LES TROYENS – Berlin, Deutsche Oper

von Hector Berlioz (1803-1869), Große Oper in fünf Akten, Libretto vom Komponisten nach Vergils Äneïs, UA der vollständigen Fassung: 3. Mai 1969, Glasgow

Regie: David Pountney, Bühne: Johan Engels, Kostüme: Marie-Jeanne Lecca, Licht: David Cunningham, Choreographie: Renato Zanella

Dirigent: Donald Runnicles, Orchester der Deutschen Oper Berlin, Chor und Extrachor, Einstudierung: William Spaulding

Solisten: Ian Storey (Enée), Béatrice Uria-Monzon (Didon), Petra Lang (Cassandre), Markus Brück (Chorèbe), Reinhard Hagen (Narbal), Liane Keegan (Anna), Gregory Warren (Iopas/Hylas), u.v.a.

Besuchte Aufführung: 5. Dezember 2010 (Premiere)

Kurzinhalt

Nach zehnjähriger Belagerung ziehen sich die Griechen von Troja zurück. Die Trojaner holen ein von ihnen zurückgelassenes Holzpferd in die Stadt, obgleich sie Cassandre warnt. Es erweist sich als eine List der Griechen, die nun die Stadt erobern und zerstören. Enée erscheint der Geist des toten Hektor, der ihm den Auftrag gibt, mit den Überlebenden nach Italien zu fliehen und dort ein neues Reich zu gründen. Auf dem Weg dorthin macht die trojanische Flotte in Karthago Halt. Die kathargische Königin Didon und Enée verlieben sich ineinander. Trotz seines heftigen Wunsches zu bleiben, zwingen die Geister der toten Trojaner ihn, seinen Weg nach Italien fortzusetzen. Didon nimmt sich aus Verzweiflung das Leben, und ihr Volk verflucht die Trojaner und ihr zukünftiges Reich, Rom, das einst Karthago zu Fall bringen wird.

Aufführung

Pountney setzt kräftige Farben ein. Der Fall Trojas spielt sich auf einer dunklen, mit Nebel erfüllten Bühne ab, auf der Braun, Rot und Gold dominieren, während die Karthager in den Farben Weiß, Gelb und Grün auftreten. Das Bühnenbild ist stark stilisiert und neigt zur Statik und Monumentalität. So sind z.B. zwei Hufe und der riesige Kopf des trojanischen Pferdes im zweiten Akt zu sehen, und in der großen Liebesszene im vierten Akt schweben Didon und Enée in zwei Blasen durch einen nächtlichen Sternenhimmel. Die musikalischen Entwicklungen finden ihre Entsprechung auf der Bühne, d.h. in den ruhigen und lyrischen Momenten herrscht szenischer Stillstand vor – hier kommt den bühnentechnischen Effekten und der Lichtgestaltung eine wichtige Rolle zu –, während die bewegten Partien mit Bewegungen auf der Bühne illustriert werden. Die großen Chormassen werden stets übersichtlich geometrisch gruppiert, und die Kostüme der Trojaner lassen ihre archäologischen Vorbilder deutlich erkennen. Die Ballette der Oper werden nicht klassisch, sondern eher nach Art des Ausdruckstanzes gestaltet.

Sänger und Orchester

Berlioz’ Oper verlangt mehr als ein Dutzend hervorragender Solisten, doch der musikalische Hauptakteur ist ohne Zweifel der Chor, der seine zahlreichen Partien mit Bravour bewältigte. Die rhythmische Präzision im Zusammenspiel mit dem Orchester und die Mischung der Stimmen in den klangstarken Abschnitten waren mustergültig. Hier wurde von der Regie Vorarbeit geleistet, indem die Chorgruppierungen auch während der Auftritte und Abgänge eine kompakte Klanggestaltung ins Publikum hinein ermöglichten. Ian Storey (Enée) lieferte in den letzten beiden Akten eine hervorragende Leistung ab – für sein Inutiles regrets! – Nutzlose Reue! (1. Bild, 5. Akt) bekam er den einzigen Szenenapplaus des Abends –, nachdem er im dritten Akt intonatorisch unsicher gewirkt hatte. Seine Stimme hat nur bei den lautstarken Partien die richtige Spitze, um durch das Orchester hindurch zu kommen. Béatrice Uria-Monzon (Didon) hat eine kräftige, in der Tiefe füllige, in der Höhe aber etwas unausgeglichene Mezzosopranstimme. Sie war eine der besten Akteurinnen der Aufführung zusammen mit Petra Lang (Cassandra). Gregory Warren (Ioapas/Hylas) verfügt über ein zur Musik passendes lyrisches Tenortimbre und brachte sein Lied Ô blonde Cérès! – O blonde Ceres! (2. Bild, 4. Akt) ordentlich, wenn ihm auch der Spitzenton, ein C’’, nicht gelang. Bis auf ganz wenige verunglückte Blechbläsereinsätze war die Leistung des Orchesters unter Donald Runnicles geglückt. Dieses Werk beeindruckt vor allem mit seinen leisen Passagen, die gut herausgearbeitet wurden.

Fazit

Man wird der Produktion den Vorwurf machen, sie sei bieder oder kitschig; am Ballett mit den Seifenblasen im vierten Akt werden sich sicherlich die Geister scheiden. Doch zwei Dinge kann man ihr nicht absprechen: Zum einen kommt die Regie den gesangstechnischen Anforderungen von Solisten und Choristen voll und ganz nach, zum anderen stört sie an keiner Stelle die Musik. Pountney illustriert die Handlung auf verständliche Weise mit üppigem Einsatz von Licht und Farben bei einem übersichtlichen, zum Teil kahlen Bühnenbild. Die Publikumsreaktionen auf diese Flut von schönen, bunten Bildern waren gespalten.

Dr. Martin Knust

Bild: Matthias Horn

Das Bild zeigt: Béatrice Uria-Monzon (Didon), Bild Mitte und Statisterie

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