Dresden, Sächsische Staatsoper – CARDILLAC

von Paul Hindemith (1895-1963), Oper in drei Akten (vier Bildern) von Ferdinand Lion, Fassung der Dresdener Uraufführung von 1926.
Regie: Philipp Himmelmann, Bühnenbild: Johannes Leiacker, Kostüme: Bettina Walter
Dirigent: Fabio Luisi, Sächsische Staatskapelle Dresden und Chor
Solisten: Markus Marquardt (Cardillac), Anna Gabler (Die Tochter), Oliver Ringelhahn (Offizier), Michael Eder (Der Goldhändler), Rainer Trost (Der Kavalier), Evelyn Herlitzius (Die Dame), Matthias Henneberg (Der Führer)
Besuchte Aufführung: 15. März 2009 (Premiere)

Kurzinhalt
dresden-cardillac.jpgÜberirdisch schön sind die Schmuckstücke, die der Goldschmied Cardillac fertigt. Jedoch werden all seine Kunden ermordet, der Schmuck geraubt. Die Angst treibt die Bevölkerung daher um, jeder verdächtigt jeden. Eine Dame wünscht sich von ihrem Kavalier ein Schmuckstück von Cardillac für eine Liebesnacht. Dazu kommt es nicht mehr, beide werden getötet, das Schmuckstück geraubt.
Cardillacs Tochter liebt den Offizier, will aber ihren Vater nicht verlassen. Cardillac will sie ziehen lassen, ihn interessieren nur seine Schmuckstücke. Der Offizier verlangt für seine Braut ein Schmuckstück, Cardillac kann sich von seinem Werk nicht trennen. Da greift sich der Offizier das Schmuckstück und wirft Cardillac das Geld hin. Cardillac eilt dem Offizier mit dem Dolch in der Hand nach. Der Offizier kann ihn entwaffnen, der Goldhändler schlägt Alarm, jedoch wird der Goldhändler als Mörder verhaftet. Das Volk will die Wahrheit wissen, droht mit der Zerstörung der Kunstwerke. Cardillac gesteht daraufhin seine Taten und wird vom wütenden Volk zu Boden geschlagen, obwohl der Offizier für Cadillacs Wahn um Verständnis bittet.
Aufführung
Johannes Leiackers Bühnenbild ist eine eher nichtssagende geometrische Konstruktion aus perspektivischen Schnittpunkten und erinnert an die bekannte Zeichnung des Menschen mit den Kreisen von Leonardo da Vinci.
Die Kostüme von Bettina Walter benutzen drei unterschiedliche Erzählebenen: Die Renaissance (das Stück spielt im Paris des 17. Jh.), die 20er Jahre (UA: 1926) und die Jetzt-Zeit. Der Chor ist im Stil der Renaissance gekleidet, die Kleider der Damen sind mit dem Bild des Mädchens mit dem Perlenohrgehänge (Jan Vermeer) bedruckt, die Herren tragen eine Halskrause. Die Dame ist dem Bild Adele Bloch-Bauer (Gustav Klimt) entsprungen, auch ihr Kavalier paßt in die 20er Jahre. Der Offizier trägt eine zeitlose Uniform französischen Schnitts, die Tochter hingegen ein schwarzes Kostüm unserer Tage. Der Künstler Cardillac erinnert mit schwarzer Strickweste und zwei Brillen an Wieland Wagner oder Max Frisch. Am Ende schwebt der Geist des Künstlers und Mörders Cardillac über seinem Werk und über der Bühne. Den Joker kann man eben nicht so einfach vernichten.
Sänger und Orchester
Fabio Luisi stellt mit spürbarer Spielfreude und klarer objektiver Musiksprache unter Beweis, daß die Oper Hindemiths ein zu Unrecht in Vergessenheit geratenes Meisterwerk des Neoklassizismus ist. In seinem sachlichen Stil frei vom romantisierenden Pathos ist Cadillac ein Wegbereiter der modernen Musik.
Markus Marquardt meistert die mörderische Partie des Cardillac in eindrucksvoller Weise, auch wenn ihm zum Ende hin die Kraft ausgeht. Die Zerrissenheit der Rolle, zwischen Wahnsinn, Liebe und Haß kann er stimmlich deutlich machen. Genauso eindrucksvoll singt Anna Gabler (Tochter). Ihr hochdramatischer Sopran vermag auch in den leisen Liebesszenen alle in ihren Bann zu ziehen. Ihr Gegenpart Oliver Ringelhahn (Offizier) ist ein lyrischer Tenor mit glänzender Höhe, der sich hervorragend mit Anna Gabler ergänzt. Evelyn Herlitzius kann in der Nebenrolle der Dame nicht mehr überzeugen, zu spröde klingt mittlerweile die Stimme. Rainer Trost ist dafür ein charmanter, stimmlich etwas zurückhaltender Kavalier.
Philipp Himmelmann ist ein Meister der Personenführung. Ihm gelingt es immer wieder Solisten, Chor und Statisten sinnvoll zu arrangieren. Er erzählt die Geschichte geradlinig und ohne Abweichungen. Ein genialer Einfall ist die Maske des Mörders. Cardillac verwandelt sich mittels Perücke und weißer Schminke in den Joker – seit Heath Ledger der exaltierteste Mörder unserer Tage.
Fazit
Lang anhaltender stürmischer Applaus für das Regieteam, das bewiesen hat, daß modernes Theater auf höchstem Niveau auch beeindrucken kann. Umjubelt Orchester und die drei Hauptdarsteller für ihre überragenden Leistungen. Der Besuch der leider viel zu wenigen Vorstellungen im März – Wiederaufnahme erst im Februar 2010 – kann nur dringend angeraten werden.
Oliver Hohlbach

Bild: Matthias Creutziger

Bildlegende: Anna und ihr Offizier beruhigen das Volk. Oliver Ringelhahn (Offizier), Anna Gabler (Tochter), Chor der Sächsischen Staatsoper Dresden

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