ARIODANTE – Stuttgart, Staatstheater

von Georg Friedrich Händel, Oper in drei Akten, Libretto: Antonio Salvi, UA: 8. Januar 1735 London, Covent Garden

Regie/Dramaturgie: Jossi Wieler, Sergio Morabito, Kostüme: Nina von Mechow, Licht- und Videokonzept: Voxi Bärenklau

Dirigent: Giuliano Carella, Staatsorchester Stuttgart

Continuo: Franziska Finckh (Gambe), Matthias Bergmann (Basse de Violon), Andrea Baur & Johannes Vogt (Laute), Jan Croonenbroeck (Cembalo)

Solisten: Diana Haller (Ariodante), Ana Durlovski (Ginevra), Matthew Brook (König), Sebastian Kohlhepp (Lurcanio), Christophe Dumaux (Polinesso), Josefin Feiler (Dalinda), Philipp Nicklaus (Odoardo)

Besuchte Aufführung: 5. März 2017 (Premiere)

 

Kurzinhalt

Polinesso ist verärgert, da Ginevra ihn verschmäht. Ihr Herz gehört Ariodante. Ginevras Vater, der König, billigt diese Verbindung und will Ariodante darüber hinaus zum Nachfolger krönen lassen. Als Ginevras Dienerin Dalinda jedoch Polinesso ihre Liebe gesteht, ist für diesen der Augenblick seiner Rache gekommen: er bittet Dalinda, ihm als Liebesbeweis in Ginevras Kleidern nachts die Tür zu öffnen. Außerdem wird Ariodantes Bruder Lurcanio zu Beginn von Dalinda verschmäht. Er wird Zeuge von Polinessos Plan, hält Ariodante vom Freitod ab und trägt im weiteren zur Aufklärung der verworrenen Situation bei. Polinesso stirbt beim Duell, die beiden Paare finden zueinander, der König ist glücklich.

Aufführung

Bei Barockopern ist es üblich, daß sich nach zahlreichen Auf- und Abgängen mehrere Figuren zugleich auf der Bühne tummeln, aber erst zum Finale alle gemeinsam auf der Bühne stehen.

In Stuttgart sind gleich zu Beginn alle Akteure versammelt. Wenn die Ouvertüre einsetzt, beginnt bereits das muntere Treiben: viel Bewegung, viele Interaktionen, alles auch während der verschiedenen Arien. Ein eigentliches Bühnenbild gibt es nicht. Gebrauchsgegenstände wie Spiegel, Eimer oder Mordwaffen kommen allerdings gerne zum Einsatz.

So wird die Inszenierung in erster Linie zur Kostümierung. Doch ist hier keine gerade Linie zu erkennen und die Kleidung wechselt wie die Stimmung der Handlung: bald Alltagsklamotten, bald Theaterkostüme. Zum großen Finale schlüpfen die Akteure dann in ihre barocken Abendgarderoben – aber da geht das Stück bereits dem Ende zu.

Statt der Ballettszenen hat man in Stuttgart „Divertissements“ eingebaut. Die Musik bildet den Rahmen, Christophe Dumaux/Polinesso liest auf französisch aus Rousseau, die Sänger-Schauspieler liefern sich auf der Bühne eine Riesengaudi und scheinen ihren herrlichen Spaß daran zu haben, während der Zuschauer aus der komfortablen Theatersesselperspektive sein Amüsement über dieses wilde Treiben nicht leugnen kann. Die Themen der Divertissements lauten Schamlosigkeit der Schauspielerin, Nur zwei Jahre Theater und alles ist zerrüttet und Ungleichheit der Vermögen.

Im dritten Akt wird die Bühne zum Boxring und hier findet das Duell zwischen Lurcanio und Polinesso statt. Ein Sänger muß heutzutage also nicht nur musikalisch sein, er muß auch kräftig zuschlagen können! Den Saal verläßt man am Ende mit folgendem Gedanken: sobald die Sänger zu sehr von der Regie geführt werden, entsteht ein sprödes Vakuum. Läßt man selbigen jedoch freien Lauf zur spontanen Aktion wie in den Divertissements, gewinnt der Abend an Leben. Weniger konzeptgebundene Personenführung ist manchmal eben mehr.

Sänger und Orchester

Das Stuttgarter Staatsorchester unter Leitung des Gastdirigenten Guiliano Carella liefert eine schwungvolle, impulsive und vor allem flotte Interpretation. Zwar wirkt der Händel-Klang in den ersten Augenblicken ein wenig schwerfällig, man gewöhnt sich jedoch rasch an dieses „klassische“ Orchester. An einigen Stellen könnte man jedoch etwas mehr Liebe zur barocken Spielpraxis zeigen. Einige Akzentuierungen erinnern in ihren dicken Pinselstrichen noch sehr an die Händel-Interpretationen der 1960er Jahre und können auch von einem Opernorchester mit wenig Aufwand transparenter gestaltet werden.

Problematisch ist das nicht vorhandene Bühnenbild vor allem in akustischer Sicht. Es ist ärgerlich, daß allzu oft der Gesang im riesigen Bühnenraum verhallt und die Sänger in solchen Fällen nicht in Richtung des Publikums singen. Die beiden Hörner Claudius Müller und Christina Kloft überraschen bei der Arie des Königs Voli colla sua tromba – Die Fama fliege mit ihrer Trompete durch die ganze Welt mit einer auswendig dargebotenen Bühnenmusik.

Ein souveräner Matthew Brook stemmt die Partie des Königs auf angenehme Weise. Ana Durlovski erlebt man an diesem Abend in der Partie der Ginevra. Die Unsicherheit ihres Schicksals im zweiten Akt bei Mi palpita il cor – Mir schlägt das Herz ist ein von Pausenzäsuren durchbrochener Gesang, dem Ana Durlovski das dem Notentext innewohnende Pathos abringt, wenn auch eine gewisse Härte des Timbres manche Passage ein wenig kühl und distanziert wirken läßt.

Ein interessanter Fall ist Christophe Dumaux als Polinesso: seine Counterstimme hat Charakter, ist überraschend leicht und beweglich. Im Gegensatz zu vielen anderen Sänger seines Faches verfügt er über ein äußerst klares, glattes und einheitliches Klangbild in der Mittellage bis in die Höhen, auch die Koloraturen gleiten ihm gekonnt aus der Gurgel. Leider ist sein Volumen begrenzt, was seine Wut- und Racheaffekte stets im Zaum hält. Ariodante wird von Diana Haller in schöner Timbrierung und allen Spektralfarben dieser Partie präsentiert. Die berühmte Arie Scherza infida – Scherze nur, Ungetreue könnte wohl mehr Eindruck machen, wenn der Beginn nicht im Liegen gesungen würde.

Sebastian Kohlhepp liefert in der Partie des Lurcanio einen lyrischen Tenorgesang, der sich u.a. in seiner ersten Arie Del mio sol, vezzosi rai – Ihr lieblichen Strahlen meiner Sonne offenbart. Kein Wunder: er will Dalinda alias Josefin Feiler von seiner Leidenschaft überzeugen, die ihn trotz all seiner schönen Melodiebögen am Ende der Arie des Platzes verweist.

Josefin Feiler als Dalinda – seit vergangener Spielzeit fest im Stuttgarter Ensemble und somit in einer ihrer ersten großen Partien zu erleben – füllt die Lücken der Inszenierung nicht nur mit Spielfreude, sondern auch mit ihrer tiefsinnigen Musikalität. Die Koloraturen ihrer Arie Neghittosi or voi che fate? – Ihr trägen Götter, was tut ihr? rauschen mit eben jener spielerischen Leichtigkeit dahin, mit welcher Dalinda unbekümmert ihre Liebe zu Polinesso gegen jene Lurcanios eintauscht. Den Weg zu weiteren größeren Partien hat sie sich mit dieser Premiere auf alle Fälle geebnet.

Fazit

Die Inszenierung dieses Ariodante ist für den unbefangenen Zuschauer ebenso undurchsichtig wie die finsteren Pläne des Polinesso, doch Spielfreude und Bühnenpräsenz der Interpreten werten die Trostlosigkeit erfreulicherweise wieder auf. Die Regie zündet zwar ein Feuerwerk an Ideen, leider fehlt letztlich die einheitliche Linie. Wenn man über die oben erwähnten handwerklichen Schwächen und Fehler selbiger hinwegsieht, ist dieser Opernabend aus musikalischer Sicht durchaus eine Reise wert.

Daniel Rilling

Bild: Christoph Kalscheuer

Das Bild zeigt: Ana Durlovski (Ginevra), Josefin Feiler (Dalinda), Christophe Dumaux (Polinesso), Sebastian Kohlhepp (Lurcanio), Diana Haller (Ariodante), Philipp Nicklaus (Odoardo), l.n.r.

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