Frankfurt, Oper – DIE TOTE STADT

Von Erich Wolfgang Korngold (1897 – 1957), Oper in drei Bildern, Libretto: Paul Schott (alias Julius Korngold) frei nach Georges Rodenbachs Roman Bruges-la-morte (1892)
Regie: Anselm Weber, Bühnenbild: Katja Haß, Kostüme: Bettina Walter, Dramaturgie: Norbert Abels, Video: Bibi Abel, Choreografie: Alan Barnes, Dirigent: Sebastian Weigle, Frankfurter Opern- und Museumsorchester, Chor, Kinderchor und Statisterie der Oper Frankfurt
Solisten: Klaus Florian Vogt (Paul), Tatiana Pavlovskaya (Marietta und Erscheinung Maries), Michael Nagy (Frank und Fritz, der Pierrot), Hedwig Fassbender (Brigitta), Anna Ryberg (Juliette), Jenny Carlstedt (Lucienne), Julian Prégardien (Victorin), Hans-Jürgen Lazar (Graf Albert), u.a.
Besuchte Aufführung: 22. November 2009 (Premiere)

Kurzinhalt
frankfurt-tote-stadt.jpgPaul lebt in Brügge, der toten Stadt. Ein Zimmer, in dem ihn alles an seine verstorbene Frau Marie erinnert, nennt er in Gedenken an sie „die Kirche des Gewesenen“. Seine Haushälterin Brigitta kündigt ihm die Tänzerin Marietta an, die in allem ein Ebenbild Maries ist, und deshalb Paul bezaubert. Als sie aber ein Bild von Marie enthüllt, empfindet er dies als Störung der Toten. Marie erscheint Paul. Marietta kann Paul noch einmal betören, will ihn aber nicht mit der Toten teilen: Er soll sie um ihretwillen lieben, und nicht, weil er in ihr Marie sieht. Mit einer Locke der Toten in der Hand tanzt sie für ihn. Paul gerät über die Entweihung des Heiligtums derart in Rage, daß er Marietta mit dieser Haarsträhne erwürgt. Paul begreift, daß alles eine Vision war. Frank, ein Freund, rät ihm, die Stadt zu verlassen. So geht Paul, von seiner Obsession geheilt, für immer aus Brügge fort.
Aufführung
Die Inszenierung von Anselm Weber spielt mit der im Sujet tief verankerten Verwischung der Grenze von Traum und Realität. Sie zeichnet ein Bild der wahnhaften Obsession des Witwers. Das Zimmer der Toten ist eine mit Videoinstallationen visualisierte Whitebox, in welcher Paul seinen Heiligenkult an seiner verstorbenen Frau auslebt. Marietta trägt ein ähnliches Kleid wie Marie in den eingespielten Videosequenzen, was eine klare Grenzziehung zwischen beiden kaum zuläßt. Die bunten Kostüme der skurrilen Traumszene sind geprägt von Skelettmotiven und Totenmasken. Kurz vor der Erdrosselung Mariettas erscheint eine kleine Gruppe von als Marie verkleideter Personen mit grotesken Alterungsmasken, Symbole für die Vergänglichkeit der Schönheit im Tod. Umgedeutet wird die Ermordung Mariettas: Nicht Paul ist es, der sie tötet, sondern die Duplikate des Alter Egos Maries; sie zerren Marietta in den Schrein, wo sie von der Toten aufgesogen wird und sich beide Charaktere zu einem vereinen.
Orchester und Sänger
Tatiana Pavlovskaya (Marietta/Maria) polterte zunächst etwas übermotiviert auf die Bühne – ob das ihre Interpretation einer schillernden Tänzerin ist, sei dahingestellt. Im Verlauf der Oper blieb sie keinen Beweis für ihre Beherrschung der Gesangstechnik schuldig, nicht nur die enormen Höhen Mariettas meisterte sie vortrefflich, sondern interpretierte auch Maries lyrische Parts gut. Sie war allerdings auch die einzige, deren Textverständlich zu wünschen übrig ließ. Michael Nagy (Frank/Fritz) füllte seine Rollen optimal und glänzte mit seinem durchdringenden, kraftvollen Bariton. Unumstrittener Star des Abends war Klaus Florian Vogt (Paul), dessen lyrischer, heller Tenor dem enormen Kraftakt seiner Partie absolut gerecht wurde: Nicht nur mit seinem außergewöhnlichen stimmlichen Talent verlieh er dem Charakter ein großes Facettenspektrum, auch die schauspielerische Darstellung seiner Figur war überragend.
Das Orchester stand der sängerischen Leistung des großartigen Ensembles in nichts nach. Sebastian Weigle präsentierte ein grandioses Repertoire an Klangfarben, welche die Emotionen der Musik ebenso sensibel herausarbeiteten, wie die Inszenierung.
Fazit
An diesem Abend präsentierte sich dem Publikum ein ausgezeichnetes Ensemble und Orchester, das die umsichtige Deutung der Inszenierung glänzend realisierte. Ein Opernabend, der Lust auf mehr macht und entsprechend vom Publikum aufgenommen wurde.

Isabell Seider

Bild: Barbara Aumüller
Das Bild zeigt v.l.n.r.: Anna Ryberg (Juliette), Alan Barnes (Gaston), Tatiana Pavlovskaya (Marietta/Marie; sitzend), Hans-Jürgen Lazar (Graf Albert), Michael Nagy (Fritz) und Statisterie der Oper Frankfurt (in den Türen im Hintergrund)

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