ALCIONE – Paris, Opéra Comique

von  Marin Marais (1656-1728), Tragédie lyrique in 5 Akten mit einem Prolog, Libretto: Antoine Houdar de la Motte, U.A.: 18. Februar 1706 Paris, Académie royale de Musique

Regie: Louise Moaty, Bühne: Tristan Baudoin et Louise Moaty, Kostüme: Alain Blanchot, Choreographie: Raphaëlle Boitel, Licht: Arnaud Lavisse, Zirkus Regisseur: Nicolas Lourdelle, u.a.

Dirigent: Jordi Savall, Chor und Orchester Le Concert des Nations, Choreinstudierung: Lluis Vilamaio

Solisten: Lea Desandre (Alcione), Cyril Auvity (Ceix), Marc Mauillon (Pélée), Lisandro Abadie (Pan, Phorbas), Antonio Abete (Tmole, Grand Prêtre, Neptune), Hasnaa Bennani (Ismène, erster Matrose), Hanna Bayodi-Hirt (Hirte/zweiter Matrose, Junon), Sebastian Monti (Apollon/der Schlaf), Maud Gnidzaz (Doris), Lise Viricel (Céphise), u. a.

Produktion: Opéra-Comique, in Koproduktion mit Gran Teatre del Liceu de Barcelona; der Koproduktion angeschlossen: Château de Versailles Spectacles, Théâtre de Caen; angeschlossener Partner: La Brèche – Pôle National des Arts du Cirque de Normandie/Cherbourg-en-Cotentin

Besuchte Aufführung: 28. April 2017 ( zweite Vorstellung)

Vorbemerkung

Nach fast zwei Jahren Restauration wurde die Opéra Comique in neuer Pracht mit Marin Marais‘ Alcione eröffnet.

Marin Marais war schon ein bekannter Gambenspieler, als er als Schüler der Kompositionslehre und Protegé Lullys ins Orchester der königlichen Académie royal de Musique eintrat, zu dessen Dirigent er 1679 ernannt wurde. Als Komponist blieb er vor allem durch seine kammermusikalischen Werke für Gambe bekannt. Weniger bekannt sind seine nach dem Tode Lullys geschriebenen Opern, von denen Alcione sein größter Erfolg war. Sie gilt als die letzte grosse tragédie en musique des Zeitalters Ludwigs XIV. Und dennoch ist es schon ein Übergangswerk, das einerseits noch die strenge Form der opéras-ballets des 17. Jahrhunderts einhält, in dem andererseits aber auch schon Züge jener neuen Empfindsamkeit des 18. Jahrhunderts hervortreten. Besonders bekannt geblieben jedoch ist die Oper durch den berühmten Seesturm in vierten Akt.

Kurzinhalt

Im Prolog gewinnt Apollo den Wettstreit gegen Pan und erzählt darauf die Geschichte von Alcione:

Ceix, der König der Trachinen soll Alcione, die Tochter des Windgottes Aeolus heiraten. Das betrübt Ceix‘ Freund Pélée, denn auch er liebt Alcione. Auch der Zauberer Phorbas und die Zauberin Ismène sind mit der Heirat nicht einverstanden, sie vereiteln die Hochzeitszeremonie und brennen das königliche Schloß nieder. Jetzt wendet sich Ceix an den Zauberer um Hilfe. Doch als er sich weigert auf Alcione zu verzichten, ruft Phorbas die Mächte der Unterwelt an und verkündet dann perfide, Ceix müsse über See nach Claros fahren, um Apollos Rat einholen. Ceix kann dem Spruch der Götter nicht zuwider handeln und läßt Alcione schließlich, nach einem zärtlichen Abschied, in der Obhut seines Freundes zurück. Doch Ceix’ Reise macht auch Pélée unruhig. Er will sein Glück nicht auf das Unglück seines Freundes bauen. Alcione fleht in ihrer Not Juno um Hilfe an, die Göttin schläfert sie ein und zeigt ihr im Traum, wie Ceix in einem Seesturm ertrinkt. Als Alcione erwacht, will auch sie sterben. Und als sie Ceix am Strand tot auffindet, erdolcht sie sich. Da taucht Neptun als deus ex machina auf, und erweckt das Liebespaar wieder zum Leben, segnet ihren Bund und verleiht ihnen die Gabe Seestürme besänftigen zu können.

Aufführung

Die Tatsache, daß die Handlung der Oper am Meer spielt, und daß die Bühnentechnik der venezianischen Barockopern von Marine-Ingenieuren geschaffen wurde, haben Louise Moaty, Raphaëlle Boitel und ihr Team dahingehend inspiriert. So hängen in dem leeren Bühnenraum, wie die Takelage eines Segelschiffs, unzählige Taue und Seile von oben herab, scheinbar wahllos, aber genauestens ausgeklügelt, denn sie sind die Grundlage einer von vier Tänzern und vier Zirkuskünstler ausgeführten Choreographie auf der Bühne, aber vor allem über der Bühne, die in oft gewagten und genauestens berechneten Pirouetten, Spiralen, Drehungen, Schwingungen oder akrobatischen Kletterpartien bis in schwindelnde Höhen die zahlreichen Ballette der Oper bevölkern. Sogar die Sänger sind in diese schwebende Welt miteinbezogen und wenn Apollo sich im Prolog in die Luft emporhebt, ist er einem Barockengel nicht unähnlich. Auch der Gott des Schlafes räkelt sich in einem senkrechten Daunenbett hoch über der Bühne.
In der Unterweltszene hingegen sind es sich schleppende, am Boden kriechende, verdammte Geschöpfe, ganz in schwarz, die Männer mit nacktem Oberkörpern, oder, wie gestürzte Engel, an mehreren Seilen hängende, sich auf und ab aufbäumende Kreaturen, zum Takt stark rhythmischer Tanzweisen. Die Kostüme sind meist einfache Hosen und Hemden oder Kittel, geschmackvoll und dezent farbig, zeitgenössisch, aber dann auch wieder barock verziert. Alcione trägt lange, weite Kleider. Die Beleuchtung schafft wirkungsvoll die jeweilige Atmosphäre. Die Requisiten bestehen aus Elementen, wie man sie auf Schiffen findet: Holzkisten, große Trommeln, um Seile aufzuspulen, im vierten Akt nur weiße Vorhänge und weiße Segel. Während des Seesturms sieht man die hin und her rennenden Matrosen nur als Silhouetten gegen diese Segel und Vorhängen von hinten beleuchtet.

Sänger und Orchester

Lea Desandre ist eine sensible und zartfühlende Ancione. Sie singt die unglückliche Prinzessin mit einfacher jugendlicher Frische, aber mit Sicherheit und reiner, subtiler Stimmführung in den Melismen. Cyril Auvity ist mit hoher leuchtender Tenorstimme der tapfere Ceix. Sehr stimmungsvoll beide im Abschiedsduett Quoi, les soupirs (3. Akt, 3. Szene), in der die barocke Empfindsamkeit sehr stark hervortritt. Marc Mauillon singt souverän mit klangvollem, etwas nasalem Bariton den hin und her gerissenen Pélée, wie in der sehr schönen Meditation Ô Mer, dont le calme infidèle (3. Akt, 1. Szene).

Lisandro Abadie verkörpert glaubhaft den grimmiger Phorpas und Hasnaa Bennani, stimmlich etwas weniger überzeugend, seine Rachegefährtin Ismène. Antonio Abetes tiefer voller Baß macht ihn zu einem würdigen Neptun. Hanna Bayodi-Hirt singt mit klangschöner Stimme die Juno. Sebastian Monti ist Apollo und Schlafgott. Mit allen anderen Mitwirkenden ergibt das ein ausgezeichnetes, voll aufeinander abgestimmtes Ensemble. Hervorzuheben sei noch der allgegenwärtige, sehr gut einstudierte Chor, der der Musik oft etwas Euphorisches gibt und das klangfreudige Orchester Le Concert des Nations, das auf alten Instrumenten spielt.

Fazit

Alcione wurde zum letzten Mal 1771 in Paris aufgeführt. Die Frage erhebt sich dann immer, wie soll man solch ein Werk der Vergangenheit heute wieder auferstehen lassen.

Louise Moaty und ihr Team tauchen das mythologische Geschehen auf der Bühne in eine einzigartig reizvolle, zauberhafte Atmosphäre leichten, schwebenden Nebeneinanders und Übereinanders.

Jordi Savall hat seit dem Spielfilm über Marin Marais Tous les Matins du Monde – Die Siebente Saite, dessen Soundtrack er dirigierte hatte, immer davon geträumt, diese Oper auf die Bühne zu bringen. Das ist ihm nun mit dem von ihm gegründeten Orchester und mit einem ausgezeichneten Sänger Ensemble meisterhaft gelungen.

Alexander Jordis-Lohausen

Bild: DR Vincent Pontet

Das Bild zeigt: Sebastian Monti (Apollon), Alba Faivre, Maud Payen (Doris)

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Turandot (G. Puccini)
Musikalische Leitung: Axel Kober / Wen-Pin Chien, Inszenierung: Huan-Hsiung Li, Turandot: Linda Watson, Altoum: Bruce Rankin, Timur: Sami Luttinen, Kalaf: Zoran Todorovich, Liù: Brigitta Kele, Ping: Bogdan Baciu, Pang: Florian Simson, Pong: Cornel Frey, Mandarin: Daniel Djambazian, Prinz von Persien: Hubert Walawski, Tänzerin: Yi-An Chen