ARABELLA – Köln, Oper am Dom

von Richard Strauss (1864-1949), lyrische Komödie in drei Aufzügen, Libretto: Hugo Laurenz August Hofmann Edler von Hofmannsthal, UA: 1. Juli 1933 Dresden, Opernhaus

Regie: Renaud Doucet, Bühne/Kostüme: André Barbe, Licht: Guy Smard, Dramaturgie: Georg Kehren

Dirigent: Stefan Soltesz, Gürzenich-Orchester, Chor der Oper Köln, Choreinstudierung: Andrew Ollivant

Bjarni Thor Kristinsson (Graf Waldner), Dalia Schaechter (Adelaide, seine Frau), ihre Töchter: Emma Bell (Arabella), Anna Palimina, (Zdenka), Eglis Silins (Mandryka), Ladislav Elgr (Matteo, Jägeroffizier), Beate Ritter (Fiakermilli), Alexandra von der Weth (Kartenaufschlägerin)  u.a.

Besuchte Aufführung: 25. April 2015 (Premiere)

Oper Köln ARABELLA Musik.Leitung: Stefan Soltesz Regie: Renaud Doucet Bühne, Kostüme: André Barbe Licht: Guy Simard Darsteller:  E.Bell, E.Silins

Kurzinhalt

Wegen Spielschulden Waldners reicht das Geld nicht aus, auch die zweite Tochter Zdenka in die Wiener Gesellschaft eizuführen. Sie gilt in ihrer Burschikosität als Junge. Arabella, die verheiratet werden soll, lehnt alle Verehrer ab, hat sie doch auf einem Spaziergang einen faszinierenden Mann gesehen. So erklärt sie ihrer Schwester: Der Richtige, wenn’s einen gibt für mich, wird mich anschaun und ich ihn … und selig werd ich sein und ihm gehorsam wie ein Kind. Der unbekannte Mann ist Mandryka, ein reicher kroatischer Gutsbesitzer. Doch Zdenka möchte Arabella für den Jägeroffizier Matteo begeistern.Weil Matteo so niedergeschlagen ist, schreibt Zdenka ihm Liebesbrief mit Arabellas Unterschrift.

Schon beim ersten Treffen verlieben sich Arabella und Mandryka i ineinander. Während eines Balls bekommt Mandryka zufällig mit, wie Zdenka Matteo ein Briefkuvert mit dem Zimmerschlüssel von Arabella überreicht. Mandryka distanziert sich auf der Stelle von Arabella. Allerdings war es Zdenka und nicht Arabella, die die Nacht mit Matteo verbrachte. Schließlich wird das Mißverständnis aufgedeckt und sowohl Arabella und Mandryka sowie Zdenka und Matteo finden in den Ehebund.

Aufführung

Linker Hand liegt ein riesiger Kronleuchter auf dem Boden. Die Hinterwand läßt ein großbürgerliches Wiener Haus erahnen. Davor die Akteure, die sich auf Stühle oder Sitzhocker dann und wann niederlassen. Im zweiten Akt ist die Rückwand verschwunden. Stattdessen sieht man schattenhaft Schützengräben mit Soldaten in braunen Uniformen, die (zum Glück geräuschlos) Gewehrschüsse abgeben. Eine breite Treppe führt in gewundenem Lauf nach oben, wo sie ins Leere führt. Rechts und links liegen unten im Stiegenhaus aufeinandergestapelte Sandsäcke. Die Protagonisten sind in hellbraune-weiße, uniformähnliche Anzügen gekleidet. Sie haben hohe Schaftstiefel an, die unterschiedliche Farben, braun, schwarz oder auch weiß aufweisen. Fantasiekostüme? Auffallend ist deren Einheitlichkeit. Die Frauen erscheinen in großer Abendrobe beim Ball. Die Männer tragen Frack, Arabella zeigt sich im fußlangen weißen Kleid mit schwarzem tunika-ähnlichem Brustteil. Daneben treten Soldaten (wo kommen die her?) in khakifarbener Uniforme auf, die Arabella beim Ball zum Tanzen auffordern. Das Stiegenhaus ist vollgestellt mit Betten, in denen Schwerkranke liegen.

Sänger und Orchester

Mit großer dramaturgischer Geschicklichkeit haben Hofmannstahl und Strauss den Opernbeginn ihrer letzten gemeinsamen Oper mit drei aufgeregten Frauen gestaltet. Aber ärgerlich war, daß das Singen von Alexandra von der Weth (Kartenaufschlägerin), Dalia Schaechter (Adelaide) und Anna Palimina (Zdenka) so unartikuliert daherkam, daß kaum ein Wort verständlich war. Natürlich blieb manches Wort bei der schnell vorübereilenden Musik undeutlich. Doch man kennt das auch anders. Erst Ladislav Elgr (Matteo) war verständlich. Glücklicherweise half die Übertitelprojektion da weiter. Aber ist das ein Freibrief, an der Textverständlichkeit weniger zu proben? Ladislav Elgrs heller und deutlicher Tenor kam klar und durchaus artikuliert heraus.

Schon beim „Gespräch“ der beiden Schwestern Arabella und Zdenka bessert sich die Wortverständlichkeit, die ja bei Strauss und Wagner wichtig ist. Anna Palimina (Zdenka) hat einen  resonanzarmen Sopran, den sie zumeist in der Höhe forciert. Emma Bell (Arabella) beginnt mit Die schönen Rosen! Hat die ein Husar gebracht? Ihr lyrischer, klangreicher Sopran nimmt einen sofort gefangen. Die Steigerung hierzu erfolgt mit den berühmten Worten … aber der Richtige, wenn’s einen gibt für mich auf dieser Welt … Emma Bell versteht es mit der Messa di voce (Ausschickung der Stimme von p zu f) die große Sehnsucht, die in ihr arbeitet, auf das Publikum zu übertragen. Mit versierter Abstufung der Dynamik und mit einer lieblichen Tonqualität bringt sie die ganze Gefühlsseligkeit einer Frau zur Darstellung, die eben auf den Mann ihres Herzens hofft. Wenn dann die beiden Soprane sich „paaren“ (Zdenkas Stimme liegt stets über der der Schwester) kommt es zu einer ungemein harmonischen Verschmelzung. Daß es keinen Szenenapplaus gab, war etwas erstaunlich. Kennt man Arabella in Köln zu wenig?

Bjarni Thor Kristinsson (Graf Waldner) besitzt eine bis in die Tiefe reichende, runde, wohltönende Baßstimme. Sein zukünftiger Schwiegersohn Eglis Silins (Mandryka) meistert die für einen Bariton sehr heikle Rolle mit großer Eleganz und gibt dem zunächst verliebten, dann enttäuschten, dann in großer Liebe und Respekt gegenüber seiner Verlobten sich wandelnden Mann lebhaft und überzeugend Ausdruck. Die vier Freier der schönen Arabella Jeongki Cho (Graf Elemer), Wolfgang Stefan Schwaiger (Graf Dominik), Lucas Singe (Graf Lamorel) werden durchweg durch die, zum Teil mit Blut bedeckten Uniformen, in die die Regie sie gezwungen hat, an einer adäquaten Darstellung gehindert. Der Reinheit ihrer Stimmen tut das aber glücklicherweise keinen Abbruch. Stefan Soltesz verstand es, die komplizierte Partitur selbst im akustisch ungünstigen Raum des Dom-Zelts zu entfalten und die Stimmen erblühen zu lassen.

Fazit

Der Regisseur Renaud Doucet hätte nur in die Strauss/Hofmannsthal-Partitur blicken müssen. Da steht gedruckt: Ort: Wien – Zeit 1860. Das war 54 Jahren vor dem Beginn des ersten Weltkriegs, mit dem die Oper nichts zu tun hat! Bringt denn die krampfhafte Vermengung von Schützengraben und Wiener Ballgesellschaft etwas Ergänzendes zum Operngeschehen? Handelt es sich hier doch um eine anrührende Liebesgeschichte, und um sonst gar nichts.

Dr. Olaf Zenner

Bild: Bernd Uhlig

Das Bild zeigt: Arabella (Emma Bell), Mandryka (Egils Silins), Chor der Oper Köln

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