von Leoš Janáček (1854–1928), Oper in drei Akten, Libretto vom Komponisten nach einem Drama von Gabriela Preissová, UA: 1904 Brünn
Regie: Nicola Raab, Regieassistenz: Angela Saroglou, Bühnenbild und Kostüm: George Souglides, Licht: David Debrinay, Assistenz Lichtdesign: Clémentine Pradier, Choreographie: Sara Suneson
Dirigent: Alejo Pérez, Orchester, Chor und Extrachor der Oper Göteborg, Chormeister: Martin Nagashima Toft
Solisten: Julia Sporsén (Jenůfa), Katarina Karnéus (Küsterin), Jesper Taube (Laca), Kjetil Støa (Števa), Ingrid Tobiasson (Großmutter Buryja), u.v.a.
Besuchte Aufführung: 9. März 2026 (Premiere)
Jenůfa und ihr Cousin Števa sind miteinander verlobt. Števa gehört zu den wohlhabenderen jungen Männern im Dorfe und hat gerade erfahren, daß er nicht zum Militär eingezogen wird. Er feiert ausgelassen mit seinen Freunden als die Küsterin, Jenůfas Ziehmutter, die sich ernsthaft Sorgen um das Schicksal ihrer Ziehtochter macht, ihm befiehlt, ein Jahr lang vom Alkohol zu lassen, wenn er Jenůfa heiraten will. Jenůfa ist jedoch bereits schwanger. In aller Heimlichkeit bringt sie im Winter Števas Sohn zur Welt. Števa weigert sich, das Kind anzunehmen und hat sich bereits mit der Tochter des Dorfrichters verlobt. Um ihrer Ziehtochter die Schande einer unehelichen Mutterschaft zu ersparen und weil sich Laca, Števas Halbbruder, bereits seit langem für Jenůfa interessiert, tötet die Küsterin das Neugeborene. Als im Frühjahr das Eis schmilzt und Jenůfa und Laca sich anschicken, ihre Hochzeit feiern, findet man die Leiche des Säuglings und die Küsterin wird verhaftet. Jenůfa und Laca beschließen, dennoch zusammen zu bleiben.
Aufführung
Die Inszenierung läßt die Handlung in einem osteuropäischen Land – möglicherweise in Mähren – zum Ende des 19. Jahrhunderts stattfinden. Der Bühnenhintergrund ist in allen Akten schwarz, Schauplätze und Jahreszeiten werden durch die Beleuchtung und Requisiten angedeutet. Durch diesen abstrakten Hintergrund wird das Gewicht der Inszenierung auf die Aktionen der Darsteller gelegt. Im ersten Akt sieht man die Wassermühle der Familie Buryja von außen, im zweiten das Haus der Küsterin von innen und im dritten findet die Handlung wohl im Freien statt. Die Kostüme sind realistisch und es gibt schön anzusehende folkloristische Einschläge, wenn die Musikanten im ersten und die Mädchen im letzten Akt auftreten und volksmusikalische Weisen singen und dazu tanzen. Ein wichtiges szenisches Element ist eine Gruppe schwarzgekleideter schweigender alter Frauen, die mit strenger Miene das Geschehen beobachten. Sie symbolisieren die Macht der Tradition, die die Handlung bestimmt. In den beiden letzten Akten erreicht die Inszenierung eine enorme psychologische Intensität dank der realistischen Personenführung und der hervorragenden darstellerischen Fähigkeiten der Sängerinnen und Sänger der tragenden Rollen.
Sänger und Orchester
Der Dirigent Alejo Pérez bewies an diesem Abend ein sicheres Gespür für die richtige Wahl der Tempi, die Abstufungen der Lautstärke und die Mischung der Farben im Orchester. In Göteborg kann das Orchester leicht die Sänger übertönen, was aber an diesem Abend nicht vorkam. Dennoch leuchteten die oft ungewöhnlichen Mischungen der Partitur Janáčeks kräftig und in all ihrer Schönheit. Auch rhythmisch saßen die Einsätze von Orchester, Chor und Solisten punktgenau und über dem Herausarbeiten der Details der Partitur kamen die großen musikalischen Bögen nicht zu kurz. Julia Sporsén (Jenůfa) singt die Titelrolle ohne Schärfen und Unsicherheiten in der Vokalisierung; in dieser Produktion wird, wie mittlerweile bei Janáčeks Opern üblich, auf Tschechisch gesungen. Darstellerisch macht sie die gewaltige innere Entwicklung der Figur, die sich am Ende des letzten Aktes nicht in ihr Schicksal ergibt, sondern es selbst in die Hand nimmt, anschaulich. Ihre makellose Leistung wurde von derjenigen Katarina Karnéus‘ fast noch ein wenig überstrahlt, die der äußerlich harten und unnachgiebigen Küsterin eine zutiefst menschliche Note verlieh, die es braucht, um die Handlung plausibel werden zu lassen. Wirklich eindrucksvoll war, wie sie die unterschiedlichen Register ihrer Stimme einsetzte. Sie verfügt, wenn erforderlich, über eine stählerne Höhe, kann aber auch einen brüchigeren und in tiefer Lage sprechenden Tonfall anschlagen, der ohne Probleme durch den Orchesterklang hindurchdringt. Sie verlieh ihrer Rolle menschliche Tiefe und machte sie damit zur eigentlichen Identifikationsfigur der Handlung. Jesper Taube (Laca) sprang an diesem Abend für einen erkrankten Kollegen ein und erbrachte vor diesem Hintergrund eine eindrucksvolle Leistung. Im ersten Akt verschwand seine Stimme ein paar Mal im Orchesterklang, in den letzten beiden war die Tongebung durchweg kraftvoll und klangschön. Auch darstellerisch macht seine Figur wie diejenige Jenůfas eine drastische Entwicklung durch. Im ersten Akt tritt er linkisch und nervös in Erscheinung, im letzten strahlt er, wenn auch mit Unterbrechungen, wachsende Selbstsicherheit aus. Kjetil Støas (Števa) Tenor glänzte in allen Lagen und auch er spielte mit Hingabe während Ingrid Tobiasson (Großmutter Buryja) eher teilnahmslos vor der Mühle und bei den Hochzeitsvorbereitungen aus einem Stuhl sitzt und ins Leere starrt. Herauszuheben ist schließlich noch der Gesang der Mädchen im dritten Akt, der mit einem volksmusikalisch glatteren Timbre und einem augenscheinlich authentischen Reigen ausgeführt wurde.
Fazit
Diese Göteborger Produktion verdient in musikalischer Hinsicht die Bestnote. Allein schon das Dirigat von Alejo Pérez ist ein Erlebnis an sich, in Kombination mit diesen großartigen Sängern und einer subtilen, überaus klugen Inszenierung wird daraus aber ein umwerfendes musikdramatisches Großereignis. Die ergreifenden Wendungen des Librettos werden psychologisch überzeugend gestaltet und dies wie Text und Musik dieser Oper ohne ein überflüssiges Moment oder eine Geste zuviel. Die Konzentration des musikalisch-dramatischen Ausdrucks riß nirgends ab, und diese Produktion erreicht in den letzten beiden Akten eine Dichte, die das Publikum ganz in ihren Bann schlug. Sie läßt deutlich werden, warum es sich bei Janáček um einen der ganz Großen des Musiktheaters handelt.
Dr. Martin Knust
Bild: Håkan Larsson
Das Bild zeigt: Ingrid Tobiasson, Elisa Svedberg, Inez Carlsson, Klara Robertson, Selma Pettersson Lindgren, Ann-Kristin Jones
