FAUST – Weimar, Deutsches Nationaltheater

Oper in vier Akten von Charles Gounod (1818–1893), Text nach Goethe von Jules Barbier und Michel Carré, UA: 19. März 1859

Regie: Karsten Wiegand, Bühne: Bärbl Hohmann, Kostüme: Ilse Welter, Choreographie: Otto Pichler, Choreinstudierung: Markus Oppeneiger, Fabian Wöhrle

Dirigent: Felix Bender, Staatskapelle Weimar, Opernchor des DNT Weimar, Philharmonischer Chor Weimar, Statisterie

Solisten: Alexander Günther (Faust alt), Artjom Korotkov (Faust jung), Remigiusz Lukomski (Méphistophélès), Larissa Krokhina (Marguerite), Uwe Schenker-Primus (Valentin), Ulrika Strömstedt (Siébel), Jie Zhang (Marthe Schwerdtlein), Alexandra Schenker-Primus (Tänzerin)

Besuchte Aufführung: 15. Oktober 2011 (Premiere)

Kurzinhalt

Der greise Gelehrte Faust läßt sich auf einen Pakt mit dem Teufel ein, um seine Jugend wiederzugewinnen. Verjüngt verliebt er sich in die gläubige Marguerite und verführt sie mit Hilfe des Teufels. Nach der Liebesnacht verläßt er sie jedoch sofort, um mit dem Teufel neue Abenteuer zu erleben. Marguerite wird schwanger und muß nun mit der Schande ihrer Sünde leben, ohne familiären Halt, denn der Bruder ist in den Krieg gezogen. Ausgeschlossen aus ihrer Gemeinde bringt sie das Kind auf die Welt. In ihrer Verzweiflung tötet sie es und wird als Kindsmörderin zum Tode verurteilt. Faust wird sich seiner frevlerischen Tat bewußt und versucht Marguerite zu retten. Diese weigert sich jedoch, mit ihm zu fliehen und kann somit wenigstens ihre Seele vor den Fängen des Teufels beschützen.

Aufführung

In Karsten Wiegands Inszenierung spielt sich das Drama um die verführte Marguerite lediglich im vorderen Bühnenbereich ab. Eine massive, schwarze Wand aus undefinierbarem Material dominiert das Bühnenbild. Mit nur wenigen Ausstattungselementen und einer raffinierten Ausleuchtung dieser Wand werden in jedem einzelnem Bild der Aufführung andere Räume geschaffen. So haust der greise Faust zunächst in einer winzigen Holzbox und verziert dessen Wände gedankenverloren mit Zahlenreihen. Marguerite wohnt in einer Miniaturversion von Goethes Gartenhaus – außen mit Ilmpark-Stimmung, innen mit Kinderbildern geschmückt –  und den Kirchenraum des dritten Aktes bilden sogar lediglich die Choristen, in dem sie sich zu einem Kreuz aufstellen. Nur ein einziges Mal öffnet sich die Wand und gibt den Blick frei auf ein festliches Bankett, nachdem Marguerite am Ende des Dramas gerichtet wird, und erinnert unweigerlich an das berühmte Abendmahlgemälde Leonardo da Vincis. Die Kostüme von Solisten und Ensemble sind moderne Alltagskleider unserer Epoche.

Sänger und Orchester

Unter dem leidenschaftlichen Dirigat des jungen Kapellmeisters Felix Bender spielte die Staatskapelle Weimar glänzend. Das Orchester spielte die bildgewaltige Musik Gounods mit instrumentaler Transparenz und dynamischer Differenziertheit. Auch das Blechbläserensemble zur Heimkehr der Soldaten, das im dritten Akt auf der Bühne in überspitzter Lautstärke spielt, verfehlte seinen Effekt nicht.

Der zunächst etwas befremdet wirkende Remigiusz Lukomski (Méphistophélès) fand im Verlauf der Aufführung mehr und mehr in seine Rolle und wurde ihr auch stimmlich mit seinem geschmeidigem Baß gerecht. Der kurze Auftritt Alexander Günthers als alter Faust war herausragend. Die klagende Arie des verbitterten Universalgenies wurde dank der Akustik der Holzbox zwar verstärkt, hätte aber auch ohne diesen Effekt nichts an ihrem Ausdruck und Leidenschaft verloren. Der Tenor Artjom Korotkov (junger Faust) wirkte hingegen etwas fahl in Darstellung und Gesang. Die hohen Spitzentöne gelangen ihm nur mit Mühe und hatten keine strahlende Kraft. Nur im Liebesduett mit Larissa Krokhina (Marguerite) konnte er überzeugen. Die Sopranistin hingegen bezauberte mit ihrer kindisch-naiven Darstellung, welche anschließend umso dramatischer in ihre Darstellung der von Sehnsucht, Enttäuschung und Verzweiflung erschütterten Sünderin Marguerite umschlug. Auch in ihrem Gesang fand sich diese emotionale Palette wieder. Sowohl der Bariton Uwe Schenker-Primus (Valentin) als auch die Mezzosopranistin Ulrika Strömstedt (Siébel) rundeten neben der klangvollen Altistin Jie Zhang (Marthe Schwerdtlein) das Solistenensemble gut ab.

Fazit

Wenn auch minimalistisch in der Ausstattung, so besticht Gounods Faust in Weimar dennoch durch seine atmosphärische Dramaturgie, die Lichtregie und einzelne ironische Elemente wie dem erwähnten Gartenhaus Goethes. Die drastische und an unsere Fernsehästhetik erinnernde Darstellung des Kindesmords bleibt hingegen eine Frage des Geschmacks. Die Phantasie des Zuschauers wird dadurch jedenfalls in keiner Weise angeregt. Musikalisch verdiente die Aufführung den langanhaltenden Premierenapplaus des Publikums vollauf.

Josephin Wietschel

Bild: Monika Rittershaus

Das Bild zeigt: Artjom Korotkov (Faust jung) verführt Larissa Krokhina (Marguerite) in einer lauschigen Sommersnacht.

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