Konzert im Kloster Steinfeld

Franz von Suppé (1819-1895)

Das Gericht der Toten

Requiem Oratorium für Soli, Chor und Orchester nach Texten der römischen Missa pro defunctis und

einer Dichtung von Otto Prechtler (1813-1881), deutsche Fassung 1855

Deutsche Erstaufführung

Dirigent: Paul F. Irmen, Neue Philharmonie Westfalen (Landessinfonieorchester NRW)

Chorgemeinschaft Allegro Vivace, Bad Münstereifel

Barbara Felicitas Marín (Sopran), Silke Hartstang (Alt), Michael Kurz (Tenor), Timm de Jong (Baß)

Konzertbesuch: 5. November 2017

 

Der Name Franz von Suppé ist für die meisten Musikfreunde mit unterhaltsamen Operettenklängen verknüpft. Kaum jemand weiß hingegen, daß er auch Kirchenmusik geschrieben hat und damit in Wien sehr erfolgreich war. Kein Geringerer als Johannes Brahms lobte sein geistliches Werk außerordentlich.

1855 entstand die Missa pro defunctis. Der verstorbene Mentor des Komponisten, Franz Pokorny, sollte damit geehrt werden. Nach der Uraufführung folgten weitere Aufführungen, meist unter der Leitung von Franz von Suppé, der als Theaterkapellmeister in Wien tätig war. Noch im gleichen Jahr nahm Suppé eine Überarbeitung vor: er ergänzte die liturgischen Texte durch meditative, reflektierende Passagen, die den Tod und das Jüngste Gericht thematisieren. Dieses Requiem-Oratorium existiert in einer lateinischen und in einer deutschen Fassung. Nach dem heutigen Stand der Forschung wurde die deutsche Fassung hierzulande noch nie aufgeführt, so daß es sich bei diesem Konzert um die deutsche Erstaufführung handelt.

Der Dirigent Paul F. Irmen blickt auf eine breit gefächerte musikalische Ausbildung zurück. Zudem ist er immer auf der Suche nach außergewöhnlichen Musikstücken, die selten zu hören sind. Er leitete verschiedene Chöre und gestaltete mit ihnen sehr erfolgreiche Aufführungen anspruchsvoller Chorwerke. Seit 2009 leitet er die Chorgemeinschaft Allegro Vivace. Obwohl es sich dabei um Amateur-Sänger handelt, zeigen die Choristen höchstes Niveau und hervorragendes Können.

Die Neue Philharmonie Westfalen ist das Orchester des Musiktheaters im Revier (MIR), Gelsenkirchen und hat über die Grenzen Nordrhein-Westfalens hinaus mit vielen bekannten Künstlern zusammengearbeitet, oft auch als Tourneepartner. Hier waren sie kongeniale und vor allem zurückhaltende Begleiter von Chor und Solisten.

Auch die vier Solisten können auf eine internationale Karriere in Opernaufführungen und bei Festivals verweisen.

Barbara Felicitas Marín beispielsweise ist eine gefragte Königin der Nacht. In den sanften und eher lyrischen Passagen von Suppés Requiem wirkte ihre Stimme bisweilen etwas scharf, was vor allem bei dem äußerst schwierigen A Cappella-Solo des Benedictus auffiel. Auch Tenor Michael Kurz neigt darin zum angestrengten Stemmen eines hohen Tons, im übrigen harmonierten die Solisten aber sehr gut.

Ein Paradestück für den Bassisten Timm de Jong war das Tuba mirum, die Ankündigung der Posaunen des Jüngsten Gerichts. Aber nicht nur der Sänger, auch die Blechbläser konnten hier mit großem Können anschaulich den Weltuntergang heraufbeschwören.

Silke Hartstang (Alt) war vor ihrer klassischen Musikausbildung Pop- und Rocksängerin. Ihre Stimme ist sehr ausdrucksstark und gefiel vor allem im Lacrimosa.

Daß Suppé in der Theaterwelt beheimatet war, zeigen besonders zwei Teile des Requiems: im Recordare musizieren Solisten und Chor im Wechsel. Nach einer langen Orchestereinleitung mit wunderbarem Oboen-Solo setzt der Tenor mit einer sanften Melodie ein – trotz einer geraden Taktzahl entsteht der Eindruck einer wiegenden, schwingenden Musik, etwas, was man häufig auch bei Giuseppe Verdi findet.

Auch das Agnus Dei beginnt mit einer längeren Orchestereinleitung ehe der Chor einsetzt in eine dramatische Musik mündet. Diese Musik erschien der Kirche wohl zu  weltlich, denn 1901 wurde das Requiem von ihr verboten!

Eine Meisterleistung sei noch hervorgehoben. Das Benedictus ist ein modulationsreiches A-Cappella-Stück für das Solistenquartett, erst als Überleitung zum Hosanna setzt das Orchester auf genau dem letzten Ton der Solisten ein. Hier war keinerlei Unsauberkeit zu hören, alles stimmte.

Nach diesem großartigen Konzerterlebnis herrschte eine Weile angespannte Stille, ehe das begeisterte Publikum in der vollbesetzten Kirche alle Mitwirkenden mit lang anhaltendem Beifall belohnte.

Dorothee Riesenkönig

Bild: Wikipedia

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