Das schlaue Füchslein – Berlin, Staatsoper Unter den Linden

von Leoš Janáček (1854–1928), Oper in drei Akten, Libretto vom Komponisten, UA: 6. November 1924, Nationaltheater Brünn

Regie: Ted Huffman, Mitarbeit Regie: Sonoko Kamimura, Bühne: Nadja Sofie Eller, Kostüme: Astrid Klein, Choreographie: Pim Veulings, Dramaturgie: Detlef Giese und Elisabeth Kühne, Licht: Bertrand Couderc

Dirigent: Simon Rattle, Staatskapelle Berlin, Staatsopernchor (Einstudierung: Dani Juris), Kinderchor der Staatsoper Unter den Linden (Einstudierung: Vinzenz Weissenburger)

Solisten: Vera-Lotte Boecker (Füchsin Schlaukopf), Magdalena Kožená (Fuchs), Svatopluk Sem (Förster), Natalie Skrycka (Försterin/Eule), Florian Hoffmann (Schulmeister/Mücke), David Oštrek (Pfarrer/Dachs), Carles Pachon (Harašta), Sandra Laagus (Dackel/Specht), u.v.a.

Besuchte Aufführung: 28. Februar 2026 (Erstaufführung an der Staatsoper Berlin)

Kurzinhalt

Der Förster fängt eine junge Füchsin und nimmt sie mit auf seinen Hof. Dort freundet sie sich mit dem Hund an, wiegelt sie die Hühner auf und tötet den Hahn und die Hennen. Als der Förster sie bestrafen will, entkommt sie in den Wald. Dort nimmt sie die Höhle des Dachses in Beschlag, trifft den Fuchs, gründet mit ihm eine Familie und wird schließlich von dem Wilderer Harašta getötet, als sie ihm seine Beute zu stehlen versucht. Derweil ist auch die Menschenwelt im Dorfe in Bewegung. Die alternden Herren sitzen im Gasthaus beieinander und denken an ihre Jugend zurück. Der Pfarrer muß sich versetzen lassen und der Schulmeister hat sich unglücklich verliebt. Auch der Förster spürt, wie er älter wird und das Leben in der Natur unbeeindruckt seinen Fortgang nimmt, als er die Nachkommen der Füchsin im Wald erblickt.

Aufführung

Die Szenen dieser Oper sind sehr kurz und machen viele Schauplatzwechsel notwendig. Diese finden bei heruntergelassenem Vorhang statt. Die Aktionen finden in abstrakter Umgebung statt, vor kahlen weißen Wänden und bei recht nüchterner Beleuchtung. Requisiten deuten die Schauplätze an: Ein großer Erdhaufen symbolisiert den Wald, eine Sammlung von Wanduhren das Heim des Försters, im letzten Akt rieselt das Herbstlaub und beim Massaker im Hühnerstall stieben die Federn. Eine kleine Änderung oder Auslegung der Handlung besteht darin, daß die männlichen Figuren in dieselbe junge Frau Terynka verliebt sind, die Harašta am Ende heiratet. Es geht in dieser Inszenierung nicht darum, ein atmosphärisches Bühnenbild zu schaffen, sondern die darstellerischen Aktionen in den Vordergrund treten zu lassen. Die können sich allerdings auch sehen lassen. Viele sehr junge Akrobaten und Tänzer der Staatlichen Ballett- und Artistikschule Berlin bevölkern als Tiere des Waldes die Bühne und führen beeindruckende Kunststücke aus. Unter anderem kreisen zwei von ihnen an Strapaten im Hintergrund über der Bühne. Die Bewegungen der Darsteller imitieren gelegentlich diejenigen der Tiere, die sie verkörpern. Die Titelrolle hat hier die schwierigste Aufgabe zu bewältigen. Die Kostüme sind bei den meisten Tierrollen ebenfalls abstrakt und deuten nur durch ihre Farbe an, daß es sich bei ihnen um einen Frosch oder einen Fuchs handelt. Sie bewegen sich zumeist wie Menschen über die Bühne. Der Dackel und der Hahn verkörpern hingegen konsequent ihre Tierrolle auf allen Vieren bzw. mit eckigen Bewegungen. Der kurze Auftritt des Chors anläßlich der Hochzeit der beiden Füchse erfolgt in formeller, individueller Kleidung. Neben den vielen Sängern treten Tänzer und stumme Rollen auf.

Sänger und Orchester

Simon Rattle ist einer der weltweit anerkannten Spezialisten für die Musik Janáčeks. Mit dieser Erstaufführung an der Berliner Staatsoper geht ein über 15 Jahre andauernder Zyklus zu Ende, innerhalb dessen sämtliche Janáček-Opern zur Aufführung gekommen sind. Wie die Handlung so ist auch die Musik kurzatmig und verlangt vom Orchester und den Sängern, blitzschnell klanglich und von Ausdruck her umschalten zu können. Viel hängt von der Wahl der richtigen Tempi ab, und hier konnte man sich die gesamte Aufführung über wirklich in sicheren Händen fühlen. Die vielen schroffen Einsätze und Tempowechsel wie auch die rhythmische Koordination zwischen Bühne und Orchestergraben waren sauber, und gestochen scharf wurden die oft ungewöhnlichen klanglichen instrumentalen Mischungen herausgearbeitet. Darüberhinaus befanden sich die Sänger – also sowohl die erwachsenen und jugendlichen Solisten und die Chöre – und das Orchester auch von der Lautstärke her in der Balance. Das ist bei den sich zuweilen abrupt auftürmenden Klangmassen der Partitur keine Selbstverständlichkeit. Makellos war die Wiedergabe der zahlreichen Orchesterzwischenspiele. Die drei umfangreichsten Partien von Füchsin, Fuchs und Förster waren dabei mit Sängern besetzt, die sowohl über kraftvolle Stimmen verfügen als auch die nicht selten pointillistischen, sprechartigen Passagen klangvoll zu singen vermögen. Vera-Lotte Boecker (Füchsin Schlaukopf) bewegt sich mit ungemeiner Elastizität zwischen den unterschiedlichen Facetten ihrer ungewöhnlichen, wenn nicht gar unmöglichen Rolle, in welcher sie eine junge, rebellische Frau und ein unberechenbares wildes Tier zugleich zu verkörpern hat. Magdalena Kožená (Fuchs) agierte im Vergleich dazu gemessen und mit kraftvoller Stimme und ließ die animalische Seite ihrer Partie lediglich in der Szene der Annäherung mit der Füchsin aufscheinen. Svatopluk Sem (Förster) hat eine sehr schnell ansprechende Baritonstimme, mit der er auch mit seinen kurzen und quasi-gesprochenen Passagen souverän über dem Orchester steht. Dieses Stück erfordert sehr viele Sänger, darunter auch etliche Jugendliche, die an diesem Abend ihre Partien ohne hörbare Schwierigkeiten bewältigten und sicher agierten. Stellvertretend für sie sei hier lediglich Sandra Laagus (Dackel/Specht) erwähnt, die auf allen Vieren singend den seinem Schicksal ergebenen Dackel des Försters gibt, ohne den richtigen Stimmsitz zu verlieren.

Fazit

Diese Produktion ist einer Staatsoper vollkommen würdig. Musikalisch wie auch darstellerisch bekam man eine perfekte, ja vielleicht schon perfektionistische Inszenierung geboten. Lyrische Ruhepunkte gibt es in diesem Stück kaum, sondern die in kurzen Episoden sich abspielende Handlung schreitet oder vielmehr läuft ständig weiter. Es gibt viel Spektakuläres zu sehen und zu hören, so daß die ohne Pause gespielte Oper wie im Flug vorüberging. Das Publikum wußte die musikalisch und schauspielerisch hervorragende Interpretation dieses eigenartigen Werkes zu würdigen und feierte neben den vielen erwachsenen und jungen Sängerinnen, Sängern und Akteuren auch das Regieteam und nicht zuletzt das Orchester.

Dr. Martin Knust

Bild: Monika Rittershaus

Das Bild zeigt: Vera-Lotte Boecker, Anna Samuil

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