Bielefeld, Stadttheater – CARMEN

von Georges Bizet (1838 – 1875), Opera comique in vier Akten, Libretto: Ludovic Halévy und Henri Meilhac nach der Novelle von Prosper Mérimée; UA: 3. März 1875 Paris
Regie: Helen Malkowsky, Bühnenbild: Harald B. Thor, Kostüme: Tanja Hofmann, Dramaturgie: Uwe Sommer,
Dirigent: Leo Siberski, Bielefelder Philharmoniker, Bielefelder Opernchor, Extrachor Chorinis, Choreinstudierung: Hagen Enke
Solisten: Frances Pappas (Carmen), Viktoria Granlund (Micaëla), Emmanuel Di Villarosa (Don José), Alexander Marco-Buhrmester (Escamillo), Torben Jürgens (Zuniga), Laura Joeken (Manuelita), Cornelie Isenbürger (Frasquita), Sarah Kuffner (Mercédès), Statisterie des Stadttheaters Bielefeld
Besuchte Aufführung: 23. Januar 2010 (Premiere), in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Kurzinhalt
bielefeld-carmen.jpgWährend der Hochzeitsfeier des Offiziers Zuniga mit Manuelita erscheint eine Erpresserbande und kompromittiert Zuniga mit einer ehemaligen Liebschaft, der Zigeunerin Carmen. Brigadier José ist ebenfalls zugegen und verliebt sich in Carmen, obwohl er mit Micaëla verlobt ist. Bei einem Streit verletzt Carmen Manuelita mit einem Messer. José soll sie auf Befehl Zunigas in Haft nehmen. Er läßt sich aber von Carmens Reizen überwältigen. Als Zuniga die beiden zusammen entdeckt, schließt sich José notgedrungen der Erpresserbande an. Der Stierkämpfer Escamillo möchte Carmen auch für sich gewinnen. Aus Eifersucht kommt es zum Kampf zwischen Escamillo und José. Micaëla versucht ein letztes Mal, José zurückzugewinnen, doch zu sehr besetzt Carmen sein Denken und Tun. Als José Escamillo mit Carmen sieht, ersticht er sie in seiner Verzweiflung.
Aufführung
Regisseurin Helen Malkowsky läßt eine Hochzeitsfeier darstellen, welche wie ein roter Faden durch die Inszenierung führt. Das erste Bühnenbild zeigt einen Gaststättensaal mit Türen und Fenstern, vergilbten Wandfliesen und einer großen Bahnhofsuhr. Die Hochzeitsgesellschaft kommt tanzend zu einer swingartigen, technisch verstärkten Musikeinspielung herein und gruppiert sich um die aufgebauten Tische. Erst jetzt beginnt das Orchester mit der Ouvertüre. Zunigas Liebschaft mit Carmen wird in Form einer Filmsequenz via Beamer auf eine Leinwand projiziert. Hinter der Leinwand steht Carmen, gekleidet in ein schwarz-rotes Kleid. Das laute Ticken der Uhr wird als Stilmittel für Zeitsprünge eingesetzt. Für das zweite Bühnenbild fährt die komplette Bühne hoch, und darunter erscheint das Verführungszimmer Josés und Carmens: ein klein wirkendes schwarzes Zimmer, spartanisch eingerichtet mit Bett, Stuhl und Waschbecken mit tropfendem Wasserhahn. Im letzten Akt wird José mit einer Beamer-Projektion die Liebesszene zwischen Escamillo und Carmen präsentiert. Die Zweikampfszene zwischen José und Escamillo wie auch die kleineren Auseinandersetzungen zwischen den Akteuren, beispielsweise zwischen Carmen und José, sind sehr realitätsnah inszeniert.
Sänger und Orchester
Für die beiden Hauptrollen wurden zwei Sänger-Darsteller der Extraklasse gewonnen. Frances Pappas als Carmen ist eine hervorragende Besetzung: phänomenal weiblich, mit hinreißender erotischer Ausstrahlung und eine hingebungsvolle Darstellerin. Mit ihrer schauspielerischen Leistung sowie mit ihrem technisch sicheren, differenzierungs- und wandlungsfähigen Mezzosopran gelingt ihr ein in jeder Hinsicht beeindruckendes Rollenporträt. Emmanuel di Villarosa (Don José) ist in seiner Rolle ebenso großartig. Er besticht mit einer klaren und kräftigen Tenorstimme, mit der er die amourösen ebenso wie die lebhaften Passagen seiner Partie gekonnt umsetzt. Viktoria Granlund (Micaëla) singt gewohnt sicher in der Intonation und sehr klar im Ausdruck. Alexander Marco-Buhrmester (Escamillo) erbringt eine achtbare Gesangsleistung, steht aber im Vergleich zu den Gesangsleistungen Emmanuel di Villarosas in dessen Schatten. Sarah Kuffner (Frasquita) und Cornelie Isenbürger (Mercédès) singen ausdrucksvoll in allen Lagen und überzeugen in ihren schauspielerischen Nebenrollen. Der neu gegründete Kinder- und Jugendchor Chorinis meistert seinen ersten Auftritt in einer Opernproduktion solide, trotz der technischen Übersteuerung bei seinem lautstarken Eintritt aufgrund eines versehentlich noch offenen Kanals von der verstärkten Einspielung zu Beginn. Der Bielefelder Opernchor ging anfangs nicht immer synchron mit dem Orchester, steigerte seine Leistung aber im Verlauf des Abends. Das Orchester unter der Leitung von Leo Siberski spielte abgesehen von einigen Patzern überwiegend ausgewogen und erreichte besonders in den kammermusikalischen Passagen dichte, stimmungsstarke Momente.
Fazit
Die Aufführung überzeugt neben der musikalischen Seite in erster Linie durch die hervorragenden darstellerischen Leistungen der Akteure, allen voran der Sänger der beiden Hauptrollen. Die Hochzeitsfeier als roter Faden ist ein Inszenierungsgedanke, dessen Umsetzung gut gelungen ist. Die Aktivierung zweier vertikaler Bühnenebenen ist ungewohnt, aber erfrischend. Einige Effekte sind fantastisch gelungen, störend wirkt hingegen z.B. der Zigarettenqualm, der von der Bühne in den Publikumsraum gelangt. Insgesamt jedoch eine gelungene Aufführung.

Britta Winkelnkemper

Bild: Matthias Stutte
Das Bild zeigt von links nach rechts: Emmanuel Di Villarosa (Don José), Frances Pappas (Carmen), Mitglieder des Opernchors

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