OTELLO – Dresden, Semperoper

von Carl Giuseppe Verdi (1813-1901), Dramma lirico in viel Akten, Libretto: Arrigo Boito, nach der Tragödie Othello (1604) von William Shakespeare, UA: 5. Februar 1887 Mailand, Teatro alla Scala

Regie: Vincent Boussard, Bühne: Vincent Lemaire, Kostüme: Christian Lacroix

Dirigent: Christian Thielemann, Staatskapelle Dresden, Sächsischer Staatsopern- und Kinderchor der Sächsischen Staatsoper Dresden, Choreinstudierung: Jörn Hinnerk Andresen und Claudia Sebastian-Bertsch

Solisten: Stephen Gould (Otello), Dorothea Röschmann (Desdemona), Andrzej Dobber (Jago), Antonio Poli (Cassio), Robin Yujoong Kim (Roderigo), Georg Zeppenfeld (Lodovico), Martin-Jan Nijhof (Montano), Christa Mayer (Emilia), Alexandros Stavrakakis (Araldo)

Besuchte Aufführung: 23. Februar 2017 (Übernahme von den Salzburger Osterfestspielen)

Kurzinhalt

Nach dem Sieg über die Türken kehrt der Venezianer Otello nach Zypern zurück. Während der Siegesfeier beginnt Jago seine Intrige. Er verleitet Cassio dazu, sich zu betrinken, worauf Otello diesen suspendiert. Dann schickt Jago Cassio zu Otellos Geliebter Desdemona, um sie um Fürsprache bei Otello für Cassio zu bitten. Otello belauscht das Gespräch der beiden, was ihn eifersüchtig gegenüber Cassio macht. Cassio zeigt Jago Desdemonas Taschentuch, das Cassio für ein Geschenk seiner Angebeteten hält. Otello erkennt Desdemonas Taschentuch und ist nun nicht mehr zu bremsen: in grenzenloser Wut erdrosselt er Desdemona. Beim Eintritt der Helfer ersticht sich Otello neben ihrem Leichnam.

Aufführung

Die Augen müssen sich erst einmal an die stete Dunkelheit gewöhnen: im Hintergrund hängt ein schwarzer Vorhang – am Anfang flattert er im nicht vorhandenen Wind und wirkt sozusagen den Wellen des sturmgepeitschten Meers, das man auch nicht sieht. Später dient er als Projektionsfläche für vielerlei Bilder und Videos. In der Mitte zeichnet sich manchmal ein schmaler Durchlaß ab, durch den sich abwechselnd Solisten und Chor zwängen.

Das Bühnenbild ist sparsam bestückt, mal steht zentral ein riesiger schwarzer Tisch mit vielen Kerzen, mal hängt das weiße Brautkleid Desdemonas über der Tür. Der Chor trägt einfarbige Renaissancegewänder mit schmalen weißen Kragen, der Kinderchor klassische Meßgewänder, die Solisten zeitlos festliche Mode oder Alltagskleidung. In fast jedem Bild tritt ein schwarzer Engel auf, dessen Flügel einmal sogar Feuer fangen.

Sänger und Orchester

Beachtlich ist der absolute Einklang zwischen Staatskapelle und Christian Thielemann. Das Orchester stellt seine Perfektion im Zusammenspiel zwischen Chor, Solisten und Orchester unter Beweis und erreicht dies auch nach einigen Einpendelversuchen (die Solisten werden vom Orchester überdeckt, Einsätze mit dem Chor sind asynchron), der das Publikum in kulinarische Verzückung versetzt. Da ergeben sich pathetische Klangwolken wie beim Siegeschor und die entsprechenden Gefühle in den Klangwelten der Oper des Risorgimento. Der Chor und der Kinderchor zeigen einen in sich geschlossenen Klangkörper – sieht man von einigen Wacklern in den Einsätzen der Stimmgruppen ab, denn die Kinderstimmen des Kinderchores wiegen alles wieder auf. Eindeutig der derzeit beste Tenor ist Stephen Gould. Mit seinem weichen samtigen Timbre bleibt er an der Grenze zwischen Lyrischen und Heldentenor. Als Otello kann er im Forte die Ekstase der Gefühle deutlich machen. Die italienischen Farbschattierungen gelingen weniger, außerdem wirkt die Stimme dann – besonders im Piano und den tieferen Lagen – brüchig.

Dorothea Röschmann gibt der Desdemona eher altersweise Züge, sie legt sehr viel Kraft in diese Rolle, kann meist nur eine einzige Klangfarbe aufbieten. Andrzej Dobber ist ein genial gestaltender Jago und die eigentliche Hauptrolle des Abends: ungeheuer eloquent und vielschichtig in der Charakterisierung der einzelnen Phrasen wirkt sein Intrigenspiel in seiner Bösartigkeit jederzeit glaubhaft. Herausragend besetzt sind sämtliche Nebenrollen, besonders zu nennen sind Christa Mayer als Emilia und Georg Zeppenfeld als Lodovico. Seine samtweiche Stimme, mit großer Reichweite in der Tiefe – ohne schwarz zu klingen – ist unverkennbar.

Fazit

Enttäuschung schwingt beim Schlußapplaus mit, denn wenig überzeugend ist das Szenengeschehen und kaum nachvollziehbar der Furor, der sich zwischen Otello und Desdemona aufbaut. Was wenig erstaunt, denn genau das hat man der Produktion bereits in Salzburg bei den Osterfestspielen 2016 attestiert. Außerdem beeinträchtigt das Bühnenbild die musikalische Präsentation: so bleibt dem Kinderchor nur ein schmaler Durchgang für seinen Auftritt, der übrige Chor steht unsichtbar hinter der Wand. Hier kommen der Chor und seine Stimmgruppen nicht zusammen.

Regisseur Vincent Boussard entrümpelt zunächst die Bühne, ergo gibt es weder Kirche, noch Altar – nur massenweise Kerzen! Und dann holt man neue, nicht vorgesehene, wenig überzeugende Accessoires auf die Bühne: um den keimenden Zweifel zu verdeutlichen hält Otello eine Espressotasse, die er erst in mehreren Zügen austrinkt und dann zerbricht.

Zu allem wird ein omnipräsenter Engel eingefügt, der viel sinnlose Bewegung erzeugt, aber nichts zur Handlung oder zum Verständnis beiträgt. Und etwas mehr Einfallsreichtum für die Kostüme hätte man von dem bekannten Künstler Christian Lacroix schon erwarten dürfen. Diese vielen Versäumnisse nervten das Publikum, die statische Personenführung verbreitet eher Langeweile, und so fällt der Beifall für die Regie deutlich unterkühlt aus, für Dirigat und Solisten gibt es Beifallsstürme. Zu Recht: Christian Thielemann entwickelt einen gefühlvollen Zugriff auf das Verdische Meisterwerk.

Oliver Hohlbach

Bild: Karl und Monika Forster

Das Bild zeigt: Vorn: Stephen Gould (Otello), Dorothea Röschmann (Desdemona), Hinten: Andrzej Dobber (Jago)

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Turandot (G. Puccini)
Musikalische Leitung: Axel Kober / Wen-Pin Chien, Inszenierung: Huan-Hsiung Li, Turandot: Linda Watson, Altoum: Bruce Rankin, Timur: Sami Luttinen, Kalaf: Zoran Todorovich, Liù: Brigitta Kele, Ping: Bogdan Baciu, Pang: Florian Simson, Pong: Cornel Frey, Mandarin: Daniel Djambazian, Prinz von Persien: Hubert Walawski, Tänzerin: Yi-An Chen