NORMA – Kassel, Staatstheater

von Vincenzo Bellini (1801-1835), Tragedia lirica in 2 Akten, Libretto: Felice Romani. UA: 26. Dezember 1831 Mailand, Teatro alla Scala

Regie: Yona Kim, Bühne: Etienne Pluss, Kostüme: Hugo Holger Schneider

Dirigent: Joakim Unander, Staatsorchester Kassel, Opernchor und Extrachor, Choreinstudierung: Marco Zeiser Celesti

Solisten: Hulkar Sabirova (Norma), Hector Sandoval (Pollione), Ulrike Schneider (Adalgisa), Hee Saup Yoon (Oroveso), Inna Kalinina (Clotilde), Paulo Paolillo (Flavio).

Besuchte Aufführung: 3. Oktober 2015 (Premiere)

Norma

Norma

Kurzinhalt

Die Handlung spielt etwa 50 v. Chr. im von Römern besetzten Gallien. Norma, Tochter von Oroveso und Hohepriesterin der Druiden, liebt heimlich den römischen Konsul Pollione, von dem sie zwei Kinder hat, weshalb sie sich weigert zum Aufstand gegen die Römer aufzurufen. Als sie erfährt, daß Pollione sie mit der Priesterin Adalgisa betrügt und diese statt ihrer nach Rom mitnehmen will, sinnt sie auf Rache, will sogar die Kinder töten und ruft zunächst zum Krieg gegen die Römer auf, klagt dann aber sich selbst an, ihre Religion verraten zu haben. Sie überantwortet Oroveso ihre Kinder. Sie wird zum Tode verurteilt. Pollione ist überwältigt von Normas Geradlinigkeit und Treue und folgt ihr auf den Scheiterhaufen.

Aufführung

Das Einheitsbühnenbild besteht aus einen weißen Sandstrand mit Treibholz und Dünen. In den Dünen verbergen sich in den Versenkungen eine Treppe (zum raschen Auftritt des Chores) und eine hohe Stahlwand, die den Strand nach allen Seiten begrenzt. Ein Schiebetor ermöglicht Auftritte der durch Statisten gedoubelten Solisten, was zur Darstellung zusätzlicher (Hintergrund-)Handlung dient. Die faschistische Armee in hellbraunen italienischen Designeruniformen, allerdings mit falschen faschistischen Hoheitszeichen, tritt mit weißen Gesichtsmasken auf, um sich mit Frauen zu vergnügen oder die Gallier zu erschießen. Die Alltagskleidung der Gallier könnte in etwa der französischen Alltagskleidung Mitte des 20 Jahrhunderts entsprechen.

Sänger und Orchester

Der Orchestergraben ist nach unten gefahren. Daher werden die Blechbläser so gedämpft, daß man die Streicher gut vernimmt. Joakim Unander gelingt es, keine epische Klangbreite aufkommen zu lassen, sondern daß Schönklang produziert wird. Zwar würde etwas weniger Vibrato den Streichern guttun, die sich noch am kontinuierlichen Auf- und Abschwellen in der Lautstärke verbessern müßten. Aber Dirigent Unander hat den Bellini-Klang verstanden. Gleiches gilt auch für die Einbindung des Chores in den Schönklang, der Chor atmet mit dem Orchester, das Guerra, Guerra wird zu einem Höhepunkt des Abends. Der zweite Höhepunkt ist Hulkar Sabirovas (Norma) Arie Casta Diva von. Sie beginnt mit einem fast kaum hörbaren Pianissimo, das in ein Crescendo übergeht, das im Forte (und nicht im Fortissimo) endet. Mit perlenden Koloraturen ist sie dieser Rolle gewachsen. Da kann Ulrike Schneider sogar fast mithalten, die als Mezzo mit warmer, angenehmer Stimme die verzweifelte Adalgisa ausdrucksvoll gestalten kann. Auch Hector Sandoval (Pollione) ist ein Tenor, der mit souveräner Ausdruckskraft und strahlend sicherer Höhe agiert. Seine Koloraturen schraubt er mühelos und ohne Problem nach oben. Bemerkenswert auch die Konstanz mit der er die langen Dialoge mit Norma durchsteht. Hee Saup Yoon ist am Haus der Baß für alle Fälle und sicherer Tiefe, verfügt über ein baßbaritonales Timbre und großes Volumen für das Legato. Damit kommt er dem geforderten basso cantate sehr nahe.

Fazit (zusammengefaßt für Coburg und Kassel)

Die Werke Bellinis wurden in der Vergangenheit eher selten aufgeführt, denn das Personal, das den Belcanto-Stil beherrscht, ist sehr dünn gesät. Kleinere Häuser können für die Hauptpartien kaum adäquate Gastsänger finden. Viele Rollen werden mit Ensemble-Mitgliedern besetzt, die wenig bis gar keine Kenntnisse mit Belcanto haben. Ein Scheitern ist so fast vorprogrammiert.

Im Falle von Coburg und Kassel geschah ein Scheitern auf hohem Niveau, das im Bemühen um eine adäquate musikalische Umsetzung gipfelt. Daß das Publikum dennoch etwas vom Belcanto-Singen versteht, beweis der schwache Szenenapplaus.

Inszenatorisch kommt der Verdacht auf, durch die absurdesten Regieeinfälle vom Musikalischen abzulenken.

Beispiel: das unverständliche Szenario in Coburg, das das Geschehen zwischen gewalttätigen, sektiererischen Umweltschützern und erdölförderndem Militär ansiedelt.

In Kassel versucht die französische Resistance an einem Sandstrand (mit Laufgräben und Treppen) den (faschistischen) italienischen Truppen Widerstand zu leisten – am Schluß erschießen die Römer die Gallier und Flavio den Pollione. Um die tiefsinnigen Dialoge zwischen Norma und Pollione zu „überbrücken“ dürfen die Faschisten französische Dominas befriedigen: Als running gag gibt es auch noch ein Vergewaltigungsopfer, das mehrfach über die Bühne wankt und dadurch Normas Selbstanklage stört.

Das Publikum sieht das wohl ähnlich: Zweimal freundlich mäßiger und sehr kurzer Pflichtapplaus: Buh-Rufer und Belcanto-Fans gehen wohl schon nach dem ersten Akt.

Oliver Hohlbach

Bild: Nils Klinger

Das Bild zeigt: Hulkar Sabirova (Norma)

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