DIE TOTE STADT – Hof, Theater

von Erich Wolfgang Korngold (1897-1957), Oper in drei Bildern, Libretto: E. W. Korngold und Paul Schott, UA: 1920, Hamburg und Köln

Regie: Jens Pesel, Bühne/Kostüme: Siegfried E. Mayer

Dirigent: Arn Goerke, Hofer Symphoniker, Opernchor und Extrachor des Hofer Theaters, Einstudierung: Cornelius Volke.

Solisten: Daniel Kirch (Paul, Premiere), Wolfgang Schwaninger (Paul, 13.April), Jennifer Maines (Marietta/Marie), Birger Radde (Frank/Fritz), Stefanie Rhaue (Brigitta), Inga Lisa Lehr (Juliette), Masako Iwamoto-Ruiter (Lucienne), Mathias Frey (Victorin), Karsten Jesgarz (Graf Albert)

Besuchte Aufführung: 8. März 2013 (Premiere, Hof) und 13. April 2013 (Bayreuth)

Kurzinhalt

In der „Toten Stadt“ Brügge lebt Paul zurückgezogen nach dem Tod seiner Frau Marie. Unversehens begegnet er der Tänzerin Marietta, die eine auffallende Ähnlichkeit mit seiner verstorbenen Frau hat. Auf Maries Laute begleitet sich Marietta beim berühmten Lied Glück, das mir verblieb. Für Paul verschwimmen Wirklichkeit und Traum zu einer Vision: Marietta verläßt, von Liebhabern umschwärmt, das Theater und spielt die diabolische Nonnenerweckung aus Giacomo Meyerbeers Oper Robert le Diable. Paul beschuldigt Marietta daraufhin der Gottlosigkeit. Marietta folgt Paul in sein Haus, tanzt mit der „Reliquie“, der Haarflechte der verstorbenen Marie, bis Paul sie in höchster Erregung erdrosselt. Paul erwacht aus seiner Vision und beschließt, Brügge zu verlassen.

Aufführung

Das Bühnenbild zeigt eigentlich eine Ansammlung von Kunstobjekten, deren Sinn sich erst durch die Handlung und durch die Assoziation mit surrealen Traumwelten, erschließt. Rechts steht Maries Haarlocke in einer Vitrine, eine Puppe trägt ihr letztes Kleid und Schal. Links sieht man Maries Laute, flankiert durch zwei Harfen, die keinen Platz mehr im Orchestergraben gefunden haben. Den Hintergrund bildet eine schwarze Projektionsfläche, auf das ein Auge aufgemalt ist, hinten rechts ein überdimensionales Bild von Marie, das sich in einen Spiegel verwandeln kann. Im Vordergrund steht ein dunkel verwitterter Kahn als Bettersatz, dahinter ein kahler Baum. Sein Laub liegt um den Kahn verteilt. Die Kostüme der Hauptdarsteller sind der Mode der 1920er Jahre entnommen, die Kleidung des Schauspieltruppe, der Nonnen und der Kirchenprozession sind kunterbunt surreal verzerrt.

Sänger und Orchester

Theoretisch  ist die Tote Stadt nur eine „kleine Oper“, denn mit zwei Haupt- und zwei Nebendarstellern, wird nicht viel Personal benötigt. Jedoch ist die Besetzung der Hauptdarsteller so schwierig, daß auch das Theater Hof auf zwei Gäste zurückgreifen muß – und sie haben eine gute Wahl getroffen. Da ist Jennifer Maines als Marie/Marietta, die über einen konditions- und ausdrucksstarken, dramatischen Sopran verfügt. Der Schwerpunkt liegt auf einer sicheren und durchschlagsstarken Mittellage. Leider klingt die Höhe etwas eindimensional, was beim Forcieren doch manchmal hervortritt. Daniel Kirch (Paul) ist ein strahlend schöner Belcanto-Tenor, unendliche Melodie verbunden und Poesie ausstrahlend. Im Forte fehlt ihm noch ein wenig Sicherheit. Eine der Nebenrollen ist eigentlich keine, denn die Rolle des Frank und der Pierrots Fritz ist zusammengelegt und da hier nichts gestrichen ist, ist dies durchaus eine Herausforderung für Birger Radde, der daran wächst. Diesem dreiteiligen Charakter (Freund, Zerrbild eines Freundes und Pierrot mit der Arie Mein Sehnen) kann dieser durchschlagstarke, facettenreiche Spielbariton gerecht werden. Stefanie Rhaue, der dunkel timbrierte Haus-Mezzo, verleiht der Brigitta das trauernde Moment einer verzweifelten Hausdame, die ins Kloster geht, als ihr klar wird, daß sie Paul nicht bekommen kann. Wolfgang Schwaninger, der den Paul in der Vorstellung in Bayreuth singt, ist mittlerweile ein Heldentenor der alten Schule. Er überzeugt mit voll ausgesungenen langatmigen Phrasierungen und erreicht in Glück, das mir verblieb, die strahlenden hohen Töne mühelos, besonders wenn man das getragene Tempo bedenkt, das Arn Goerke vorgibt. Die Hofer Symphoniker meistern das schwierige Stück mit Bravour, die spätromantischen/ impressionistischen Klangfarben kommen klar zur Geltung und die dargestellten Gefühlswelten bringen die Zuschauer in Wallung. Auch hinsichtlich der Lautstärke kann Goerke differenzieren – bis hin zu einem wirklich infernalischen Fortissimo. So wird die Nähe des Stückes zu den Welten (und dem Schwierigkeitsgrad) Richard Wagners deutlich. Solide auch der Chor, auch wenn per Lautsprecher von der Hinterbühne zugespielt.

Fazit

Zu den vielen erfreulichen Momenten dieser Produktion zählt, daß die Bühnen-Handlung entsprechend der auskomponierten Handlung umgesetzt wird. Daß der Großteil (vom Ende des ersten Bildes bis zum Finale) eine Traumsequenz ist, wird durch ein surreal farbenfrohes Bühnenbild verdeutlicht. Da wird auch die fast ungekürzte musikalische Spielfassung mit Nonnenballett (mit hörbarem Meyerbeer Zitat aus Robert der Teufel) und Festprozession zum freudenspendenden Erlebnis. Da auch die sängerische Umsetzung im Publikum Begeisterung auslöst, wird die Produktion lange und ausgiebig gefeiert, und zwar sowohl in Hof wie in Bayreuth!

Oliver Hohlbach

Bild: SFF-Fotodesign

Das Bild zeigt: Mathias Frey (Victorin), Jennifer Maines (Marietta), Florian Bänsch (Gaston), Birger Radde (Fritz), Karsten Jesgarz (Graf Albert) v.l.n.r.

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