LES TROYENS – Darmstadt, Staatstheater

von Hecor Berlioz (1803-1869), Grand Opéra in fünf Akten, Libretto: H. Berlioz nach Vergil und Shakespeare, UA: 3.-5. Akt: 4. November 1863 Paris, Théâtre-Lyrique; erste vollständige Gesamtaufführung am 3. Mai 1969 Glasgow, Scottish Opera

Regie: John Dew, Bühne: Heinz Balthes, Kostüme: José-Manuel Vázquez, Choreographie: Mei Hong Lin

Dirigent: Martin Lukas Meister, Orchester des Staatstheater Darmstadt, Chordirektion: Markus Baisch

Solisten: Hugh Kash Smith (Aeneas), Katrin Gerstenberger (Kassandra), Erica Brookhyser (Dido), Ninon Dann (Anna), Oleksandr Prytolyuk (Choroebus), Wilfried Zelinka (Narbal), u.v.a.

Besuchte Aufführung: 9. März 2013 (Premiere)

Kurzinhalt

Nach Jahren der Belagerung freuen sich die Trojaner über den Abzug der Griechen. Trotz der Warnungen Kassandras holen sie das von den Griechen zurückgelassene hölzerne Pferd in die Stadt. Doch in der Nacht klettern griechische Soldaten aus dem Pferd und überfallen Troja. Der Geist Hectors befiehlt Aeneas nach Italien zu flüchten und dort ein neues Reich zu gründen. Aeneas stürmt mit seinem Gefolge zum Hafen. Kassandra und die Frauen töten sich selbst, um nicht von den Griechen versklavt zu werden.

Auf der Reise nach Italien stranden Aeneas und seine Begleiter in Karthago, das von Königin Dido beherrscht wird. Aeneas und Dido verlieben sich ineinander, weshalb Aeneas sich nicht zur Abreise entschließen kann. Aber die Schatten der verstorbenen Trojaner drängen ihn zum Aufbruch und Aeneas läßt die Segel setzen. Dido verflucht ihren Geliebten und nimmt sich dann das Leben. Die Karthager schwören Rache.

Aufführung

Das Bühnenbild setzt auf die Kontraste zwischen den beiden Spielorten Troja und Karthago. Die ersten Akte in Troja sind dunkel gehalten, und es wird viel Nebel eingesetzt. Ein Halbrund aus phallusartigen Felsen begrenzt die Bühne. Auch die Kostüme sind schwarz und lassen die antiken Vorbilder erkennen. König Priamus und Gattin erinnern an Napoléon III. und Kaiserin Eugénie. Karthago dagegen wird mit vielen Farben und bunten, glitzernden Kostümen gestaltet. Die Felsen Trojas finden in riesigen Marmorquadern ihre Entsprechung, die je nach Bild umgestellt werden können. Der letzte Akt spielt sich im Hafen ab: man sieht die Takelage eines Segelschiffes und das Licht wird wieder abgedunkelt. Inmitten des monumentalen Bühnenbildes bewegen sich die Sänger kaum. Das Bewegungsrepertoire beschränkt sich auf das Singen an der Rampe begleitet von konventionellen Bühnengesten. Etwas Dynamik bringen der Chor und natürlich das Ballett im vierten Akt, das die Choreographin Mei Hong Lin sehr modern und mit viel Komik ausstattete.

Sänger und Orchester

Die Hauptlast dieser Oper trug der Chor. In Darmstadt bekam er deshalb auch genauso begeisterten Applaus wie die Solisten. Es gab zwar hier und da einige Abstimmungsschwierigkeiten mit dem Orchester, und es schlichen sich auch manchmal kleine Intonationswackler ein, aber der Chor beeindruckte durch den Nuancenreichtum der verschiedenen Chorgruppierungen. So wurde in Darmstadt auch viel mit den Klangwirkungen hinter der Bühne oder hinter dem Vorhang experimentiert. Unterstützt wurde der Chor von dem hervorragend spielendem Orchester unter der Leitung von Martin Lukas Meister. Die sorgsam durchdachte Instrumentierung von Berlioz konnte dank des präzisen Zusammenspiels und der klar herausgearbeiteten Soli wunderbar wirken. Jede Orchestergruppe wird bei Berlioz zum Solisten und darf trotzdem die Verbindung zum Gesamtklang nicht abreißen lassen. Schade nur, daß das Staatstheater auf Instrumente wie die Ophikleide oder Saxhörner verzichtet hat. Aber man gab sich reichlich Mühe, die Farben dieser heute nur selten zu hörenden Instrumente mit Klangwitz zu ersetzen. Sängerisch war dies der Abend zweier großer Frauen. Katrin Gerstenberger sang und spielte grandios. Kassandra, immer zwischen Wahn und Klarsicht changierend, zeigte sie manchmal spröde, dann wieder dramatisch auftrumpfend. Alle Facetten der Rolle konnten stimmlich und darstellerisch nachempfunden werden. Die Mezzosopranistin Erica Broohyser stellte die frisch verliebte Dido entsprechend jugendlich dar. Aber wenn es die Rolle verlangte, konnte auch der glasklare Klang ins Brüchige abrutschen. Eine Entdeckung ist die junge Ninon Dann, die die Schwester der Dido Anna sang. Sie beherrschte alle Lagen perfekt, zeigte Spielfreude und artikulierte jedes Wort überaus verständlich. Letzteres kann man leider von den übrigen Sängern nicht sagen, so daß die Übertitel leider unabkömmlich waren. Hugh Kash Smith mußte die anspruchsvolle Partie des Aeneas bewältigen und tat sich schwer damit. Die Mischung aus lyrischen und dramatischen Passagen gelang nur selten. In den mittleren Lagen wirkte sein Tenor zwar voll und rund, die hohen Töne aber klangen gepreßt und zeigten einige Patzer in der Intonation. Die übrigen Solisten stemmten ihre Rollen sicher und klangvoll, allen voran Wilfried Zelinka als Narbal und Oleksandr Prytolyuk als Kassandras Verlobter.

Fazit

Die fünf Stunden Opernabend gingen schneller vorüber als erwartet. Dies lag hauptsächlich am abwechslungsreich spielenden Orchester und weniger an der Inszenierung. Außer gewaltigen Kulissen und Lichtspielen, die manchmal in Kitsch zu kippen drohten, bot Regisseur John Dew nicht viel für das Zuschauerauge. Exotismen, die Berlioz auch in seine Musik einfließen ließ, wurden durch die Kostüme verstärkt und karikiert. Aber Regie und Bühnenbild drängten sich nicht auf und wurden für ihre Zurückhaltung mit Applaus belohnt. Die stärksten Beifallsstürme galten Chor und Orchester sowie den drei Solisten der Kassandra, Dido und des Aeneas.

Jelena Rothermel

Bild: Barbara Aumüller

Das Bild zeigt: Erica Brookhyser (Dido), Ensemble

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