ATTILA – Nürnberg, Staatstheater

von Giuseppe Verdi (1813-1901), Dramma lirico in einem Prolog und 3 Akten (7 Bilder), Libretto: Temistocle Solera und Francesco Maria Piave, UA: 17. März 1846 Venedig, Teatro La Fenice

Regie: Peter Konwitschny, Bühne und Kostüme: Johannes Leiacker

Dirigent: Gabor Kali, Staatsphilharmonie Nürnberg, Chor des Staatstheaters, Choreinstudierung: Tarmo Vaask

Solisten: Nicolai Karnolsky (Attila), Mikolaj Zalasinski (Ezio), Helena Dix (Odabella), David Yim (Foresto), Yongseung Song (Uldino), Wonyong Kang (Leone).

Besuchte Aufführung: 27. Juni 2017

Staatstheater Nurnberg Spielzeit 2016/2017

Kurzinhalt

Die Oper spielt in Aquileia, in den adriatischen Lagunen davor und vor Rom in der Mitte des fünften Jahrhunderts. Hunnenkönig Attila erobert Aquileia, läßt dessen Herrscher töten und will nun gegen Rom vorrücken. Odabella, die Tochter des getöteten Herrschers, beeindruckt Attila mit ihrem Mut und ihrer Schönheit. Da sie den Tod ihres Vaters rächen will, geht sie auf Attilas Avancen ein. Aber sowohl der römische Feldherr Ezio wie auch Odabellas Geliebter Foresto wollen Attila vergiften. Ezio versucht zunächst ein Bündnis mit Attila, um mit ihm die Weltherrschaft zu teilen, was Attila ablehnt, da er keinem Verräter traut. Der Papst Leone hindert Attila durch sein persönliches Erscheinen am Weitermarsch auf Rom. Wie die biblische Judith ersticht Odabella Attila.

Aufführung

Die Bühne ist eine große leere weiße Spielfläche: Die Rückwand hat zahlreiche kleine und große Löcher, die manchmal nur als schwarzes oder rotes Loch, aber auch als Zu- oder Abgang zur Bühne dienen. Im ersten Akt sieht man zwei Kindergartengruppen sich bekriegen. Die Hunnen haben sich in Fälle gehüllt, die Italiener in weiße abgerissene Laken (als Toga?). Alltagsgegenstände wie Kelle oder Löffel dienen als Waffen, ein großer Leiterwagen ist das Transportmittel. Im zweiten Akt trägt man Anzug und gehobene Gesellschaftskleidung, während die Darsteller im dritten Akt altern und im Rollstuhl und Rollator ins Altersheim kommen.

Sänger und Orchester

Bis auf Helena Dix stammen alle Solisten aus dem Ensemble des Staatstheaters. Sie wird den Anforderungen an einen schweren italienischen Sopran für Verdi-Opern in der Rolle der Odabella mehr als gerecht, kann mit sicheren Koloraturen und hohen Spitzentönen absolut sicher punkten. Nicolai Karnolsky kann mit seinem markigen Baß und seiner stimmigen Tiefe in der Titelrolle Attila brillieren. Sein fast schwarzer Baß, der auch mit einer soliden Höhe glänzt, überzeugt mit einer großen Registerbreite. Mikolaj Zalasinski gibt dem Ezio die verschlagenen Züge eines Verräters. Sein großvolumiger Baßbariton zeigt viel Pathos in der Tiefe, kann auch in den hohen Tonlagen überzeugen. Gefeiert wird er bei den Arien am Anfang des zweiten Akts, wenn er spielerisch einfach durch die technisch anspruchsvollen Klangbilder sich hindurchbewegt – das Publikum versucht man währenddessen durch eine Schießerei und überdimensionalen Sprechblasen abzulenken.

David Yim ist nicht nur im Wagner-Fach zu Hause, er hat sich zu einem beeindruckenden italienischen Tenor mit Eloquenz besonders in den hohen Lagen entwickelt. Den Foresto stattet er mit viel tenoraler Durchschlagskraft als Liebhaber aus. Yongseung Song hat eine klare, schöne Höhe und könnte im Legatogesang eine Zukunft finden. Er fällt selbst in der relativ kleinen Nebenrolle des Uldino als Mitglied des Opernstudios auf. Gabor Kali bleibt mit der Staatsphilharmonie Nürnberg der Strippenzieher im Hintergrund, stellt sich eher als solider Begleiter der Solisten dar und stellt weniger die orchestralen Stücke in den Mittelpunkt. Das Finale des zweiten Aktes gerät besonders furioso (mitreißend).

Fazit

Warum Attila eine selten gespielte Oper ist, macht diese Produktion deutlich: musikalisch keineswegs ein Frühwerk, es ist ein reifer Verdi mit sehr anspruchsvoller Partitur zu hören, es fehlen nur musikalische Höhepunkte zum Mitsingen, wie im Nabucco, der vor dem Attila entstand. Allein, die Handlung kann nicht überzeugen, die Szene in der der Papst Leone die Geißel Gottes Attila zur Umkehr bewegt, ist mehr als unglaubwürdig und die Schlußformel Auch Du, Odabella? ist unfreiwillig komisch. Peter Konwitschny löst dieses Problem durch die Darstellung als „Kindergarten mit infantilen Handlungen“. Die Weiterentwicklung der übergestülpten Handlung von „Erwachsenen als Giftmischern“ zum „Mord im Altenheim“ führt allerdings zu noch mehr Unglaubwürdigkeiten, Gelächter an falscher Stelle und irgendwann zeigt die Aufführung gewaltige Längen. Das Nürnberger Publikum nimmt die Übernahme vom Theater an der Wien doch freundlich auf. Für die Sänger aus dem Ensemble zu Recht großer Jubel.

Oliver Hohlbach

Bild: Jutta Missbach

Das Bild zeigt: Unauffällige Sprechblasen (2.Akt)

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