Halle, Oper – LA BOHÈME

von Giacomo Puccini (1858 – 1924), Text: Giuseppe Giacosa und Luigi Illica, UA: 1. Februar 1896, Turin
Regie: Aron Stiehl, Bühne: Jürgen Kirner, Kostüme: Dietlind Konold, Dirigent: Michele Rovetta, Staatskapelle Halle, Chor und Statisterie der Oper Halle, Choreinstudierung: Jens Petereit, Kinderchor der Stadt Halle, Einstudierung: Sabine Bauer
Solisten: Oksana Ratkovska (Mimì), Anke Berndt (Musetta), Paul O‘Neill (Rodolfo), Michael Bachtadze (Marcello), Àsgeir Páll Ágústsson (Schaunard), Ki-Hyun Park (Colline), Olaf Schöder (Alcindoro/Benoit), u.a.
Besuchte Aufführung:: 28. November 2009 (Premiere)

Kurzinhalt
halle-la-boheme.jpgRodolfo, Marcello, Schaunard und Colline sind bettelarme Künstler, doch so sehr es ihnen an Geld mangelt, so voll sind sie von Lebensfreude. Sie führen ein unbeschwertes Leben von der Hand in den Mund, bis Rodolfo sich in die sterbenskranke Mimì verliebt und Marcello seine lebens- und vergnügungshungrige Musetta wiedererobert. Inmitten dieses sich stets amüsierenden Umfelds geht Mimì zugrunde, und Rodolfo erkennt, daß er, als er Mimì in ihrer schwersten Zeit aus Selbstschutz verließ, ihre Liebe verpaßt hat.
Aufführung
Das Geschehen fand auf einer Drehbühne statt, die im ersten Bild von einem großen Raum dominiert wurde, der nach hinten schmaler und niedriger wurde – also überdeutlich perspektivisch – und innen mit weißen Blättern an den Wänden versehen war. Die anderen drei Bilder spielten auf der offenen schräggestellten Drehbühne. Im zweiten und dritten Bild diente der Eiffelturm zur Lokalisierung der Handlung. Die Schräge der Bühne wurde im zweiten Bild genutzt, um schnell und einfach den Ortswechsel von draußen in die Bar Momus zu veranschaulichen. Das vierte Bild stellte noch einmal die Wohnung vom Anfang dar, nur jetzt offen und weitläufiger ohne Wände – es wirkte, als wenn Privatbereich und öffentlicher Raum verschmolzen wären. Ab Bild zwei waren durchgängig schwarz gekleidete Statisten mehr oder minder im Hintergrund zu erkennen, die sich sichtbar amüsierten und die Gesellschaft der Bohemiens symbolisierten. So wurde das Mißverhältnis zwischen privatem Leid und Sterben und der nach außen scheinbar demonstrativen Fröhlichkeit und Lebenslust der unmittelbaren Umgebung aufgezeigt.
Die Kostüme waren den Charakteren angepaßt: Der Dichter Rodolfo war elegant und lässig gewandet, Marcellos Kostüm war mit Farbklecksen übersät, Colline kleidete sich bewußt einfach und spartanisch mit einer schmuddeligen Cordhose und einem Strickpullover und Schaunard sah in seinem dunkelgrauen Anzug galant und fein aus. Musetta zierten aufwendige und auffällige Kleider, und Mimì zeigte sich zunächst mit Leggings, mit einer karierten kurzen Hose darüber sowie einem schwarzen Jäckchen. Im vierten Bild trug sie, da sie von einem reichen Herrn ausgehalten wurde, ein goldenes Partykleid.
Sänger und Orchester
Den Hauptdarstellern kann ohne Übertreibung eine sehr gute Darbietung attestiert werden. Besonders Paul O‘Neill (Rodolfo) und Oksana Ratkovska (Mimì) bauten durch ihren vortrefflichen Gesang und ihr gutes gemeinsames schauspielerisches Agieren während der ernsten Passagen eine ungeheure emotionale Dichte auf. In den Solopassagen boten sie ihr Können dar und schienen von dem Umstand, daß diese Partien allgemein bekannt sind, nicht eingeengt worden zu sein. Anke Berndt (Musetta) und Michael Bachtadze (Marcello) gelangen ebenfalls überzeugende Darstellungen ihrer Figuren, wobei sie gesanglich tadellos waren. Die anderen beiden Hauptdarsteller Àsgeir Páll Ágústsson (Schaunard) und Ki-Hyun Park (Colline) sangen ihre Partien technisch einwandfrei. Lediglich Olaf Schöder wirkte etwas kraftlos in der Rolle des Alcindoro, was verwunderlich ist, da er als Hausbesitzer Benoit kurze Zeit eine seht gute Figur abgab und seine Partie mit sympathisch unbeholfenem Darstellung sang.
Die Staatskapelle Halle unterstützte unter der Leitung von Michele Rovetta die Sängerinnen und Sänger ausgesprochen gut. Die gemeinsame Akzente wurden gut herausgearbeitet und das Orchester übertönte die Sänger nicht. Der von Jens Petereit einstudierte Chor ließ sich an diesem Abend nichts zu Schulden kommen, der Kinderchor der Stadt Halle bereicherte das Klangspektrum und agierte musikalisch sicher.
Fazit
Es war eine schlichte Inszenierung, die viel Wert auf subtile Symbolik und emotionale Darbietung des Notentextes legte und übertriebene Effekte oder Darstellung vermied. Die Sängerinnen und Sänger agierten zurückhaltend und wirkten dadurch sehr realistisch. Hier wurde einer modernen Radikalinszenierungen mit Sanftheit und viel Gespür für die Charaktere entgegengetreten, was nicht zuletzt den Erfolg dieses Abends ausmachte. Überaus berührend.
Tom Zackl

Bild: Gert Kiermeyer
Das Bild zeigt: Oksana Ratkovska (Mimi), Paul O’Neill (Rodolfo)

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