WOZZECK – Nürnberg, Staatstheater

von Alban Berg (1885-1935), Oper in drei Akten, Libretto: Alban Berg nach dem Fragment von Georg Büchner, UA: 14. Dezember 1925 Berlin, Staatsoper und den Linden.

Regie/Choreographie: Georg Schmiedleitner, Bühne: Stefan Brandtmyr, Kostüme: Alfred Mayerhofer

Dirigent: Gabor Kali, Staatsphilharmonie und Chor des Staatstheaters Nürnberg, Choreinstudierung: Tarmo Vaask

Solisten: Jochen Kupfer (Wozzeck), Tilmann Unger (Tambourmajor), Ilker Arcayürek (Andres), Hans Kittelmann (Hauptmann), Jens Waldig (Doktor), Wonyong Kang (1. Handwerksbursch), Petro Ostapenko (2. Handwerksbursch), Katrin Adel (Marie), Irmgard Vilsmaier (Margret), Carl Schreiber (Mariens Knabe), Luzuko Mahlaba (ein Soldat), Han-Bo Jeon (ein Bursche)

Besuchte Aufführung: 21. Februar 2017

Kurzinhalt

Der Soldat Wozzeck, ein sonderbarer, ängstlicher und mißtrauischer Mensch, führt ein ärmliches Leben. Um sein Gehalt aufzubessern, rasiert er täglich den Hauptmann und stellt sich dem Arzt für skurrile medizinische Experimente zur Verfügung. Der Mensch Wozzeck ist beiden egal. Mit seiner Geliebten Marie verbindet Wozzeck ein uneheliches Kind. Eines Tages muß er beobachten, wie Marie mit dem Tambourmajor tanzt, wodurch er eine große Demütigung erfährt. Als der Tambourmajor sich auch noch mit der Eroberung „seiner“ Marie vor ihm brüstet, ist Wozzeck rasend vor Eifersucht und erdolcht sie wenig später am Ufer eines Teiches. Als man in einer Kneipe daraufhin Blut an seinem Arm entdeckt und ihn des Mordes verdächtigt, flieht er zum Tatort, um seine Spuren zu verwischen und das dortige vergessene Messer ausfindig zu machen, dabei ertränkt er sich selbst – zurück bleibt das einsame Kind.

Aufführung

Das moderne Leben spielt sich in beweglichen würfelartigen Räumen ab, die variabel im Bühnenraum vor dem überdimensionalen „Glück“-Schild angeordnet werden können. Das gesellschaftliche Leben rollt in der Spielfläche vor diesen Räumen ab, das Privatleben im Innern. Wozzeck muß mehrere Jobs ausüben, um über die Runden zu kommen. Zum einen gibt es beim Hauptmann (in Lack-Leder-Unterhose!) besondere Dienstleistungen mit einem Gürtel, beim Doktor nimmt er an Ernährungsexperimenten teil, bei dem aus großen Plastikeimern die Suppe ausgelöffelt wird, außerdem wird eine Tätigkeit als Zusteller bei Amazon assoziiert. Der Tambourmajor ist ein exzessiver Lebemann und Frauenheld, dem Marie verfällt. Als Kleidung findet Alltagskleidung aus dem „Hier und Heute“ Verwendung.

Sänger und Orchester

Es ist der Abend des Jochen Kupfer. Selten erfüllt ein Rollendebüt alle Erwartungen und führt zu tosendem Szenenapplaus des Publikums. Er versucht jede Note, jede Phrase voll auszusingen, die Dynamik in der schwierigen atonalen Harmonik beherrscht er so, daß es zu einer überaus eloquenten Gestaltung der Titelrolle führt. Das Haus-Debüt von Katrin Adel als Marie ist mehr als gelungen. Es gelingt ihr Marie als zerbrechliches Wesen zu zeichnen, eine Marie, die immer etwas verhalten in der Lautstärke ist: sie ist ein getriebener Charakter, ihr Handeln ist von außen fremdbestimmt. So benötigt Tilmann Unger (Tambourmajor), ein Tenor mit Ausstrahlung, auch wenn ihm manchmal der Glanz in den hohen Lagen fehlt, nur ein Lächeln und eine Lederjacke, um sie zu verführen.

Hans Kittelmann ist ein dominierend mit schneidender Stimme auftretender Hauptmann, auch wenn er etwas nasal klingt. Jens Waldig zeigt sich als ein jugendlich leichter Spielbariton, der auch in der Tiefe überzeugen kann. Als Doktor fehlt ihm trotz Durchschlagskraft eine Priese Bösartigkeit. Carl Schreiber (Mariens Knabe) singt mit solider Tenor-Stimme im Kinderchor der Musikschule Nürnberg und muß in den Folgevorstellungen nur noch seine Nervosität ablegen. Gabor Kali ist der unauffällige Strippenzieher im Hintergrund, der die Fäden der unterschiedlichen Harmoniestränge in der Staatsphilharmonie zusammenführt und zu einem atonalen Klangteppich verwebt, in dem die Solisten sicher eingebettet sind und auch der Chor zumeist sicher einsetzen kann.

Fazit

Diese atonale Meister-Oper von Alban Berg in einer teilweise schwer verständlichen, teils absurden Inszenierung von Georg Schmiedleitner ist ein harter Tobak. Dank seiner handwerklich soliden Personenregie und der überragenden musikalischen Leistung der Gesangssolisten werden zumindest die Charaktere deutlich. Etwas störend auch der oberlehrerhafte Duktus mit dem erhobenen Zeigefinger mit der Schmiedleitner seine „tagesaktuelle“ politische Deutung darlegt. Insgesamt freundlicher Applaus, für Katrin Adel und Jochen Kupfer sehr stürmisch.

Oliver Hohlbach

Bild: Ludwig Olah

Das Bild zeigt: Totale Bühne, Musiker Tilmann Unger (Tambourmajor),  Katrin Adel (Marie), Jochen Kupfer (Wozzeck)

Veröffentlicht unter Nürnberg, Staatstheater, Opern
Aida Triumphmarsch, live Arena di Verona