TURANDOT – Leipzig, Oper

von Giacomo Puccini (1858-1924), Drama lirico in 3 Akten, Libretto: Giuseppe Adam und Renato Simoni

UA: 25. April 1926 Mailand, Teatro alla Scala

Regie: Balázs Kovalik, Bühne: Heike Scheele, Kostüme: Sebastian Ellrich

Dirigent: Matthias Foremny, Gewandhausorchester Leipzig, Chor der Oper Leipzig, Choreinstudierung: Alessandro Zuppardo

Solisten: Jennifer Wilson (Turandot), Olena Tokar (Liù), Leonardo Caimi (Der unbekannte Prinz Calaf), Martin Petzold (Kaiser Altoum), Randall Jakobsh (Der entthronte Tartarenkönig Timur), Jonathan Michie (Ping), Keith Boldt (Pang), Sergei Pisarev (Pong), Sejong Chang (Ein Mandarin)

Besuchte Aufführung:  22. Oktober 2016 (Premiere)

leipzig-turandotKurzinhalt

Das persische Märchen erzählt von Prinzessin Turandot, die aus Rache an ihrer einst mißhandelten Ahnfrau Lo-uling, jeden Brautwerber köpfen läßt, der ihr Rätsel nicht lösen kann. Das Volk ist Zeuge der Hinrichtung des Prinzen von Persien. Unter ihnen der entthronte Tartarenkönig Timur mit der Sklavin Liù und Kalaf, der in Timur seinen Vater wieder erkennt. Als Turandot erscheint, beschließt Kalaf, der nächste Werber zu sein. Er löst ihr Rätsel, läßt der entsetzten Turandot jedoch einen Ausweg: wenn sie bis Sonnenuntergang seinen Namen herausfindet, darf sie über sein Leben bestimmen. Niemand schläft in dieser Nacht. Liù wählt den Freitod, bevor sie ihre Liebe verrät. Ein nächtlicher Kuß zwischen Kalaf und Turandot verändert alles, und am Morgen verkündet sie seinen Namen: Amore.

Aufführung

Bühnenbild aller drei Akte ist eine kühle, monumentale Wabenarchitektur. Durch die Bühnenmitte verläuft eine Rampe, auf der die Protagonisten und Militärs patrouillieren. Sie endet in einer riesigen Turbine, die Menschen verschlingt. Das Volk ist anonyme Masse in schwarzen Overalls, mit Sonnenbrillen und tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen. Als der Prinz von Persien, in diesem Fall ein Kind, zum Schafott geführt wird, legt das betroffene Volk seine Kleider ab. Turandot erscheint martialisch, im ledernen Militärmantel, der Vater und Liù in grüner Folklore, Kalif strahlt in weiß. Einzige Reminiszenz an das alte China: die Minister Ping, Pang und Pong philosophieren über Geschichte und Ursprung ihres Reiches im Badehaus unter roten Lampions.

Sänger und Orchester

Viel von dem Erfolg dieser Produktion ist den imposanten Chorszenen dieser Oper und einem beeindruckenden Orchesterspiel zu verdanken. Das Gewandhausorchester brachte unter der Leitung von Matthias Foremny das exotische Flair der Partitur mit chinesischer Originalmusik, pentatonischen und polyrhythmische Klängen glänzend und sehr transparent auf die Bühne. Dramatische Ballungen wie die Rätselszene spielte es kraftvoll und mitreißend.

Insgesamt wurden die Sängersolisten den Anforderungen an ihre Partie gerecht. Weniger kraftvoll als strahlend in der Stimme überzeugte Leonardo Carmi in der Rolle des Tenorhelden Calaf. Carmi verkörperte den unbekannten Prinzen agil und anmutig. Expressiv und mit Seelenausdruck sang er zwei der schönsten Arien Puccinis Non piangere, Liu – Weine nicht, Liu (1. Akt) und Nessun dorma! – Keiner schlafe! (3. Akt). Auch Olena Tokar war eine gute Wahl für die lyrische Rolle der liebenden Sklavin Liù. Ihre Sterbearie Tu, che di gel sei cint – Du, die du von Eis umgürtet (3. Akt) sang sie mit anrührender Innigkeit und ungeheurer Bühnenpräsenz.

Mit forcierter und kraftvoller Stimme wurde Jennifer Wilson der heiklen Partie der Turandot in Umfang, Tonsprüngen und Spitzentönen gerecht, ohne sie mit wirklicher Brillanz auszuführen. Zu wenig Kontur gewann die Eisprinzessin in ihrer distanzierten Darstellung. In den fein gezeichneten, parodistischen Szenen überzeugten Jonathan Michie (Ping), Keith Boldt (Pang) und Sergei Pisarev (Pong) als homogenes Trio der Minister. König und Kaiser mit Randall Jakobsh und Martin Petzold füllten ihre Rollen gesanglich wie darstellerisch mit wenig Leben. Dem athletischen Jakobsh nahm man den alten, entthronten Tartarenkönig nicht ab. Gänzlich unberührt schien er vom Wiedersehen mit dem Sohn und dem Tode Liùs. Da war zu viel Statik und Gesang an der Rampe. Für die wirklich großen musikalischen Momente sorgte neben dem Orchesterspiel der Chor und Kinderchor (Sophie Bauer) der Oper Leipzig. Die Choreographie war ebenso beeindruckend wie die konzentrierte Stimmgewalt.

Fazit

Puccinis letzte Oper ist für die großen Theater der Welt geschrieben. Sie erfordert einen gewaltigen Orchesterapparat und einen großen Chor. Und sie hat einen wunden Punkt. Durch den vorzeitigen Tod Puccinis ist sein letztes Werk Fragment geblieben, das mit dem Freitod Liùs endet. Das Finale der Oper wurde von Franco

Alfano geschrieben – mit einem alles verändernden Kuß und abschließenden Liebesduett.

Inzwischen gibt es eine zweite Fassung von Luciano Berio ohne lieto fine, mit einem musikalischen Fragezeichen am Ende. Die Uraufführung unter Toscanini endete 1924 nach Liùs Todesmusik. Die Leipziger Inszenierung wählte das Finale Alfanos mit plötzlichem Sinneswandel Turandots, aber dann doch keinem happy end, weil Calaf in der Menge verschwindet. Dem Publikum hat es gefallen.

Norma Strunden

Bild: Tom Schulze

Das Bild zeigt: Der unbekannte Prinz, Calaf (Leonardo Caimi), Kaiser Altoum (Martin Petzold), Chor, Komparsen der Oper Leipzig

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