De la Maison des Morts – Das Totenhaus – Paris, Opéra Bastille

von Leoš Janáček (1854-1928), Oper in 3 Akten, Libretto: Leoš Janáček nach Fjodor Dostojewski, UA: Brno (Brünn), National Theater, 12. April 1930

Regie:  Partrice Chéreau, Regiewiederbelebung: Peter McClintock, Vincent Hughe, Bühne: Richard Peduzzi, Kostüme: Caroline de Vivaise, Licht: Bertrand Couderc

Dirigent: Esa-Pekka Salonen, Orchester und Chor de l’Opéra National de Paris, Chorleinstudierung: José Luis Basso

Solisten: Willard White (Goriantchikov), Eric Stoklossa (Alieïa), Stefan Margita (Filka Morozov/Louka Kouzmich), Ladislav Elgr (Skouratov), Peter Mattei (Chikov), Jiri Sulchenko (Der Kommandant), u.a.

Besuchte Aufführung:  18. November 2017 (Premiere, Produktion der Wiener Festwochen (2007), Koproduktion: Holland Festival, Amsterdam, Festival d’Aix-en-Provence, Metropolitan Opera, New York, Teatro alla Scala, Mailand)

Kurzinhalt

Akt. In einem Straflager kommt ein Neuer an, Goriantchikov. Als politischer Häftling wird er sogleich ausgepeitscht. Der Tartar Alieïa hat Mitleid mit ihm. Ein Sträfling hat einen verwundeten Adler gefangen, der nicht mehr fliegen kann. Skouratov beginnt eine Erzählung, aber hat einen Wahnsinnsanfall. Dann erzählt Louka Kouzmitch eine Geschichte aus seinem Leben.

Akt. Einige Zeit später: Goriantchikov schlägt Alieïa vor, ihm Lesen und Schreiben beizubringen. Skouratov erzählt seine traurige Liebesgeschichte. Die Sträflinge führen sehr anzüglich Don Juan als Theaterstück und die Schöne Müllerin als Pantomime auf. Alieïa wird bei einem Streit verwundet.

Akt. Wieder einige Zeit später: im Krankenzimmer pflegt Goriantchikov den kranken Alieïa, der inzwischen Lesen und Schreiben gelernt hat. Skouratov beginnt eine Geschichte, aber erleidet wieder einen Wahnsinnsanfall. Chichkov erzählt, daß ein gewisser Filka Morozov Akoulina, das Mädchen, das er liebte, verführt hätte. Er hat sie aber dennoch geheiratet und festgestellt, daß sie unberührt war. Filka ist in die Armee eingetreten, doch vorher hätte Akoulina ihm vergeben, und gestanden, daß sie ihn über alles liebe. Darauf habe Chichkov sie getötet. Als er seine Geschichte beendet, stirbt Louka Kouzmitch und Chichkov erkennt in ihm Filka Morozov. Der betrunkene Lagerkommandant verkündet die Freilassung Goriantchikovs, der daraufhin das Lager verläßt. Alieïa ist untröstlich.

Aufführung

Die Bühne, von hohen Betonwänden umgeben, ist im ersten Akt ganz leer. Im zweiten wird ein Schaugerüst hineingeschoben, vor dem sich die Pantomimen abspielen, und im dritten stehen dort die Eisenbetten des Krankenreviers. Die Sträflinge sind kunterbunt in eine Vielzahl verschiedener alter, eher farbloser Hosen, Pullover, Jacken, Mäntel, Kittel und Uniformen gekleidet. Manche haben auch Fußeisen. Die Choreographie des Hexentanzes im Theaterstück trägt Züge Goyas in seiner dunkelsten Periode.

Sänger und Orchester

Die Oper ist ein durchgehender ohne Pause gesungener dramatischer Wechselgesang von zahlreichen Männerstimmen, unterbrochen vom kraftvollen Chor, aus dem sich hin und wieder die eine oder die andere Stimme in einer längeren Erzählung hervorhebt. Peter Mattei singt und spielt mit hektischem Temperament und klangvoller Stimme die lange Erzählung des Chichkov im dritten Akt Attends un peu! Als Louka Kouzmich/FlikaMorosov erzählt Stefan Margita wütend seine Erzählung Alors je regard autour de moi (1.Akt) mit schneidend klarem Tenor. Sein Gesang nimmt einen volksliedhaften Zug an in Comme il pleure, le jeune Cosaque (2.Akt). Ladislav Elgr als Skouratov ist die einzige lyrische Erzählung der Oper Qh! Quel pauvre vie je mène (2. Akt) vorbehalten. Willard White ist mit tiefem Baß Goriantchikov, und Eric Stoklossa mit hohem Tenor Alieïa. Den Lagerkommandanten singt überzeugend Jiri Sulzenko.

Das Orchester begleitet eindringlich, fast besessen die Handlung, oft mit aufpeitschender Rhythmik und Dynamik und schrillen Blasinstrumenten. Solisten, Chor und Orchester sind hervorragend auf einander eingespielt.

Fazit

Patrice Chéreau und seinem Team ist es gelungen, mit wenigen Mitteln durch eine sehr genaue Regie, in Verbindung mit einer mitreißenden und unglaublich lebendigen Choreographie die brutale, primitive und weitgehend unmenschliche Atmosphäre eines russischen Straflagers – halb Gefängnis, halb Irrenhaus — sehr realistisch auf der Bühne widerzuspiegeln.

Auch die musikalische und schauspielerische Leistung ist ausgezeichnet.

La Maison des Morts ist vielleicht nicht eine der besten Opern Janáčeks, aber diese Aufführung hinterläßt einen starken Eindruck.

Alexander Jordis-Lohausen

Bild: Elisa Haberer / Opéra national de Paris

Das Bild zeigt: Szene Ensemble

Veröffentlicht unter Opern, Paris, Opéra Bastille
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