Aniara – Eine Revue über den Menschen in Zeit und Raum, Malmö, Opera

von Karl-Birger Blomdahl (1916–1968), Oper in zwei Akten und sieben Tableaus, Libretto: Erik Lindegren nach dem Versepos Aniara von Harry Martinson, UA: 1959 Stockholm

Regie: Stefan Johansson, Bühne und Video: Jan Lundberg, Maske und Kostüm: Bea Szenfeld, Licht und Video: Torben Lendorph, , Choreographie und Körpersprache: Patrik Sörling

Dirigent: Tobias Ringborg, Orchester und Chor der Oper Malmö

Solisten: Alexandra Büchel (die blinde Poetin), Frida Engström (Daisi Doody/La Garçonne), Daniel Hallström (der Mimarob), Lars Arvidson (Chefone), Ole Alexander Bang (Cheftechniker 1), Rickard Söderberg (Cheftechniker 2), Bengt Kranz (Cheftechniker 3), Conny Thimander (Hochkomiker Sandon), Tina Højlund (Pilotin Isagel; Tanzrolle) u.a.

Besuchte Aufführung: 7. Mai 2017 (Premiere)

Kurzinhalt

Das Raumschiff Aniara hat mit 8000 Emigranten an Bord die zerstörte Erde verlassen und ist zum Mars unterwegs. Während eines Festes wird das Fahrzeug jedoch aus seiner Bahn geworfen und fliegt nun unaufhaltsam in die Weiten des Weltalls. Sechs Jahre später empfängt Mima, die künstliche Intelligenz des Raumschiffes, letzte Signale von der Auslöschung der Erde. Mimas Trauer darüber führt zu ihrem Tod. Chefone, der diktatorische Kommandant des Schiffes, gibt dem Mimaroben, einem Diener und Werkzeug des Supercomputers Mima, und der Pilotin Isagel die Schuld daran. Die Emigranten beginnen in verschiedene sektiererische Gruppen zu zerfallen. Zwanzig Jahre nach dem Start hat die blinde Poetin eine Vision und versetzt alle in Ekstase. Sie wird auf Befehl Chefones abgeführt. Die Pilotin Isagel tanzt zum letzten Mal während die blinde Poetin den Tod als Erlöser besingt. Der Mimarob beschreibt das Ende des Lebens an Bord. Das Raumschiff fliegt weiter in Richtung des Sternbilds Leier und sendet sein Signal.

Aufführung

Diese Inszenierung ist in Teilen eine Rekonstruktion der Uraufführung von 1959. Kostüme, Bühnenbild, Effekte, Tanz und Choreographie sind nach Dokumenten und Erinnerungen von daran beteiligten Künstlern und Zuschauern gestaltet und davon inspiriert. Das Bühnenbild ist symmetrisch und dunkel, es dominieren die Farben Schwarz und Weiß, Rot und Silber setzen punktuell Akzente. Im zweiten Akt wird eine holographische Tanzeinlage gezeigt. Bemerkenswert ist, daß auch eine der Hauptrollen – die Pilotin Isagel, dargestellt von Tina Højlund – stumm ist und sich ausschließlich tänzerisch-pantomimisch äußert. Ihre Bewegungen gehen auf Instruktionen der Tänzerin der Uraufführung Birgit Åkesson zurück. Das Spiel der Akteure ist zumeist nach vorne, in den Zuschauerraum gerichtet. Am Ende öffnet sich der Hintergrund und gibt den Blick auf den mit Sternen erfüllten Weltraum frei.

Vorbemerkung

Die individuellen Rollen in dieser Oper haben vergleichsweise kurze und isolierte Solostücke. Stattdessen trägt der Chor über weite Strecken die Handlung und hat dementsprechend viel zu singen. Dessen Leistung ist über jeden Zweifel erhaben, beispielsweise zu Beginn, wenn längere Passagen a cappella zu bewältigen sind, die es harmonisch in sich haben. Blomdahls Musik ist avantgardistisch atonal und Aniara die erste Oper überhaupt, in der elektronische Musik zum Einsatz kam, vor allem am Schluß des ersten Aktes, wenn der Computer Mima die letzten Signale von der Erde wiedergibt. Hier ist in Malmö die originale Tonbandaufnahme, die bei der Uraufführung von 1959 zum Einsatz kam, zu hören. Das dynamische Zusammenspiel zwischen Orchester und Chor ist filigran durchgearbeitet.

Sänger und Orchester

Unter den solistischen Beiträgen sind an erster Stelle die wortlosen Koloraturen Alexandra Büchels als blinde Poetin im zweiten Akt zu erwähnen. Rhythmisch und vor allem von der Lage her – die Sängerin dieser Partie hat mit geschlossenem Mund in der dreigestrichenen Oktave zu singen – ist dieser Abschnitt wahrhaft akrobatisch und der einzige Szenenbeifall des Abends war von daher hochverdient. Auch andere Partien, etwa diejenige der Entertainerinnenkarikatur Daisi Doody, mit Mikrophon gesungen von Frida Engström, oder des gespenstischen Clowns Sandon, gesungen von Conny Thimander, berühren extrem hohe Lagen, die die Sänger dennoch nicht vor größere Probleme stellten. Daniel Hallström stand als der Mimarob für die lyrischen Momente dieses Abends. Bei ihm wie auch Lars Arvidson als Chefone und den drei Cheftechnikern (Ole Alexander Bang, Rickard Söderberg und Bengt Kranz), die stets zu dritt auftreten, ist der deutliche Textvortrag unbedingt hervorzuheben.

Fazit

Aniara ist bis heute die erfolgreichste schwedische Oper. Sie hielt sich lange im schwedischen Repertoire und wurde auch im Ausland inszeniert. Wenn man sie live auf der Bühne erlebt, versteht man auch, weshalb. Mögen Libretto und Musik für sich betrachtet auch deutliche Spuren ihrer Entstehungszeit aufweisen, so zeigen sich bei einer szenisch derart gelungenen Aufführung wie der Malmöer die zeitlosen Qualitäten von Musik und Text. Den Zuschauer erwartet sicherlich keine heitere Handlung, aber ein packendes und gerade auch wegen seines starken szenischen Bezugs zu den Inszenierungen der 50er Jahre vollkommen außergewöhnliches Opernerlebnis. Es dürfte sich hier um eine der interessantesten europäischen Neuproduktionen dieser Saison handeln.

Dr. Martin Knust

Bild: Malin Arnesson

Das Bild zeigt: Frida Engström (Daisi Doody)

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