FIDELIO – Köln, Oper (Staatenhaus Saal 1)

von Ludwig van Beethoven (1770-1827), Oper in zwei Aufzügen, Libretto: Joseph Sonnleithner und Friedrich Treitschke nach Jean Nicolas Bouilly, 1798/99. Diese opéra comique wurde von Pierre Gaveaux vertont und war in Frankreich sehr erfolgreich.

UA: 1. Fassung (3 Akte) als Fidelio oder Die eheliche Liebe: 20. November 1805 Wien, Theater an der Wien; 2. Fassung (2 Akte), Leonore oder der Triumph der Liebe: 29. März 1806, Wien, Theater an der Wien; 3. Fassung, von Beethoven stark revidiert: 23. Mai 1814, Wien, Kärtnertortheater, hier gespielt

Regie: Michael Hampe, Bühne/Kostüme: Darko Petrovic nach dem Konzept von John Gunter

Dirigent: Alexander Rump, Gürzenich-Orchester Köln, Chor der Oper, Choreinstudierung: Andrew Ollivant, Licht Andreas Grüter, Dramaturgie,  Tanja Fasching, Georg Kehren

Solisten: Lucas Singer (Don Fernando, Minister), Samuel Youn (Don Pizarro, Gouverneur eines Staatsgefängnis), David Pomeroy (Florestan), Emma Bell (Leonore), Stefan Cerny (Rocco, Gefängniswärter), Ivana Rusko (Marzelline, Tochter Roccos), Dino Lüthy (Jaquino, Pförtner), Young Woo Kim (1. Gefangener), Matthias Hoffmann (2. Gefangener)

Besuchte Aufführung: 11. Juni 2017 (Premiere)

Kurzinhalt

Der Gefangene Florestan hat den Gefängnisgouverneur Don Pizarro zum Todfeind, der ihn namenlos im tiefsten Verlies seines Gefängnisses gefangenhält. Leonore, hatte von dem nicht registrierten Gefangenen gehört und sich daher dem Gefängniswärter Rocco als Helfer unter dem Namen Fidelio angeboten. Leonore weiß nicht genau, ob es sich bei dem namenlosen Gefangenen um ihren verschwundenen Ehemann handelt.

In einem Brief an Don Pizarro kündigt der zuständigen Minister Fernando seinen Besuch im Gefängnis an. Ihm war zu Ohren gekommen, daß einige Gefangene in ungerechtfertigter Weise gefangengehalten würden. Für Pizarro war das unmittelbarer Anlaß, sich seines ärgsten Feindes Florestan zu entledigen.

Diesen Mordplan versucht Leonore zu verhindern. Sie überredet Rocco, der sie als seinen zukünftigen Schwiegersohn Fidelio ansieht, ihn mit in die Verliese begleiten zu dürfen. Das tut Rocco, der die vorhandene Zisterne in ein Grab umwandeln soll. Dann wollte Pizarro kommen, um Florestan zu erstechen. Doch Fidelio stellt sich ihm mit einer Pistole entgegen. Gleichzeitig erscheint der Minister und läßt Florestan und die anderen Gefangenen frei. Leonore schließt ihren Mann glücklich in die Arme.

Aufführung

Eine hohen Mauer, oben mit Stacheldraht gekrönt, bildet den Bühnenhintergrund. Im zweiten Bild verlassen die Gefangenen ihre Gefängniszellen und kommen in den Gefängnishof. Im dritten Bild wird der Boden des Gefängnishofes hochgefahren und zeigt das Verlies mit Florestan. Im vierten und letzten Bild ist wieder der Gefängnishof zu sehen. Zum Opernende verlassen alle den Hof und die hohen Gefängnismauern schließen sich wieder, so daß das Anfangsbild mit der geschlossenen Gefängniswand wieder sichtbar wird.

Sänger und Orchester

Dirigent Alexander Rump beginnt in ruhigem Tempo die Leonore Nr. 3 Ouvertüre, die Beethoven der Wiederaufnahme der Oper 1806 voranstellte. Der dramatische Operninhalt wird angedeutet. In der problematischen Akustik von Saal 1 im Staatenhaus wird sie passabel hörbar. Die Höhepunkte sind deutlich hervorgehoben.

Die zahlreichen Duette, Terzette und Quartette dieser Oper bewältigen die Sänger in harmonischem Zusammenspiel. Mit klarer Sopranstimme glänzt Ivana Rusko (Marzelline) in ihrer Arie O wär ich schon mit dir vereint, obwohl ihre Höhen ein wenig gepreßt klingen und sie die Koloraturnoten verschleift. Doch im Opernverlauf verliert sich das etwas. Dino Lüthy (Jaquino) hat ebenfalls Mühe, die Höhen ohne Pressen zu erreichen, während er seiner Tenorstimme aber die angemessene Dynamik verleiht. Bassist Stefan Cerny läßt in guter Wortverständlichkeit die „Goldarie“: Hat man nicht auch Gold beineben hören und seine gut fokussierte Stimme, die auch in den Höhen noch rund klingt, gibt dieser wichtigen Arie ihren nötigen Nachdruck.

Der schon international erfolgreiche, aus dem Kölner Opernstudio hervorgegangenen Koreaner Samuel Youn (Don Pizarro) stellt in Auftreten und dem gut geführten Baßbariton den  machtbetonten Gouverneur eines Staatsgefängnis dar, äußerlich unterstützt mit einem lange, grauen Militärmantel. Er kennt nur Rache ohne Pardon.

Die Britin Emma Bell (Leonore) hat einen schönen lyrischen Sopran, den sie versteht gut einzusetzen. Leider vermindern einige Trübungen der Intonation und vor allem ihre unschöne Aussprache des Deutschen, besonders bei gesprochenen Stellen, den Genuß ihrer Gesangslinien. David Pomeroy als im tiefen Verlies gefangener Florestan gestaltet seine ausgedehnte Arie (2. Akt), die von Einsamkeit und Hunger erfüllt ist, mit großem Engagement und beeindruckender Lebendigkeit.

Eine unvermittelte, auf das Publikum übergreifende Stimmung vermittelt der Gefangenenchor. Sie drücken darin den lang vermißten Aufenthalt im Hof des Gefängnisses aus: O welche Lust, in freier Luft, den Atem frei zu heben. Die hier im Pianissimo zu vernehmenden Chorstimmen werden leider vom Orchester überlagert. Resultiert dieser Eindruck von der ungünstigen Akustik des Saals? Dafür sind die Crescendi danach und die Wortverständlichkeit tadellos

Viellicht bemerkten einige im Publikum eine Wendung im gesungenen: Sprecht leise, haltet euch zurück, wir sind belauscht mit Ohr und Blick. Klingt das nicht wie eine Warnung vor dem heute alles beherrschenden Geheimdienste des Internet?

Fazit

Eine sehenswerte, berührende Aufführung dieser einzigen Oper von Beethoven, die sicher der behutsamen Personenführung von Regisseur Michael Hampe geschuldet ist. Eventuell vermissen bei der ruhig verlaufenden Handlung einige Opernbesucher „besondere“ Regieeinfälle, denn man kennt ja andere Aufführungsformen. Doch der langanhaltende Befall des Premierenpublikums widerspricht einer solchen Annahme. Hier zahlt sich gediegene Regiearbeit aus. Sie ist auch nicht teurer, wie öfters angeführt. Sind wir in Köln froh, einen solchen versierten Regisseur immer mal wieder begrüßen zu dürfen.

Dr. Olaf Zenner

Bild: Paul Leclaire

Das Bild zeigt Samuel Youn (Don Pizarro) begleitet von Gefängnisaufseher

(Im gleichen Heft erscheint ein Interview mit Professor Hampe.)

Veröffentlicht unter Köln, Bühnen der Stadt, Opern
Turandot (G. Puccini)
Musikalische Leitung: Axel Kober / Wen-Pin Chien, Inszenierung: Huan-Hsiung Li, Turandot: Linda Watson, Altoum: Bruce Rankin, Timur: Sami Luttinen, Kalaf: Zoran Todorovich, Liù: Brigitta Kele, Ping: Bogdan Baciu, Pang: Florian Simson, Pong: Cornel Frey, Mandarin: Daniel Djambazian, Prinz von Persien: Hubert Walawski, Tänzerin: Yi-An Chen