Berlin, Staatsoper Unter den Linden – AGRIPPINA

von Georg Friedrich Händel (1685-1759), Oper in drei Akten, Libretto: Vincenzo Grimani, UA: 26. Dezember 1709, Teatro di S. Giovanni Grisostomo, Venedig
Regie: Vincent Boussard, Bühne: Vincent Lemaire, Kostüme: Christian Lacroix
Dirigent: René Jacobs, Akademie für Alte Musik Berlin
Solisten: Alexandrina Pendatchanska (Agrippina), Marcos Fink (Claudio), Jennifer Rivera (Nerone), Anna Prohaska (Poppea), Bejun Mehta (Ottone) Dominique Visse (Narciso), Daniel Schmutzhard (Lesbo)
Besuchte Aufführung: 4. Februar 2010 (Premiere)

Kurzinhalt
berlin-linden-agrippina.jpgAls die römische Kaiserin Agrippina die Nachricht vom Tod ihres Gatten Claudius erhält, wittert sie sofort die Chance, ihren Sohn aus erster Ehe, Nerone, auf den Thron zu bringen. Doch bereits während seiner Ausrufung zum Kaiser kommt die Botschaft, Claudius habe den Seesturm überlebt und seinen Lebensretter Ottone zum Nachfolger bestimmt. Agrippina macht sich die uneingeschränkte Liebe Ottones zur schönen Poppea, die auch von Claudio und Nerone begehrt wird, zu Nutze und intrigiert mit Hilfe von Claudios Liebe zu Poppea gegen Ottone. Als Poppea entdeckt, dass Agrippinas Ziel nur darin besteht, Ottone durch eine Intrige um die Thronfolge zu bringen, übt sie Rache, indem sie Claudio Nerone statt Ottone als seinen Liebeskontrahenten im Werben um sich präsentiert. Dennoch findet die Handlung dank Claudios Gutmütigkeit in der Vermählung Poppeas mit Ottone und Nerones Ernennung zum Kaiser letztlich doch ein glückliches Ende.
Aufführung
In dieser Inszenierung der Agrippina besteht die Hauptgestaltung der Bühne aus mehreren, vertikal angeordneten, von der Decke hängenden Glasperlenketten, welche den Bühnenraum wie transparente und gleichzeitig verschleiernde Vorhänge füllen. Ihre Dichte variiert mit dem Wechsel der Szenen zwischen einem völlig leeren Raum und gänzlicher Ausfüllung und wird in Abhängigkeit vom Handlungsgeschehen und der emotionalen Entwicklung der Figuren von farblich passender Lichtgestaltung unterstrichen. Ein Glassteg zwischen Orchestergraben und Zuschauerraum, auf dem sich ein nicht geringer Teil des Handlungsgeschehens vollzieht, erreicht eine Verbindung von Bühnengeschehens und Publikum, insbesondere wenn die Zuschauer direkt, wie am Beginn des ersten Aktes, als Volk ins Handlungsgeschehen einbezogen werden. Die Kostüme variieren zwischen zeitlosen, schlichten, aber leger getragenen Anzügen mit weißem Hemd und schwarzem Hut bei den Herren Ottone und Nerone, sowie dem „kleinen Schwarzen“ der Agrippina einerseits, und den altertümlichen Trachten mit Puffärmeln und Halskrause von Claudio und Lesbo andererseits, die allerdings durch Accessoires wie Schwimmreifen in Drachengestalt oder silberglitzernde Hosen durchbrochen werden, sowie einem fließend langen und golden schimmernden Kleid bei Poppea als „Mittelweg“.
Sänger und Orchester
Das Orchester unter der Leitung von René Jacobs wurde auch in dieser Produktion von der barockspezialisierten Akademie für Alte Musik Berlin gestellt. Sorgfältig und detailgetreu in Bezug auf barocktypische Akzentuierung, sowie einer angepassten dynamischen und melodischen Gestaltung, begleiteten die Musiker die sängerische Entfaltung der barocken Emotionsausdeutung. Alexandrina Pendatchanska in der Rolle der Agrippina gelang es, mit einer facettenreichen, ausdrucksstarken Gestaltung jede emotionale Befindlichkeit ihrer Figur zu übermitteln. So verlieh sie beispielsweise ihrer Verzweiflung im 2. Akt, 13. Szene Piensieri, voi mi tormentate – Gedanken, Ihr quält mich glaubhaft Ausdruck. Eine mindestens ebenso starke vokale Überzeugungskraft kann Anna Prohaska als Poppea als auch Bejun Methas als Ottone zugeschrieben werden. So gelang es Anna Prohaska, jeden Ton des Vaghe perle, eletti fiori – Liebliche Perlen, zarten Blüten im 1. Akt, 14. Szene mit Durchsichtigkeit und Zartheit zu versehen. Bejun Methas erlaubte seiner Altstimme, selbst in hochanspruchsvollen Arien wie Voi che udite il mio lamento – Ihr, die ihr meine Klage vernehmt im 2. Akt, 5. Szene, bis in die höchsten Lagen seiner Stimme und die feinsten Verästelungen der Koloraturen, nicht die kleinste Ungenauigkeit in der Intonation. Unbedingt zu nennen ist außerdem die Leistung von Jennifer Rivera in der Rolle des Nerone, die ihrer Figur jugendliche und jungenhafte Lässigkeit verlieh, daneben aber eine gesanglich hervorragende Leistung mit Ausdrucksstärke und Transparenz jeden Tones – selbst in schnellen Koloraturarien wie Come nube che fugge dal vento – Wie der Wind die Wolken verjagt lieferte, sowie Marcos Fink (Claudio), der sich stimmlich solide präsentierte.
Fazit
Eine in der Gänze gelungene Produktion, die vom Publikum mit gleichermaßen lang anhaltendem Applaus für Sänger und Orchester belohnt wurde.
Friederike Jurth

Bild: Monika Rittershaus
Das Bild zeigt: Anna Prohaska (Poppea)

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