DIE DREIGROSCHENOPER – Paris, Théâtre des Champs-Élysées

von Kurt Weill (1900-1950), Stück mit Musik in einem Vorspiel und 8 Bildern, Libretto: Bertold Brecht nach The Beggar’s Opera von John Gay. UA: 31. August 1928 Berlin, Theater am Schiffbauerdamm

Regie/Bühne/Licht: Robert Wilson, Kostüme: Jacques Reynaud, Dramaturgie: Jutta Ferbers, Anika Bárdos, Licht: Andreas Fuchs, Ulrich Eh

Dirigent: Hans-Jörn Brandenburg, Stefan Rager, Das Dreigroschenoper Orchester

Solisten: Jürgen Holtz (J.J. Peachum), Traute Hoess (Celia Peachum), Johanna Griebel (Polly Peachum), Christopher Nell (Macheath, genannt Mackie Messer), Axel Werner (Tiger Brown), Angela Winkler (Jenny), Friederike Nölting (Lucy) u.a.

Besuchte Aufführung: 25. Oktober 2016 (Premiere, Produktion: Berliner Ensembles, präsentiert vom Théâtre de la Ville, Paris)

DIE DREIGROSCHENOPER

Vorbemerkung

Das Théâtre des Champs-Élysées war wohl prädestiniert, das Gastspiel des Berliner Ensembles vom Theater am Schiffbauerdamm zu empfangen, hat dieses Pariser Haus doch seine eigene Brecht-Weil Tradition. Als nämlich fünf Jahre nach der Uraufführung der Dreigroschenoper in Berlin, die ein Welterfolg wurde, Kurt Weil, der damals schon im Exil in Paris lebte, Brecht ein letztes Mal zu einer Zusammenarbeit aufforderte, nahm dieser an, obwohl er inzwischen eigentlich mit Weil zerstritten war. Und so kam das satirische Ballet mit Gesang Die sieben Todsünden der Kleinbürger (Choreographie: George Balanchine, Hauptrollen: Lotte Lenya und Tilly Losch) am 7. Juni 1933 im Théâtre des Champs-Élysées in Paris zur Uraufführung.

Was den Welterfolg der Dreigroschenoper anbelangt, schreibt Arnold Feil, daß er weitgehend auf einem Mißverständnis beruhe, auf der kühl und sicher voraus kalkulierten Wirkung der Antibürgerlichkeit und zugleich auf dem Mißverständnis des Publikums, das deren Entschiedenheit und Ernsthaftigkeit nicht zur Kenntnis nimmt, nicht zur Kenntnis nehmen will. Trotz der revolutionären Gesellschaftstheorie, die hinter dem Stück steht, gerät es wegen seiner gewitzten Fabel, seiner eher zweideutigen als stechenden Schärfe und nicht zuletzt wegen der raffinierten und zündeten Musik immer wieder in die Nähe des Musicals und das Musical ist schlechthin „kulinarisches Theater“, eine Theaterform, die Brecht bekanntlich ablehnte.

Kurzinhalt

Der Bettelkönig Peachum und seine Frau klagen, daß ihre Tochter Polly die Nacht mit dem Gangsterchef Mackie Messer verbracht hat. Während dessen halten Mackie und Polly Hochzeit in einem Pferdestall. Mackies alter Freund, der Polizeichef Tiger Brown, wohnt der Hochzeit bei. Als die Peachums das erfahren, wollen sie Mackie der Polizei ausliefern. Polly warnt ihren Mann, der in ein Bordell flieht. Jenny, eine der Huren und Ex-Geliebte Mackies, von den Peachums bestochen, verrät ihn. Er wird verhaftet. Doch Lucy, auch eine Ex-Geliebte Mackies und Tochter des Polizeichefs Brown, verhilft ihm zur Flucht. Peachum droht nun Brown, mit seinen Bettlern die königliche Krönung zu stören, wenn Mackie nicht gefangen wird. Mackie hat wieder bei den Huren Unterschlupf gefunden, die ihn wieder verraten. Diesmal soll er gehängt werden. Bevor die Hinrichtung jedoch vollzogen werden kann, verkündet ein königlicher Bote, daß Mackie nicht nur begnadigt, sondern auch geadelt worden ist.

Aufführung 

Die sonst leere Bühne ist mit geometrischen, beweglichen Gestellen ausgestattet, die mal leuchten und dann wieder schwarze Silhouetten gegen einen hellen Hintergrund sind. Ein ästhetisches Spiel von Hell und Dunkel, Schwarz und Weiß. Wie ein Scherenschnitt wirkt die Bordellszene. Alle Kostüme sind schwarz, mit Ausnahme des weißen Kleids der Polly in der Hochzeitsszene. Alle Gesichter sind weiß geschminkt. Kostüme und Frisuren sind vage an Biedermeier-Vorbilder angelehnt. Die Regie stimmt Musik und andere Töne genauestens auf die Gestik der Darstellenden ab, so daß sie in parodierenden Stelz- und Trippelschritten, fast wie mechanische Gliederpuppen, die Bühne bevölkern. Eine Schau, die man auch als eine moderne Abart des deutschen Expressionismus betrachten könnte. Die Diktion ist ausgezeichnet.

Sänger und Orchester

Das Stück ist weitgehend gesprochener Text, der von Gesang unterbrochen wird. So bestimmten die Autoren auch, daß nicht Sänger die Ausführenden sein müßten, sondern Schauspieler mit Gesangsfähigkeiten. Eine Vorgabe, die nicht immer einfach zu erfüllen ist, die das Berliner Ensemble jedoch sehr gut getroffen hat. Christopher Nell ist mit rötlich-blonden Haaren und leicht glitzerndem Anzug ein für einen Ganoven sehr geschmeidig-anmutiger Mackie, aber temperamentvoll im Kanonensong (übrigens nach Rudyard Kipling) im Duett mit Axel Werner, seinem ehemaligen Kumpan der Indienarmee und jetzt Polizeichef Tiger Brown, der wie Nosferatu mit Zylinder aussieht.

Mackies Gegenspieler Jonathan Peachum, wie ein alter Schulmeister, mit schwarzem Gehrock, schwarzem Käppchen und Stock bedächtig, aber entschieden ist Jürgen Holtz. Traute Hoess ist seine alkoholische Frau, Celia Peachum, geformt wie eine Cognac Flasche und mit schriller Altstimme. Sehr eindrucksvoll Johanna Griebel, zierlich und adrett, spielt und singt mit wohl kontrollierter, nuancierter Bruststimme die Rolle der Polly wie im Lied der Seeräuber Jenny im ersten Akt und in Pollys Lied im zweiten Akt. Last but not least, Angela Winkler singt und spielt überzeugend die rothaarige, verhaltene, aber nicht minder gefährliche Hure und Exgeliebte Jenny. Und Friederike Nölting ist die im Gegensatz dazu loyale Exgeliebte Lucy.

Hans-Jörn Brandenburg und Stefan Rager leiten beschwingt das Orchester, das hauptsächlich aus Blasinstrumenten besteht, durch die von Jazz, Tango, Blues und Kabarett geprägte Musik, hin und wieder etwas sehr ruckartig.

Fazit

Diese Inszenierung Robert Wilsons der Dreigroschenoper ist im Laufe der Jahre hinlänglich bekannt geworden. Sie ist, wie man es bei ihm erwarten kann, eine eiskalte, visuell ästhetisierende, fast marionettenhafte Version der weltbekannten Satire. Und sie ist als solche hervorragend interpretiert vom Berliner Ensemble. Natürlich ist seine Sicht weit entfernt von der saftig-schnoddrigen Interpretation der Dreigroschenoper der Berliner 1920iger Jahre.

Ein höchst vergnüglicher Abend.

 

Alexander Jordis-Lohausen

Bild: Lesley Leslie-Spinks

Das Bild zeigt: Christopher Nell (Macheath, genannt Mackie Messer), Angela Winkler (Jenny)

 

Veröffentlicht unter Opern, Paris, Théâtre des Champs-Élysées
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