40. Rossini Festspiele 2019 in Pesaro

Gala-Abend am 22 August 2019

Das klug zusammengestellte Programm bringt im ersten Teil die früheren Opern von Maestro Rossini: die Sinfonie Il Barbiere di Siviglia und aus der gleichen Oper Arien des Bartolo und des Grafen, danach ein Duett Melbea-Conte di Libenskof aus Il viaggio a Reims sowie zwei Arien aus La Cenerentola, die des Don Magnifico und Don Ramiro und schließlich das Septett aus L’Italiana in Algeri.

Nach der Pause im zweiten Teil: aus der wenig bekannten Oper Erminone zwei Arien und aus Guillaume Tell zwei Arien. Als Schlußstück Teile aus dem Finale IV.

Aufgeboten sind vier Damen und zehn Herren sowie der Chor des Teatro Ventidio Basso, die Giovanni Farina einstudiert hat.

Aus dem ausgewogenes Programm sind  herausragend: Juan Diego Flórez, Lawrence Brownlee, das Duo Anna Goryachova und Sergey Romanovsky. Letztere singen aus Il viaggio eine Arie und das Duett: Maliban-Libenskoff: D’alma celeste, oh Gott – wes bin ich schuldig, o Gott.

Sehr bühnenwirksam gestaltete der Sizilianer Nicola Alaimo die Arie des Magnifico aus La Cenerentola: sia qualunque delle figlie – Wenn eine von euch den Fürstenthron besteigt und Juan Diego Flórez singt aus La Cenerentola: si ritrovarla io giuro – wenn ich sie wiederfinden werden, schwöre ich mit seiner elegant tänzerischen Art, mit männlichem und doch sanftem Timbre seines tenore di grazia.

Auch der zweite Teil ist sehr gekonnt vorgetragen, wobei zum Ende das Sextett aus Guillaume Tell dem Finale IV herausragen gesungen, aber nicht die gleiche Begeisterung wie beim formidablen Finale I aus L’Italiana in Algeri hervorgerufen wird. Hier ist die Wirkung mit ihren um sich wirbelnden Stimmen und dem schwarzen Baß von Michele Pertusi einfach umwerfend.

Leider fehlte der Text der Arien und Duetten in dem sonst hervorragenden Programmheft.

Ein rundum gelungener Abend.

L’equivoco stravagante – Das bizarre Mißverständnis

von Gioachino Rossini (1792-1868), Dramma giocoso in zwei Akten, Libretto: Gaetano Gasbarri, UA: 26. Oktober 1811, Bologna, Teatro del Corso

Regisseure: Moshe Leiser, Patrice Caurier, Bühne: Christian Fenouillat, Kostüme: Agostino Cavalca, Licht: Christophe Forey

Dirigent: Carlo Rizzi, Orchestra Sinfonica nazionale della RAI, Coro del Teatro Ventidio Basso, Choreinstudierung: Giovanni Farina

Solisten: Teresia Iervolino (Ernestina), die für Literatur schwärmende Tochter Gamberottos (Contralto), Paolo Bordogna (Gamberotto), ein Bauer als Edelmann (Baßbuffo), Davide Luciano (Buralicchio), ein reicher und törichter Jüngling, Ernestina als Bräutigam versprochen (Baßbuffo), Pavel Kolgatin (Ermanno), ein armer Jüngling, Ernestinas Liebhaber (Tenor), Claudia Muschio (Rosalia), Ernestinas Kammerzofe (Sopran), Manuel Amati (Frontino), unternehmungslustiger Diener Gamberottos, Ermannos Vertrauter, (Tenor)

Besuchte Aufführung: 22. August 2019

Kurzinhalt

Im extravaganten Mißverständnis wie man es auch nennen könnte, handelt es sich um zwei Männer, die der schönen Ernestine nachstellen. Diese ist die Tochter eines reichen Bauern, der geadelt wurde und interessiert sich mehr für geistige Werte als um alles andere. Ihr Vater Gamberotto begrüßt ihre Haltung und will Ermanno, Lehrer für Philosophie, für die Tochter gewinnen. Doch gleichzeitig ist er erfreut über die Werbung des reichen Buralicchio um seine Tochter. Frontino, der gewitzte Diener Gamberottos, verhilft Ermanno zu der Stelle als Hauslehrer. Dieser ist über die Ohren in die schöne Ernestine verliebt. Die Kammerzofe Rosalia unterstützt Frontino, der Ermanno helfen will, Ernestina zu gewinnen. Aber der reiche Gecke Buralicchio hat mehr Erfolg in seinem Werben. Nun spielt Frontino Buralicchio einen fingierten Brief zu, in dem Ernestina als Kastrat entlarvt wird, der, um das Militär zu umgehen, in Frauenkleidern auftreten würde. Dieses Mißverständnis, durch das Ernestina sogar ins Gefängnis gelangt, hat Buralicchio durch Denunziation bei der Behörde zuwegege gebracht. Es endet jedoch gut, da eben Ernestina wirklich die schöne Tochter Gamberottos ist. Sie und Ermannos werden ein glückliches Paar.

Aufführung

Wir sehen in ein Zimmer im Landhaus Gamberottos, das ein auffallend geblümtes, mit Ornamenten versehene Tapete hat. Im Laufe der Oper wird im zweiten Akt ein Bett aus der Wand geschoben, das dahinter auch wiederholt verschwindet. Zur Gefängnisszene wird auf der rechten Bühnenseite ein Teil abgetrennt. Dort wird dann Ermanno Frauenkleider zu der in Männerkleidung inhaftierten Ernestina hinunterlassen.

Das Bühnenbild bleibt mit den kleinen Änderungen von Anfang bis Ende. Es ist also eine sogenanntes Einheitsbühnenbild.

Sänger und Orchester

Durchweg singen und spielen die Darsteller auf hohem Niveau wie es sich für ein Festival gehört und entschädigen ein wenig für die große Enttäuschung von Rossinis außerordentlichem Melodramma tragico Semiramide.

Am vorzüglichen in allen Vorgaben des Belcanto bewährt sich Teresa Ierivolino in der Rolle der Ernestina. Ihr Passaggio, ihre perlenden Koloraturen, ihre Spitzentöne und ihre tadellose Intonation rissen von den Stühlen. Ihre beiden Partner Pavel Kolgatin als Ermanno und Davide Luciano als Stutzer Buralicchio standen ihr in nichts nach. Schließlich ist der schauspielerisch souverän auftretende Paolo Bordogna (Gamberotto) zu nennen, der in seinem breiten Buffo wohl alle begeistert. Gewissermaßen als I-Tüpfelchen bewährten sich Claudia Muschio (Rosalia) und Manuel Amati (Frontino). Zusammen, wie gesagt, eine in sich geschlossenen Truppe, die begeisterten.

Semiramide

von Gioachino Rossini (1792-1868), Melodramma tragico in zwei Akten, Libretto: Gaetano Rossi nach dem Roman Sémiramis von Voltaire, UA: 3. Februar 1823 Venedig, Teatro La Fenice

Regie: Graham Vick, Bühne/Kostüme: Stuart Nunn, Licht: Giuseppe di Iorio

Dirigent: Michele Mariotti, Orchestra Sinfonica nazionale della RAI, Chor: Coro del Teatro Ventidio Basso, Choreinstudierung: Giovanni Farina

Solisten: Salome Jicia (Semiramide), Verduhi Abrahamyan (Arsace), Nahuel di Pierro (Assur), Antonino Siragusa (Idreno), Martiniana Antonie (Azema), Carlo Cigni (Oroe), Alessandro Luciano (Mitrane), Segey Artamonov (Geist des Nino)

Besuchte Aufführung: 20. August 2019

Kurzinhalt

Am Euphrat in Babylon (Mesopotamien) um 600 v. Chr. feiert man das Opferfest zu Ehren des Gottes Belus. Der Hohepriester Oroe erfährt in einet Vision: der Tag der Gerechtigkeit und Rache einer ungesühnten Schuld sei nicht mehr fern. Die Völker haben sich aus ganz Assyrien nach Babylon begeben, wo Königin Semiramide den Nachfolger des König Nino, ihres Gatten, nennen will. Auch eine Gruppe Inder mit ihrem Anführer Prinz Idreno nehmen an dem Fest teil. Assur, ein Prinz in der Abstammung des Belus, hofft darauf, Nachfolge Ninos zu werden. Kurz bevor Semiramide den Nachfolger ihres verstorbenen Gatten nennt, erlischt auf dem Altar das Feuer durch einen Blitz. Alle sind entsetzt und die Versammlung löst sich auf.

Semiramide hatte den Feldherrn Arsace von seinen Truppen nach Babylon gerufen.

Als Arsace bei Oroe auftaucht, ist dieser hocherfreut, denn ihm ist bekannt, daß Arsace Ninia, der totgeglaubte Sohn Semiramides ist, was aber Arsace nicht weiß. Oroe gibt Arsace ein Schriftstück, worin König Nino kurz vor seinem Tod erklärt, von Semiramide zusammen mit Assur vergiftet worden zu sein. Er fordert Arsace auf, ihn zu rächen. Oroe überreicht Arsace auch Ninos Schwert.

Das Volk versammelt sich zum zweiten Mal und Semiramide verkündet, daß Arsace König und gleichzeitig ihr Gatte werden solle. Das Volk bejubelt diese Wahl, doch Assur sinnt auf Arsaces Tod. Semiramide erfährt beim Zusammentreffen mit Arsace, daß er von dem Mord an seinem Vater Nino wisse und daß Semiramide und Assur die Mörder waren. Dennoch finden beide als Mutter und Sohn zueinander und begeben sich zu Ninos Grab in die Grabkammer. Dort lauert allerdings Assur auf Arsace. Beim Irren durch die Grabkammern wurde er fast wahnsinnig weil er meint, Ninos Geist stelle ihm nach. Dieser war auch vorher tatsächlich erschienen und hatte ihn und Semiramide des Mordes angeklagt und Arsace die Rache an den beiden empfohlen. Alle waren nun in der Grabkammer, wo plötzlich Arsace meint, Assur stünde hinter ihm. Er sticht zu und ermordet unwissentlich seine Mutter, Königin Semiramide. Er will sich deswegen umbringen, doch man hält ihn davon ab und feiert ihn als neunen König. Assur wird ins Verlies gesperrt.

Aufführung

Die breite Bühne zeigt den mittleren Teil eines riesigen Gesichts mit auffallend traurigen Augen. Diese sind auf zwei verschiebbare Elemente gemalt. Diese werden des öfteren verschoben, um die Bühne in verschiedene Flächen einzuteilen, die mal eine Versammlungsfläche, dann wieder ein Zimmer oder größeren Raum bilden. Dabei sehen wir die beiden Augen getrennt, dann wieder zusammen. Einen sinnvollen, dem Opernablauf entsprechenden Raum zu geben, wird nicht erkennbar, keinesfalls etwa die von Rossini und seinem Librettisten angegebenen Vorgaben umgesetzt. Semiramide erscheint im schwarzen Hosenanzug mit weißer Bluse und hochhackigen Schuhen. Sie trägt eine blonde Kurzhaarfrisur. Zum Opernende erscheint sie in kurzem Rock. Arsace mit gemustertem dunkelblauem Hosenanzug und weißer Bluse. Der Busenansatz ist deutlich zu sehen. Die Darstellerin der Hosenrolle überrascht zum Opernende im Frauenkleid.

Prinzessin Azema tritt wie eine Braut in großer weißer Robe mit Schleier  schon zum Opernanfang auf einem Balkon auf der linken Bühnenseite auf. Der in sie verliebte Prinz Idreno entspricht in seiner prachtvollen Kleidung der Vorstellung eines indischen Prinzen.

Sänger und Orchester

Wirbelnd beginnt das Orchester, um dann sogleich in den von Bläsern intonierten „Choral“ – wie Alberto Zedda ihn umschreibt – zu münden. Dieser ist mit Andantino überschrieben. Aber Dirigent Michele Mariotti wählt eher Adagio, was denn doch zu langatmig wird. Sehr schön aber die folgenden Teile der Ouvertüre (Sinfonie), wohl die längste von Rossinis vielen Sinfonien. Sie weist erstmals Motive auf, die später in der Oper, z.B. in der Grabkammerszene, aufscheinen. Sehr rasch genommene Allegri Teile, bei denen die fabelhafte Bläsergruppe und die mit ihr in ihren rasenden 16tel im Piano kontrastierenden Streicher. Es wird ein wunderbares Musikerlebnis.

Auch der erste Sänger, den wir hören, läßt kaum Wünsche offen. Gekleidet ist Carlo Cigni (Oroe) als Guru, fast nackt mit Lendenschurz und Vollbart. Sein kerniger Baß dringt ins Mark. Gleich darauf der als Prinz in prächtiger Uniform gekleidete Antonino Siragusa (Idreno) mit einer kernigen Tenorstimme, die er in tänzerische Eleganz kleidet. Er läßt die Koloraturpassagen wie einzelne Sandkörner aus seinem Mund perlen und hat keinerlei Schwierigkeiten mit den Acuti, den höchsten Tönen, etwa C‘‘‘. Daß er diese vielleicht ein wenig zu stark forciert, ist zwar anzumerken, aber dennoch nicht störend.

Zu Opernbeginn vereinen sich Oroe (tiefer Baß), Idreno (Tenore di grazia) und Assurs (Baß) in einem geradezu berückenden Terzett A quei detti, a quell’aspetto – bei diesen Worten, bei diesem Anblick spüre ich mein Herz erbeben. Es wird nicht schlecht gesungen, allein es fehlt die Tiefe eines „schwarzen“ Basses als Grundlage, eines Basses, wie ihn Michele Pertussi besitzt. Nahuel di Pierro (Assur) hat eine gut fokussierte Baßstimme, doch ist seine Stimme eher baritonal.

Auf den Auftritt von Semiramide und Arsace muß man bis zum Auftritt der Hofdamen in den „Hängenden Gärten“ (so im Libretto) des babylonischen Palasts warten. Das Bühnenbild zeigte etwas ganz anderes. Wohl jeder, der das Libretto gelesen hatte, ist enttäuscht. Der Chor serena i vaghi rai –erheitere die lieblichen Blicke ist schwungvoll und rhythmisch präzis. Dann Semiramide mit: Bel raggio lusinghier – der schöne, verführerischen Strahl der Hoffnung. Salome Jicia hat einen klaren Sopran, doch ihr fortwährend zu vernehmendes Vibrato, was leider öfter in Stimmflattern umschlägt, das Verschleifen der Koloraturen, die kaum verständliche Aussprache, die häufigen Intonationstrübungen sind kaum erträglich. Auf einen klaren Triller, den Rossini gerade in dieser Oper mehr als gewöhnlich fordert, hofft man vergeblich. Dann kommt der ersehnte Arsace. Die Armenierin Varduhi Abrahamyan ist mit ihrem Contralto wohl besser, doch ihr Vibrato-Reichtum steht ihrer Partnerin kaum nach. Auch bei ihr Intonationstrübungen und ihre Höhen sind fast durchweg zu stark forciert. Beide eine große Enttäuschung.

Ein Lichtblick ist Prinzessin Azema. Martiniana Antonies Auftritt in großer weißer Robe labt das Auge. Leider ist ihr Auftritt ziemlich kurz. Doch dabei beweist sie ein großes musikalisches und technisches Können.

Fazit aller drei Aufführungen

Es kommt selten vor, daß man ein solches Versagen einem berühmten Festival im vierzigstem Jahr seines Bestehens attestieren muß. Gemeint ist hier die schlimme Inszenierung des Melodramma tragico Semiramide. Mit dieser Oper hat ja Rossini nach eigenen Angaben Abschied von Italien genommen und sein Leben weiter in Paris verbracht. Nach Aussagen großer Rossini-Kenner ist dieses Werk wohl eine seiner größten Opernschöpfungen. Hier ist ein bedeutender Kenner des Belcanto-Stils, Rodolfo Celletti (1917-2004), anführen, der in seiner Geschichte des Belcanto als Schlußsatz schreibt: La Semiramide ist die letzte große Oper barocker Tradition – vielleicht die schönste, die phantastischste, die umfassendste, aber unwiederbringlich die letzte.

Wie kann man es zulassen, daß eine Hosenrolle durch eine Frau auf der Bühne dargestellt wird. Hier soll wohl jedem Opernbesucher jegliche Illusion genommen werden. Und wenn schon Regisseur Graham Vick, der die vielen psychologischen Winkelzügen bei Rossini nachzuspüren bestrebt ist, warum hat er dann sich nichts einfallen lassen zu dem berühmten Terzett (Semiramide, Arsace, Assur) kurz vor Opernschluß: L’usato ardir, il mio valore dov’è – wo ist der gewohnte Mut, wo meine Tapferkeit. Und völlig unverständlich ist die Tat der mit Dolchstoß ermordeten Semiramide durch Assur bei voller Beleuchtung? Im Libretto wird eine dunkle Grabkammer gefordert!

Umso mehr bin ich erfreut über das sängerische Können, da mir die beiden Abenden L’equivoco stravagante und der Galaabend brachten. Sie erinnerten mich an die vielen wunderbaren Erlebnisse in den vielen Jahren, in denen ich das bedeutende Festival besuchte.

Dr. Olaf Zenner

Bilder: Studio Amati Bacciardi

Die Bilder zeigen:

Bild 1) Juan Diego Flórez mit Chor

Bild 2) Claudia Muschio, Valeria Girardello, Lawrence Brownlee, Anna Goryachova, Michele Pertusi, Paolo Bordogna, Mirco Palazzi, v.l.n.r.

Bild 3) Pavel Kolgatin (Ermanno), Teresia Iervolino (Ernestina), Davide Luciano (Buralicchio), v.l.n.r.

Bild 4) Salome Jicia (Semiramide), Verduhi Abrahamyan (Arsace)

Bild 5) Antonino Siragusa (Idreno), im Bildhintergrund, Carlo Cigni (Oroe), zweiter von li

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