BILLY BUDD – Berlin, Deutsche Oper

von Benjamin Britten (1913-1976), Oper in zwei Akten mit Prolog und Epilog, Libretto: Edward Morgan Forster und Eric Crozier, nach der gleichnamigen Erzählung von Herman Melville, UA: 1. Dezember 1951 London, Royal Opera House Covent Garden

Regie: David Alden, Bühne: Paul Steinberg, Kostüme: Constance Hoffman

Dirigent: Donald Runnicles, Orchester der Deutschen Oper, Herrenchor Herrenextrachor und Kinderchor, Choreinstudierung: William Spaulding

Solisten: Burkhard Ulrich (Edward Fairfax Vere), John Chest (Billy Budd), Gidon Saks (John Claggart), Markus Brück (Mr. Redburn), Albert Pesendorfer (Mr. Flint), Tobias Kehrer (Mr. Ratcliffe), Lenus Carlson (Dansker)

Besuchte Aufführung: 22. Mai 2014 (Premiere)

Berlin Billy BudKurzinhalt

Im Prolog erinnert sich Kapitän Vere an seine Zeit als Marineoffizier im englisch-französischen Seekrieg des Sommers 1797: Der junge Billy Budd wird mit zwei anderen Männern gewaltsam an Bord der Indomitable gebracht, erweist sich jedoch als tauglicher Matrose, den alle sofort in ihr Herz schließen. Selbst der brutale Waffenmeister John Claggart verfällt seiner Gutherzigkeit und Schönheit. Um seiner Begierde Herr zu werden, bleibt ihm nur, das personifizierte Gute zu zerstören. Gegenüber Kaptain Vere bezichtigt er den treuen Matrosen der versuchten Meuterei. Mit der Anklage konfrontiert, gerät Billy, der an einem Sprachfehler leidet, ins Stottern. Als er sich mit Worten nicht verteidigen kann, versetzt er Claggart einen tödlichen Schlag. Obwohl der Kapitän an die Unschuld Billys glaubt, unterwirft er sich dem Standgericht, das Billy zum Tod durch Erhängen verurteilt. Im Morgengrauen versammelt sich die Mannschaft zur Exekution und wendet sich in wortloser Anklage gegen die Offiziere.

Aufführung

Brittens zweites Seefahrerstück spielt ausschließlich auf einem Kriegsschiff. Paul Steinberg hat ihm eine düster-erdrückende Kulisse gegeben. Im hölzernen Innern eines Schiffsbauchs – dem Herrschaftsbereich von „Eisenbrecher” Claggart – schuften und kriechen die geknechteten Matrosen in Blaumännern herum. Gleich zu Beginn fordert Claggart das rote Halstuch Billys, um ihn in die graue Masse einzugliedern. Später wird ihm das Tuch zum Fetisch, eine der wenigen homoerotischen Andeutungen der Inszenierung. Durch einen Vorhang verwandelt sich das Schiffsinnere in ein Offiziersdeck. Die fahrbare Kajüte von Kapitän „Sternen-Vere” ist himmlisch-weiß, ebenso sein Offiziersgewand. Der finstere Claggart erscheint in martialisch schwarzen Leder. Die Kulisse kommt mit wenigen Elementen aus und schafft doch Beklemmungen.

Sänger und Orchester

Das Orchester der Deutschen Oper Berlin toste derart spannungsgeladen durch diese (leit-)motivisch reiche, sinfonische Partitur, daß das Publikum über zweidreiviertel Stunden spürbar die Luft anhielt. Dirigent Donald Runnicles kennt sich aus mit Britten. Er spielte farbenreich und mit starken Ausdruckskontrasten, legte Gewalttätigkeit in die Bässe, Sanftheit in die hohen Streicher, die immer nur für wenige Sekunden in himmlischere Gefilde entführten. Die Bässe bildeten mit den tiefen Streichern und Bläsern ein markantes Fundament, über das wunderbar brüchige Bläsersoli erklangen, die nicht von Glanz zeugen wollten. Die Besetzung war groß, mit dreifachen Holzbläsern und einem Altsaxophon, das die textlose Klage eines verprügelten Seemanns ergreifend zum Ausdruck brachte. Eine selten zu hörende Kulisse boten auch die raumgreifenden Chornummern, gesungen von den Herrenchören der Deutschen Oper. Gleich in der Anfangsszene entführten sie mit einem eindringlichen Oh heave! – Oh zieht! in eine abgründige Welt, in der wie Claggart sagt, es keinen Grund zum Singen gäbe. Die Offiziere, allen voran Albert Pesendorfer als Mr. Flint, Markus Brück (Mr. Redburn) und Tobias Kehrer (Mr. Ratcliffe) meisterten ihre Parts mit enormer Baßgewalt. Gidon Saks in seiner Rolle als Waffenmeister Claggart überzeugte mit überwältigendem Volumen, und einer Ausdrucksfülle, die zwischen Schmelz, Dröhnen und Tonlosigkeit zu variieren vermochte. Saks legte das Zerrissensein zwischen seelischer Verhärtung und homoerotischen Gefühlen in Worte und Stimme, so in der zentralen Arie O beauty, O handsomeness, goodness! – Oh Schönheit, Oh Großzügigkeit! (1. Akt, 3. Szene). Die eigentlichen Lichtgestalten dieses Stücks, Kapitän Vere, dessen Rolle Britten für seinen Lebensgefährten Peter Pears schrieb, sowie der Titelheld Billy Budd blieben dagegen etwas blaß. Burkart Ulrich als Kaptain Vere meisterte seine reine C-Dur-Partie stimmlich versiert, doch eher zurückhaltend. Auch aus der Rolle des Titelhelden Billy wäre vermutlich ein bißchen mehr herauszuholen gewesen. Bariton John Chest sang seine intime Abschiedsballade mit leicht-zartem Timbre, geriet aber hier auch an stimmliche Grenzen. Unter den zahlreichen Matrosenrollen ragte der lyrisch-schöne Tenor Thomas Blondellesʾ heraus, der den gequälten Neuling intensiv darzustellen wußte.

Fazit

Billy Budd ist wirklich eine der schönsten Geschichten der Welt! hat Thomas Mann einmal gesagt. Darauf hat sich das Regieteam um David Alden offenbar verlassen und anstelle einer gewagten Neu-Interpretation eine eindrückliche Kulisse geschaffen. Es gab viel Applaus für Musiker und Sänger, keinen einzigen Buhruf für die Regie.

Norma Strunden

Bild: Marcus Lieberenz

Das Bild zeigt: Burkhard Ulrich (Kapitän Edward Fairfax Vere), weiß gekeidet, auf der Tribüne und Chor

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