EUGEN ONEGIN – Dresden, Semperoper

von Pjotr Iljitsch Tschaikowski (1840-1893), Lyrische Szenen in drei Akten (7 Bildern), Libretto:  P. I. Tschaikowski und Konstantin S. Schilowsky nach dem gleichnamigen Versroman von Alexander Puschkin (1833), UA: 29. März 1879 Moskau, Malij Theater (Kleines Theater)

Regie: Markus Bothe, Bühne: Robert Schweer, Kostüme: Esther Geremus, Choreinstudierung: Jörn Hinnerk Andresen,

Dirigent: Pietari Inkinen, Sächsische Staatskapelle und Staatsopernchor Dresden

Solisten: Camilla Nylund (Tatjana), Christoph Pohl (Eugen Onegin), Anke Vondung (Olga), Tomislav Muzek (Lenski), Alexander Tsymbalyuk (Fürst Gremin), Tichina Vaughn (Filipjewna), Sabine Brohm (Larina), Timothy Oliver (Triquet), Magnus Piontek (Saretzki), Reinhold Schreyer-Morlock (Ein Hauptmann)

Aufführung: 30. Juni 2016 (Premiere)

Dresden EugenOneginKurzinhalt

Die Gutsherrin Marina sitzt mit ihren Töchtern Olga und Tatjana im Garten. Olgas Verlobter, der Dichter Lenski, kommt zu Besuch und bringt den weltgewandten Onegin mit, der auf Tatjana großen Eindruck macht. Sie offenbart ihm ihre Gefühle in einem Brief, doch Onegin verschmäht ihre Liebe taktvoll. Auf dem Ball zu Tatjanas Namenstag taucht er abermals auf. Angewidert von der provinziellen Festgesellschaft und Lenski, der ihn hierher gebracht hat, provoziert er einen Flirt mit Olga, der im Duell der Freunde und mit Lenskis Tod endet. Als Onegin Tatjana Jahre später in Petersburg als Gattin des Fürsten Gremin wieder sieht, ist er es, der seine Liebe zu ihr entdeckt. Tatjana, obwohl sie ihn noch immer liebt, bleibt ihrer Ehe treu und läßt Onegin allein zurück.

Aufführung

Das Bühnenbild verlegt die gesamte Handlung in einen geschlossenen Saal ohne Fenster, der Innen- und Außenraum zugleich ist. Die Wände sind verschiebbar und machen die Bühne wandlungsfähig. Zum Auftakt eine ländliche Kulisse mit Strohballen und Traktor, innen Tschechowsche Häuslichkeit mit malerischer Bibliothek. Im zweiten Akt wechseln sich Ballszene und winterlich-verschneite Kulisse ab. Erst im Finale, als Onegin und Tatjanas Liebe für einen Moment möglich scheint, öffnet sich der Raum, ohne neue Gestalt anzunehmen. Dekor und Requisiten sind eine Mischung aus Folklore und schlichtem Industriedesign. Auch die Kostüme sind schlicht, im Falle des Liebespaares aufeinander abgestimmte Blautöne, die jegliche Maskerade vermeiden.

nger und Orchester

Insgesamt ein gelungenes Debüt des finnischen Dirigenten Pietari Inkinen am Pult der Sächsischen Staatskapelle. Inkinen trifft den richtigen Ton für Tschaikowskis 1879 uraufgeführtes Musikdrama. Emotional und doch leicht gestaltet er die heitere Salonmusik, die in den intimsten Momenten wie ein Teppich den Gesang hinterlegt. Obwohl Eugen Onegin keine Besetzung mit Starsängern erfordert, erweist sich Camilla Nylund als gelungene Wahl für die Partie der Tatjana. Ihr lyrisch-dramatischer Sopran erzählt klangschön und nuancenreich von der emotionalen Reise Tatjanas, dem Reifeprozeß vom verträumten Mädchen bis zur Fürstin von Welt. Im Monolog der nächtlichen Briefszene, in der sie sich dazu durchringt, ihre Liebeserklärung an Onegin niederzuschreiben – Und wärs mein Untergang, erfahren will ich zuvor (1. Akt) – trifft sie sauber fokussiert den Rhythmus der Alltagssprache und schmiegt sich mit behutsamem lyrischen Ausdruck an die Musik. Die seelischen Konflikte Tatjanas werden im Stimmreichtum der Sängerin abgebildet, die mit wenig Gesten und ungeheurer Bühnenpräsenz das Publikum bezaubert. Lebensnah und untheatralisch verkörpert Bariton Christoph Pohl den Antihelden. Seine Stärke liegt in der Intensität der Stimme. Der Bariton legt den herablassenden Tonfall Sie schrieben mir (1. Akt) wie die leidenschaftliche Verzweiflung Ist dies denn wirklich die Tatjana (3. Akt) in seine weniger kraftvolle als klangschöne Stimme. Die Rolle des Eugen Onegin scheint ihm stimmlich wie darstellerisch auf den Leib geschrieben. Alexander Tsymbalyuk hat einen einzigen, aber beeindruckenden Auftritt als Fürst Gremin. Er singt mit schlankem, wohltönenden Baß Ein jeder kennt die Lieb’ auf Erden (3. Akt) und ist dabei so charmant wie intonationssicher. Etwas überzogen wirkt das kindlich naive Spiel von Mezzosopranistin Anke Vondung in der Rolle der Olga. Ihre agile Stimme wird dem jugendlich-frischen Ton eher gerecht. Der Tenor Tomislav Muzek (Lenski) entfaltet nach anfänglichen Intonationsschwierigkeiten in seiner Abschiedsarie Wohin seid ihr entschwunden (2. Akt) Strahlkraft und Stimmvolumen. Die Couplet-Einlage von Tenor Timothy Oliver (Triquet) gerät zum sehr albernen Striptease, der vermutlich Onegins Abscheu gegenüber Provinzbällen nachvollziehbar machen soll.

Der Sächsische Staatsopernchor Dresden gestaltet klangvoll den Folklore-Gesang der Landarbeiter und die Ballszenen. Insgesamt leiden die Chorauftritte unter einer etwas lahmen Bewegungschoreographie.

Fazit

Regisseur Markus Bothe setzt in seiner ersten Inszenierung an der Semperoper einige wenige (doch sehr malerische) Bühnenbild-Akzente. Eine dekorative Tapete, die bei gelungener Dramatik und Personenführung, der Musik den Vortritt gibt. Der Innerlichkeit dieser Kammeroper wird diese zurückhaltende Inszenierung sehr gerecht, auch wenn sie nicht frei ist von alten Hüten wie dem Schneefall in der Duellszene. Auch das Sängerensemble agiert schlicht, spart übertriebenes Pathos aus, und, allen voran Camilla Nylund, sorgt für vokale Glanzpunkte.

Norma Strunden

Bild: Jochen Quast

Das Bild zeigt: Camilla Nylund (Tatjana)

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