Paris, Opéra Bastille – PARSIFAL

von Richard Wagner, Musik und Text von R Wagner, Bühnenweihfestspiel in drei Akten (1882)
Uraufführung: Bayreuther Festspiele, 26. Juli 1882
Dirigent: Hartmut Haenchen, Orchester und Chor der Opéra National de Paris, Regie: Krzysztof Warlikowski, Ausstattung/Kostüme: Malgorzata Szczesniak, Licht: Felice Ross, Chor: Winfried Maczewski.
Alexander Marco-Buhrmester (Amfortas), Victor von Halem (Titurel), Franz Josef Selig (Gurnemanz), Evgeny Nikitin (Klingsor), Waltraud Meier (Kundry), Christopher Ventris (Christopher Ventris), Gunnar Gudbjörnsson, Scott Wilde (Zwei Gralsritter), Hye-Youn Lee, Louise Callinan, Jason Bridges, Bartlomiej Misiuda (Vier Knappen), Adriana Kucerova, Valérie Condoluci, Cornelia Oncioiu, Yun-Jung Choi, Marie-Adeline Henry, Louise Callinan (Zaubermädchen), Cornelia Oncioiu (Eine Altstimme aus der Höhe), Der Begleiter (Renate Jett)
Besuchte Aufführung: 11.3. 2008 (Premiere 4. März 2008)

Die Sänger
paris-parsifal.jpgDie Musik bleibt die Hauptsache: allen Sängern voran steht die grandiose Waltraud Meier. Aus der Symbolfigur Kundry macht sie mit ihrem ausgereiften, dramatisch wie lyrisch erfüllten Sopran einen psychologisch wie vokal belichteten Menschen. Kundry trägt Grün: auch sie ist die Hoffnung (es ist kein Zufall, daß zu Beginn per Video „Liebe“ und „Glaube“ geschrieben und ausgestrichen, schließlich aber, in sozusagen „falscher“ Reihenfolge, die „Hoffnung“ stehenbleibt). Der Gurnemanz des Franz Josef Selig, Alexander Marco-Buhrmesters krückenbewehrter Amfortas, Evgeny Nikitins deutlicher Klingsor und Viktor von Halems baßschöner Titurel agieren auf demselben hohen Niveau, das ihnen die Auserlesenheit der orchestralen Deutung auferlegt. Christopher Ventris, der zukünftige Bayreuther Parsifal, besitzt eine feine Timbrierung zumal im lyrischen Bereich, die wunderbar zur metaphysische angehauchten Stimmung dieser Aufführung paßt. Die Sängerdarsteller lassen die die gelegentlich im Banalen versandende gebende Regie meist vergessen.
Der Dirigent
Warum dirigiert Hartmut Haenchen eigentlich nicht bei den Bayreuther Festspielen? Diese Frage mußten sich all jene stellen, die das musikalisch phänomenale Ereignis dieses Parsifal erleben durften. Eine derartige Ausleuchtung der Partitur, die zugleich das kammermusikalisch Klare wie metaphysisch Düstere betont, ist selten zu erleben. Hier war alles Klang. Es stimmt durchaus nicht, daß Parsifal aus dem verdeckten Graben am besten klingt. Wagners Moderne wird offenkundig, wenn die geteilten Streicher, die versetzten Rhythmen und die impressionistischen Harmonien und Färbungen unverstellt erklingen – und dies bei einem zügigen, doch niemals überhasteten Tempo. Nur, daß Haenchen auf die Brüche, die Irritationen einer angeblich „statischen“ Partitur hinweist, um aus dem Bühnenweihfestspiel das packende, transzendentale Drama zu machen, das in ihm drinsteckt.
Die Inszenierung
Dieser Parsifal arbeitet mit den Symbolen des anatomischen Theaters (hier sitzt die „Gesellschaft des Grals“, um Amfortas zu studieren) und der verdörrten Erde. Drei Sektionstische werden zum Tisch des Abendmahls, Gurnemanz erscheint wie ein konservativer Abgeordneter einer alten, französischen, demokratischen Partei. Gäbe es eine reale Spielzeit, so befänden wir uns in den zwanziger bis späten vierziger Jahren, also der Zwischen- und Nachkriegszeit. Ursprünglich wollte die Regie einschlägige Filmausschnitte von Leni Riefenstahl und S.M. Eisenstein (Alexander Njewsky) bringen, um dem Werk eine betont antideutsche Position aufzuoktroyieren; es blieb, nach Einspruch der Intendanz, vor Beginn des Vorspiels zum dritten Akt bei einem kurzen Ausschnitt aus Rosselinis Deutschland, Stunde Null – die dramaturgisch überlegte Zugabe (ein Junge läuft, wie ein kleiner Parsifal, durch das zerstörte Berlin und stürzt sich in den Tod) ist eine Zumutung für das Publikum, das mit unmusikalischem Getöse antwortet. Doch ist der Durchgang durch die Generationen sinnvoll: der Junge und eine auf alt getrimmte, edelschwarze „Begleiterin“, die vor dem Finale im Dunkel wie der Gralschor verschwindet, begleiten uns durch die Akte, in denen wir Freudenmädchen aus dem Maxim’s, David Bowman aus Kubricks „2001“ und einem echten Abendmahl begegnen. Am Ende aber bleiben nur noch die kleine Gralsfamilie und ihr privates Abendmahl übrig mitsamt Kundry und dem Jungen. Sind das Viscontis Verdammte? Nein, es ist eine berührende, private Utopie, die sich von den Forderungen der unmenschlichen Männergesellschaft verabschiedet hat.
Die Deutung, die der Regisseur Krzysztof Warlikowski und seine langjährige Ausstatterin Malgorzata Szczesniak über das Stück stülpen, ist widersprüchlich – doch vielleicht ist die unentschiedene Position zwischen Wagners Mythos und der Moderne, zwischen Christentum und Privatreligion ein Königsweg, um dem ideologisch problematischen Stück über das Blut und die Sünde beizukommen. Es gelingt zumeist mit Hilfe eines Kunstraums, der von der Schein-Realität des Stücks absieht – denn Parsifal ist keine Oper mit Menschen aus Fleisch und Blut, sondern ein religiös verbrämtes Kunst-Drama mit allegorischen Figuren.

Dr. Frank Piontek
Bild: Opéra Bastille

Veröffentlicht unter Opern, Paris, Opéra Bastille

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