Tristan und Isolde – Bayreuther Festspiele 2019

von Richard Wagner (1813–1883), Oper in drei Akten, Libretto: R. Wagner, UA: 10. Juni 1865 München, Königliches Hof- und Nationaltheater

Regie: Katharina Wagner, Bühne: Frank Philipp Schlößmann, Matthias Lippert

Dirigent: Christian Thielemann, Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele, Choreinstudierung: Eberhard Friedrich

Solisten: Petra Lang (Isolde), Stephen Gould (Tristan), Greer Grimsley (Kurwenal), Georg Zeppenfeld (König Marke), Christa Mayer (Brangäne), Raimund Nolte (Melot), u.a.

Besuchte Aufführung: 28. August 2019 (Derniere)

Kurzinhalt

Der Ritter Tristan führt die irische Prinzessin Isolde, deren Verlobten Morold er einst im Zweikampf getötet hat, seinem Onkel König Marke als Braut zu. Auf der Überfahrt nach England verlangt Isolde Sühne für Morolds Tod: Sie fordert Tristan auf, gemeinsam mit ihr Gift zu trinken. Brangäne hat jedoch das Gift heimlich gegen einen Liebestrank ausgetauscht, so entbrennen Tristan und Isolde in heftiger Leidenschaft füreinander. Isolde heiratet zwar König Marke, trifft sich aber mit Tristan. Melot verrät die Liebenden und verwundet Tristan schwer – Kurwenal bringt den Verletzten nach Kornwall. Tristan stirbt jedoch bei Isoldes Ankunft. Als Konsequenz ihrer Liebe folgt Isolde ihm in den Tod.

Aufführung

Für das allgemeine Verständnis ist es ein großes Problem, daß hier die Charaktere oder Handlungssituationen umgewidmet werden: Der Liebestrank wird verschüttet und nicht getrunken, Melot ersticht den wehrlosen geblendeten Tristan, Marke ist der böse Onkel, Gefühle können im Licht der Scheinwerfer in Markes Stahlgittergefängnis nicht aufkommen.

Auch das Bühnenbild wirkt zusammenhanglos, die drei Akte passen nicht recht zusammen: Der erste Akt zeigt ein Treppenhaus mit unendlichen Absätzen und Wegen. Die noch dazu immer wieder verfahren oder herunterklappen werden können und so den Weg versperren. Zuerst wird verhindert, daß Tristan und Isolde zusammenkommen, dann können Kurwenal und Brangäne nicht zu Ihnen kommen.

Der zweite Akt zeigt den Innenhof mit hohen Mauern. Auf den Zinnen sitzen Mitarbeiter König Markes (sie tragen dieselbe gelbe Kleidung) und leuchten den Hof aus, beobachten jede Bewegung. Eine verlöschende Fackel als Zeichen der Ankunft Tristans gibt es nicht, er wird in den Hof geworfen.

Im dritten Akt sitzt Kurwenal mit Hirten, Seeleuten und Statisten am rechten Rand auf Stühlen vor leuchtenden Grablichtern – Tristan liegt davor auf einer Decke: Ist er schon tot? Im Hintergrund erscheinen Projektionen von Isolde in einer Pyramide. Einen Liebestod gibt es nicht, denn Marke schleppt Isolde weg.

Sänger und Orchester

Die einzige wirkliche Neuerung ist, daß nun Petra Lang die Isolde singt, die mit viel Härte und Kraft wenig Lieblichkeit ausstrahlt. Ebenso permanent ist die Besetzung des Melot. Gefordert ist ein „Charaktertenor, eventuell -bariton“. Raimund Nolte ist jedoch ein Baß. Und hat somit keine Chance, die Tenorlage ohne Falsett zu erreichen. Es mag sein, daß er den Melot schon an der Opera Bastille unter Philippe Jordan gesungen hat, er bleibt eine Fehlbesetzung.

Positiv hat sich Stephen Gould entwickelt. Mit seiner weichen samtigen, aber doch ausdauernden Tenorstimme. Durchaus ein Heldentenor, kann er dem Tristan Konturen verleihen, die zwischen Ekstase und Mitleid liegen. Greer Grimsley bleibt als Kurwenal unauffällig, seine Auftritte gehen streckenweise im mystischen Dunkel der Bühne unter. Christa Mayer ist ein schwerer Wagner-Mezzosopran, der eine wohlige Wärme auch in den tiefen Lagen verbreitet. Ihre Gestaltung der Brangäne ist ein wunderbares Beispiel was an „Mitleidensfähigkeit in der Stimme“ möglich ist. Eine ebenso beispielhafte Leistung bietet Georg Zeppenfeld als König Marke. Obwohl ihn die Personenregie als messerschwingender Bandenchef darstellt, bleibt er doch stimmlich immer der gnadenvolle König.

Ein wundervolles Beispiel für die akustische Ausreizung aller Möglichkeiten, die das Festspielhaus bietet, ist das Dirigat von Christian Thielemann. Das Festspielorchester zeigt eine Höchstleistung, die diese musikalische Liebesgeschichte mitreißend umsetzt und ihr mehr als würdig wird.

Fazit

Auch bei der letzten Aufführung dieser Produktion, der Derniere, ist das Urteil des Publikums eindeutig. Für die schwer verständliche Deutung des Nichtzusammenkommens des legendären Liebespaares, deren Käfighaltung durch den bösen Menschenschinder Marke und für den nicht vorhandenen Liebestod gibt es deutliches Mißfallen beim Schlußapplaus. Die musikalische Seite wird hingegen gefeiert. Thielemann ist der derzeitige „Hausgott des Hügels“. Es bleibt die Hoffnung, daß die szenische Umdeutung der Werke Wagners in Zukunft unterbleibt. Oder in Zukunft – wie von Wagner angedacht – unsichtbare Inszenierungen zu sehen sind.

Oliver Hohlbach

Bild: Enrico Nawrath

Das Bild zeigt: Petra Lang (Isolde), Stephen Gould (Tristan)

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