VASCO DA GAMA – DIE AFRIKANERIN – Berlin, Deutsche Oper

von Giacomo Meyerbeer (1791-1864), Grand Opéra in fünf Akten, Libretto: Eugène Scribe. UA: L’Africaine : 28. April 1865 Paris Opéra, Erstaufführung revidierten Fassung: 2. Februar 2013 Chemnitz, Theater

Regie: Vera Nemirova/Sonja Nemirova, Bühne: Jens Kilian, Kostüme: Marie-Thérèse Jossen

Dirigent: Enrique Mazzola, Orchester der Deutschen Oper Berlin, Chor der Deutschen Oper Berlin, Choreinstudierung: William Spaulding,

Solisten: Seth Carico (Don Pedro), Andrew Harris (Don Diego), Nino Machaidze (Ines), Roberto Alagna (Vasco da Gama), Paul Kaufmann (Don Alvar), Dong-Hwan Lee (Der Großinquisitor), Markus Brück (Nelusco), Sophie Koch (Selica), Albert Pesendorfer (Oberpriester der Brahmanen), Irene Roberts (Anna), Matthew Peña (1. Matrose), Gideon Poppe (2. Matrose), Thomas Lehmann (3. Matrose), Michael Adams (4. Matrose/Gerichtsdiener)

Aufführung: 4. Oktober 2015 (Premiere)

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Der portugiesische Seeheld Vasco da Gama ist nach einer Expedition in die Neue Welt verschollen. Seine adlige Verlobte Ines soll nun den Inquisitor Don Pedro heiraten. Doch Vasco hat überlebt und kehrt mit dem indischen Sklavenpaar Selica und Nelusco zurück. In Folge einer Auseinandersetzung mit der Inquisition wird er ins Gefängnis gesperrt, wo Selica, in Wirklichkeit indische Königin, sich in ihren Eroberer verliebt. Dessen Verlobte Ines befreit den Geliebten durch Heirat mit Don Pedro, der mit ihr und den indischen Gefangenen auf Entdeckungsreise geht. Heimlich folgt ihnen Vasco. Die Expedition erleidet Schiffbruch und wird in Indien gekapert. Nachdem Selica Vasco nicht für sich gewinnen kann, läßt sie ihn und Ines ziehen und sucht den Tod unter einem giftigen Baum.

Aufführung

Eine Weltenscheibe mit großen Schiffssegeln bestimmt das Bühnenbild. Die Erdscheibe läßt sich wahlweise zu Wand oder Tisch umgestalten, die orangefarben ausgeleuchteten Segel können sich zur Bühne hin öffnen. In der Inszenierung von Vera Nemirova verwandeln sich Portugiesen und Inder des 16. Jahrhunderts in Boat People, religiöse Fundamentalisten und moderne Piraten, die Schiffe kapern und die Besatzung mit Maschinengewehren niedermähen. Im fernen Indien wird kitschige Folklore mit Tempeltanz, Bambus und Elefantenköpfen geboten. Ein orangefarbenes Blütenmeer mit Blumengirlanden ist Hochzeitskulisse für die indische Königin und den Eroberern.

Sänger und Orchester

Dirigent Enrique Mazzola führte das Orchester der Deutschen Oper Berlin agil und grazil durch die lyrisch und dramatisch expressive Partitur dieser Grand Opéra. Die exotischen Klangwelten und die seinerzeit neuartigen Orchesterfarben arbeitete Mazzola bis ins Detail heraus, die Tempi gerieten dabei ein wenig verschleppt. In seiner Verhaltenheit bot das Orchester den glanzvollen Gesangspartien einen perfekten Rahmen.

Nino Machaidze (Ines), ein dramatischer Sopran par excellence, überzeugte mit hoher Agilität und starker Dynamik. Mit beeindruckendem Timbre, in den Tiefen leicht kehlig, weich und glatt in den Höhen, sorgte sie für musikalische Höhepunkte. Baßbariton Markus Brück (Nelusco) stand der Sängerin in nichts nach. Rund und abwechslungsreich in der Färbung, bildete er auf beeindruckende Weise den verzweifelten Liebhaber und Gegenspieler in der Stimme ab. Seine Arie Roi des vague Adamastor, König der Wogen (2. Akt) meisterte er mit einer grandiosen darstellerischen wie gesanglichen Expressivität in der Zerrissenheit zwischen liebend und intrigant. Auch Titelheld Roberto Alagna (Vasco da Gama) war seiner schwierigen Partie rein technisch gewachsen. Ein strahlender Heldentenor mit nasal elegantem Timbre. An diesem Abend verfehlte er jedoch, vermutlich aufgrund einer im Vorfeld angekündigten Erkältung, die lyrischen Partien gänzlich. Entsprechend angestrengt und dünn in den Höhen geriet so die einzige unvergessene Arie dieser Oper O Paradis – Land so wunderbar (4. Akt). Sophie Koch als vermeintliche Sklavin Selica steigerte sich im Laufe des Abends. Ihrem runden, dramatischen Mezzo mangelte es ein wenig an Agilität. In Selicas Abschlußarbeit Sur mes genoux – Auf meinem Knien (5. Akt) stellte sie jedoch unter Beweis, wozu ihre Stimme fähig ist, die sich wie ein Teppich über die Bühne legte. Seth Carico als arroganter Don Pedro sang mit starkem, leicht metallischem Baßbariton. Für die Rolle des Rivalen fehlte es zuweilen an gefährlicher Tiefe. Paul Kaufmann (Don Alvar) war etwas zu hoch und zu laut. Dagegen setzte der voluminöse Baß von Albert Pesendorfer (Oberpriester) weitere Glanzpunkte.

Fazit

Die 1865 uraufgeführte Grand-Opéra Vasco da Gama – in ihrer rund viereinhalbstündigen kritischen Neufassung – ist Auftakt eines Meyerbeer-Zyklus an der Deutschen Oper Berlin. Vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingsdebatte bekommen Inhalte wie religiöser Fanatismus, Eroberungsfeldzüge und kulturelle Konflikte eine neue Dimension. Doch ist es der Inszenierung nur selten gelungen, über bloße Exotik hinauszuwachsen. Spektakel wie der unfreiwillig komische Stammestanz mit schwachbrüstigem Gebrüll des Chores und eine allzu platte, vordergründige Folklore machen noch lange keine Grand Opéra. Musikalisch zeigten sich Orchester und Sänger dem enormen Kraftakt gewachsen und wurden mit entsprechend begeistertem Applaus bedacht.

Norma Strunden

Bild: Bettina Stöß

Das Bild zeigt: Nino Machaidze (Ines), Roberto Alagna (Vasco da Gama)

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