LES VÊPRES SICILIENNES – DIE SIZILIANISCHE VESPER – London, Royal Opera House

von Guiseppe Verdi (1813-1901), Oper in fünf Akten, Libretto: Eugène Scribe und Charles Duveyrier, UA 13. Juni 1853 Paris, Opéra, Salle de la rue Le Peletier

Regie: Stefan Herheim, Dramaturgie: Alexander Meier-Doerzenbach, Bühne: Philipp Fuerhofer, Kostüme: Gesine Voellm, Lichtdesign: Anders Poll, Choreographie: André de Jong

Dirigent: Vasko Vassilev, Orchester des Royal Opera House, Choreinstudierung: Renato Balsadonna

Solisten: Lianna Haroutounian (Hélène), Bryan Hymel (Henri), Michael Volle (Guy de Montfort), Erwin Schrott (Jean Procida) u.a.

Besuchte Aufführung: 7. November 2013

LES VÊPRES SICILIENNES; ROH, Hélène; LIANNA HAROUTOUNIAN, Henri; BRYAN HYMEL, Jean Procida; ERWIN SCHROTT, Guy de Montfort; MICHAEL VOLLE, Le Sire de Béthune; JEAN TEITGEN, Le Comte de Vaudemont; JEREMY WHITE, Ninetta; MICHELLE DALY, Thibault; NEAL COOPER, Robert; JIHOON KIM, Daniéli; NICOLAS DARMANIN, Mainfroid; JUNG SOO YUNKurzinhalt

Sizilien leidet unter französischer Fremdherrschaft. Die Herzogin Hélène träumt von Befreiung. Sie verliebt sich in den jungen Sizilianer Henri. Dieser weiß nicht, daß er der uneheliche Sohn Montforts, des französischen Gouverneurs, ist. Zusammen mit dem Arzt Procida plant das junge Paar Montforts Ermordung. Als sich Monfort jedoch als Henris Vater zu erkennen gibt, vereitelt Henri das geplante Attentat. Procida und Hélène sollen hingerichtet werden. Der Gouverneur will das Urteil aufheben, wenn Henri sich öffentlich zu ihm als Sohn bekennt. Die Hochzeit des Paares sollte den Frieden im Land besiegeln. Hélène erfährt, daß das Läuten der Hochzeitsglocken den Sizilianern als Zeichen zum Angriff dienen soll und verweigert daraufhin Henri ihre Hand. Um das Glück seines Sohnes zu befördern, gibt Montfort schließlich das Zeichen zum Läuten der Glocken. Der blutige Aufstand bricht los.

Aufführung

Procida als Ballettchef ist umgeben von Tänzerinnen in klassischen Ballett-Tutus, die Übungen vor einer Spiegelwand an der Ballettstange ausführen. Im Verlauf des Abends wird die Bühne immer wieder zu einem Bühnenraum auf der Bühne, mit Logen und Rängen, vollbesetzt mit bürgerlichem Publikum.

Soldaten stürmen den Raum, die Tänzerinnen werden vergewaltigt, eine mitten auf der Bühne von Monfort. Immer wieder tauchen die Tänzerinnen auf, nun in Schwarz gekleidet, teils schwanger, teils mit einem Kind an der Hand. Montfort wird noch in der Ouvertüre der Kontakt zu seinem Kind verwehrt, daß ihm immer wieder begegnet und sogar bedroht. Als Procida und Hélène hingerichtet werden sollen, taucht der Junge als Henker mit Flügeln und übergroßem Beil auf.

Bühnenverschiebungen, der Spiegel als Raumerweiterung und auch Tor zu neuem Bühnenraum, eine Opernkulisse der Grand Opera und ein düsterer Kerker lassen die Spielstätten der einzelnen Handlungsstrecken immer wieder neu entstehen.

Sänger und Orchester

Bei Lianna Haroutounian (Hélène) ist besonders ihre Soloarie Viens à nous, Dieu tutélaire – Komm, schützender Gott zu Beginn der Oper hervorzuheben. Ihr farbenreicher Sopran, in den Höhen  messerscharf, ist in den Tiefen warm und erholsam. Die komplexen Koloraturen, die einen großen Tonambitus umspannen, erscheinen anfänglich mühelos. Doch im letzten Akt merkt man deutlich Ermüdungsescheinungen, und bei ihrer Soloarie Merci, jeunes amies – Danke, junge Freundinnen vermag sie es nicht mehr, den gesamten Saal stimmlich einzunehmen. Allerdings ist ihre Darstellung der Zerrissenheit ihres Charakters zwischen Haß, Rache und Leidenschaft ausgezeichnet. Einige Beispiele: Verwirrt trägt sie den verwesenden Kopf ihres ermordeten Brudes mit sich herum, doch genauso entschlossen schwört sie Rache und beteuert ihre Liebe zu Henri.

Bariton Michael Volle ist ein Glücksgriff in der Besetzung des Montfort. Seine Ausdrucksstärke steigert sich über den Abend hinweg und seine Strategie der Kräfteeinteilung scheint aufzugehen. Während er in den ersten beiden Akten Boshaftigkeit und Machtbessenheit ausstrahlt, zeigt sich schon bald seine emotionale Leere und Sehnsucht nach Nähe, die jedoch immer wieder zurückgewiesen wird. Seine Verzweiflung kulminiert im dritten Akt in Au sein de la puissance – inmitten der Macht und dem Rezitativ Je n’en puis revenir – ich kann’s nicht fassen als er Henri offenbart, daß er sein Vater ist. Der Tenor Bryan Hymel (Henri) steht Volle in nichts nach und setzt seinen schlanken Tenor eindrucksvoll ein. Insbesondere in den höheren Lagen ist er zu Hause; eine Eigenschaft, die ihm bei der von Verdi insgesamt relativ hoch angesetzten Tenor-Rolle sehr zugute kommt.

Der tief klingende Baß Erwin Schrotts (Jean Procida) ist der gelungen besetzte Counterpart zu Michael Volle. Das große Chorfinale Célébrons ensemble l’hymen glorieuxfeiern wir zusammen den herrlichen Gesang vor der Massenexekution bringt noch einmal einen Gänsehautmoment. Das Royal Opera Orchester unter der Leitung von Antonia Pappano ist musikalisch ein Genuß.

Fazit

Im Verdijahr präsentiert Covent Garden die Verdi Oper in der original französischen Form.

Die Produktion versetzt die Handlung aus dem 13. Jahrhunderts nach Paris 1855. Diese Versetzung ist nichts Neues. Stefan Herheim weicht in Teilen entscheidend von der Vorlage ab: Procida ist nicht von Beginn an als Freiheitskämpfer charakterisiert, sondern agiert als Ballettchef. Manche Anspielungen auf die französische Knechtschaft erscheinen etwas plump, wie beispielsweise als Procida als schwarz verkleidete Frau (Kontrapunkt zu Hélène in der Hochzeitsrobe) alle Anwesenden mit der Spitze der französischen Flagge ersticht. Trotzdem läßt die Inszenierung keine Langeweile aufkommen und Dank der Sänger und ihrer schauspielerischen Leistung ist die Aufführung dieser Oper einen Besuch wert.

Katharina Rupprich

Bild: Bill Cooper

Das Bild zeigt: (v.l.n.r.) Erwin Schrott (Jean Procida), Lianna Haroutounian (Hélène), Michael Volle (Guy de Montfort), Bryan Hymel (Henri)

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