecco teuflischen Ausdruck zu verleihen. Sebastian Pilgrim (Francesco Pazzi) und Nils Stäfe (Poliziano) komplettieren ein homogen besetztes Ensemble. Auch der Chor agiert wie gewohnt sehr souverän. Emanuel Joel-Hornak gelingt es das Philharmonische Orchester Erfurt auf eine Reise durch die wagnerschen Klangwelten italienischer Prägung mitzunehmen. Jedoch fehlt ihm die Eloquenz die Opulenz der Renaissance oder die italienische Tonsprache in diese Klangwelten einzubinden.

Fazit

Selten kann man so ein Kuddelmuddel aus Renaissance, Jugendstil und Gegenwartskunst erleben. Ein Augenschmaus ist die Produktion wegen der großformatigen Präsentation der Bilder Sandro Botticellis. Musikalisch ist die Oper auch wegen der Verwandtschaft zu den Werken Richard Wagners. Das Publikum feiert die absolut hörenswerte Vorstellung (schon das Septett erhält heftigen Szenenapplaus, zu Recht!) lange und heftig, was die Hoffnung weckt, daß wir uns in Zukunft auch mit anderen unbekannten Schätzen aus der Feder Leoncavallos beschäftigen dürfen.

Oliver Hohlbach

Bild: Lutz Edelhoff

Das Bild zeigt: Richard Carlucci (Giuliano de Medici), Ilia Papandreou (Simonetta Cattanei)

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