LOHENGRIN – Weimar, Deutsches Nationaltheater

von Richard Wagner (1813-1883), Romantische Oper in drei Aufzügen, Libretto: der Komponist; UA: 1850, Weimar.

Regie: Tobias Kratzer, Bühne: Rainer Sellmaier

Dirigent: Stefan Solyom, Staatskapelle Weimar, Opernchor des DNT, Damen und Herren des Philharmonischen Chores, des coruso Opernchores, des Kammerchores der Hochschule für Musik, Choreinstudierung: Markus Oppeneiger/Fabian Wöhrle

Solisten: Daeyoung Kim (König Heinrich), Heiko Börner (Lohengrin), Johanni van Oostrum (Elsa), Bjorn Waag (Telramund), Andrea Baker (Ortrud), Uwe Schenker-Primus (Heerrufer), u.a.

Besuchte Aufführung: 7. September 2013 (Premiere)

Weimar-LohengrinKurzinhalt

König Heinrich ruft die Brabanter zum Feldzug. Graf Telramund, von seiner Gattin Ortrud angestachelt, beschuldigt Elsa von Brabant des Mordes an ihrem Bruder Gottfried. Ein Gottesgericht in Form eines Zweikampfs soll über Elsas Schuld entscheiden. Da erscheint ein Fremder im Boot, gezogen von einem Schwan, und besiegt Telramund. Dieser Fremde will Elsa heiraten unter der Bedingung, daß sie ihn nie nach Namen und Herkunft fragte. Elsa willigt ein. Am Hochzeitstag bezichtigen Ortrud und Telramund vor dem Münster den Fremden der Zauberei und des Betruges. Doch Elsa vertraut ihrem Bräutigam. Später, als sie allein sind, bricht Elsa ihr Versprechen und stellt die verbotenen Fragen. Im gleichen Moment dringt Telramund in das Brautgemach ein, doch im Zweikampf mit dem Fremden stirbt er. Danach offenbart Lohengrin Name und Herkunft. Ortrud triumphiert, aber durch sein Gebet bewirkt Lohengrin die Rückkehr Gottfrieds, des rechtmäßigen Thronfolgers.

Aufführung

Wir warten auf ein großes Wunder ist schon während des bebilderten Vorspiels quer über die Bühne geschrieben. Eine Gesellschaft in heutiger Straßenkleidung starrt gebannt in den Hintergrund, um enttäuscht wieder Platz auf Truhen zu nehmen, die entlang eines Bretterzaunes stehen. In einer der Truhen findet sich eine alte Partitur. Nach kurzem Studium beginnt das Rollenspiel und der Heerrufer  schlüpft in ein historisches Kostüm, das der Uraufführung in Weimar entstammen mag. Nach und nach wird jeweils ein Freiwilliger für die nächste Rolle ausgewählt und ins Kostüm gesteckt, Elsa trägt eine Haube mit Krone, der Lohengrin einen Schwanenhelm. Am Ende siegt jedoch die nackte Realität, ein Wunder gibt es nicht, enttäuscht werden die Kostüme abgelegt.

Sänger und Orchester

Auch hinsichtlich der Besetzung versucht das Nationaltheater Weimar dem Anspruch des Uraufführungsortes gerecht zu werden. Den betörendsten Auftritt hat Johanni van Oostrum. Ihr glockenklarer, heller und strahlender Sopran macht ihre zweifelnde Elsa glaubhaft. Auch stimmlich ist sie eine jugendliche Naive. Ihr Held Heiko Börner (Lohengrin) hat deutlich mehr Probleme. Er verfügt über eine baritonal glänzende Stimme, erreicht aber im oberen und tieferen Tonhöhenbereich deutlich seine Grenzen. Am Ende fehlt ihm auch hörbar die Kraft. Über viel Kraft hingegen verfügt Andrea Baker (Ortrud),, die ihren hochdramatischen Sopran stark fokussieren kann: Man versteht fast jedes Wort, die Stimme ist aber ein Fall für den Waffenschrank. Das Publikum liebt sie dafür. Fast genauso durchschlagsstark ist Bjorn Waag. Mit kluger Gestaltung der Gesangslinie und fast schon verschwenderischem Einsatz seiner Möglichkeiten gelingt es ihm die kräftezehrende Rolle des Telramund bis zum letzten Augenblick als Anti-Held zu gestalten. Der Hausbariton Uwe Schenker-Primus kann seine Einsätze als Heerrufer mit äußerster Präzision gestalten und hält so die Handlung wie ein Erzähler zusammen. Dagegen hinterläßt Daeyoung Kim mit stark tremolierender Stimme einen schwachen oder rauchigen Eindruck. Sehr positiven Höreindruck hinterlassen die „vereinigten Chöre von Weimar“, die unter der Führung von Markus Oppeneiger und Fabian Wöhrle mit exakten Einsätzen und im Zusammenspiel mit Solisten plus Orchester glänzen. Vater des Erfolges ist ohne Zweifel  Stefan Solyom, der mit viel Dynamik, romantischen Klangbildern und Tempoverschärfungen alle Künstler zu einem beispielhaften Wagner-Klang zusammenführt.

Fazit

Für diese Lohengrin-Produktion am Uraufführungsort will der Regisseur Tobias Kratzer einen Bezug zu den Kostümen der Uraufführung herstellen. Sein Ansatz ist: Eine heutige Gesellschaft spielt eine Art Historienspiel. Durch den beständigen Wechsel zwischen jetzt und vergangenem, Alltagskleidung und Kostüm, zwischen harter Realität und Wunschdenken wird der Kampf zwischen Haß, Neid und Liebe deutlich. Während beim Schlußapplaus das Publikum fast einheitlich die Regie (und natürlich alle Sänger, Chor, Orchester und Dirigent) für einen unterhaltsamen Abend mit bunten Bildern und unterhaltsamer Personenführung feiert, werden auf der anschließenden Premierenfeier die vielen Eingriffe am Handlungsstrang diskutiert, wie die Rückkehr Telramunds im Schlußbild als Sieger über das Wunschdenken.

Oliver Hohlbach

Bild: Matthias Horn

Das Bild zeigt: Johanni van Oostrum (Elsa), Heiko Börner (Lohengrin), Bildmitte

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