Lohengrin – Stuttgart, Staatsoper

Oper in drei Akten von Richard Wagner, Libretto R. Wagner, UA: 28. August 1850, Nationaltheater Weimar, Herzogliches Hoftheater

Regie: Árpád Schilling, Bühne: Raimund Orfeo Voigt, Kostüme: Tina Kloempken, Saskia Schneider, Licht: Támás Bányai, Dramaturgie: Miron Hakenbeck

Dirigent: Cornelius Meister, Chor: Manuel Pujal, Staatsorchester, Staatsopernchor und Zusatzchor Stuttgart

Solisten: Goran Jurić (Heinrich der Vogler), Michael König (Lohengrin), Jennifer Davis (Elsa von Brabant), Martin Gantner (Telramund), Okka von der Damerau (Ortrud), Shigeo Ishino (Herrufer des Königs), Torsten Hoffmann (Erster Edler), Heinz Göhrig (Zweiter Edler), Andrew Bogard (Andrew Bogard), Michael Nagl (Vierter Edler), Elisabeth von Stritzky, Heike Beckmann, Simone Jackel, Lucy Williams (Vier Edelknaben)

Besuchte Aufführung: 3. Oktober 2018 (Premiere)

Vorbemerkung

Wagners Lohengrin gilt bis heute als eine seiner populärsten Opern. Der Komponist selbst hat das Werk als seine letzte eigentliche Oper bezeichnet, bevor er sich dem wagnertypischen Musikdrama zuwandte. Auch für das Stuttgarter Opernhaus hat Lohengrin große Bedeutung: mit dieser Oper wurde 1912 das neue Opernhaus eröffnet, das als eines der wenigen Gebäude den Bombenterror des zweiten Weltkrieges nahezu unbeschadet überstanden hat. Bis zum heutigen Tag kann man das Theatergebäude in seinem ursprünglichen Zustand bewundern, da bislang keine zerstörerischen Erneuerungen vorgenommen wurden. So kann man in diesen Tagen den Stuttgarter Lohengrin nahezu in historischem Flair des Jahres 1912 erleben.

Kurzinhalt

Elsa von Brabant wird beschuldigt, ihren Bruder der Herrschaft in Brabant wegen ermordet zu haben. Als sie vor Gericht steht, ruft sie einen unbekannten Retter zu Hilfe, der für sie bürgen soll. Auf einmal erscheint der Schwanenritter Lohengrin, der sie aus ihrer Not rettet. Als Bedingung für seine Hilfe fordert er von ihr, sie nicht zu fragen, wie er heiße, wo er herkomme oder wer er sei. Als Elsa ihm diese Forderung gewährt, bittet er sie um ihre Hand. Allerdings haben Ortrud und Telramund bereits einen Plan, um das Glück der beiden zu zerstören und Lohengrin wieder nach Hause zu schicken und Elsa läßt sich in Machenschaften verstricken, die sie am Ende bitter bereuen wird.

Aufführung

Die Stuttgarter Inszenierung von Arpad Schilling ist äußerst reduziert und nüchtern. Die Bühne zeigt eine dunkle zentralperspektivische Verengung nach hinten hin. Zu Beginn treten die Protagonisten allesamt in greulichen Farben auf und erst gegen Ende wechselt die Kostümierung zu bunter Alltagskleidung. Auch die Anzahl der Requisiten ist sehr reduziert. Elsa tritt einmal mit einem Dolch in der Hand auf, im dritten Akt wird dann mehrfach mit Schwänen geworfen. Allerdings hält man sich streng an die szenisch vorgegebenen Auf- und Abgänge, auch die Vorhänge sind während der Vorspiele zu den Akten geschlossen. Über Charakter und gesellschaftlichen Stand der Protagonisten sagen die Kostüme herzlich wenig aus, auch die einzelnen Szenenbilder weichen einem einheitlichen Hintergrund, der lediglich durch Lichtstimmungen variiert wird.

Sänger und Orchester

Die Interpretation von Cornelius Meister und dem Stuttgarter Staatsopernorchester ist frisch und farbenreich. Beim Anfangsakkord des Vorspiels hört man z.B. die hinzutretenden Holzbläser nicht sanft, sondern eher schroff zum Instrumentalteppich hinzutreten, gerade so als habe auch der Gral seine Ecken und Kanten. Die Stärke der Interpretation liegt weniger in der Wahl der Tempi als in einer fein abgestuften Dynamik. Hier tritt ein äußerst vielschichtiger und farbenreicher Wagner zu tage, der vom feinsten Pianissimo bis zum ohrenbetäubenden Lärm unzählige Nuancen kennt. Bei den Sängern sticht Martin Gantner als Telramund eindeutig hervor. Seine Deklamation ist äußerst fein erarbeitet, und er hebt die ihm von Wagner einkomponierte Färbung jederzeit sehr deutlich hervor. Hier erlebt man die vollständige Verknüpfung von Sprache und Gesang, wie sie dem Komponisten vorschwebte. Jennifer Davis hingegen verfügt zwar über ein warmes und sanftes Timbre für die Partie der Elsa, doch leider schmälert sich der Genuß durch die englische Einfärbung ihrer Vokale, was der Interpretation leider viel von ihrem Glanz nimmt. Man hört hier allzu deutlich, wie wichtig eben nicht nur reiner Klang sondern auch paßgenaue Artikulation sein muß.

Michael König als Lohengrin liefert zwar eine solide Gralserzählung im dritten Akt, allerdings bleibt er während des ganzen Stückes sehr hölzern und statuettenhaft. Der Klang einer Stimme ist passagenweise etwas metallisch, jedoch immer klar und ausgewogen. Allerdings ist sein Ausdruck bezüglich der Interpretation des Lohengrin weder der eines Helden noch der eines Liebhabers, sondern letzten Endes doch eher starr. Auch Okka von der Damerau als Ortrud liefert zwar eine eindrucksvolle Leistung mit sattem und warmem Timbre, doch fehlen auch ihr die spezifischen Zutaten für ihre Partie. Stets sind ihre Auftritte geradlinig und glatt. Auch hier hätte man sich ein paar Spitzen und Schärfen in den entsprechenden Situationen gewünscht. Ein solider Heerrufer steht mit Shigeo Ishino auf der Bühne. Ein sonorer Bariton mit Durchschlagskraft! Goran Jurić singt an diesem Abend König Heinrich. Trotz leicht slawischer Färbung gelingt ihm eine bodenständige Interpretation seiner Partie. Eindrucksvoll sind außerdem am Ende des dritten Aktes die zwölf Bühnentrompeter, die das Wagnersche Fortissimo beim Auftritt des Königs und Lohengrin zu einem prunkvollen Höhepunkt bringen.

Fazit

Der Stuttgarter Lohengrin ist durchaus sehens- und hörenswert. Musikalisch ist er gut erarbeitet und die Bühne verzichtet weitgehend auf alberne Umdeutungen. Sicherlich hätte man beim Auftakt eines neuen Intendanten und eines neuen Generalmusikdirektor etwas Skandalöseres erwartet. Allerdings ist es doch erfreulich, nach der Ära Wieler-Morabito nicht wieder sofort mit ermüdendem Konzepttheater überschwemmt zu werden, sondern dem Zuschauer bisweilen seine eigene geistige Freiheit zuzugestehen.

Dr. Daniel Rilling

Bild: Matthias Baus

Das Bild zeigt: Simone Schneider (Elsa von Brabant), Goran Jurić (Heinrich der Vogler), Okka von der Damerau (Ortrud), Chor Stuttgart

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