SUPERFLUMINA – Mannheim, Nationaltheater

von Salvatore Sciarrino (*1947), Opera in einem Akt, Libretto vom Komponisten

Regie: Andrea Schwalbach, Bühne: Anne Neuser, Kostüme: Stephan von Wedel, Dramaturgie: Regine Elzenheimer, Choreographie: Thomas McManus, Licht: Bernard Häusermann, Video: Regina Hess/Marc Reisner

Dirigent: Tito Ceccherini, Orchester, Chor, Bewegungschor und Statisterie des Nationaltheater Mannheim, Chor: Tilman Michael,

Solisten: Anna Radziejewska (La donna), Artur Janda (Un passante/un poliziotto), Thomas Lichtenecker (Un giovane/Voce lontana), Thomas McManus (Tänzer), Ludovica Bello/Francesco Damiani (Altoparlanti degli annunzi/Durchsagestimmen)

Besuchte Aufführung: 20. Mai 2011 (UA, Premiere)

Kurzinhalt

Eine obdachlose Frau befindet sich in einem Bahnhof.

Aufführung

Im Vordergrund sieht man einen Platz mit vielen, (teilweise) kaputten Fernsehern, einem Einkaufswagen und alten Kleidern – wie es scheint, ist dies das triste Zuhause einer obdachlosen Frau, die am Bahnhof gestrandet ist. Dahinter verläuft schräg nach oben eine Rampe, die in einer erhöhten Ebene mündet. Monitore hängen von der Decke herab. Hier treiben Menschenmassen, hetzen vorbei, drängeln und rempeln sich an. Die Lautsprecherdurchsagen teilen den Passanten mit, daß Züge einfahren und es zu diversen Verspätungen aufgrund vielfältiger Probleme kommt. Von allen unbeachtet, einsam und zurückgewiesen reflektiert die Frau in den tre canzoni – drei Liedern, dem Herzstück der Oper,

über Essen (cibo selezionato ovunque trovi cibo di lusso – ausgewählte Speisen findest überall Luxusspeisen), Schlafen (Dolce riposo dentro i cartoni – Sanfte Ruhe in den Kartons) und Insekten (Pidocchi e pulci, pulci e pidocchi – Läuse und Flöhe, Flöhe und Läuse). Dabei wird eine graue Wand herabgelassen, die ihren Bereich völlig abtrennt; das Bahnhofstreiben wird ausgeblendet, Demonstration einer gesellschaftlichen Isolation einer Person, die sich doch nur nach Liebe sehnt. An die Wand werden verschiedene Videoinstallationen projiziert. Am Ende ist das anfängliche Bühnenbild wieder zu sehen und erneut hasten Passanten durch den Bahnhof – sie bleibt einsam und völlig unbeachtet.

Sänger und Orchester

Die Textbehandlung des Komponisten Salvatore Sciarrino steht in direktem Zusammenhang mit dem Umgang der Orchesterstimme: die vielen Textwiederholungen, aber auch das Repetieren kleinster Worte oder Fragmenten findet sich auch in der Musik wieder. Weitgefaßte Akzente auf Schlaginstrumenten (wie ein großer Basisrhythmus) stehen fast kontrastiv den kleinen Drehfiguren und Trillern gegenüber. Vorsichtig entwickelt sich ein Perpetuum mobile aus kleinen Motiven, auf engsten musikalischen Raum gefaßt. Große Ausbrüche, wie im dritten Lied, sind eine seltene Ausnahme – ruhige Statik, quasi musikalische Nichtaktion, dominieren die Oper, fast so, als drehe sich die Musik um sich selbst. Durchsichtig, fast gläsern muten die geräuschhaften Klänge aus dem Graben an. Das Orchester besticht durch Präzision im Zusammenspiel, wird zum integralen Bestandteil der Oper und einem gleichberechtigten Dialogpartner mit dem Gesang. Auch die rein instrumentalen Intermezzi mit Lautsprecherdurchsage bleiben diesem Gestus verhaftet und Tito Cecherini beweist eindrucksvoll seine Sensibilität fürs Detail und großartiges Verständnis dieser Musik. Auch Anna Radziejewska als Obdachlose demonstriert viel Feinsinnigkeit und Einfühlungsvermögen. Weitgespannt – wie in der Rolle prinzipiell angelegt – und hervorragend umgesetzt, ist die Vielfalt der Emotionen, die ihre letztlich tragische Figur durchlebt und die sie unmittelbar umzusetzen weiß. Die psalmodischen Elemente stehen hier fast kontrastreich den sprechgesangartigen (Wort-)Repetitionen gegenüber. Anna Radziejewska wird dem Anspruch an ihren Part völlig gerecht. Sehr gut fügen sich Artur Janda (Passant und Polizist) und Thomas Lichtenecker (junger Mann und ferne Stimme) ein. Aus ihren kleinen Rollen werden reale Gegenüber einer Frau, die letztlich einen Monolog führt, ohne diesen zu unterbrechen. Ebenso expressiv und gleichfalls sich nicht in den Vordergrund drängend sind die fast pantomimischen Tanzdarbietungen von Thomas McManus.

Fazit

Die immer wiederkehrenden Wiederholungen in der Gesangspartie gerieten zwar im Mittelteil etwas langatmig – dem Erfolg der Uraufführung dieser Oper tat dies aber keinen Abbruch. Durchweg positiv fiel das Feedback des Publikums aus, allen Beteiligten wurde großer Applaus gezollt.

Isabell Seider

Bild: Hans Jörg Michel

Das Bild zeigt: Anna Radziejewska (La donna),  Bewegungschor

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Aida Triumphmarsch, live Arena di Verona