ANDREA CHÉNIER – Stockholm, Königliche Oper

von Umberto Giordano (1867-1948), lyrisches Historiendrama in vier Akten, Libretto: Luigi Illica, UA: 1896 Mailand

Regie: Dmitri Bertman, Bühne: Hartmut Schörghofer, Kostüm/Maske: Corinna Crome, Licht: Hans-Åke Sjökvist

Dirigent: Pier Giorgio Morandi, Königliche Hofkapelle, Chor der Königlichen Oper, Einstudierung: Folke Alin und Christina Hörnell

Solisten: Lars Cleveman (Chénier), Jeremy Carpenter (Charles Gérard), Katarina Dalayman (Madeleine de Coigny), Susann Végh (Bersi), Ingrid Tobiasson (Gräfin de Coigny), Gunnar Lundberg (Roucher) u.a.

Besuchte Aufführung: 22. Oktober 2010 (Premiere)

Kurzinhalt

Wir befinden uns in der Zeit der Schreckensherrschaft Robespierres. Der Dichter Andrea Chénier, der vor der Revolution in adeligen Kreisen verkehrt hat, steht auf der Liste der Polizei als Feind der Revolution. Sein Freund Roucher versucht, ihn zur Flucht zu überreden, doch Chénier will wissen, wer hinter den anonymen Briefen steckt, die er seit fünf Jahren bekommt. Sie stammen von Madeleine de Coigny, die sich in Paris versteckt hält. Doch bei ihrem Treffen werden beide von Charles Gérard, Madeleines ehemaligem Diener, der ihr in heimlicher Liebe verfallen ist, entdeckt. Chénier wird verhaftet und zum Tode verurteilt, obwohl Gérard während der Verhandlung seine eigene Anklageschrift als Fälschung entlarvt. In seiner Todeszelle bekommt der Dichter Besuch von Madeleine, die sich entschließt, mit ihm zusammen in den Tod zu gehen.

Aufführung

Das Bühnenbild wird von einem riesigen goldenen Bilderrahmen dominiert, der sich in alle Richtungen drehen läßt und die Szene klar in Hinter- und Vordergrund unterteilt. Das Fest am Hofe der de Coignys im ersten Akt wird von Sängern in bonbonfarbenen Rokokokostümen bevölkert, die sich zumeist wie aufgezogene Spieluhren über die Szene bewegen. Das abgewetzt wirkende Make-up der Darsteller symbolisiert das seine letzten Tage erlebende Ancien Régime. In den übrigen drei Akten, die im Jahre 1794 spielen, sieht man historisch inspirierte Kostüme und Masken mit einigen verfremdenden Elementen. Beispielsweise tritt Charles Gérard, der sich vom Diener zum Sansculotten (Pariser Arbeiter und Kleinbürger) gewandelt hat, hier in einem blutroten Frack auf während Bersi, die ehemalige Kammerfrau Madeleines, wie ein Skelett oder eine heidnische Schamanin kostümiert erscheint. Die Positionswechsel der Sänger sind rasch, und der Chor steht sehr gedrängt, vor allem im ersten Akt.

Sänger und Orchester

Der Star dieses Abends war zweifelsohne Lars Cleveman in der Titelpartie. Giordano stellt die Sänger durch seine massive Instrumentation vor enorme Herausforderungen, der sich einige Sänger der kleineren Partien an diesem Abend geschlagen geben mußten. Nicht aber Cleveman: Mit ungeheurer Kraft und Präzision setzte er seine Töne auch im lautesten Fortissimo exakt und wohlklingend. Es gab keine Stelle, an der seine Stimme im Orchesterklang verschwand, und beim Schlußduett des vierten Aktes È la morte!Es ist der Tod! mit Katarina Dalayman (Madeleine de Coigny) war es der Tenor und nicht der Sopran, der am deutlichsten herauszuhören war. Einziger Minuspunkt ist Clevemans etwas stereotypes Spiel. Katarina Dalayman wußte an diesem Abend mit ihrer großen Stimme für sich einzunehmen, auch bei ihrer Glanznummer La mamma mortaDie Mutter starb im zweiten Akt. Doch ist bei einigen Tönen der Mittellage eine gewisse Sprödigkeit des Ansatzes zu spüren. Jeremy Carpenter (Charles Gérard) hat eine beeindruckend durchschlagende Baritonstimme mit tenoraler Spitze. Lediglich die allertiefsten Töne seiner Partie haben bei ihm überhaupt keinen Körper, was er allerdings mit seiner hervorragenden schauspielerischen Leistung mehr als wettmachte.

Pier Giorgio Morandi hatte die Königliche Hofkapelle an diesem Abend fest im Griff. Die dynamisch nicht selten stark miteinander kontrastierenden Abschnitte, wozu in erster Linie die rhythmisch schwierigen Chorauftritte in den beiden mittleren Akten zählen, gelangen ausnehmend gut. Alles war auf eine kräftige Farbgebung hin angelegt. Daß im ersten Akt einige Gesangspassagen im Orchesterklang verschwanden ist nicht dem Dirigenten, sondern dem Komponisten anzulasten. Der Chor hätte im ersten Akt etwas zupackender auftreten können, wie er es dann in den beiden nächsten Akten tat. Diese leichte anfängliche Unsicherheit könnte dem engen Platz auf der Bühne und den zum Teil recht sperrigen Kostümen geschuldet gewesen sein.

Fazit

Giordanos wuchtiges Werk wird dank der hervorragenden Besetzung der drei wichtigsten Partien und einer beeindruckend sicher spielenden Hofkapelle in Stockholm musikalisch auf höchstem Niveau gegeben. Die Handlung des Originallibrettos ist bindend für diese Inszenierung, der rote Faden bleibt für den Zuschauer stets zu erkennen, und der Musik wird Raum zur Entfaltung gegeben. Dramatische und musikalische Spannungsbögen befinden sich in vollkommener Übereinstimmung. Uneingeschränkt empfehlenswert!

Dr. Martin Knust

Bild: Carl Thorborg

Das Bild zeigt: Ingrid Tobiasson (Gräfin de Coigny), und Katarina Dalayman (Madeleine de Coigny)

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