LA BOHÈME – Stockholm, Königliche Oper

von Giacomo Puccini (1858-1924), Libretto: Giuseppe Giacosa und Luigi Illica, UA: 1. Februar 1896, Turin

Regie: Wilhelm Carlsson, Bühne: Lars Östbergh, Kostüme: Annsofi Nyberg

Dirigent: Marco Guidarini, Königliche Hofkapelle, Chor der Königlichen Oper, Choreinstudierung: Folke Alin, Christina Hörnell, Kinderchor der Adolf Fredriks Musikklasse, Einstudierung: Pelle Olofson

Solisten: Sara Olsson (Mimì), Jeanette Bjurling (Musetta), Daniel Johansson (Rodolfo), Ola Eliasson (Marcello), Anton Eriksson (Schaunard), John Erik Eleby (Colline), Magnus Kyhle (Alcindoro und Benoit), Thomas Annmo (Parpignol)

Besuchte Aufführung: 30. Mai 2011 (Wiederaufnahme)

Kurzinhalt

Rodolfo, Marcello, Schaunard und Colline sind bettelarme Künstler und unzertrennliche Freunde. Sie leben ein unbeschwertes Leben von der Hand in den Mund in einer Mansarde über den Dächern von Paris. Rodolfo begegnet Mimìund verliebt sich in sie. Marcello erobert seine ehemalige Geliebte Musette zurück. Im Auf und Ab der Beziehungen und im Laufe der Zeit verschlimmert sich Mimìs Krankheit und schließlich stirbt sie. Rodolfo bleibt verzweifelt zurück in der Gewißheit, Mimì in ihrer schwersten Zeit allein gelassen zu haben.

Aufführung

Die Handlung spielt in den Rahmenakten auf einem Podest. Dadurch hat der Betrachter das Empfinden, über den Dächern einer Stadt zu sein. Eine große, schräg nach oben verlaufende Fensterwand schließt das Podest nach hinten ab. Dahinter sieht man die Figuren herauf- und heruntersteigen. Mondlicht fällt hinein. Die Ausstattung des ersten Akts ist einfach gehalten: ein stilisierter Kamin, ein Stuhl, eine Plastikwasserflasche im Hintergrund. Im zweiten Akt sieht man buntes Straßentreiben auf zwei Ebenen, viele Leute auf einem modernen Weihnachtsmarkt und französisches Café-Flair inmitten fallender Schneeflocken. Im dritten Akt wird das Bühnenbild von einer grauen, verwitterten Wand dominiert mit zwei Türstehern, die den Eingang zu einer Bar bewachen. Man glaubt, sich in einem tristen Vorort zu befinden. Graue Gestalten, ärmlich gekleidet, gehen mit Plastiktüten in den Händen umher. Im letzten Akt befindet man sich wieder die Mansarde über den Dächern, nach wie vor karg eingerichtet, nun aber mit einem roten Kanapee ausgestattet. Die Kostüme passen zu der nüchternen Ausstattung auf der Bühne. Rodolfo tritt in Jeansjacke und Turnschuhen auf, die anderen Männer in Kordblazern oder einfachen Pullovern in gedeckten Farben. Auch Mimi ist unscheinbar in einem rosa Kleid, das unter einer einfachen Strickjacke hervorlugt.

Sänger und Orchester

Daniel Johansson (Rodolfo) sang seine Partie beinahe tadellos. Er setzte seine Töne mit Präzision. Seine wohlklingende Stimme kam besonders in den Höhen gut zur Geltung und klang trotzdem weich und rund. Sara Olsson (Mimi) mußte sich hingegen erst in ihre Rolle hineinfinden. Ihre große Stimme klang in den höheren Lagen in den ersten beiden Akten manchmal zu scharf, und die ihr fehlende schauspielerische Leichtigkeit machte es anfangs schwer, ihr die Verkörperung der zarten, schüchternen Mimi abzunehmen. Das Ende des Duettes mit Rodolfo im zweiten Akt gelang nicht einwandfrei. Ab dem dritten Akt sang sie jedoch vorzüglich. Jeanette Bjurling (Musette) schien ihre Rolle wie auf den Laib geschneidert zu sein. Sie sang technisch perfekt und gewann das Publikum bei ihrem fulminanten ersten Auftritt sowohl stimmlich als auch darstellerisch für sich. Ola Eliasson (Marcel) ging in seiner Rolle auf, die er musikalisch und schauspielerisch einfühlsam, zugleich aber auch temperamentvoll gestaltete. John Erik Eleby (Colline) hatte anfangs etwas Mühe, sich gegen Orchester und Sängerkollegen klanglich durchzusetzen, sang aber im Übrigen gut wie auch Anton Eriksson (Schaunard), dem eine überaus sympathische Verkörperung seiner Rolle gelang. Er war der einzige der Herren, der ohne Mühe in allen Lagen durch den satten Orchesterklang hindurchdrang. Magnus Kyhle (Benoit, Alcindore) gestaltete seine beiden Partien klanglich unterschiedlich und mit viel Humor. Chor und Kinderchor meisterten ihre Auftritte souverän. Am Beginn der Oper wirkte das Zusammenspiel zwischen dem Orchester unter der Leitung von Marco Guidarini und den Sängern etwas unsicher, allerdings nur ein paar Takte lang.

Fazit

Mit dieser schlichten, realistisch gehaltenen Inszenierung, in der die schauspielerischen Fertigkeiten der Sänger besonders gut zur Geltung kommen, gelingt es, das Publikum zu begeistern. Die Personenregie ist als wirklich gelungen hervorzuheben, denn man wird berührt von den schauspielerischen Interaktionen zwischen den Sängern. Der dramatische Bogen wird nachvollziehbar, sowohl bei den humoristischen Passagen als auch bei der empfindsamen Schilderung menschlicher Beziehungen. Das Publikum, sichtlich ergriffen, dankt den Darstellern mit langem Applaus. Ein gelungener Opernabend vor nahezu ausverkauftem Haus.

Dorothea Knust

Bild: Alexander Kenney

Das Bild zeigt: Daniel Johansson (Rodolfo), Paulina Pfeiffer (Mimì)

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