PARSIFAL – Karlsruhe, Badisches Staatstheater

von Richard Wagner (1813-1883), Bühnenweihfestspiel in drei Aufzügen, Dichtung: Richard Wagner, nach dem mittelalterlichen Epos von Wolfram von Eschenbach UA: 26. Juli 1882 Bayreuth, Festspielhaus

Regie: Keith Warner, Bühne: Tilo Steffens

Dirigent: Justin Brown, Badische Staatskapelle, Badischer Staatsopernchor und Extrachor, Choreinstudierung: Ulrich Wagner.

Solisten: Renatus Meszar (Amfortas), Avtandil Kaspeli (Titurel), Alfred Reiter (Gurnemanz), Jaco Venter (Klingsor),  Erik Nelson Werner (Parsifal), Christina Niessen (Kundry), Moritz Prinz (Stimme aus der Höhe), u.a.

Besuchte Aufführung: 29. März 2015 (Premiere)

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Amfortas leidet an einer Verletzung, die er bei dem Raub des heiligen Speers durch Klingsor erlitten hat. Nur durch die Berührung mit dem heiligen Speer ist Heilung möglich – durch „einen reinen Toren“. Gurnemanz hält Parsifal für den „reinen Tor“ und nimmt ihn mit in die Gralsburg. Als er sich getäuscht sieht, setzt er Parsifal vor die Tür. Parsifal findet den Zaubergarten Klingsors mit seinen verführerischen Mädchen. Als auch Kundry ihn nicht halten kann, versucht Klingsor ihn mit dem Speer zu bannen. Parsifal ergreift den Speer, der Zaubergarten versinkt. Parsifal kehrt zurück zu den Gralsrittern, die von Amfortas fordern, den Gral zu enthüllen, doch Amfortas will lieber sterben. Parsifal heilt die Wunde mit dem Speer und enthüllt den Gral.

Aufführung

Auf einer Drehbühne stehen in variablen Abständen Zwischenwände, die, immer wieder neu von der Hinterbühne befüllt, eindrucksvolle Räume zeigen: Von der Versammlung der Gralsritter um den transparenten Sarg Titurels bis zum an den Felsen geketteten Prometheus. In der Mitte der Drehbühne steht eine Halbkugel, die sowohl als Altar, aber auch als Sammelplatz für religiöse Symbole vieler Religionen dient. Die Gralsgesellschaft besteht nur aus Männern, die Anzüge als steife Uniform tragen. Die Blumenmädchen sind Lustobjekte in karierten kurzen Röcken, Seidenstrümpfen und Schaftstiefeln, sie halten eine langstielige Blume in der Hand. Kundry hat schon viele Leben hinter sich, die sie hier wieder durchlebt: Urteufelin im schwarzen Mantel, Herodias im blauen wallenden Kleid oder auch als buddhistische Tempeldienerin. Klingsor ist der Gegenpol zu Amfortas, hier steht Verzicht auf Liebe gegen abgetötete Leidenschaft und Lust, er ist sterbensbleich und genauso wie die Blumenmädchen schwarz gekleidet. Amfortas hingegen trägt Anzug oder ein weißes Krankengewand, auf dem sich keine Wunde abzeichnet, denn der Verzicht auf Liebe ist eine innere Wunde. Waffen gibt es keine, der Speer steht für eine Art Phallus-Symbol (und heilt nur innere Wunden oder Leiden), die Gralsgesellschaft wird durch die wahre Liebe erlöst und besteht nun aus Männern und Frauen in heutiger Straßenkleidung.

Sänger und Orchester

GMD Justin Brown tut gut daran, das weihevolle Pathos der musikalischen Gralswelt mittels teilweise rascher Tempi und Forte im Vorwärtsdrängen zu reduzieren. Dafür konzentriert er sich auf die Dialoge der Solisten, er erarbeitet den Solisten die Möglichkeit ihre Gesangslinien optimal zu gestalten, ihre Botschaften an das Publikum zu richten, die Wortverständlichkeit findet im Publikum großen Gefallen. Man fühlt sich nicht nur von den reinen Spielzeiten, sondern auch von der Klangwirkung an Piere Boulez in seiner legendären Parsifal-Produktion in Bayreuth erinnert – die Parallelen sind mannigfaltig. So können die Solisten die Gestaltungsräume über weite Strecken nutzen: An erster Stelle ist Alfred Reiter als Gurnemanz zu nennen, der stimmlich immer präsent ist. Er hat eine eloquente Erzählstimme, die mit samtigen Klang und langen Atem aus dem Vollen schöpfen kann. Als sensationell kann man das Rollendebüt von Christina Niessen als Kundry überschreiben. Mit schwerem dramatischen Sopran, mit traumwandlerisch sicheren hohen Tönen wird der Verführungsversuch des Parsifal eine der spannendsten Szenen der Aufführung. Leider kann Erik Nelson Werner da nicht mithalten. Vom Klang her ein Heldentenor mit volltönender Mittellage, gehen ihm für die Ausbrüche des Parsifals in der Verführungsszene die Kräfte aus. Im Finale Nur eine Waffe taugt ist er aber wieder erholt und kann mit „Saft und Kraft“ überzeugen. Renatus Meszar (Amfortas) ist ein strahlender Helden-Baß-Bariton mit großer Spielfreude und sicherer Technik, auch wenn er an dem Abend leicht indisponiert klang. Viele Wagnerianer erinnern sich noch positiv an seinen Auftritt im Ring in Weimar. Avtandil Kaspeli als Titurel ist ein sehr tiefensicherer Baß mit leicht schwarzer Stimme. Jaco Venter kann den kurzen Auftritt als Klingsor mit Kraft sehr dramatisch gestalten. Auch die übrigen kleineren Rollen können durchgängig zufriedenstellend besetzt werden, besonders erwähnenswert eine ungewöhnliche Besetzung: Moritz Prinz singt als sehr heller Knabensopran die Stimme aus der Höhe. Ebenso brillant der erweiterte Chor, der weniger mit Kraft als mit harmonisch-einheitlichen Glanz für sich einnimmt.

Fazit

„Wer ist der Gral? … Das sagt sich nicht;“. Für Keith Warner ist der Gral ein Kelch, der zunächst mit viel Brimborium präsentiert wird, sich aber dann im Nichts auflöst. Er reduziert die religiöse Symbolik, konzentriert sich auf die Beziehungen Parsifal-Kundry-Amfortas-Klingsor. So ist der Karfreitagszauber das Licht der Erkenntnis, das Prometheus in die Welt gebracht hat, das in die Gralswelt eindringt, Parsifal schreitet auf einem weißen Blumenring voran und bringt die Erlösung der Menschheit durch Mitleid – das ist die wahre Liebe zwischen Mann und Frau. Tosender Applaus des Publikums für die musikalische Leistung und für eine prägnant umgesetzte szenische Deutung, die auch die von weither angereisten Wagnerfreunden begeistert.

Oliver Hohlbach

Bild: Jochen Klenk

Das Bild zeigt: Erik Nelson Werner (Parsifal), Christina Niessen (Kundry), Alfred Reiter (Gurnemanz)

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