EXPERIMENT KLASSIK – Köln, Philharmonie

Ranga Yogeshwar und Markus Stenz entführen in die Welt der Klassik

Gurre-Lieder

von Arnold Schönberg (1874-1951), Kantate für Soli, Sprecher, Chor und Orchester (1901/03, 1910/11), Libretto: Jens Peter Jacobsen, Übersetzung aus dem Dänischen: Robert Franz Arnold

Dirigent: Markus Stenz, Gürzenich-Orchester Köln, Chöre am Kölner Dom, Chor des Bach-Vereins, Kartäuserkantorei Köln, Philharmonischer Chor der Stadt Bonn, Solist: Gerhard Siegel (Waldemar/Sprecher), Ranga Yogeshwar (Moderation

Besuchte Aufführung 13. Mai 2014

Experimet Klassik_webInformationen über Musik

Seit dem Jahr 2000 werden in den Konzert- und Opernhäusern in Deutschland halbstündige „Einführungsvorträge“ vor den Vorstellungen angeboten. Davor gab es das nicht. In Köln bietet seit 2012 GMD Markus Stenz zusammen mit einem Moderater des WDR in einer Abendvorstellung ein ausgewähltes Werk zum „Kennenlernen“ an. Dabei werden in einem ersten Teil informative Hinweise mit Musikbeispielen gebracht, im zweiten Teil spielt man Teile des ganzen Werks. Man begann mit Strawinskys Sacre de printemps, dann 2013 ein Satz aus Mahlers 9. Symphonie und nun, 2014 die Gurre-Lieder von Arnold Schönberg.

Wenn der „normale“ Konzertbesucher den Namen des Wieners Schönberg hört oder liest, ist er oft erschreckt und meidet einen Besuch des angekündigten Abends. Umso bemerkenswerter ist die Entscheidung von Markus Stenz zu werten, daß er für sein Abschiedskonzert als Generalmusikdirektor von Köln dieses Mammutwerk ausgesucht hat. Das sollte man anerkennen. Zusammen mit  Ranga Yogeshwar wollen sie, dem Publikum „die Ohren zu öffnen“ und „sie in das Stück hineinbringen“ wie Yogeshwar es in seiner Moderation ausdrückt.

Die „informative“ Aufführung

Die ersten Klänge des riesigen 140 Personen zählenden Gürzenichorchesters stammten aber nicht von Schönberg, sondern waren aus der Tondichtung Also sprach Zarathustra von Richard Strauss genommen. Unter den Fortissimoklängen aller Bläser eines strahlenden C-Dur Akkords und Trommelwirbel erschien der schlanke Luxemburger Yogeshwar auf der Bühne und trat neben GMD Stenz an sein Lesepult.

Während das Orchester mit dem Orchestervorspiel der Gurre-Lieder begann, erzählte er von der Liebe des dänischen König Waldemar zu Tove und von deren Ermordung, sowie des Königs Umherwandeln im Schattenreich, ewig Tove gedenkend. Aneinandergereihte Schnipsel des Orchestervorspiels bildeten den musikalischen Hintergrund des Vortrags.

„Der Kommentar“, so Moderator Yogeshwar, „sollte wie ein Trailer gestaltet sein und hat das Ziel, das Publikum in das Stück hineinzubringen“. Und GMD Stenz zeigt auf, daß  Schönberg dieses Riesenorchester benutzte, wie es ein Maler tut, der sich aus einem großen Farbtopf bedient. Diese filigrane Kompositionsarbeit demonstriert Stenz anhand von zwei Takten (hier immer wieder sich wiederholend) aus dem Orchestervorspiel, die von zehn Hörnern, vier kleinen , vier großen Flöten und vier Harfen sowie einem Glockenspiel gestaltet werden, die die einzelnen Instrumentalisten vorspielen. Doch die Stelle ist keineswegs laut! Hier lernen die Zuhörer einzelne Orchesterinstrumente kennen. Interessanter wäre es vielleicht gewesen, die seltener verwandten Instrumente wie Baßklarinetten, Wagnertuben oder Kontrafagotte vorzuführen. Dann führt Stenz die Darstellung von Toves Ermordung vor, was recht gut gelang: Die Zuschauer erschraken bei den gewaltigen Paukenschlägen. Danach mußten auch die Zuhörer mitmachen: Sie sangen bereitwillig die Noten einer Gesangspassage im Programmheft mit. Der nachdrückliche Hinweis auf Schönbergs in der Musik vorgenommenen Umbrüche gelang weniger gut. Stenz wies auf den Sprechgesang hin, der angeblich hier in einem Oratorium erstmals von Schönberg angewandt wurde. Wie dem auch sei, das Beispiel zeigt eine formale, doch keine strukturelle Änderung der Musik.

Tierlaute aus dem Urwald von Sumatra wurden über Lautsprecher eingespielt. Der weitgereiste Moderator hatte sie dort aufgenommen: „Daran sehen Sie, wie wir recherchieren“. Es folgten lautmalerisch ähnliche Musikpassagen, die zeigen, wie Schönberg solches auch in seiner Orchestermusik untergebracht hat. Es hätte vielleicht genügt, die Vögel der Prater-Auen in Wien vor dem Sonnenaufgang aufzunehmen und vorzuführen. Die Auen kannte Schönberg wohl eher  als den Urwald Sumatras.

Yogeshwar zitiert die Berliner Zeitung, in dem die Uraufführung vom 23. Februar 1913 im Wiener Großen Musikvereinssaal beschrieben ist. Sie stammt vom damals sehr bekannten Kritiker Richard Specht, was der Moderator verschwieg:

Das jubelnde Rufen, das schon nach dem ersten Teil losbrach, stieg zum Tumult nach dem dritten …und als dann der machtvoll aufbrausende Sonnenaufgangsgruß des Chors vorüber war, … kannte das Jauchzen keine Grenze mehr; mit tränennassen Gesichtern wurde dem Tondichter ein Dank entgegengerufen, der wärmer und eindringlicher klang, als es sonst bei einem „Erfolg“ zu sein pflegt.

Was soll ein historisches Zeitungszitat dem heutigen Publikum vermitteln? Natürlich lachte das Publikum über die ungewohnte pathetische Sprache. Zur Musik, die man in ihrem Wesen einem heutigen Publikum vermitteln will, war der Aussagewert des Zitats wenig hilfreich.

Der Höhepunkt der Musikvermittlung gipfelte in der Wiedergabe des Sonnenaufgangs: Der mit Chor (300 Personen) inbrünstig gestaltete Höhepunkt des Werks. Davor konnten die Zuhörer zusammen mit den Choristen und dem Orchester hingebungsvoll „sich selbst einbringen“ wie GMD Stenz es andeutete.

Ein „jubelnder“ Schluß mit viel Applaus.

Fazit

Es ist keineswegs der falsche Weg, der hier beschritten wird. Es kann gar nicht genug praktische Information für musikalisch interessierte Menschen geben. Die Notwendigkeit, über Musik mehr zu wissen, sollte aber noch mehr in die Vorstellung der Zeitgenossen gerückt werden. Vorher müßte man sich aber mehr darüber Gedanken machen, wie das methodisch zu gestalten ist. Hier schien es gut gemeint, aber in der Vorgehensweise nicht genügend durchdacht.

Dr. Olaf Zenner

Die Teilaufführung der Gurre-Lieder

Nach der Pause dirigierte GMD Markus Stenz aus dem ersten Teil das Vorspiel und die Lieder: Nun dämpft die Dämmerung (1. Teil), Herrgott, weißt du was du tatest (2. Teil) und Des Sommerwindes wilde Jagd (3. Teil), welche die Apotheose am Schluß des Werkes bildet. Es spielte das Gürzenichorchester, unterstützt von verschiedenen Chören (s. oben) Die beiden Sololieder und die Sprechrolle im dritten Teil übernahm der Tenor Gerhard Siegel.

Markus Stenz dirigierte zügig mit feuriger Leidenschaft und mitreißender Gestik. Die enormen Klangballungen der Schluß-Apotheose rissen das Publikum zu Beifallsstürmen von den Sitzen. Dennoch war deutlich zu hören, daß die Detailarbeit am Werk noch nicht abgeschlossen war, verständlich, da die Gesamtaufführung erst am 1. Juni 2014 stattfinden wird. Es fehlte der Wiedergabe noch dieses unwiderstehliche (Ein)Schwingen am Anfang, welches Schönberg so gekonnt mit seiner zwischen 6/4- und 12/8-Takt schwebenden Metrik auskomponiert hat. Das Orchester war nicht ganz zusammen, erst mit dem Einsatz der Trompete in Takt 7 besserte sich das. Teilweise lag dies auch an den sehr zügigen Tempi, welche verhinderten, daß die raschen Figuren im ersten Abschnitt in Des Sommerwindes wilde Jagd von den Musikern klar und deutlich ausgespielt werden konnten. Intonatorische Unsicherheiten (wie z.B. in den Flöten, 3. Teil, Takt 741ff.) bestätigten den Eindruck des noch nicht ganz Fertigen. Die Steigerungen hin zu den Höhepunkten klangen ebenfalls wenig harmonisch ausgearbeitet, besonders deutlich am Schluß. Der Höhepunkt bekam oft einen zu starken Lautstärkenakzent und wurde daher nicht als Erfüllung, sondern Überraschung wahrgenommen.

Nicht vom Komponisten so vorgeschrieben, jedoch musikalisch überzeugend war hingegen das langsame Übergehen der Sprechrolle hin zum Singen kurz vor Eintritt des Schlußchors. Schönbergs expressive Linienführung kam so deutlich besser zum Tragen.

Gerhard Siegels Stimme konnte die Philharmonie bis in die letzte Reihe füllen, nur an einigen Höhepunkten nahm das Orchester im zweiten Teil sein Fortissimo zu wörtlich und deckte den Sänger zu. Leider war Siegels Aussprache sowohl in den gesungenen, wie auch den gesprochenen Partien zu wenig artikuliert.

Die Leistung der Chöre überzeugte hingegen. Auch in der Schluß-Apotheose ließen sie sich nicht zum Schreien hinreißen, sondern behielten ihren runden, satten Klang.

Insofern wartet auf Orchester, Solist und Dirigent noch einiges an Probenarbeit. Es bleibt zu wünschen, daß diese in den kommenden beiden Wochen intensiv vorangetrieben wird, damit am Ende nicht nur die große Gestik des Werks, sondern auch seine filigrane Zeichnung überzeugend vermittelt wird.

Philipp Kronbichler

Bild: Kölner Philharmonie

Das Bild zeigt: Markus Stenz und Ranga Yogeshwar

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Turandot (G. Puccini)
Musikalische Leitung: Axel Kober / Wen-Pin Chien, Inszenierung: Huan-Hsiung Li, Turandot: Linda Watson, Altoum: Bruce Rankin, Timur: Sami Luttinen, Kalaf: Zoran Todorovich, Liù: Brigitta Kele, Ping: Bogdan Baciu, Pang: Florian Simson, Pong: Cornel Frey, Mandarin: Daniel Djambazian, Prinz von Persien: Hubert Walawski, Tänzerin: Yi-An Chen