ANTIGONA – Kassel, Staatstheater

von Tommaso Traëtta (1727-1779), Tragedia per Muisca in drei Akten, Libretto: Marco Coltellini,; UA 11.November 1772 St. Petersburg., Zarenhof

Regie: Stephan Müller, Visuelle Konzeption: Goshka Macuga, Bühne: Siegfried E. Mayer, Kostüme: Gareth Pugh, Video: Sophie Lux

Dirigent: Jörg Halubek, Staatsorchester Kassel, ergänzt um barocke Instrumente wie Violoncello

Solisten: Elizabeth Bailey (Antigona), Maren Engelhardt (Ismene), Bassem Alkhouri (Creonte), Marta Herman (Emone), Musa Nkuna (Adrasto).

Besuchte Aufführung: 3. Juni 2017 (Premiere)

Kurzinhalt

Die Geschichte von Ödipus, der seinen Vater tötet, seine ihm unbekannte Mutter heiratet und vier Kinder zeugt, bevor er seinen Fehler erkennt und abdankt, wird vorausgesetzt. Seine beiden Söhne sollen abwechselnd ein Jahr lang regieren, aber Eteokles will nicht abdanken. So töten sie sich gegenseitig beim Kampf um die Macht. Eteokles darf bestattet werden, Polyneikes aber hatte Hilfstruppen gegen Theben gesammelt, deshalb wird sein Leichnam den Aasgeiern zum Fraße bestimmt. So gebietet es Creonte (Ödipus Onkel) als neuer Herrscher unter Androhung der Todesstrafe, aber Antigona widersetzt sich seinem Befehl. Ihr treu zur Seite der Geliebte Emone und Schwester Ismene. Heimlich wird auch Polyneikes bestattet, ein großer Familienstreit ist die Folge.

Aufführung

Eigentlich ist die Bühne leer und ständig in ein mystisches Dunkel gehüllt. Die dunkle Rückwand wird für Video-Projektionen genutzt, die die Erde aus der Perspektive eines gestarteten Raumschiffs zeigt oder die die kurze Handlung des Stückes als Text, von unten vorne nach hinten oben, perspektivisch gescrollt wird (Star Wars läßt grüßen). Diese Ästhetik und die futuristischen Kostüme entstammen dem Design von Goshka Macuga, einer Installationskünstlerin, deren Schwerpunkt die Präsentation anderer Kunstwerke ist, wie z.B. Picassos Guernica vor dem Sicherheitsrat der UN. Die hyperaktive frei definierte Gestik erinnert an die Personenführung von Robert Wilson, wie die gesamte Bewegung sehr aufwendig und perfekt choreographiert ist. Zwei Kunstobjekte sind noch zu erwähnen: der überdimensionale Thron von Creonte und ein überdimensionales Raumschiff, das von oben immer wieder drohend hereinschwebt.

Sänger und Orchester

Elizabeth Bailey überzeugt in der Hauptrolle der Antigona mit klaren sauberen, hohen Spitzentönen, auch die Koloraturen perlen wie am Schnürchen. Als Mezzo kann Maren Engelhardt den Dialog mit Antigona als ihre Schwester Ismene über weite Strecken offenhalten, wenn ihr auch der Glanz, besonders in den höheren Lagen, abgeht und ihre Stimme teilweise brüchig klingt und zum Tremolieren neigt. Eine Glanzrolle ist für Bassem Alkhouri die Rolle des bösen Onkels Creonte. Er ist ein universell einsetzbarer, lyrischer Tenor und kann doch einen finsteren Bösewicht gestalten – mit viel Härte, sicherer Höhe und noch mehr Durchschlagskraft. Musa Nkuna (Adrasto) hat schon als Mozart-Tenor von sich reden gemacht: Scheinbar problemlos und unangestrengt kommt er durch die Höhen und Tiefen – auch wenn ihn am Ende ein wenig die Sicherheit in den Koloraturen abgeht, er wertet die Nebenrolle des Adrasto auf!. Marta Herman gestaltet die Hosenrolle des Emone überzeugend. Sie verfügt über ein sehr tiefes Timbre, so nimmt man ihr den Liebhaber jederzeit ab. Sie kann auch im adagio Furor zeigen und so sind die Dialoge mit Antigona, trotz schwieriger Koloraturen, echte Höhepunkte.

Dem ausgewiesenen Barock-Experten Jörg Halubek gelingt es erneut, das Staatsorchester Kassel entsprechend der derzeitigen barocken Aufführungspraxis zu führen. Das Orchester wird mit barocken Instrumenten ergänzt, Barockbögen bei den Streichern kommen zum Einsatz. Und das Orchester hat an diesem Abend viel zu tun, denn Tommaso Traëtta verschiebt den Schwerpunkt von den Arien auf raffinierte Weise hin zu ungewöhnlichen Ensembles. Er setzt auf scharfsinnige Wendungen und eine viel dichtere Orchestrierung als im Barock sonst üblich: mit Antigona eilt Tommaso Traëtta seinen Opern-Zeitgenossen um 1772 wie Mozart und Gluck voraus und steht quasi an der Spitze der Wende zur Klassik.

Fazit

Musikalisch ist die weithin unbekannte Oper ein wichtiges Bindeglied in der Stilistik zwischen Barock und Vorklassik. Aus den Arien entwickeln sich Quasi-Ensembleszenen, die klanglich interessante Wirkung zeigen, jedoch beim Publikum nicht zünden – was nicht an den Solisten liegt. Auch die Handlung selbst vermag kaum zu fesseln, denn mehr als zwei Stunden wird darüber diskutiert, ob Polyneikes beerdigt werden darf. Die Optik der Dokumenta Künstlerin Goshka Macuga im Science Fiktion Stil a la Krieg der Sterne ist sensationell – obschon wenig an das alte Griechenland erinnert. Die frei gestaltete Gestik auf leerer Bühne vermag zu faszinieren, was zu tosendem Beifall des Publikums führt.

Oliver Hohlbach

Bild: Nils Klinger

Das Bild zeigt: von links: Elizabeth Bailey (Antigona) und Maren Engelhardt (Ismene)

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Turandot (G. Puccini)
Musikalische Leitung: Axel Kober / Wen-Pin Chien, Inszenierung: Huan-Hsiung Li, Turandot: Linda Watson, Altoum: Bruce Rankin, Timur: Sami Luttinen, Kalaf: Zoran Todorovich, Liù: Brigitta Kele, Ping: Bogdan Baciu, Pang: Florian Simson, Pong: Cornel Frey, Mandarin: Daniel Djambazian, Prinz von Persien: Hubert Walawski, Tänzerin: Yi-An Chen