CARMEN – Paris, Opéra Bastille

von Georges Bizet (1838-1875), Opéra comique in 4 Akten, Libretto: Henri Meilhac und Ludovic Halévy nach Prosper Mérimée Novelle Carmen, UA: 3. März 1875 Paris, Opéra-comique (Salle Favart)

Regie: Calixto Bieito, Bühne: Alfons Flores, Kostüme: Mercè Paloma, Licht: Alberto Rodríguez Vega

Dirigent: Bertrand de Billy, Orchester, Chor und Kinderchor de l’Opéra National de Paris, Maîtrise des Hauts-de-Seine. Choreinstudierung: José Luis Basso

Solisten: Clémentine Margaine (Carmen), Roberto Alagna (Don José), Roberto Tagliavini (Escamillo), Aleksandra Kurzak (Micaëla), Vannina Santoni (Frasquita), Antoinette Dennefeld (Mercedes), Boris Grappe (Le Dancaïre), François Rugier (Le Remendado), François Lis (Zuniga), Jean Luc Ballestra (Morales)

Besuchte Aufführung : 10. März 2017 (Premiere)

Vorbemerkung

Diese volkstümliche aller französischen Opern bewegt sich stilistisch frei von jedem Akademismus zwischen ‚musiquette‘ und ‚tragédie lyrique‘. das spanische Milieu ist folkloristisch überzeugend angedeutet, doch im Wesen ist die Musik französisch. Bewundernswert ist die klassische Symmetrie ihrer formalen Struktur, ist der Reichtum an melodischen und rhythmischen Einfällen, die durchsichtige, farbige Instrumentation und das Vermögen, mit geringen Mitteln Personen und Situationen zwingend zu charakterisieren. Von der Realistik der ‚Carmen‘-Musik, lernten die Veristen ihr bestes. (Hans Renner).

Und dieser harte Realismus wirkte, trotz hoher Stilisierung, einstmals schockierend, die musikalischen und szenischen Neuerungen revolutionierend. Unvorstellbar, daß in einem gut bürgerlichen Theater wie die Opéra Comique jemand auf offener Bühne getötet wird! hieß es. Friedrich Nietzsche erklärte Carmen zum Antidot gegen eine Wagner-Neurose.

Bizet war 37 Jahre alt, als er die Oper schrieb. Er hat nur noch den Skandal der ersten Aufführungen miterlebt, nicht mehr den internationalen Siegeszug, der dieses Werk heute zu einer der meistgespielten Opern macht.

Kurzinhalt

Der Soldat Don José erhält Besuch von seiner Jugendfreundin Micaëla, die ihn liebt und hofft ihn zu heiraten. Doch die gefangene Zigeunerin Carmen verlangt den Soldaten mit verführerischen Versprechungen, sie freizulassen. Er tut es und wird daraufhin in der Kaserne in Haft genommen.

Nach seiner Freilassung trifft José Carmen in einer Spelunke. Sie versucht vergeblich, ihn zu überreden, mit ihr und ihren Schmugglerfreunden in die Berge zu ziehen. Schließlich, in einen Kampf mit einem Kameraden verwickelt, bleibt ihm keine andere Wahl als zu desertieren.

Im Nachtlager der Schmuggler streiten Carmen und Don José. Sie kann seine ständige Eifersucht nicht mehr ertragen. Der Stierkämpfer Escamillo, der Carmen den Hof macht, erscheint. Die Schmuggler verhindern gerade noch den blutigen Ausgang des Zweikampfs der beiden Rivalen. Micaëla taucht plötzlich auf, um Don José zu seiner sterbenden Mutter zu holen. José folgt ihr.

Vor der Arena tummelt sich eine bunte Menge. Escamillo lädt alle zum Stierkampf ein. Carmen bleibt allein zurück und trifft Don José. Als er sie nicht zurückgewinnen kann, tötet er sie.

Aufführung

Die Bühne bleibt leer bis auf wenige Requisiten: eine Telefonzelle, in der Carmen endlos telefoniert, und ein Fahnenmast im ersten Akt, ein Auto und Picknickstühle mit mehreren Getränkekisten in zweiten Akt und im dritten sieben Autos vor einem jener schwarzen Riesen-Osborne-Stier-Reklamen, wie man sie früher auf den spanischen Landstraßen sah. Das ist der Parkplatz der Schmuggler, die von dort ihre Riesenkartons auf Schleichwegen über die Grenze tragen.

Die Kostüme sind aus unserer Zeit: hellgraue Kittel für die Tabakarbeiterinnen und grüne Kampfanzüge für die Militärs, die Schmuggler in farblosen Straßenkleidern. Erst im letzten Akt betont bunte Kleider für das begeisterte Stierkampfpublikum. Carmen meist in einfachem schwarzem Kittel, erst im letzten Akt im himbeerrosa Ausgangskleid. Die beiden Zigeunerinnen als quirlige Teenager in karierten Shorts und rotem Mieder mit Pferdeschwanz und Stöckelschuhen, die sich mit Selfie fotografieren, wenn sie nicht mit irgendwelchen Männern sado-masochistische Sex-Spiele treiben. Michaela zuerst in lila-grüner Bluse und brauner Hose, dann in weißem Regenmantel.

Verschiedene wunderliche Regieeinfälle wie das afrikanische Faktotum à la New Orleans, das auf der Bühne verschiedene Dienste leistet, oder das kleine Mädchen, das beim „Picknick“ in zweiten Akt vor einem kleinen Weihnachtsbaum mit ihrer Puppe spielt, oder der junge Mann, der sich auf dunkler Bühne ganz nackt auszieht, um dann Stierkampfübungen zu machen, spielt sich meist während der Orchester-Intermezzi ab.

Sänger und Orchester

Clémentine Margaine, mit kraftvollem, gut kontrolliertem Mezzosopran und warmem, tiefem Timbre, singt und spielt Carmen mit Fleisch und Blut als wäre die Rolle für sie geschrieben. Verführerisch-leicht in der Habanera im ersten Akt, und dann wieder dunkel und Unheil vorausahnend im Kartenlegen – Terzett Voyons, que j’essaie à mon tour im dritten Akt. Roberto Alagna war laut Ansage indisponiert, er überzeugt dennoch mit metallischem Heldentenor und klarer Stimmführung sowohl in den dramatischen Szenen, wie auch in der lyrischen Arie La fleur que tu m’avais jetée im zweiten Akt.

Aleksandra Kurzak sang, trotz einer kleinen Unsicherheit in den hohen Lagen, mit klangvoller, weicher Sopranstimme, die Michaela, besonders bewegend im Gebet in dritten Akt Je dis que rien ne m’épouvante. Roberto Tagliavini hat einen eindrucksvollen tiefen Baß und ist, im zweiten Akt noch etwas steif, doch in der Folge zunehmend zuversichtlicher, der stolze Escamillo.

In den Nebenrolle sehr einleuchtend Vannina Santoni und Antoinette Dennefeld als Zigeunerinnen, sowie François Lis und Jean-Luc Ballestra als Soldaten, François Rougier und Boris Grappe als Schmuggler. Die Chöre sind ein wesentlicher und sehr wirkungsvoller Bestandteil der Aufführung.

Bertrand de Billy dirigiert Orchester, Solisten und die Chöre mit schnellen Tempi und mit aufpeitschendem Schwung und Rhythmus.

Fazit

Wenn man uns vor knapp fünf Jahren auf derselben Bühne eine eiskalte, fast gefühllose Carmen präsentiert hatte, so ist sie diesmal feurig, lebendig, launenhaft, sinnlich-triebhaft und leidenschaftlich-wild wie eine Furie. Die moderne Inszenierung ist animiert, wenn auch manchmal etwas zu sehr ans Ordinär-Obszöne grenzend. Die musikalische Darbietung ist mitreißend und auf hohem künstlerischem Niveau.

Alexander Jordis Lohausen

Bild: Vincent Pontet

Das Bild zeigt: Clémentine Margaine (Carmen), Roberto Alagna (Don José)

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