FALSTAFF – Halle, Oper

von Giuseppe Verdi, Text: Arrigo Boito, UA: 9. Februar 1893, Mailand
Regie: Helmut Polixa, Bühne: Stefan Rieckhoff, Kostüme: Gabriele Kortmann
Dirigent: Karl-Heinz Steffens, Staatskapelle, Chor und Chor der Stadt Halle, Choreinstudierung: Jens Petereit und Sabine Bauer
Solisten: Marco Chingari (Falstaff), Michael Bachtadze (Ford), Nicholas Sales (Fenton), Mojtek Alicca (Dr. Cajus), Björn Christian Kuhn (Bardolfo), Ki-Hyun Park (Pistola), Romelia Lichtenstein (Alice Ford), Sophie Klußmann (Nannetta), Ulrike Schneider (Meg Page), Mária Petrasovská (Mrs. Quickley)
Besuchte Aufführung: 20. März 2010 (Premiere)

Kurzinhalt
Falstaff ist ein ältlicher Ritter und  von stattlicher Figur. Da er seine besten Zeiten hinter sich hat, scheitern seine Bemühungen, die beiden Damen Alice Ford und Meg Page um ihr Vermögen und  ihre Ehemänner zu bringen auf amüsante Art und Weise. Ford, Alice’ Gemahl, möchte seine Tochter Nannetta mit Dr. Cajus verheiraten, welche aber Fenton liebt. Schließlich ergreifen die Frauen die Initiative und durchkreuzen die Machenschaften der Männer.
Aufführung
Das gesamte Geschehen fand auf einer Drehbühne statt, auf der ein roter Würfel mit Türen stand. Das war die Universalkulisse, die nur durch Requisiten ergänzt wurde, sofern es das Drehbuch verlangte: So im zweiten Akt als die Handlung einen Wäschekorb und einen Paravent vorschrieb. Zusätzlich zu diesen notwendigen Requisiten wurden noch wenige symbolische genutzt. Zum einen wurde eine Attrappe eines Heißluftballons immer dann heruntergelassen, wenn Nannetta und Fenton aus der Situation flüchteten und ihre Liebe auslebten, und zum anderen ein roter Hirsch, welcher dann auf die Bühne kam, wenn eine Person „gehörnt“ wurde. So im zweiten Bild des ersten Aktes, als Falstaff Ford erzählt, daß er gleich Alice treffen und erobern wird und im dritten Akt, als die gesamte Männerriege von den Frauen an der Nase herum geführt wurde.
Die Kostüme orientierten sich an modernen wie historischen Moden. Die Frauen mit aufwendig geschnittenen Kleidern in Pastellfarben bekleidet, die Männer hingegen waren nicht so einheitlich kostümiert. Falstaff sah aus wie ein heruntergewirtschafteter Edelmann des späten Mittelalters, Ford wirkte in seinem glänzend grauen Anzug mit rüschenbesetzem Kragen wie ein neuzeitlicher Modedesigner. Bardolfo und Pistola waren sehr zerlumpt und Doktor Cajus in einem grünen Anzug aus feinstem Samt gekleidet, wohingegen Fenton mit seiner braunen Lederjacke wie eine James Dean-Adaption aussah.
Sänger und Orchester
Marco Chingari (Falstaff) bot eine herausragende Vorstellung. Er überzeugte sowohl mit seiner wundervoll sonoren Stimme als auch mit einer fabelhaften darstellerischen Leistung. Er mimte den abgehalfterten Lebemann mit dem Respekt einflößenden Bauch – wobei hier von der Requisite nachgeholfen werden mußte – sehr charmant und mit effektvollem Witz. Eine ebenfalls sehr gute Leistung war von Michael Bachtadze (Ford) zu erleben. Er spielte den scheinbar Gehörnten mit reichlich Humor und seine Partien waren kräftig und präzise. Romelia Lichtenstein (Alice) lieferte wieder mal eine ausgezeichnete Gesangsdarbietung ab, lediglich ihr Spiel wirkte etwas hölzern, wobei ihr trotzdem ein paar humoristische Einlagen gelangen. Wie Wirbelwinde sausten Ki-Hyun Park (Pistola) und Björn Christian Kuhn (Bardolfo) über die Bühne. Doch leider wirkte Kuhn etwas matt und kraftlos bei seinen Partien, während Park äußerst kraftvoll sang. Verliebt, schwelgerisch und übermütig spielten Nicholas Sales (Fenton) und Sophie Klußmann (Nannetta) ihre Rollen. Bei Mariá Petrasová (Mrs. Quickley) kam das Gefühl auf, daß sie ihre Partie stets zu getragen vortrug, wodurch ihr Gesang wie langgezogener Kaugummi erschien. Sie spielte etwas statisch im Gegensatz zu dem gut aufgelegten Rest des Ensembles. Wenig Gelegenheit für Glanzleistungen hatte Ulrike Schneider (Meg Page), kam aber nicht über eine durchschnittliche darstellerische Leistung hinaus, wobei ihre Gesangskunst keinen Makel aufwies.
Karl-Heinz Steffens leitete die Staatskapelle Halle souverän, lediglich vereinzelte Stellen – besonders bei der Schlußfuge im 3. Akt – waren etwas zu laut und übertönten die Solisten. Sonst war die Interaktion zwischen Orchester und Ensemble sehr gut. Der Choreinstudierung unter Jens Petereit kann man ein weiteres Mal eine erstklassige Arbeit attestieren. Die Chorpassagen waren tadellos und betteten sich paßgenau in die Szenerie ein.
Fazit
Dieser Abend kann als sehr gelungen bezeichnet werden. Allein die unglaubliche Bühnenpräsenz von Marco Chingari erweckte das Stück zum Leben und das motivierte Ensemble versuchte es Chingari gleich zu tun. So war dieses Stück das, was es sein sollte: komisch. Zwar gab es einige irritierende Ideen seitens der Regie, wie z. B. der oben beschriebene Heißluftballon, der insgesamt dreimal für je zehn Sekunden heruntergelassen wurde und dadurch etwas deplaziert wirkte, doch wurde auf eine charmante und lockere Atmosphäre Wert gelegt.

Tom Zackl

Bild: Gert Kiermeyer
Das Bild zeigt: Ulrike Schneider (Meg Page),  Sophie Klußmann (Nannetta),  Mària Petrašovská (Mrs. Quickley), Romelia Lichtenstein (Alice Ford)

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