FAUST – MARGARETHE – Leipzig, Oper

von Charles Gounod (1818-1893), Oper in fünf Akten, Libretto: Jules Paul Barbier und Michel Florentin Carré nach Goethes Faust, UA: 19. März 1859 Paris, Théâtre Lyrique (Version mit gesprochenen Dialogen), 3. März 1869 Paris, Salle Le Peletier (endgültige Fassung mit Rezitativen)

Regie: Michiel Dijkema, Kostüme: Claudia Damm, Licht: Michael Röger, Dramaturgie: Christian Geltinger

Dirigent: Anthony Bramall, Gewandhausorchester, Chor und Zusatzchor der Oper Leipzig

Solisten: Mirko Roschkowski (Faust), Olena Tokar (Margarethe), Tuomas Pursio (Mephistopheles), Jonathan Michie (Valentin), Kathrin Göring (Siebel), Karin Lovelius (Marthe Schwerdtlein), Sejong Chang (Wagner)

Besuchte Aufführung: 11. Oktober 2014 (Premiere)

Leipzig FaustKurzinhalt
Der lebensmüde Wissenschaftler Faust schließt einen Pakt mit Mephistopheles: Ewige Jugend zum Preis seiner Seele. Die Vision der schönen Margarethe führt zur schnellen Unterzeichnung des Vertrages. Im städtischen Treiben begegnet Faust seiner Angebeteten, deren Bruder Valentin in den Krieg ziehen muß und welcher Siebel, der ebenfalls in Margarethe verliebt ist, beauftragt, auf sie achtzugeben. Mephistopheles hilft Faust, den Nebenbuhler mit wertvollem Schmuck für seine Geliebte auszustechen. Es kommt zur Liebesnacht von Margarethe und Faust. Monate später ist Margarethe schwanger und von Faust verlassen. Sie wird von ihrem Bruder verflucht, der im Kampf durch Mephistopheles’ Zauberkraft tödlich verletzt wird. Die Visionen ihres toten Bruders beim Gebet in der Kirche treiben Margarethe in den Wahnsinn. Faust hingegen erlebt die rauschende Walpurgisnacht mit Mephistopheles. In einer Vision begegnet Faust reumütig seiner inhaftierten Geliebten, weil sie im Wahn ihr Kind getötet hat. Diese jedoch erkennt Faust nicht und weist ihn ab. Für Mephistopheles gilt sie als verloren, jedoch künden Ostergesänge ihre Erlösung und Erhebung in den Himmel an.

Aufführung
Die Bühnenszenerie wird in sämtlichen Akten von einer wuchtigen Kulisse eingenommen, die aus einer Backsteinmauer besteht, in die mehrere, sich nach oben hin öffnende Tore eingelassen sind. Durch jene Tore erscheinen und verschwinden mittels Drehbühne sowohl die Protagonisten, wie auch die Ausstattungsstücke, welche einen Szenenwechsel suggerieren. Dazu gehören u. a. ein Bett, das die Liebesnacht zwischen Faust und Margarethe andeutet, Blumen, die unter der Zauberkraft des Teufels zerfallen oder etwa auch ein Wegekreuz, das Margarethes Gebet unterstreicht.

Sänger und Orchester
Grandios beherrscht Tuomas Pursio als Mephistopheles das Bühnengeschehen. Sein überaus nuancenreiches Schauspiel zwischen ironischem Witz, verschlagener Verführung und abgründig dämonischer Tiefenwirkung läßt einem wahren Schauer über den Rücken laufen. Gesanglich lotet er seine Rolle mit lupenreinem Duktus und messerscharf gezogenen Höhen aus, wobei seiner Stimme ebenso ein breites Tiefenfundament zu eigen ist. Olena Tokars Wandlung der Margarethe vom naiven Frauchen zur ausgestoßenen, gescheiterten Existenz wird durch ihre dramatische Darstellung der dem Wahnsinn Verfallenen in Gesang und Schauspiel in überragender Weise umgesetzt und fordert die zum Zerreißen gespannten Nerven der Zuschauer. Sowohl die lyrischen Passagen, wie in der Ballade vom König von Thule, wie auch die dramatischen Abschnitte werden von ihr in kristallklaren Klangkaskaden ausgesungen, die einem Diadem mit lupenrein besetzten Tönen gleichkommen. Überragend ist ihr Duett mit Faust, bei dem ihr Gesang eine warm umflossene, ja beinahe schwebende Tiefenwirkung erreicht. Hervorragende gesangliche Qualitäten beweist auch Mirko Roschkowski (Faust). Mit dynamischer Stimmartikulation, betörend warmem Timbre und sich weit öffnenden Höhen geraten ihm insbesondere die lyrischen Abschnitte zu ausgesuchten Höhepunkten des Opernabends. Mit Jonathan Michies (Valentin) jugendhaftem Bariton offenbart sich ein immens ausdrucksstarker, unangestrengter und voller Klangkörper. Kathrin Göring (Siebel) hingegen lenkt die Aufmerksamkeit mit untadeliger Intonation auf sich. Auch sie zeigt stark verdichtende schauspielerische Fähigkeiten.

Die überdurchschnittlichen Leistungen der Hauptakteure spiegeln sich auch in den kleineren Partien wider. So sind mit Karin Lovelius (Marthe Schwerdtlein) und Sejong Chang (Wagner) die jeweiligen Partien gesanglich eindrucksvoll besetzt. Anthony Bramall versteht es, mit dem Gewandhausorchester sowohl lyrisch-feinsinnig intime, wie auch dramatisch aufwühlende Szenen des Stückes herauszuarbeiten und setzt an diesem Abend musikalisch zahlreiche Glanzpunkte. Der Chor und Extrachor der Oper Leipzig weiß zudem in harmonischer Geschlossenheit zu überzeugen.

Fazit
Die Inszenierung mit zahlreichen Feuer- und Taschenspielergaukeleien des Teufels sorgte im Gesang und Spiel aller Beteiligten für eine äußerst fesselnde, dramatische Sogtiefe, die zwischen aufwühlenden Massenszenen und kammerspielartigen Bildern ein großes Panoptikum menschlicher Gefühle ausbreitet. Die gesanglichen und musikalischen Leistungen aller Mitwirkenden waren teilweise überragend, wobei insbesondere Tuomas Pursios grandioser Mephistopheles noch lange in Erinnerung bleiben wird. So wurde der rundherum gelungene Abend mit einer mustergültigen Inszenierung des Stückes völlig zu Recht mit lauten Bravorufen und lang anhaltendem Applaus quittiert. Bravo!

Dr. Andreas Gerth

Bild: Bettina Stoess

Das Bild zeigt von li nach re: Karin Lovelius (Marthe), Tuomas Pursio (Mephistopheles), Mirko Roschkowski (Faust) und Olena Tokar (Margarethe)

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