WOZZECK – Paris, Opéra Bastille

von Alban Berg (1885-1935), Oper in drei Akten, Libretto: Alban Berg nach Woyzeck von Georg Büchner, U.A: 14. Dezember 1925 Berlin, Staatstheater unter den Linden

Regie/Kostüme: Christoph Marthaler, Bühne: Anna Viebrock, Licht: Olaf Winter, Dramaturgie: Malte Ubenauf

Dirigent: Michael Schønwandt, Chor und Orchester der Opéra Nationale de Paris, Maîtrise de Haute-Seine, Kinderchor der Opéra National de Paris, Choreinstudierung: Alessandro Di Stefano

Solisten: Johannes Martin Kränzle (Wozzeck), Stefan Margita (Tambourmajor), Nicky Spence (Andres), Stephan Rügamer  (Hauptmann), Kurt Rydl (der Arzt), Gun-Brit Barkmin  (Marie), Eve-Maud Hubeaux  (Margarethe) u.a.

Besuchte Aufführung: 26. April 2017 (Premiere)

Vorbemerkung

Arnold Schönberg und seine zwei Schüler Anton Webern und Alban Berg, Zweite Wiener Schule genannt, (als die Erste Wiener Schule gelten Haydn, Mozart und Beethoven) hat die Dodekaphonie (Zwölftonmusik) in die abendländische Musik eingeführt. Unter ihnen war Alban Berg nicht der Theoretiker, sondern der Komponist und Dramatiker. So gehören seine zwei Literaturopern Wozzeck und Lulu auch zu seinen Hauptwerken. Man darf im Wozzeck das bedeutendste Werk des musikalischen Expressionismus sehen. Es ist also ein spätes Dokument des romantischen Kunstwillens ganz anders jedoch als das feierliche metaphysische Gedicht der Liebe des Wagnerschen Tristan. Während Wagner idealisiert, macht Berg aus dem stark naturalistischen Torso von Georg Büchner eine Tragödie des menschlichen Schicksals (K. H. Wörner). Hans Renner bemerkt dazu: Die Harmonik bewegt sich frei in tonalen, polytonalen und atonalen Bereichen, eine sublim differenzierte Chromatik dient der Expression.

Kurzinhalt

Der einfältige, seelisch labile, aber gutmütige Soldat Wozzeck leidet an Lebensangst und Unsicherheit. Die Lichtblicke in seinem armseligen Dasein sind sein Freund Andres und seine Lebensgefährtin Marie. Das Kind, das er mit ihr gezeugt hat, beschäftigt ihn wenig. Seine Vorgesetzten in der Armee verstehen den verschlossenen Soldaten nicht. Der Militärarzt, der sich für ein Genie hält, sieht auch im Hauptmann ein mögliches Versuchskaninchen, aber verwendet vorerst nur Wozzeck als Versuchsobjekt für seine medizinischen Studien. Der protzige Tambourmajor macht Marie den Hof und verführt sie. Marie singt ihrem Kind ein Wiegenlied. Wozzeck wird mißtrauisch als er Marie mit neuen Ohrgehängen vor dem Spiegel antrifft. In einem Wirtshaus tanzt Marie mit dem Tambourmajor. Als dieser betrunken in die Kaserne zurückkommt, verprügelt er Wozzeck und prahlt mit seinen Erfolgen bei Marie. Diese bereut ihren Fehltritt und bittet Gott um Vergebung. Doch Wozzeck führt sie fort auf einen Spaziergang ans Ufer des Sees und erdolcht sie dort. Als er später die Tatwaffe im See versenken will, ertrinkt er selbst. Am Schluß sind es die Kinder, die den Leichnam Maries finden, unter ihnen ihr kleiner Bub.

Aufführung

Der Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man hinunterschaut!

Christoph Marthaler und sein Team haben diesen Ausruf Wozzecks wörtlich genommen und eine sehr lebendige Inszenierung geschaffen, die zwischen schonungsloser Rohheit Brecht’scher Kabarett-Groteske und düsteren Todesahnungen eines Dostojewski hin und her schwankt. Die Musik unterstreicht diese Atmosphäre. Als einzige Kulisse: in einer Kaserne, eine Art von Messe-Gemeinschaftssaal für Soldaten, Frauen und Kinder, mit Lampions beleuchtet, an dessen einfachen Tischen und Stühlen in ständigem Wandel (und ohne Pause) eine Szene nach der anderen abläuft. In einer Ecke ein Klavier samt Klavierspieler. Die Kostüme und Uniformen sind zeitgenössisch. Wozzeck hat immer wieder Wahnvorstellungen und ist, hochgradig neurotisch, in ständiger Bewegung, wischt Tische ab, räumt Flaschen ab oder stellt die Turnschuhe der Kinder in gerader Reihe nebeneinander. Maries hoffnungsloser Gesichtsausdruck kommt einer griechischen Tragödienmaske nahe. Immer wieder wuseln, als normale Figuren in diesem Narrenhaus, Kinder herein und hinaus.

Sänger und Orchester

Der Text wird sprechgesungen oder manchmal überhaupt gesprochen. Die Diktion ist durchgehend gut. Man muß die Sängerinnen und Sänger bewundern, wie sehr sie ihrer Rollen zuliebe ihre Stimmen weitgehend karikieren. Johannes Martin Kränzle spielt, singt, stöhnt, schreit mit im Grunde warmer Baritonstimme überzeugend einen pathologisch-neurotischen Wozzeck. Gun-Brit Barkmin spielt und singt mit herbem, dramatischem Sopran, oft schrill, aber auch in den hohen Lagen immer kontrolliert, die bedauernswerte Lebensgefährtin Marie. Kurt Rydl bellt mit tiefem Baß den megalomanen Doktor. Hauptmann Stephan Rügamers scharfer, heller Tenor geht manchmal in Fisteltöne über. Nicky Spence ist der treue Freund Andres, Stefan Margita der letztlich pathetische Don Juan, und Eve-Maud Hubeaux mit verführerischen Mezzo die Kasernen-Nutte. Michael Schønwandt verquickt bestens die reichhaltige Orchesterpartitur mit dem Geschehen auf der Bühne.

Fazit

Die durchaus kohärente Regie und die ausgezeichnete Interpretation der Musiker, Sängerinnen und Sänger wurde diesem erschreckenden Büchner/Berg‘schen Meisterwerk vollkommen gerecht. Das Publikum war nach dem letzten Ton sekundenlang bestürzt und dann gab es viel Applaus.

Alexander Jordis-Lohausen

Bild: Emilie Brouchon

Das Bild zeigt: 2. Tisch von re vorne: Eve-Maud Hubeaux (Margarethe), re daneben stehend: Johannes Martin Kränzle (Wozzeck), ganz li am Tisch sitzend mit weißem Kittel: Kurt Rydl (der Arzt, 2. Tisch li stehend: Gun-Brit Barkmin (Marie)

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Turandot (G. Puccini)
Musikalische Leitung: Axel Kober / Wen-Pin Chien, Inszenierung: Huan-Hsiung Li, Turandot: Linda Watson, Altoum: Bruce Rankin, Timur: Sami Luttinen, Kalaf: Zoran Todorovich, Liù: Brigitta Kele, Ping: Bogdan Baciu, Pang: Florian Simson, Pong: Cornel Frey, Mandarin: Daniel Djambazian, Prinz von Persien: Hubert Walawski, Tänzerin: Yi-An Chen