Deutsche Übersetzung: Madama Butterfly – London, Royal Opera House

von Giacomo Puccini (1858–1924), Oper in drei Akten, Libretto von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica

UA: 17. Februar 1904 La Scala, Mailand

Regisseure: Moshe Leiser und Patrice Caurier, Regisseure der Wiederaufnahme: Daisy Evans und Cecilia Stinton, Bühnenbild: Christian Fenouillat, Kostüme: Agostino Cavalca, Licht: Christopher Forey

Chor der Royal Opera, Leitung: William Spaulding

Orchester des Royal Opera House, musikalische Leitung: Kevin John Edusei

Solisten: Asmik Grigorian (Cio-Cio-San), Joshua Guerrero (Pinkerton), Lauri Vasar (Sharpless), Hongni Wu (Suzuki), Ya-Chung Huang (Goro), Jeremy White (Bonze), Josef Jeongmeen Ahn (Fürst Yamadori), Veena Akama-Makia (Kate Pinkerton), u.a.

Besuchte Aufführung: 14. März 2024 (Premiere)

Kurzinhalt

Der amerikanische Marineoffizier Pinkerton heiratet die fünfzehnjährige Geisha Cio-Cio-San (oder Madama Butterfly), in die er sich während seines Aufenthaltes in Japan verliebt hat. Vermittelt vom Heiratsmakler Goro hat Pinkerton ein Haus gemietet und berichtet seinem Freund, dem Konsul Sharpless, daß sowohl Miet- als auch Heiratsvertrag jederzeit aufgelöst werden können. Die Hochzeit wird von Cio-Cio-Sans Onkel, einem buddhistischen Priester, unterbrochen, der die Braut verflucht und aus der Familie verstößt.

Drei Jahre sind vergangen. Pinkerton ist in die USA zurückgekehrt und Cio-Cio-San, die in seiner Abwesenheit ihren gemeinsamen Sohn zur Welt gebracht hat, erwartet seine Rückkehr. Tatsächlich kommt er wieder nach Japan, allerdings gemeinsam mit seiner neuen amerikanischen Frau, um sein Kind mit nach Amerika zu nehmen. Aus Scham wagt er es zunächst nicht, Cio-Cio-San gegenüberzutreten. Als sie begriffen hat, daß ihr alles genommen werden soll, begeht sie in dem Moment, in dem er sein Haus betritt, Selbstmord.

Aufführung

Die Bühne ist von einfachen Holzlatten umgeben, die das Innere des Hauses andeuten, das Pinkerton für sich und seine Braut Cio-Cio-San gemietet hat. Die Bühne ist bis auf ein paar japanische Schriftzeichen auf der rechten und eine Freiheitsstatue sowie ein gerahmtes Photo – auf dem wohl Pinkterton selber zu sehen ist – auf der linken Seite leer. Cio-Cio-San verläßt diesen inneren Raum nie und ist nahezu ständig auf der Bühne zu sehen in Begleitung ihrer Zofe Suzuki. Pinkerton verläßt ihn hingegen ständig. Seine flotte, hellblaue Uniform sticht von den gedeckten Farben der Hochzeitsgesellschaft und dem weißen Brautkleid Cio-Cio-Sans ab. Sie bewegt sich im ersten Akt kaum und verkörpert Zurückhaltung und Unschuld, während Pinkerton nervös hinein- und hinausläuft. Seine Annährungen während ihrer gemeinsamen Hochzeitsnacht wirken durch diesen Kontrast immer schmerzvoller. Butterfly entledigt sich bis auf ein dünnes weißes Nachthemd all der Schichten ihres Kleides und legt sich still auf die Bühne. Die Wahl der szenischen Mittel unterstreichen ihre Verletzlichkeit und Bindung an das Haus, wenn ihre weiße Figur in diesem intimen Moment regungslos im Vordergrund liegt. Im zweiten und dritten Akt sind die Rollen vertauscht: Drei Jahre nach den Geschehnissen des ersten Aktes beherrscht Butterfly das Haus, räumlich und stimmlich, während Suzuki den aufdringlichen Heiratsmakler Goro abfertigt, der ständig auf der Schwelle lauert. Pinkerton ist nicht zu sehen. Wenn er Ende des dritten Aktes auftritt, hat sich seine einst so selbstsichere und gefällige Erscheinung gewandelt. Gezeichnet von Reue, Cio-Cio-San verlassen zu haben, schwankt er gebückt über die Bühne. Er macht sich davon, ohne seine verlassene Frau gesehen zu haben, währen die Silhouette seiner neuen amerikanischen Frau statt seiner auf einem Bildschirm erscheint. Als sie kommt, um Pinkertons und Kind zu holen, verbindet ihm Cio-Cio-San die Augen und drückt ihm eine amerikanische Flagge in die Hand, bevor sie mit Gleichmut und Entschiedenheit Selbstmord begeht.

Sänger und Orchester

Das Ensemble wurde von Kevin John Edusei meisterhaft geleitet. Von dem fugierten Vorspiel zum ersten Akt an zeichnen sich Sänger und Orchester durch ihre unvergleichliche Klarheit und Präzision aus. Insgesamt war das Orchester jedoch zu laut. In den Vorspielen beeindruckte der mächtige Klang, in den Soloabschnitten und Duetten drohte er hingegen die Sänger zu übertönen. Dank der Sänger kam es glücklicherweise nicht dazu, die jede einzelne Silbe kraftvoll vortrugen und so die Handlung des Librettos dem Publikum vermittelten.

Die Besetzung dieser Butterfly ist wirklich ausgezeichnet. Asmik Grigorian begeistert in der Titelrolle. Sie verkörpert die Unschuld und Verletzlichkeit dieser Figur bis ins Detail, etwa im ersten Akt mit Hilfe des leicht tremolierenden Charakters ihrer Stimme. Diese kindliche Unschuld wird von einigen plötzlichen Ausbrüchen konterkariert, mit denen Grigorian die Intensität der Liebe Cio-Cio-Sans zu Pinkterton erfahrbar werden läßt. Im zweiten und dritten Akt kommt ihre innere Stärke stimmlich voll zur Geltung, wenn Butterfly die Rückkehr ihres Gatten erwartet und sich der Ablehnung ihrer Freunde, Familie und Umgebung entgegenstellt. Hongni Wu als Suzuki verfügt über die gleiche Ausdruckskraft wie Grigorians Stimme und beide kehren im zweiten Akt die enge emotionale Bindung zwischen den beiden Charakteren hervor.

Ein humorvolles Gegengewicht präsentieren Ya-Chung Huang als verschlagener Goro wie auch das große umherschwärmende Ensemble von Cio-Cio-Sans Freunden und Verwandten, unter denen vor allem Andrew O’Connor im Publikum mit seiner Darstellung des betrunkenen Onkel Yakusidé für Heiterkeit sorgte. Auch Grigorians Zurückweisung des jammernden Fürsten Yamadori, gesungen von Josef Jeongmeen Ahn, wurde mit Gelächter quittiert. Dieses Moment hatte jedoch einen traurigen Unterton, wenn klar wird, daß Butterfly hier ihr Verständnis des amerikanischen Rechtes aufrecht erhält, um Pinkerton zu verteidigen. Der wird von Joshua Guerrero gegeben, der gekonnt abwechselnd die unverbindlichen, prinzipientreuen und rücksichtslosen Seiten dieser Figur herausspielt. Im ersten Akt, im Duett mit Lauri Vasar (Konsul Sharpless) „America for ever“ zeigt sich eine glühende Leidenschaft für sein Land mit all seinen Gesetzen und Werten, die seiner Behandlung Cio-Cio-Sans erschreckenderweise hingegen gänzlich abgeht. Vasars Sharpless zeichnet sich stimmlich und darstellerisch durch sein großes Mitgefühl für sie aus. Im letzten Akt ruft er den kauernden Pinkerton mit ausdrucksvoller Stimme zur Ordnung und symbolisiert damit die Idee von Ehre, die Pinkerton zu repräsentieren vorgibt.

Zusammenfassung

Die Premiere war ein Triumph. Sowohl als Ensemble als auch als Solisten waren die Sänger musikalisch und dramatisch exzellent. Asmik Grigorian glänzte in der Rolle der Butterfly. Das Orchester war ebenfalls hervorragend, hätte aber ein etwas schwächeres Ensemble mit seinem dunklen, reichhaltigen Klang überdeckt. Von ein paar vereinzelten Buhrufen für den Dirigenten abgesehen und einem Chor nicht ernst gemeinter Buhs für den Schurken dieses Stückes, Pinkerton, gab es enthusiastischen Applaus für diese erlesene Produktion.

Rebecca Severy MPhil BA (Hons)

Bild: Marc Brenner

Das Bild zeigt: Asmik Grigorian (Cio-Cio-San) Joshua Guerrero (Pinkerton)

 

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